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Die Stimme · 1932-03-24 · Heft 220 (24.3.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 220 (24.3.1932)
Date
1932-03-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 220 — 24. Mir* 1032 nre STIMMT* Seite 3 Keiner ist frei! Zum 30jährigen Keren Kajemeth .Jubiläum Von Rabbiner Salomon Friedmann (Misrachi). Fast jeder in den zionistischen Reihen, der mehr oder weniger schreiben, mehr oder weniger in öffentlicher Versammlung sprechen kann, wird zur Feder greifen, wird sich sum Worte melden, um den Jubilar zu feiern und wahrlich, uns mangelt es nicht an Schreibern und Rednern. Und sollte man nach Ablauf des Jubeljahres all das Geschriebene und Gesprochene sammeln und. veröffentlichen, es würde ein hundertbändiges Werk erstehen, das sogar manch Schönes und Geistreiches enthalten würde. Ob aber nach abgeschlossener Tätigkeit auch ein Fortschritt am Aufbauwerk Erez Israels zu konstatieren sein wird, ist leider, wenn es so weiter ginge wie in letzterer Zeit nicht zu erwarten. Trotz Anzündung, Bedingung und Bedrohung durch zahlreiche Feinde, wie zur Zeit Mordecheis, wandelt der größte Teil des Volkes auf furchtbar lebensgefährlichem Pfade, auf dem Pfade der Zerklüftung. Fünfzehn Jahre nach der Baifour-Dekiaration, wo reichlich Zelt war, auch das Mehrfache dessen zu erreichen, was bis jetzt in Erez Israel erreicht wurde, stehen wir fast unbe* weglich da und sehen uns all die zu unseren Ungunsten sich entwickelten Dinge ganz gleichgültig an, ohne mit den Wimpern zu zucken Und fragt man, warum geschieht zur Abwehr, warum geschieht am Autbau so furchtbar wenig, da ist im Chor, von AH und Jung eine Antwort zu hören: in dieser furchtbaren Zeit der wirtschaftlichen Not kann eben nichts oder ganz wenig gemacht werden. Es hat jeder seine eigenen Sorgen. Ja, richtig, doch nur zur Hälfte. Wenn sich zu dieser wirtschaftlichen nicht die seelische Not gesellt hätte, es wären trotz allem, trotz wirtschaftlicher Not, iro\z persönlicher Sorgen, in Erez Israel weit größere Fortschritte am Aufbau des Landes zu verzeichnen, weil eben nicht im materiellen, sondern im seelischen die Ursache des Stillstandes am Aufbau gelegen sei. Wäre man nicht seelisch so tief in der Galuth versunken, eine noch größere Wirtschaftsfront wäre nicht im Stande, den Aufbau des Landes aufzuhalten, weil ein seelisch erlöstes, freies, tief im Jüdischen wurzelndes, nach vollständiger Befreiung strebendes Volk eben kein Hindernis scheut. Auch mit den knappen Mitteln, die heute das jüdische Volk zur Verfügung stellen könnte, würde man das Land aufbauen können. Als Assa, der König Jehudas, Jerusalem bedroht sah, erließ er an das ganze Volk einen lakonischen Befehl, der lautete: Keiner ist frei. Und jeder, sogar der jungvermählte, der sonst in den Krieg nicht ziehen durfte, mußte an der Abtragung der vom König Bascha zum Zwecke der Zerstörung Jerusalems aüfgeführten Mauer mitarbeiten. Auch jetzt, wo wir uns in einer weit ärgeren Lage befinden als damals, soll der Ruf an das ganze Volk, an jeden einzelnen erschallen: Keiner ist frei' Und mit gutem Beispiel sollten alle Zionisten ohne Unterschied vorangehen. Nicht bloß durch Reden, nicht durch Zeitungsartikel, sondern durch große Taten am Aufbau Erez Israels soll das Jubiläumsjahr gefeiert werden. Auf zur heiligen Aufbauarbeit! Erlöset unseren Boden, den heiligen Boden Erez Israels! Jeder arbeite mit. Keiner ist frei! Goethe und die Juden War Goethe ein Judenfeind? Von Dr. Berthold Frucht. «Wer heutzutage das Alter von 25 Jahren erreicht, eine Schulbildung genossen hat und trotzdem der idiotischen Ideologie des Antisemitismus anhängt, Ist entweder ein Trottel oder ein Schurke.» Diese Worte hat nicht ein Jude geprägt, um den Antisemitismus zu brandmarken, sondern der Nichtjude Bernard Shaw, der bedeutende englische Dramatiker und einer der größten zeitgenössischen Schriftsteller. Spricht Bernard Shaw die Wahrheit? Oder macht er sich einer