Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1932-04-01 · Heft 221 (1.4.1932) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 221 (1.4.1932)
Date
1932-04-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3053963-3053976--2874-3058326
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

fff. 231 - 1. April 1032 DTE STIMME Sette $ Adillada Purim in Ercz Israel. Von Eduard Oanon. in Palästina erwacht so manches religiöse Fest zu neuem Leben, das in der Galuth in Vergessenheit gerät. Das gm insbesondere von Lag-be-omer, vom 15. Schewat und von Purim. Die Pilgerfahrt nach Merom, wo Bar Jochai begraben liegt, ist im palästinensischen Kalender rot vermerkt. Am 15. Scnewat ziehen die Kinder angend in die Felder hinaus und pflanzen Bäumchen. Aber Purim — das ist ein Fest von besonderer Ari. Jerusalem feiert Purim einen Tag später, als er sonst gefeiert wird. Der Grund hiefür wird im folgenden klar werden. Purim in Tel-Aviv, wer das nicht mitgemacht hat, der weiß nicht, was Freude heißt. Schon viele Tage vor Purim ist die Stadt übersät mit Plakaten, die ankündigen, daß «Ha-Ohel», das Theaterstudio der Arbeiterorganisation, einen Galaabend geben wird. Andere Plakate kündigen Agadati mit neuem Programm an, andere wieder den Menorah-Ball. Aber Ha- Ohel, Agadati und Menorah-Ball verblassen gegenüber dem großen Karneval von Tel-Aviv. Allerdings, es wird diesmal und auch in Zukunft in Tel-Aviv keinen Karneval mehr geben. Der Karneval ist tot, es lebe Adiliada! Was bedeutet Adiliada? Man hatte das Gefühl, daß das Wort Karneval kein richtiger Ausdruck für «Purim in Tel'Aviv» sei. So fragte man gelehrte Männer, ob es denn keinen hebräischen Ausdruck für Karneval gebe. Zweihundert Antworten liefen ein, und man entschloß sich für AdiUada. Es heißt doch: «Jedermann sei so fröhlich zu Purim, daß er nicht mehr wisse (ad-dilo-jeda) den Unterschied zwischen dem gesegneten Mordechai und dem verfluchten Haman.» Sag das Wort nach: Addilojeda! Sprich es rasch aus — und du hast Adiliada. Wenn in der Galuth die Juden Purim feiern, dann ist immer Proteststimmung vorhanden, Protest gegen irgendein Unrecht, das man Juden tut. In Palästina dominiert die Freude. In Tel-Aviv wohnen nur 45.000 Menschen, in den Straßen aber wimmelt es von 60.000 Menschen. Braungebrannte Arbeiter aus den Orangenpfantagen, Chaluzim aus dem Emek, Beamte aus Jerusalem. F.isenbahnarbeiter, Warum verlangen alle weil scmimi in Geschmack und Qualität unübertroffen sind I mumm werden unter streng orthodoxer Aufsicht des mn d«d omnn rnn ihm hergestellt Jemeniten atts Rechoboth, fromme Talmudisten aus Saffed und Tiberias, reiche Plantagenbesitzer und arme Schneider, alle finden sich in Tel-Aviv zusammen. Nicht nur in den Straßen ist es schwarz von Menschen, alle Fenster, alle Dächer sind besetzt. Araber aus Jaffa und aus den benachbarten Dörfern in weißem Turban und rotem Tarbusch sind gekommen, um sich die «Jüdische Fantasia» anzusehen. In jedem Jahr bringt der Karneval neue Ueoerraschungen. Einmal gibt es schön geschmückte Kamele, auf denen Jemeniten reiten, und Esther, die Königin, sitzt in einer prächtigen Senfte, oder man sieht einen Wagen, der die Arbeit des Keren Kajemeth symbolisiert. Musikkapellen spielen, alles singt, Fremde begrüßen sich, Koriandoli flattern von den Baikonen. Die Straßen, durch die sich aer Festzug bewegt, sind reich geschmückt, an einer Straßenkreuzung Die Mazzoth werden aus feinstem Mehl erzeugt! Seit vielen Jahren genießen die „Schmidl- Mazzoth“ das beste Renommee und werden von allen bevorzugt Auf die Extraqualität meiner Fabrikate „Marke Schmidt N. B.