Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 220 (24.3.1932)
- Date
- 1932-03-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Olt STIMME Nr. 220 — 24. Mär2 1932 KINDER- PlIRINFEIER veranstaltet von der Frauengruppe ciei ^un. Bez.-Sektion Leopoldstadt, Sonntag, 27. März 1932, 3 Uhr nachm., Bayrischer Hof, 2., Taborstraße 39 Große Kundgebung des Ünglo-Pa- 1 esiine Club und des parlamentarischen Pro Palesiine Commiiiee in London Das Dinner, das der Anglo-Palestine Club in London zu Ehren von Colonel John Buchan und der anderen Mitglieder des parlamentarischen Pro Palestine Committee am 16. März abends gegeben hatte, gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung führender Politiker und Parlamentarier Englands für die Idee des Jüdischen Nationalheims in Palästina. James de Rothschild, Vorsitzender des Anglo- Palestine Club und Leiter der Veranstaltung, gab in der Eröffnungsansprache, in der er die erschienenen 15 Parlamentsmitglieder und die übrigen Gäste begrüßte, de«1 Hoffnung Ausdruck, daß Palöstina ein permanenter und Integrierender Bestandteil des British Empire werden würde. Schon 1917 habe er, Rothschild, vorgeschlagen, daß Palästina die Position eines britischen Dominions einnehmen soll. Damals fand sein Vorschlag nicht die erwartete Billigung, weil die Frage des Mandats noch nicht gelöst war. Heute aber sei es an der Zeit, diese Politik wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Es sei gebieterische Notwendigkeit, Palästina in die Länder einzureihen, die unter dem Mandat üroßbritanniens stehen und dabc! ein Teil des British Empire sind. Juden wie Araber würden daraus großen Nutzen ziehen, eine solche Politik würde zu einer Verbindung der Interessen der Mandatarmacht mit d*nen der gegen wärtig Palästina bewohnenden Rassen führen. Der Gedanke des Jüdischen Nationalheims bedeute nicht nur, daß die Juden nach Palästina gehen, um dort eine Universität oder sonst ein moralisches Zerftrum zu schaffen; er bedeute die Wiederherstellung eines politischen Gebildes, wie es bereits üoit einmal bestanden hatte. Damit ist nicht gemeint, daß der in der Bibel geschilderte Status wiederholt wird, sondern daß die Juden ln die Lage versetzt werden, ihre eigenen Institutionen, ihre Moral, ihr Erziehungswesen und ihre Lebensmethoden neu zu gestalten. James de Rothschild bedauerte die Absonderung der Revisionisten vcr. der Zionistischen Weltorganisation, sowie deren Forderung, daß Großbritannien das Mandat aufgeben solle. Nichts wäre mehr zu beklagen, als wenn dies geschähe. Weit eher wäre zu fordern, daß Großbritannien die nach Palästina heimkehrenden Juden wirklich unter seine Fittiche nehme. Judenhaß predigen, im Antisemitismus ein Allheilmittel gegen die politischen, wirtschaftlichen und sittlichen Schäden unserer außer Rand und Band geratenen Zeit erblicken, sind vom ehrlichen Bestreben beseelt, Goethes wenig judenfreundliche Aeußerungen zu ihren unehrlichen, unlauteren Zwecken zu mißbrauchen, die lichtvolle Gestalt Goethes in das häßliche politische Gezänke herabzuzerren und sie mit dem Hanswurstgewand und der Narrenkappe des Judenfeindes zu behängen. Der Wissende, dessen Blick blindwütige Leidenschaft nicht getrübt hat, und der unvoreingenommen der Wahrheit die Ehre geben will, kann in Goethe einen Judenfeind nicht erblicken. Trotz seinen antijüdischen Aeußerungen. Denn diese verleihen, wie die den Juden gehässigen Aussprüche in «Dichtung und Wahrheit* und in den «Wanderjahren», nicht Goethes eigener Anschauung Ausdruck, sondern geben nur die herrschende Stimmung jener Zeit wieder. Im übrigen hat der Dichter die meisten derselben — wie gezeigt wurde — widerrufen oder durch judenfreundliche Kundgebungen paralysiert. So hebt sein Aufsatz «Das Emporkommen der Völker in der Welt» die Strebsamkeit der Juden rühmend hervor. In den «Maximen und Reflexionen» lobt Goethe «jüdisches Wesen und Energie». In der Rezension der Sonncnfeldschen Schrift «Liebe des Vaterlandes» anerkennt er die nationale und patriotische Gesinnung der Juden, indem er sagt: «Nicht der Boden, sondern die Verhältnisse eines Volkes, denen zwar viele auch aus dem Lande, das sie bewohnen, hervorspringen, bestimmen Nationen. So haben die Juden Nation und Patriotismus mehr als hundert leibeigene Geschlechter.» Zu Riemer äußert er sich also: «Deutsche gehen nicht zugrunde, so wenig wie die Juden, weil es Individuen sind.» ln einem Brief an Zelter anerkennt Goethe «die Tapferkeit der Juden, die sich