Uebertreibung schuld? Sei es, wie es wolle. Auf jeden Fall steht es für jeden Einsichtigen fest: die besten Söhne ihres Volkes sind es nicht, die in den Reihen der Judenfeinde zu finden sind. Die Edelblüte der Nationen gedeiht eben nicht auf dem Sumpfboden des hirnrissigen, kulturschänderischen, wahrheitsmörderischen Antisemitismus. Darum waren die großen Geister aller Zeiten und Völker frei vom Gift des Judenhasses. Alexander der Große und Julius Cäsar waren keine Judenfeinde. Ebenso nicht Sokrates und Aristoteles. Nicht Dante und Michelangelo. Nicht Corneille, Racine, Diderot, Rousseau, V. Hugo, Zola und Anatole France. Nicht Shakespeare, Shelley, Byron und W. Scott. Nicht Whasington, Lincoln und Franklin. Nicht Tolstoi und Gorki. Nicht Mickiewicz und Slowaki. Nicht Björnson und Ibsen. Nicht Kossuth, Deak, Andrassy, Tisza, Maurus, Jokai und Eötvös. Nicht Kiopstock, Herder, Wieland, Lessing, Kant, Schleiermacher, Humboldt, Mommsen, Virchow, Thomas Mann, Heinrich Mann und Gerhart Hauptmann. Auch Goethe, «der größte, umfassendste Geist, den Deutschland, Ja die Welt Je besessen», darf nicht als Feind des jüdischen Volkes angesehen werden. Wie der junge Goethe über die Juden dachte, die ihm in seiner Vaterstadt Frankfurt a. M., der größten Judenstadt Deutschlands, trotz Ghettomauern auf Schritt und Tritt begegnen mußten, erzählt er ln «Dichtung und Wahrheit». Hier erweist er sich als Kind seiner Warum verlangen alle in Geschmack und Qualität unübertroffen sind! 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Die Ausschaltung des Privatbesitzes am Boden bildet einen Grundpfeiler der Verfassung des jüdischen Staates in der Bibel, durch den Nationaifonds ist dieser Grundpfeiler in den Zionismus, in dem Aufbau eines aut Arbeit ruhenden Palästina übertragen worden. Daß dieser wichtige Grundsatz im Einklang ist mit den progressiven Forderungen unserer Zeit, mit dem Sozialismus, wie mit den Erfordernissen des Aufbaues eines jüdischen Palästina, stärkt in uns die Erkenntnis, daß alles wahrhaft Nationale in seinem tiefsten Wesen auch der sozialen Befreiung der arbeitenden Menschen dient. --: ■ t Fräulein St-ffi Austern Herrn 1 heodo* Go'd^ein Wien Hi Wien. IL empfehlen suh ah Verlobte Wien. 193! nocu im Banne niitteiaiteriiciier Vorurteile stehenden Zeit: die traurige Folge einer rückständigen Anschauung, die die Juden verachtete und verhöhnte, unter bedrückende Ausnahmsgesetze zwang und nur auf einen einzigen erlaubten Erwerb anwies: das Geldgeschäft. Dieser mittelalterlichen Tradition entstammten des jungen Goethe Vorurteile gegen die Juden. Daß es keine begründete Abneigung, sondern eben nur Ausfluß eines häßlichen Vorurteiles war, hat der Dichter selbst freimütig bekannt, indem er in «Dichtung und Wahrheit» seiner Schilderung des unangenehmen Eindrucks, den das Ghetto auf ihn hervorgerufen, hinzufügt: «Indessen blieben sie (die Juden) das auserwählte Volk Gottes . . . Außerdem waren sie ja auch Menschen fällig, gefällig und selbst dem Eigensinn, womit sie an ihren Gebräuchen hingen, konnte man seine Achtung nicht versagen. Und noch als Greis widerrief Goethe im Gespräch mit dem Prager jüdischen Bankier Lämmel, den er im Jahre 1812 in Karlsbad kennen und schätzen gelernt hatte, seine von der Spitzzunge des Vorurteils eingeflößten Aeußerungen aus «Dichtung und Wahrheit». Er sagte zu Lämmel: «Ich hasse die Juden nicht. Was sich allerdings in meiner früheren Jugend als Abscheu gegen die Juden in mir zu regen pflegte, war mehrdei Reflex der mich umgebenden christlichen Männer und Frauen. Erst später, als ich viele geistesbegabte, feinfühlige Männer dieses Stammes kennen lernte, gesellte sich Achtung zu der Bewunderung, die ich für das bibelschöpferische Volk hege und für den Dichter, der das hohe Liebeslied gesungen hat.» Trotz seiner gigantischen geistigen Größe konnte sich Goethe auch späterhin von dem mit der Muttermilch eingesogenen Vorurteil gegen die Juden nicht völlig befreien. Dieses bricht hie und da