Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 221 (1.4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nf. 221 — 1. April 1932 DIE STIMME Seite 7 jfvl^doi Marne Irl Nachdruck auch in Auszügen verboten« Der große Wahnsinn Autorisierte (Jebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf 27 Ich beeilte mich, ein Ende *u machen. Dreizehn Kugeln zerschmetterten seinen Kopf. Einen Augenblick stand er noch und dann fiel er der Länge nach hin. Ich mußte mich übergeben. Ein Soldat gab mir ein wenig Kognak aus seinem Tornister. Wortlos kehrten wir zurUck. Einer nur sagte, wie tu sich selber: «Nicht einmal bekreuzigt hat er sichl» Das war der lange und naive Tiroler. Er sprach nicht ungarisch und hat daher das Geständnis des Unglücklichen nicht verstanden, daß dieser ein getaufter Jude war. Als ich im Schützengraben anlangte, fühlte ich ein gewisses Dankbarkeitsgefühl Herrn Fieger gegenüber, weil er mich beauftragt hatte, diese schreckliche Exekution zu vollziehen: nach diesem höllischen Erlebnis wird mir die Bewachung des Hügels wie ein Paradies erscheinen. Schwer ist es zu sterben. Aber tausendmal schwerer, jemanden wissentlich zu töten. XIX. Kapitel. Im Namen der Jungfrau Maria Die letzte Bitte des Gefreiten Madi wurde bald allgemein bekannt und erregte große Verwunderung. «Das ist ein Kerl!» schwärmten von ihm alle Offiziere. Und mich fragten sie: «Erzähle genau: wie war es?» Ich habe ihnen alles erzählt: Wie er mich bat, ihn vor dem Tode nicht zu degradieren und ihn als Gefreiten sterben zu lassen. Das hat ihnen aber nicht genügt. Sie wollten Einzelheiten hören. Ich sollte ihnen den Ton seiner Stimme wiedergeben. Ob er flehentlich gebeten oder dies energisch verlangt hat. Und sie vergasen, daß er ein Verräter und ein Feigling war . . . Besonders gerührt war Herr Fieger. Die ganze Zeit schaute er seine manikürten Fingernägel an und murmelte: «Das war ein Soldat!» Aber diese Bewunderung war nicht von langer Dauer. Denn bald wußte jeder, daß der Gefreite ein getaufter Jude war. Dies paßte den Herren nicht in den Kram. Ist es denn möglich, daß ein Jude so ein Soldat ist? Und einen Juden ohne Degradierung sterben lassen! Gräßlichl Dies konnte Herr Fieger nicht verschmerzen. Noch etwas: Madi hat sie also immer belogen. Alle waren überzeugt, daß er ein geborener Christ sei. Er hat sich wenigstens immer dafür ausgegeben. Es war gar kein Verdacht vorhanden, daß er kein Christ sein könnte. Er war einer der Frömmsten bei uns und betete immer laut sein Vaterunser. Und wenn irgendeine Gefahr drohte, war er der einzige im Bataillon, der immerfort murmelte: «lm Namen der Jungfrau Maria, im Namen der Jungfrau Maria ...» Dann pflegte er niederzuknien, die Hände zu erheben und zu beten: «Gebenedeit seist du unter den Weibern und gebenedeit die Frucht deines Leibes Jesus!» Und so wurde der Satz «Im Namen der Jungfrau Maria» ein geflügeltes Wort in unserem Lager. Wenn uns irgend ein Unheil drohte, rief man immer: «Im Namen der Jungfrau Maria.» Und so oft wurde dieser heilige Satz wiederholt, bis er langsam auch den Flüchen beigefügt wurde. Und niemand fand etwas dabei. Niemand empfand die Blasphemie. Nur einen gab es, der sich keinesfalls damit einverstanden erklären konnte: Das war der Onkel Oesterreicher. Er, der Jude, litt darunter. Der Onkel Oesterreicher war fromm wie Madi. Madi betete das Vaterunser und Oesterreicher seine hebräischen Gebete. Und in dem Kommando wußte man von diesen beiden Frommen. Man war mit ihnen zufrieden und man ehrte sie. Und besonders zufrieden waren die Offiziere. Sie waren froh, daß es auch einen Christen gab, der nicht