“ auf Mazzoth, Gries und Farvel wird besonders aufmerksam gemacht zentrale: n. brbdetskv 2., Leopoldsgasse 43 und in allen besseren einschlägigen Geschäften erhältlich Telephon-Nummern A-46-1-90, A-60-2-63 und A-41-9-52 erhebt sich ein Triumphbogen. Die Synagogen sind überfüllt. Jeder will die Megillah hören. Immer wenn Hamans Name erwähnt wird, schlägt man auf die Bänke und tausende Füße trampeln. In der Nacht schwillt die Fröhlichkeit mächtig an. Musik überall, für dieses Fest komponiert. Wundervolle Kostüme überall. Bis in den Morgen hinein tanzt die Jugend, und die Alten schauen zu und sagen: «In unserer Jugend konniten wir nicht so fröhlich sein.» Ich sagte es schon, ln Tei-Aviv findest du Purim am besten repräsentiert. Das bedeutet aber nicht, daß Jerusalem nicht seinen Purim feiert. Zu Schuschan Purim da ist auch Jerusalem fröhlich. Durch die ehrwürdigen Straßen der heiligen Stadt ziehen Masken, Scheiks und Beduinen, junge Mädchen als Rabbiner verkleidet, und alte Frauen, die es sich in den Kopf gesetzt haben, Vaschti oder gar Esther darzustellen. In Jerusalem gibt es viele persische Juden. Purim, da* ist ihr Fest. Sind sie nicht die Nachkommen Mordochais? Bei ihnen herrscht rauschende Fröhlichkeit in der Nacht von Schuschan Purim. Du kannst dir keine Vorstellung davon machen, was das heißt: Purim in Erez Israel. Du mußt das selbst sehen, dabei mittun und du wirst glücklich und frohen Herzens sein wie nie zuvor. Ein Fünfjahresplan für den Kampf gegen die Religion Moskau, 25. März. (J. T. A.) Das Urgan der jüdischen Gottlosen «Apikojres» führt aus, mit Beginn des zweiten Fünfjahresplanes der Sowjetunion beginne für die Gottlosen ein Fünfjahresplan der Bekämpfung der Religion. Bei Dickleibigkeit regt der kurmäßige Gebrauch des natürlichen «Franz-Josef»-Bitterwassers die Darmtätigkeit kräftig an und macht den Körper schlank. In allen Apotheken und Drogerien erhältlich. iWDn nmwn i&Dn Jtobbi Tw* 1/ ' Jjk ihr mit dieser Visuelle versehene naschenelne geben volle Gewähr für den direkten Bezug von Karmel Original aus den bestrenommierten WEINKELLEREIEN von S. FRIEDMANN & SÖHNE, Petach-Tikwah, Alleinvertrieb im großen durch N. SPINDEL, I. Laurenzerberg 3, Tel. R-29-7-34 Goethe und die Juden ■f WarGoetheein Judenfeind? von Dr. Berthold Fracht. (Fortsetzung.) Darum darf Goethes Widerwille gegen die Judenemanzipation nicht im Sinne derer ausgelegt werden, die, wie Bernard Shaw sagt, «der idiotischen Ideologie des Antisemitismus anhängen» und auch Goethe zu einem Judenfeind stempeln möchten. Worte offenbaren, verraten Gedanken und Gesinnungen. Oder — wie paradox! — verschweigen und verheimlichen sie. Schlagendere Beweiskraft für die Gesinnung eines Menschen als seinen Worten wohnt seinen Taten innc. Goethe hat nun durch die Tat, «die überall entscheidend Ist», wie er sagt, durch sein persönliches Verhalten zu den Juden bewiesen, daß die den Juden unfreundlichen Aussprüche seinem wahren Wesen durchaus widersprechen. Der Dichter sucht gern Umgang mit den Juden. Schon als Jüngling. Davon erzählt er in «Dichtung und Wahrheit»: «Aeußerst neugierig war ich daher, ihre Zeremonien kennen zu lernen. Ich ließ nicht ab, bis ich ihre Schule Öfters besucht, einer Beschneidung, einer Hochzeit belgewohnt und von dem Laubhüttenfeste mir ein Bild gemacht hatte. Ueberall war ich wohl aufgenommen, gut bewirtet lind zur Wiederkehr eingeladen, denn es waren Personen von Einfluß, die mich entweder hineinführten oder empfahlen. Besonders hatten es dem Jüngling, wie später dem Manne die Jüdinnen angetan. Dem hübschen Judenmädchen Jutta Schaper*) zuliebe ging er auf dem Judenkorso am Fischerfelde spazieren — da die Juden *) Jutta heiratete in der Folge den Frankfurter Geldwechsler Meyer Anselm Rothschild, den Begründer des berühmten Bankhauses, und wurde so die Ahntrau diesem weittokmutm OetcMecht*. die eigentlichen Promenaden der Stadt nicht betreten durften. Während eines Brandes