in der Makkabäerfamilie besonders offenbart hat» und findet, «daß die Judenfcchaft sich auf diesem Punkte der Geschichte am besten ausnimmt». Colonel John Buchan führte!m Namen des parlamentarischen Pro Palestine Committee ungefähr aus: Zionismus bedeute für Großbritannien eine moralische und eine politische Verpflichtung. Ehre und Interessen des British Empire sind ln dieser Sache engagiert. Hier gilt nicht ein pro-jüdischer oder ein pro-arabischer, sondern ein pro-englischer Standpunkt. Verwirklichung des Zionismus, des Nationalheims sei nicht so sehr eine Frage des Territoriums, sondern der Schäftung einer Gelegenheit für den jüdiochen Genius zu seiner Entwicklung. Das Wesen dieses Genius ist nicht Quantität, sondern Qualität. Da Palästina für die ganze jüdische Rasse bestimmt sei, dürfe es kein anderes Hindernis für jüdische Einwanderung geben, als die Grenze der ökonomischen Kapazität des Landes. Allzu oft war die offizielle Politik mehr negativ als positiv, eher passiv als konstruktiv. Einer der Gründe hierfür war, daß der an den moslemitischen Bauern gewöhnte englische Beamte leicht ein Vorurteil gegen den oft aus Großstädten stammenden, intelligenten, argumentierungsfreudigen jüdischen Einwanderer gewann; dieses Vorurteil, so natürlich es auch sein möge, müsse streng unterdrückt werden. Palästina ist der Schlüsselpunkt in der Strategie des Nahen Ostens. Heute, da der Suez- Kanal erbaut ist, ist Palästina ein noch wichtigerer Punkt als es zur Zelt der Pharaonen, der Assyrer, Alexander des Großen und der Cäsaren war. Von einem prosperierenden und in sich gesicherten Palästina hängt ln einem hohen Maße die Sicherheit des Kanals, ja die ganze Position Englands im Nahen Osten ab. ln dem Juden besitzt England den besten Mitarbeiter. Kraft seiner Intelligenz, seiner hohen Kultur, seiner organisatorischen Begabung und einer erstaunlichen Fähigkeit, sich in neuen Verhältnissen Zurechtzufinden, Ist der Jude natürlicherweise ein Bindeglied zwischen Ost und West. Er kann Palästina zu einer national-staatlichen Einheit machen. Captain R. B. Solomon meinte, obwohl im gegenwärtigen Parlament wie in keinem anderen bisher Meinungsübereinstimmung zugunsten der jüdischen Bestrebungen in Palästina bestehe, habe dieser Geist die offiziellen Verwalter Palästinas noch nicht durchdrungen. Wohl seien die luden kein leicht zu regierendes ln den «Wanderjahren» heißt es vom jüdischen Volke nach einigem Tadel: . . . «An Selbständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit, und wenn das alles nicht mehr gilt, an Zähigkeit, sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde; es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehovas durch alle Zelten zu verherrlichen. Wir haben es daher als Musterbild aufgestellt, als Hauptbild, dem die anderen nur zum Rahmen dienen.» Eine der frühesten literarischen Veröffentlichungen des Dichters ist die Rezension der «Gedichte von einem polnischen Juden» in den «Frankfurter gelehrten Anzeigen*. Goethes unvoreingenommene Kritik fällt, obwohl er «das an sich Verdienstliche dieser geistigen Emanzipation anerkennt», abfällig aus — aber nicht, weil der Verfasser ein Jude ist — und schließt mit den Worten des Wohlwollens: «Wir wünschen, daß er (der jüdische Dichter) uns auf dem Wege, wo wir unser ideal suchen, einmal wieder und geistiger begegnen möchte.» Aber wie ist Goethes leidenschaftlicher Protest gegen die Befreiung der Juden aus unwürdigem Joche der Unfreiheit und Entrechtung, von dem Kanzler Müller und Boisser6e berichten, zu werten? Zunächst als eine Entgleisung, wie sie dem so harmonischen Charakter Goethes 'nicht selten widerfuhr. Es sei, um nur einige Beispiele hievon anzuführen, an den bekannten Ausspruch des Dichters über die Ehe: «Die Ehe ist ein Lebensquell der Menschheit, der Anfang und Gipfel aller Kultur. Die Heiligkeit der Ehe ist eine Errungenschaft des Christentums von unschätzbarem Wert» und an das Gegenstück zu diesem Dithyrambus auf die Ehe: «Die Ehe hat noch keinem wohlgetan. Sic ist eigentlich unnatürlich», erinnert. An das Lob der christlichen Religion und Jesu Christi als «der göttlichen Offenbarung des höchsten Prinzips der Sittlichkeit» und — an das «seelenbedrückende Wesen der Kirche Roms», «das unförmliche, erbärmliche Heidentum der römischen Kirche» und an die Verse: «Den deutschen Mannen gereichte zum Ruhm, daß sie gehaßt das Christentums Volk; dies komme daher, weil sie wissen, was sie wollen. Für die 15 Millionen Juden ln der Welt kam J!