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Die Stimme · 1932-04-21 · Heft 224 (21.4.1932) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 224 (21.4.1932)
Date
1932-04-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIB STIMMB Nr. 224 — 21. April 1932 sorge dürften für ein bürgerliches Publikum nicht hinreichen, um dessen Bedenken gegen die klar zutage liegende parteimäßige Verwaltung zu zerstreuen. Das Wiener Rathaus ist eben das rote Rathaus und so sehr die Sozialdemokraten die Klassenjustiz bekämpfen, so wenig haben sie Verständnis dafür, daß eine vom Klassengeist diktierte Verwaltung kein geringeres Unrecht bedeutet. Alles, was geschieht, ist vom Parteigeist geleitet und auch die großartigsten Leistungen der Gemeindeverwaltung müssen die Empfindungen jener herabstimmen, die sich wegen ihrer Klassenzugehörigkeit durch die Verwaltung zurückgesetzt fühlen. Seit Jahren ist es das erste Mal, daß jüdische Parteien an der Wahlbewerbung nicht teilnehmen. Der Grund hiefür liegt in der durch den ewigen Parteistreit herbeigeführten Uneinigkeit und Zerrissenheit im jüdischen Lager, der Entmutigung der jüdischen Wählerschaft, die sich den Schikanen des Wahlsystems gegenüber machtlos fühlt, in dem Mangel an Mitteln, den Kampf auf der ganzen Linie aufzunehmen. So hat die jüdische Wählerschaft aufgehört, ein Subjekt des Wahlkampfes zu sein, eine Tatsache, die sich charakteristischerweise dadurch bermerkbar macht, daß das Werben der Sozialdemokraten um die jüdischen Seelen sichtlich schwächer geworden ist. Im Kampfe der Sozialdemokraten gegen die antisemitischen bürgerlichen Parteien — so argumentieren sie anscheinend — bleibt den jüdischen Wählern ohnedies nichts anderes übrig, als sozialdemokratisch zu wählen. Die durch ihre Roheit nicht zu überbietenden Wahlplakate der Nationalsozialisten, deren Anbringung die städtische Plakatunternehmung Wipag besorgt, kommen den Sozialdemokraten zu Hilfe. Sie schaffen in vielen jüdischen Kreisen eine Stimmung der Beunruhigung, die anscheinend der Sozialdemokratie nicht ungelegen ist. So werden die jüdischen Wähler in ihr Lager getrieben, ohne daß sie es notwendig hat, um ihre Stimmen zu werben. Denn wo sollen die Juden Schutz finden, wenn nicht bei ihnen? Der Jude als Zwangswähler der Sozialdemokraten, das ist das Charakteristische des gegenwärtigen Wahlkampfes. Rücksichten auf die jüdische Wählerschaft haben aufgehört. Sie müssen, ob sie wollen oder nicht. Jüdische Gemeinderäte werden nicht mehr kandidiert, die Kandidatenlisten sind fast judenrein geworden. Nur hie und da liest man in ihnen noch den Namen eines alten jüdischen getauften oder nicht getauften Parteigenossen, meistens an aussichtsloser Stelle. Den „Werktätigen Juden», denen; wie bei frühe&n Fällen, die ehrenvolle Aufgabe zuteil wurde, den jüdischen Wählern das Gruseln zu lehren und Schlepperdienste zu leisten, hat man allergnädigst in der Liste für die Bezirksratswahlen in der Leopoldstadt die 22. Stelle zugewiesen. Schüchterne Ansprüche der Poale Zion uin ein bescheidenes Bezirksratsmandat blieben unberücksichtigt. Der Säuberungsprozeß in der Sozialdemokratie, der schon seit Jahren merklich ist, hat bei diesen Wahlen sichtbare Fortschritte gemacht. Es wird nicht lange dauern und die österreichische Sozialdemokratie wird judenrein sein. Judenrein in dem Sinne, daß die jüdischen Genossen zwar mitarbeiten, ihre Beiträge bezahlen, bei den Wahlen schleppen dürfen, aber von Mandaten in der Partei und in den öffentlichen Körperschaften ferngehalten werden. Die Taktik der Sozialdemokraten gegen die Juden