in der Frankfurter Judengasse eilte der junge Goethe zur Hilfeleistung herbei, legte bei den Löscharbeiten selbst Hand an, rief andere an sich heran und bewahrte durch sein mannhaftes Eintreten flüchtende Juden, Opfer der Feuersbrunst, vor dem Mutwillen roher Gesellen. «Als der Mutwille», so erzählt der Dichter in «Dichtung und Wahrheit», «sich schon hervortat und der Schadenfreude Raum gab, ärmliche Flüchtende, ihr jammervolles Habe auf dem Rücken schleppend, mußten, einmal in die bequeme Gasse geraten, unausweislich hindurch und blieben nicht unangefochten. Mutwillige Knaben und Jünglinge spritzten sie an und fügten ihre Verachtung und Unart noch dem Elend hinzu. Gleich aber, durch mäßiges Zureden und rednerische Strafworte ward der Frevel eingestellt.» Der junge Goethe eignete sich das Judendeutsch in Wort und Schrift an. Er sprach und verstand es und schrieb in demselben Briefe. Ja, er verfaßte in dieser Sprache, in der der Stadtsergeant Christfreund, ein getaufter Jude, sein Lehrer war, seine «Judenpredigt». Auch Hebräisch lernte der wißbegierige Jüngling und gewann darin eine solche Fertigkeit, daß er «Salomons, Königs von Israel und Juda güldene Worte von der Zeder bis zum Zoap» und das «Hohelied, das er die herrlichste Sammlung Liebeslieder, die Gott geschaffen hat» und «als das zarteste und unnachahmlichste» bezeichnet, «was uns von Ausdruck leidenschaftlicher, anmutiger Liebe zugekommen ist», übersetzen konnte. Die Bibel spielt überhaupt in Goethes Leben und Wirken eine hervorragende Rolle. Schon den Jüngling hat sie zu seinem ersten dichterischen Versuch, einem Epos, das Joseph zum Vorwurf nimmt, begeistert. Die Bibel ist ihm «das Buch der Bücher, so voller Gehalt, daß sie mehr als jedes andere Buch Stoff zum Nachdenken und Gelegenheit zu Betrachtungen über die menschlichen Dinge darbietet.» Und er bekennt freimütig, daß er fast ihr allein seine sittliche Bildung schuldig ist. In den Büchern Mosis suchte und fand er den Seelenfrieden. Der Dichter sagt in «Dichtung und Wahrheit»: «Wenn eine stets geschäftige Einbildungskraft mich bald da, bald dorthin führte, wenn das Gemisch von Fabel und Geschichte, Mythologie und Religion mich zu verwirren drohte, so flüchtete ich gern nach jenen morgenländischen Gegenden, ich versenkte mich in die ersten Bücher Mosis und fand mich dort unter den ausgebreiteten Hirtenstämmen zugleich in der größten Einsamkeit und in der größten Gesellschaft.» Er schrieb mehrere biblische Aufsätze. So eine «Betrachtung der biblischen Anfänge», einen «Abriß der Geschichte der Erzväter», und «Israel in der Wüste». Das Buch Hiob war dem Faustdichter Vorbild für den Prolog im Himmel, der die gewaltigste Schöpfung des Goetheschen Genius einleitet. Die intensive Beschäftigung mit der Bibel hat des Dichters Sprache wohltuend beeinflußt und ihr ein eigenes Gepräge aufgedrückt. Goethes Sprache strahlt im Glanze biblischen Kolorits und zeichnet sich durch einen Schwung aus, der an die erhabene Sprache der Psalmisten und Propheten erinnert. Wie vieles verdankte Goethe dem jüdischen Philosophen Spinoza. «Dieser Geist», so heißt es in «Dichtung und Wahrheit», «... wirkte so entschieden auf mich und ... sollte auf meine ganze Denkweise so großen Einfluß haben ... Die alles ausgleichende Ruh« Spinozas kontrastierte mit meinem alles aufregenden Streben; seine mathematische Methode war das Beispiel meines poetischen Seins und Darstellungsweise. Und eben jene geregelte Behandlungsart . . . machte mich zu seinem leidenschaftlichen Schüler, zu seinem entschiedensten Verehrer... Ich rettete mich zu meinem alten Asyl und fand ln Spinozas Ethik auf mehrere Wochen meine täglich« Unterhaltung.» Unter dem Eindruck von Lessing« Judendramß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.