nur fluchte und schimpfte, sondern auch betete. Und dann wurde plötzlich bekannt, daß dieser Christ ein Jude warl Ich erinnerte mich an die Bemerkung des langen Tirolers und ich erzählte es Herrn Fieger: «Er hat sich vor seinem Tode nicht bekreuzigt.» Herr Fieger riß die Augen auf, als ob er jetzt das ganze Geheimnis ergründet hätte: «Das ist doch selbstverständlich, daß er sich nicht bekreuzigt hat. Vor dem Tode wagte er eben nicht zu lügen.» Und dann fügte er noch hinzu: «Weißt du? Seine letzte Bitte war eher ein Ausfluß der Feigheit als der des Heldentums. Das ist doch klar. Mir war es absolut nicht klar. Ja, die Angelegenheit lag dem Herrn Fieger schwer am Herzen. «Im Namen der Jungfrau Maria.» Dieses geflügelte Wort hat doch der Madi erfunden. Und dieses Wort brachte den Geist des Christentums ins Lager, den man dort vorher gar nicht spürte . . . Dieses geflügelte Wort aber diente in der letzten Zeit als heiliges Mäntelchen für den Judenhaß. F.s gab allerdings einen, der anderer Meinung war; der den Grund der Verbreitung dieses Ausspruches nicht im Antisemitismus suchte. Er hatte eine andere sonderbare und zynische Erklärung. Allerdings entbehrte sie nicht gewisser Richtigkeit. Seiner Meinung nach wa** der Grund — erotischer Natur. Dieser Mann war Leii.i’ant Adolf Meising, ein Wicne Rsy. Inpathologe aus der Schule Profess-nr Freuds. Und er hatte für dieses Phänomen nc klassisch einfache Erklärung: Gesunde Kerle leben monate- und jahrelang in Frau. Ihre sexuelle libido sucht v.vsinedene Ven^'e, Das eine ist der saftige Fluch, der doch immer ein besonderes GofalIen an erotischen, ja sogar poru h graphischen Ausdrücken findet. Aber auch das Gebet dient diesem erotischen Gefühl. Das Gebet kämpft mit der Libido und es gelingt ihm in sehr vielen Fällen, sie niederzuringen. Und kann es denn ein noch bessere* Ventil geben als ein Gebet, das an und für sich schon erotisch ist? Und das ist doch das Gebet an Maria, «Und wenn ihr euch mal überzeugen wollt,» setzte Meising fort, «dann horcht nur dem riesigen Kroaten, dem Franz Risitsch, zu, mit welcher Begeisterung und Hingabe er zu Maria betet! Für ihn ist dies kurze Gebet eine Erlösung!» Aber ob so oder so: Das kurze Gebet eroberte das ganze Lager. Und die Offiziere bedienten sich seiner als eines Symbols, als eines Hymnus des Judenhasses. Bis zur vollkommenen Vertrottelung. Bis zur hjrnrissigen Theorie, daß es keinen Heldenmut geben kann ohne dies Gebet. Und daß es keinen Sieg geben kann ohne Bekreuzigung und ohne den Ausruf «Im Namen der Jungfrau Maria». Da war es doch ganz selbstverständlich, daß ein Jude kein Held sein könne. «Ganz selbstversätndlich . . .» (Fortsetzung folgt.) den gebotenen Leistungen das JUdische Element und den charakteristischen Stil herauszuarbeiten. Die von ihnen geführten Chöre schlugen auch beim Publikum ganz besonders ein und wurden überaus lebhaft akklamiert. Was wir bisher ln öffentlichen Veranstaltungen der Kantoren gehört haben, mußte schon aus dem Grunde einseitig bleiben, weil nur Männerstimmen dabei verwendet wurden, anderseits wieder hat der Wiener Jüdische Gesangverein, soweit mir bekannt ist, sich vorzugsweise mit weltlicher Musik befaßt und das traditionell Jüdische äußerst karg und nebensächlich behandelt Von den gebrachten Piecen hatten eine außerordentliche Wirkung die Chöre „El Erech Apajlm" von Boruch Schorr und „Uwaschofor Godol“ von Leo Low. Der letztere Chor, der auf alttraditioneller melodlscner Basis ln moderner, ausgezeichneter Form und Harmonisierung herausgebracht wurde, beweist das musikalische Kunstverständnis des Chorleiters H. Schorr. Die