wird sich früher oder später einmal rächen. Man kann nicht dauernd jüdische Wähler an sich ziehen, wenn man allen jüdischen Fragen teilnahmslos gegeniibersteht, judenfeindlichen Regungen im eigenen Lager Vorschub leistet und eine Wählerschichte von der Bedeutung wie die jüdische zum Stimmvieh degradiert. Die Losung allein, daß für die Juden Gefahr am Spiele steht, wenn sie nicht mitlaufen, wird und muß einmal ihre Zugkraft verlieren. Der Typus des jüdischen Wählers als Zwangswähler der Sozialdemokraten wird nicht ewig bestehen. Die jüdische Wählerschaft wird der ihr zugedachten Rolle doch einmal mflde werden und bin»' mum Jaffa-Orangen. Grape Fratf Karmef-Weine. Kognak Sehemen-OfiveaM Chetfera-Honig liefert zu biiigen Preisen direkt ins Haus Samuel Halpern Wien, n.. Fttr»fe»ga*se 0 Tal. « 4B-4-12 sich ihrer eigenen Interessen besinnen. Vielleicht ist diese Zeit näher, als die Sozialdemokraten glauben. Die für die bevorstehenden Wahlen von einzelnen Seiten proklamierte Parole der Wahlenthaltung ist ein Memento, das die österreichische Sozialdemokratie zuin Nachdenken anregen sollte. D. n. Hetzerische Rahlplahate Seit einigen Tagen sind die Maueranschläee der Wiener Straßen mit neuen, Äußerst aufreizenden, judenfeindlichen Wahlplakaten der n a t i o n a I sozialistischen Partei überklebt. Eines dieser Wahlaffichen trägt in Riesenlettern den Titel «Juda verrecke!» In Wiener jüdischen Kreisen gibt sich grüßte Empörung gegen die Behörden, die die Plakatierung solcher Aufrufe zulassen, kund. Insbesondere wendet sich die Entrüstung gegen die «Wipag» (Wiener städtische Plakatierungsaktiengesellschaft), die als Unternehmen der sozialistischen Gemeinde Wien solche aufreizenden Pamphlete zur Plakatierung übernimmt. Weizmann außer Lebensgefahr Dr. Chaim Weizmann, seine Gattin Frau Vera Weizmann und Dr. Alexander Gold stein, die, wie berichtet, nach einem am 11. April abends In Durban stattgefundenen Keren Hajessod-Bankett nebst 30 anderen Teilnehmern am Bankett an einer schweren Fleischvergiftung erkrankten, haben sich von den Folgen der Erkrankung noch immer nicht ganz erholt. Erst aus dem am 16. April herausgegebenen offiziellen ärztlichen Bulletin ersah man, daß die Erkrankung schwer war und daß Gefahr für die Erkrankten bestand. Das Bulletin stellt nun fest, daß bei Dr. Chaim Weizmann, Frau Vera Weizmann und Dr. Alexander Goldstein eine Lebensgefahr nicht mehr besteht, daß sich aber die Patienten noch immer sehr angegriffen fühlen. Die Genesung schreitetfort. Man hofft, daß die Erkrankten in einer Woche vollkommen wiederhergestellt sein werden. Aus Anlaß der Anwesenheit Dr. Weizmanns in Südafrika wurde eine das gesamte südafrikanische Judentum umfassende Aktion eingeleitet, um Doktor Weizmanns Namen in das Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds einzutragen. Ein Album mit dem Namen der Spender wird Dr. Weizmann noch vor seiner Heimreise überreicht werden. Revisionistische Irrealitäten; «The Jewisb. Ghrp^Mj* yom .15. Apül bringt1 einen Leitartikel «Revisionist Unrealities»,^ dem wir. folgende Stellen entnehmen: Die Geschichte lehrt uns, daß es ln wichtigen geschichtlichen Perioden immer Aeußerungen des Defaitismus und falsche Auffassungen hysterischer Natur gibt. Bel uns haben die Revisionisten die Rolle der Lärmmacher übernommen. Sie haben alles getan, um das Judentum zu enervieren und seine Seelenstärkung Im wichtigsten Moment zu erschüttern. Glücklicherweise wird die Irrealität ihrer Propaganda immer mehr sichtbar. Sie haben so oft geschrlen: «Der Wolf kommt», daß man künftighin ihrem Geschrei keine