durch. Wie ein verschütteter Springqueli. Und äußert sich in wenig judenfreundlicher Weise. So heißt es im «Jahrmarktsfest zu Plundersweilen»: «der Jude liebt das Geld und fürchtet die Gefahr. Er weiß mit leichter Müh’ und ohne viel zu wagen, durch Handel und durch Zins Geld aus dem Lande zu tragen.» General Mobche Cohen «Die Stimme» war das erste Blatt am Kontinent, das die Nachricht über den jüdischen General in chinesischen Diensten gebracht hat. Diese Nachricht wurde uns von unserem New Yorker Berichterstatter Dr. Emil Gutheil übermittelt. Nun bringt «Daily Mail» weitere interessante Einzelheiten über Cohen. Die «Daily Mail» veröffentlicht auf Grund von Mitteilungen des in Manchester lebenden Kaufmanns Cohen, des Bruders des chinesischen Generals Maurice Abraham Cohen, einen Abriß aus der erstaunlichen Lebensgeschichte dieses einstigen Whitechapeler Judenjungen, der heute als General der chinesischen Armee an der Shanghai-Front kämpft und den vordringenden Japanern schwer zu schaffen macht. Cohen hat zuerst in Kanada Chinesen als Siedler kennen gelernt und wurde ihr Freund. Bei Ausbruch des Weltkrieges schuf er ein chinesisches Arbeiter-Bataillon, das er in Frankreich befehligte. Er kam in Kontakt mit hohen chinesischen Beamten, die ihn bewogen, nach China zu ziehen. Er wurde ein intimer Freund Dr. Sunyatsens und Übernahm einen Teil □er Führung der chinesischen nationalen Bewegung, in der er ausschlaggebenden Einfluß gewann. Große Verdienste hat er sich als Reorganisator der chinesischen Armee erworben. «Empire News» teilt mit, Cohen hatte in China eine Zeitlang eine Position, die der des Schatzkanzlcis entspricht. Er wurde der «ungekrönte König» Chinas genannt. England habe in Moische Cohen einen ergebenen Freund. Ing. S. Jacobi. der als Bevollmächtigter von Ort-Ose-Emigdi-Rect im Fernen U«ten gewirkt hat, teilt der J. T. A. mit, daß er in rhina durr1* Ooipf-t' rot’er». unterstützt wurde. Die darauf folgenden Verse stumpften allerdings die Schärfe dieser abfälligen Aeußerung ab. Sie lauten: «Ich weiß das nur zu gut, mein Freund; ich bin nicht blind. Doch das tun andere mehr, die unbeschnitten sind.» Auch in den «Wanderjahren» äußert sich der Dichter in wenig wohlwollender Weise über die Juden. Mit Napoleon, dem Befreier der Völker aus ihrer politischen Vormundschaft, ihrem Erwecker aus geistigem Dämmerschlaf, brach für die unterdrückten und entrechteten Juden die Morgenröte einer neuen, schöneren, weil freieren Zeit an. Dieser Zeitströmung trug Napoleons Verbündeter, der Großherzog Dalberg von Frankfurt, Rechnung, indem er 1807 eine neue «Stetigkeit und Schutzordnung» für die Juden erließ, in der die veraltete, verschimmelte Ordnung des Jahres 1618 als «dem Zeitgeist und dem dermaligen Standpunkt der jüdischen Nation nicht mehr anpassend» aufgehoben und Erleichterungen gewährt wurden. Goethe zog gegen die Humanitätssalbader, die den Juden das Wort sprächen, heftig los und verlieh seiner Freundin Bettina gegenüber seinem Unmut Ausdruck. «Es ist recht wunderlich», schrieb er ihr, «daß man zu einer Zeit, da so viele Menschen totgeschlagen werden, die übrigen aufs beste und zärtlichste herauszuputzen sucht». Den schärfsten Ausdruck gab der Dichter seinem Protest gegen die Judenemanzipation vor Kanzler Müller (1823). Wie dieser erzählt, goß Goethe «seinen leidenschaftlichen Zorn aus» über unser neues Judengesetz, welches die Heirat zwischen beiden Glaubensverwandten gestattete. Er nannte es ein skandalöses Gesetz und «ahnte die schlimmsten Folgen davon». Auch vor Boisser6e sprach sich Goethe gegen die geplante Emanzipation der Juden aus. Gewisse politische Parteien, die aus Geschäftemacherei, aus exaltiertem, nationalem Fanatismus, oder von der Massenpsychose der Judophobie ergriffen, die Vernunft schänden und den obersten Grundsatz der Christenlehre, die in j e d e m Menschen Gottes Ebenbild erblickt und darum alle Menschen zu lieben befiehl^

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