Komposition selbst Ist wohl eine der schönsten Arbeiten des bekannten, verdienstvollen jüdischen Tonmeisters Leo Low und erfüllt im höchsten Maße alle, selbst die rigorosesten Anforderungen, die an eine Tempelkompositlon gestellt werden können. Mit besonderem Nachdruck empfehle ich deshalb diesen herrlichen Chor allen Kultusgemclndcn und Tempelverelnen zur Aufführung. Mit ganz besonderem Lob verdient der Budapester Oberkantor M. Abrahamsohn genannt zu werden, der mit seiner selten schönen Baß-Baritonstimme und höchstem Kunstverständnis bei tiefster Empfindung altjüdische Gesänge zu Gehör brachte und damit nicht nur das Laienpublikum, sondern auch die Kenner und Fachleute entzückte. Einen nachhaltigen Separatapplaus holte sich der junge, vielseitige Künstler Kurt Fuchsgelb mit seinen Vlollnvorträgen („Kol-Nidre“ von M. Bruch und „Chassidische Tänze“ von Achron). Der junge Künstler wird steuerlich eine Stütze der jüdischen MuBlk in Wien und speziell ein Förderer der Tempelmusik werden. Erwähnung verdient auch Fräulein Gretl Koller für die mit Wärme und Verständnis vorgetragenen jüdischen Klavierkompositionen von I. Engel. Es erübrigt sich wohl, die Leistungen der Wiener Oberkantoren Länderer, Margolles, Müller und des jungen Baritonistcn P o 11 a k, die ja hier allgemein bekannt sind, rühmend hervorzuheben. Artur Wolf. JFlotixen Jüdisohe KUnstlerspiele (Theater Reklame), II., Praterstraße 34, Tel. R 40-0-94. Gastspiel Ben Zwi-Dr. Paul Baratoff. „Der Vater“ von August Strlndberg verbleibt noch Wenige Tage auf dem Spielplan und finden de zeit die Proben des demnächst zur Aufführung gelangenden Schauspiels von Kobrin „Zum Volk zurUck“, ln welchem Dr. Paul Baratoff-Ben Zwi die Hauptrolle spielt, unter Mitwirkung des gesamten Ensembles statt. Telephonische Kartenreservierung R 40-0-94. Tanzabend Gertrud Kraus. Der einzige diesjährige Tanzabend der bekannten Künstlerin findet am Donnerstag, 31. März, im Großen Urania-Saal um 19.30 statt Zur Darbietung gelangt ein durchaus neues Programm. Lieder- und Arienabend des palästinensischen Opernsängers H. S. Urnstein (Bariton). Samstag, 10. April, 19.30 Uhr, singt der palästinensische Sänger H. S. Urnstein lm Musikvereinssaal hebräische, deutsche, englische und italienische Lieder und Arien. Mitwirkend: Frau Dr. G. Rosenfeld (Sopran). Am Klavier: Prof. Erich Meller. H. S. Urnsteln erfreut sich hier einer großen Popularität und die Anhänger seiner Kunst erwarten mit Spannung den künstlerischen Abend. Kartenvorverkauf im Sekretariat der Zion. Bezirkssektion II., Praterstraße 13; Hotel Baron, II., Große Schiffgasse 19. Wegen großen Erfolges gibt das jüdische Kabarett „Kaftan“ noch zwei Nachtvorstellungen in der „Komödie“, und zwar Samstag, 2. April, und Sonntag, 3. April. Beginn 22.80 Uhr. Volkstümliche Preise (von 2 bis 8 S). Das Programm umfaßt unter anderem Volkslieder, chassldische Gesänge, Bilder aus dem jüdischen Leben usw. Die Jüdisohe Bühne in ihrem alten Heim, II., Taborstraße 12. Das Ensemble der Jüdischen Bühne kehrt nach einem mehrmonatigen Gastspiel Im Theatersaal Astor, II., Praterstraße 60, ln ihr altes Helm, II., Taborstraße 12, zurück. Ab Samstag, den 2. April, wird der Betrieb im neurenovierten Stephanie-Saal wieder aufgenommen. Die für den 3. und 9. April im Astor-Saal festgesetzten Vereinsvorstellungen finden nunmehr ln der Taborstraße 12 statt. Der Splelplan lautet: Samstag, 2. April: „König der Geiger“ mit Leopold Jungwirth ln der Hauptrolle. Sonntag, 3. April, halb 4 Uhr nachm.: „Der ewige Jude“, Kindervorstellung mit Beschenkung; halb 9 Uhr abends: „Der Straßensänger“. Vereinsvorstellungen