Aufmerksamkeit mehr zuwenden wird. Die Unsinnigkeit. ihrer Kampagne gegen die Volkszählung in Palästina, ihre unmotivierte Stellungnahme anläßlich des angeblichen Mufti-Briefes, ihre feuerwerkartigen Manifestationen in den letzten Monaten, «um die Klage des jüdischen Volkes gegen die Mandatarmacht vor das Forum der ganzen Welt zu bringen», beweist, daß die revisionistischen Führer politische Kinder sind. Wenn es noch eines weiteren Beweises für diese Tatsache bedarf, dann genügt es, Jabotinsky selbst zu zitieren. Er scheint jeden Zusammenhang mit der Wirklichkeit verloren zu haben, soweit man das nach seinen Zeitungsartikeln beurteilen kann. Das beweisen seine eigenen Worte: «Abenteuerlicher Geist gegen das Diktat staatsmännischer Kalkulation — das ist heute mein Leitmotiv.» Er hat jede Klugheit in den Wind geschlagen und ist jetzt mit der ebenso peinlichen als nutzlosen Arbeit beschäftigt, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, und überläßt es anderen, darüber nachzudenken, durch welche legitime Mittel die derzeitigen Hindernisse überwunden werden können. Seine ganze Kunst besteht darin, «eine Organisation von Chaluz-Schmugglem zu begründen, die Juden als Konterbande in das Nationalheim bringt». Er ruft: «Hoch Abba Achamair!» Er lobt «dicken hochkultivierten jungen Mann», er nennt ihn «einen tiefen Denker». Das ist der Mann, der in Tel-Awiw die Demonstration gegen Dr. Drumond Shiel führte und wegen seiner Anteilnahme an der Propaganda gegen die Volkszählung verhaftet wurde und «derzeit im Gefängnis sitzt wegen seiner Teilnahme an dein .Abenteuer’, das zu Ehren von Norman Bentwich veranstaltet wurde». Weiter sagt er: «Heute Ist jede Herausforderung der britischen Gesetze ethisch einwandfrei und muß empfohlen werden.» Das ist leere Rhetorik. Sie mag Eindruck bei unausgeglichenen und temperamentvollen Menschen hervorrufen, aber muß zu dem Urteil führen, daß Jabotinsky unfähig ist, die Faktoren der gegenwärtigen Situation zu begreifen. Jabotinsky hat auf der revisionistischen Konferenz in Paris angekündigt, daß er der Mandatarmacht ein Ultimatum stellen werde. Wenn er das wirklich tun sollte, dann wird der Bankrott seiner Ideen endgültig offenbar werden. (talüs/inn Denkmal für Lord Melchett In T eI M o n d, der von dem verstorbenen Lord M eich e 11 (Sir Alfred Mond) gegründeten Plantagen-Kolonie der Paiestine Plantahon Ltd., wurde am 8. April in feierlicher Zeremonie im Beisein des jungen Lord Melchett, jetzigen Präsidenten der Patestine Plantation Ltd., und der Lady Melchett der Grundstein zu einem Dimkmal des verstorbenen Lord Melchett gelegt. Auf die Zeremonie folgte ein Lunch, bei dem der junge Lord Melchett eine Ansprache hielt und feierlich erklärte: Ich werde meines Vaters Werk fortführen und meine Hingabe an die Palästina-Idee durch Taten beweisen. Es folgten Ansprachen vom palästinensischen Arbeiterführer J. Ben Zwi und von Rabbi Uziel. 25 arabische Scheichs aus der Nachbarschaft kamen nach Tel Mond, um Lord und Lady Melchett zu begrüßen. Die Scheichs erklärten, sie hätten immer mit ihren jüdischen Nachbarn in Frieden gelebt. Restaurierung der Jerusalemer Zitadelle Auf Anordnung des High Commissloners General Sir Arthur Wauchope hat sich unter dem Vorsitz des Jerusalemer Distrilcskommissnrs Kciili-Roach ein Komitee gebildet, das sich die Restaurierung der Zitadelle, eines der ältesten Jerusalemer Bau-Denkmäler, zum Ziele gesetzt hat. Es wurde ein Aufruf an die Oeffcntlichkeit erlassen, zu dem Restaurierungs-Fonds, der 4500 Pfund betragen wird, beizusteuern. Dr. Arlosoroff schwer erkrankt