« Batfour-Deklaration als eine Hoffnung auf Befreiung, und diese Juden warten Tag für Tag, Jahr für Jahr auf die Erfüllung dieser Deklaration. Er appelliere an die Gesetzgeber Englands, daß s!e auf die für die Palästina-Verwaltung Verantwortlichen einen Druck fm Sinne der Erfüllung des englischen Versprechens ausüben, damit die jüdische Welt überzeugt werde, daß das englische Volk der von ihm übernommenen Aufgabe treu bleiben werde. Major H. L. Nathan meinte, die Weltjudenhelt wünschte, daß Großbritannien das Palästina-Mandat behält. Wenn Palästina heute den englischen Steuerzahler keinen Penny kostet, wenn Haifa ein großer englischer Mittelmeerhafen wird, wenn England eine große Oelröhrenleltung und ein ausgedehntes Eisenbahnnetz bauen kann, so Ist dies aus folgenden zwei Gründen möglich: 1. Das jüdische Volk hat ln Palästina eine Basis für kommerzielle, landwirtschaftliche und industrielle Entwicklung geschaffen; 2. England hat Gesetz und Ordnung Im Lande aufrechterhalten und die pax Britannien zum herrschenden Geist im Lande gemacht. Bamett Jänner führte aus: Der Jude will sein nationales Ideal nicht in der Erringung großer Besitztümer verwirklichen, sondern in der Schaffung eines Zentrums, wo er schwer arbeiten, aufbaucn und schöpferisch sein kann, von wo sein nationaler Genius noch einmal in die Welt ausstrahlen kann. O. E. d’Avigdor Goldsmld, Vorsitzender des Council der Jewish Agency, führte aus: Es ist zu bedauern, daß die Im Briefe des Premierministers MacDonald an Dr. Welzmann gemachten Versprechungen noch nicht erfüllt worden sind; fest steht nur, daß eine Aenderung in der Regierung stattgefunden hat. Wir bauen auf den guten Willen und das Gerechtigkeitsgefühl des neuen Kolonienministers und des neuen High Commlssloners, die auch Sympathie für unsere Sache liegen. Palästina braucht eine friedliche und loyale Bevölkerung, die das Land emporbringt. Herrscht noch Zweifel darüber, welcher Bevülkcrungsteil am meisten nach, dieser. Richtung arbeitet? Wir sind loyale .Bürger, des British Empire, dqs schließt aber nicht aus, daß Ich als guter Jude für die Entwicklung des Jüdischen, Nationalheims arbeite. BrodefsVy nach Palästina abgereist Dr. Sel’g Brrdetsky, Mitglied der Exekutive der Jewish Agency und Leiter des politischen Departements der Exekutive, hat sich am 13. MMir2 auf die Reise nach Palästina begeben. ÜJ-J-l^llgBBBgg^ggBSggggBBggBgBWBBffajJL ' LH An Goethes Aussprüche über die Natur: «Die Natur ist überflüssig und verschwenderisch und sie bleibt strenge gebunden an ein vorgeschriebenes Budget.» «Die Natur wirkt nach ewigen, notwendigen, dergestalt göttlichen Gesetzen, daß die Gottheit selbst daran nichts ändern könne», dann: «Von allen Seiten behauptet die Natur ihre schrankenlose Willkür.» Und wem ist das welberverherrlichende Goethe- Wort vom Ewig-Weiblichen, das uns hinanzieht, unbekannt? Derselbe Weiberenthusiast ruft vor Riemer verwundert aus: «Es ist unglaublich, wie der Umgang der Weiber herabzieht.» Es ist allerdings wahr, Goethe war als Freund der bestehenden Ordnung, von deren Vortrefflichkeit er überzeugt war, ein leidenschaftlicher Gegner aller politischen Neuerungen, also auch derjenigen, die auf Besserstellung der Lage der Juden abzielten. Er wollte eher eine Ungerechtigkeit als eine Unordnung ertragen. Darum wehrte er sich gegen die Forderungen des nach freier Staatsverfassung lechzenden Volkes. Darum verdammte er die französische Revolution, die die Eroberung der Volksrechte auf ihre Fahne geschrieben und bekämpfte dies gewaltige Volkserheben in einigen seiner Dramen und Gedichte. Darum erhob er seine warnende Stimme auch gegen die Judenemanzipation. Die nie mehr wiederholte Heftigkeit dieses Protestes — von der Müller erzählt — entsprang jeuo«,* in allererster Linie einer eigenartigen Seelenkrise und innerer Zerrissenheit, in die die letzte Liebesleidenschaft zu der fast um ein halbes Jahrhundert jüngeren Ulrike von Lewetzow den mit sich, mit Sohn und Schwiegertochter — eben wegen dieser späten Liebe, die nach Goethes Willen zu einer Ehe mit der Geliebten führen sollte — und mit der Welt zerfallenen Dichter brachte und der er in herzergreifender Weise in seiner «Marienbader Elegie», diesem furchtbarsten Aufschrei einer enttäuschten Seele, eines von Gott Amor unheilbar verwundeten Herzens, beredten Ausdruck verlieh, indem er ln die Seufzerklage ausbrach: «Mir ist die Weit, icla bin mir selbst verloren!» (Fortsetzung folgte