werden an Vereine zu äußerst günstigen Bedingungen vergeben. Zuschriften an Herrn A. Braclawskl, II., Pazmanitengasse 14. Der Verein zur Förderung jüdischer Musik bittet nochmals diejenigen Vereine und Organisationen, welche Delegierte zu der bevorstehenden Konferenz betreffend die Verbreitung jüdischer Musik entsenden können, zur Kenntnis zu nehmen, daß diese Konferenz am Samstag, um halb 8 Uhr abends lm Saale der B'nal Brlth, Wien, IX., Universitätsstraße 4, stattfindet. Um rege Beteiligung wird gebeten. Die Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt und die Zionistische Frauengruppe Leopoldstadt drücken ihrem Vorstandsmitgliede Frau Helene Zwerling aus Anlaß des Ablebens ihrer Mutter ihr tiefstes Beileid aus. „Bar-Mizwah“ von S. Altschuler und I. Herzberg. Ein Unterrichtsbuch für das Tefilinlegen mit allen Vorschriften und Berachoth, Ansprachen und Deklamationen für den Bar- Mizwah. Durch die vielen Illustrationen erlernt der Knab« das Tefilinlegen. Dieses Buch dient auch als passendes Geschenk und angenehme Erinnerung für den Bar-Mizwah. — Gutachten: „Ihr Büchlein „Bar-Mizwah“ finde ich für dl« heutige Jugend für gut und nützlich. Josef Babad.“ — „Ich freue mich, daß Sie auf den Gedanken gekommen sind, dieses „Bar-Mizwah“-Büchlein zu verfassen. Es wird ohne Zweiter Ankiäng finden und hoffentlich auch sehr viel benützt werden. Dr. David Feuchtwang.“ — „Es war ein glücklicher Gedanke seitens der Autoren, eine Schrift zu schaffen, durch welche ermöglicht wird, dem angehenden Bar-Mizwah ein gewisses Maß von hebräischem Wissen beizubringen und überdies ihn durch kurze, aber zweckentsprechende Ansprachen für den feierlichen Augenblick vorzubereiten. Möge es den pädagogisch bewährten Autoren recht bald vergönnt sein, ln einer zweiten Auflage den Gegenstand in manchen Details noch fruchtbarer auszugestalten. Reg.-Rat Dr. B. Wachstein, Direktor der Bibliothek der isr. Kultusgemeinde in Wien.“ — Ueberall erhältlich und bei Isak Herzberg, Wien, II., Karmelitergasse 6/9. — Das Buch wurde herausgegeben über Veranlassung und mit Hilfe unseres Gg. Direktor Gerson Wlttlin. 5FiYm Vom Einbruch zum Tanztee in Florida. Zwei Welten umfaßt das Tonfiimdrama „Sensation in Florida“ (Di« Flucht vor dem Kerker), das am 1. April in Wien zur Uraufführung gelangt, die Weit verzweifelter Menschen, die auf die Bahn des Verbrechens gelangen, und die Welt der „oberen Vierhundert“, die sich bei Tanzmusik ln Florida vergnügt. Die Hauptrollen in diesem spannenden Paramount-Tonftlm spielen Nancy Car roll und Phillips Holmes. „Der Sieger“ mit Hans Albers und Käthe v. Nagy. Ira Gartenbau-, Ufa-Ton-, Stafa- und Kolosseum-Kino läuft jetzt der große Hans Albers- Film der Ufa „Der S1 eg e r“. Der Film wurde mit ganz großem Aufwand unter der Produktionsleitung Erich P o m mors inszeniert. Die Partnerin Albers’ ist Käthe v. Nag y. Weiters wirken miti Frieda Richard, Adele Sandrock, Ida Wüst, Julius Falkenstein, Hans Brausewetter, die berühmten Comedian Harmonists u. v. a. Das Buch stammt von dem bekannten Dichter Leonhard Frank und Robert Liebmann. Die Müsik komponierte Werner Richard Hey m a n n. Regie führten Hans I-Iinrich und Paul Martin. Presse-Empfang der „Ufa“. Anläßlich der Anwesenheit des Theater- und Filmschauspielers Hans Albers ln Wien veranstaltete die „Ufa“-Film-Produktion am Samstag, den 26. März, vormittags, im Grand-Hotel einen Presse-Empfang. Der Künstler erzählte interessante Einzelheiten aus seinem Leben und schilderte seinen Werdegang zum Film. Nachmittags sprach Albers im Radio und abends wohnte er der Premiere seines neuesten Films „Der Sieger“ beb selb