Dr. Arlosoroff, Mitglied der zionistischen Exekutive, ist schwer erkrankt und wird sich einer Leberoperation unterziehen müssen. An seiner Stelle wird Doktor Hexter, das amerikanische Mitglied der Agency-Exekutive, die Führung der politischen Arbeit in Palästina übernehmen. Philip Wattenberg ln Palästina gestorben Am 15. April, morgens, verstarb in Jerusalem nach einem schweren Asthma-Anfall der als Torist hier zu Besuch weilende führende amerikanische Zionist Philip Wattenberg, früheres Mitglied der Exekutive der Zionistischen Organisation Amerikas und des American Jewish Congreß. Vor einer Woche traf Wattenberg an Bord der «Acquitania* mit mehreren anderen amerikam>chen Touristen in Palästina ein, um die Levante-Messe zu besuchen und das Pessach-Fest imr Heiligen Lande zu verbringen. Vor seinem Tot sprach Wattenberg immer nur von Palästina und seinem Aufschwung, seine letzten Worte waren: «Ich hin glücklich, in Palästina zu sterben.» Die Beisetzung fand am 15. April, seinem Sterbetage, um 2 Uhr nachmittags unter sehr starker Teilnahme von Jerusalemer Einwohnern und Touristen statt. Wattenberg hat während seines Besuches in Palästina im Jahre 1925 100.000 Dollar zuir Errichtung eines Gebäudes für das Institut für Physik und Mathematik an der Hebräischen Universität zu Jerusalem, das den Namen Einstein- Balfour-Institut führt, gespendet. SteutstMand Antisemitismus in der Justiz Kurt Großmann, der geschäftsführende Sekretär der Deutschen Liga für Menschenrechte, läßt im Voco-Verlag G. m. b. H. (Berlin W 30) ein kleines Buch erscheinen, das den Titel trägt: 13 Jahre «Republikanische» Justiz. In Ihm sind auch Fälle von Antisemitismus in der Justiz behandelt. Gleich voran wird der Fall angeführt, ln dem das Reichsericht ein auf drei Monate Gefängnis lautendes Urtc;l des rstrichters gegen den Steuerinspektor K, der in einer Versammlung gesungen und gesprochen hatte: «Wir brauchen keine Judenrepublik. Pfui Judenrepubäk!» aufgehoben hatte, weil nach Ansicht des Reichsgerichts mit der Beschimpfung gemeint sein konnte, «die neue Rechts- und Wirtschaftsordnung in Deutschland, die unter hervorragender Beteil gung deutscher und ausländischer Juden aufgerichtet wurde. Gemeint kann auch sein, die übermäßige Macht und der übermäßige Einfluß, den die in Verbindung zur Gesamtbevölkerung kleine Anzahl der Juden nach Ansicht weiter Volksweise in Deutschland tatsächlich ausübt.» (toten Jüdische Gemeinde in Gdinia Die jüdische Bevölkerung in der neuen polnischen Hafenstadt Gdinia bei Danzig, durch die in Zukunft die Emigration aus Polen, Rumänien und der Tschechoslowakei gehen soll, ist heute so sehr angewachsen, daß man bereits Schritte zur Gründung einer jüdischen Gemeinde unternommen hat. Plätze für eine Synagoge und einen jüdischen Friedhof wurden bereits angekauft. Oeffentlichkejtsrecht für hebräische Gymnasien Die polnische Regierung hat zwei hebräischen Gymnasien der Kultusgesellschalt Tarbuth Oeffentlichkeitsrecht erteilt. Tarbuth verfügt über 10 Gymnasien, 4 Lehrer-Seminare, 181 Volksschulen und 85 Kindergärten mit insgesamt 35.000 Schülern und mehr als 1000 Lehrern; ihr Wirkungsradius ist also ungefähr der gleiche wie der des hebräischen Schulwesens in Palästina. Jugoslawien Der erste weibliche Richter Jugoslawiens eine Jüdin Die Advokatin Erna P i n z i, die Gattin des bekannten Zionisten Pinzi in Sarajevo, wurde zur Richterin ernannt. Sie ist die erste Frau in Jugoslawien, die ein Richteramt bekleidet. Juden! SoendeMHiiPessach beim Thotaaufruf für den Keren Kaiemeth!

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