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Die Stimme · 1932-03-17 · Heft 219 (17.3.1932) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 219 (17.3.1932)
Date
1932-03-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seit«* * OIE STIMME Jtvi£do* Hameirt Der großeWahnsnui Autorisierte üebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf 26 Dann beglückwünschte er mich zu meinem Avancement und zugleich erzählte er mir das Neueste: Es sei ein Befehl von oben gekommen, mich und meine Abteilung zu einem gewissen Hügel abzukommandieren. Dieser Hügel war der wichtigste Punkt an unserer Front; er hat uns im Laufe der letzten Kämpfe schon sehr viele Opfer gekostet. An einem Tage von sieben Uhr früh bis ungefähr fünf Uhr nachmittags haben diesen Hügel abwechselnd achtmal wir und achtmal die Russen erobert. Es war ein fürchterliches Ringer. Schließlich blieb er doch in unserem Besitz und wir haben ihn von der anderen Seite, gerade der feindlichen Linie gegenüber, gut befestigt. Jetzt fällt mir die Auszeichnung zu, dort Wache zu halten. «Von nun an wird man Dich den «Feuerfähnrich* nennen* — sagte der Leutnant halb spottend und halb lobend — «dafür aber» — fügte er hinzu —- «ist es Dir gestattet, irgendeine Bitte zu stellen, sagen wir bezüglich der Soldaten, der Verpflegung oder etwas ähnlichem. Ueberlege Dir’s bis zum Abend.» Und er ging. «Ueberlege es Dir» — was Ist da zu überlegen? Der Witz des fetten Rosenberger fiel mir ein. Ich werde den Herrn Obersten Fieger ersuchen, daß mir Rosenberger, bevor ich mich in dieses sichere Grab begebe, eine Anekdote erzähle. Doch plötzlich kam mir etwas in den Sinn, ich habe doch noch eine Bitte. Ich begab mich zu meinem Vorgesetzten und sagte ihm, was ich wünschte: Man solle mir gestatten, diesmal die Menschen zu wählen, mit denen ich die Wache jenseits des Hügels halten soll. Ich erzählte ihm, daß es schon einmal einen derartigen Präzedenzfall gab, und zwar im sechsundsech- 2fger Regiment. Man hat mir gestattet. Und ich wählte mir dreißig Mann von den verschiedenen Kompagnien des Regiments. Und als mein Vorgesetzter erfuhr, nach welchem System ich die Leute gewählt habe, lachte er und unterhielt sich sehr, denn ich wählte mir die leichtsinnigsten und lustigsten, die zu finden waren. Es waren ^unter ihnen Künstler, Bohemiens, Jeschiwa-Zöglinge, ^'richtige Pferdediebe, bekannte Taschendiebe und professionelle Kartenspieler. Und da auch der Gefreite Margulies inzwischen Telephonist geworden ist (der Teufel weiß, wie es dazukam, denn wie mir nachträglich bekannt wurde, hatte er vorher nie Im Leben telephonisch gesprerhen), habe ich auch ihn zum Telephonisten in meine Abteilung assentiert. Er war zufrieden, allerdings kratzte er sich vorher ein wenig und sagte: «Ja, ich glaube, daß ich dort jenseits des Hügels Großes erreichen werde. Bald werde ich ein Telephonist im Himmel sein.» Dann fügte er hinzu: «Macht nichts. Da werde ich Ihnen die Neuigkeiten vom Paradiese telephonieren.» «Woher hast Du die Gewähr dafür?» «Wie denn anders? Nach der Hölle, die uns unser Feldwebel bereitet? Das ist ja der einzige Vorteil, den wir von diesem Leichenschänder haben, daß er den Mann läutert und ihn für das Paradies vorbereitet.» Es fiel mir ein, daß es dafürstehen würde, auch den dummen Schauspieler Madi, der das elektrische Licht im Hamlet aufgedreht hat, mitzunehmen. Es würde dafürstehen, ihm den Margulies, diesen «felgen Juden» in der Feuerlinie zu zeigen. Und ich wollte Ihn gerade suchen gehen, da kam ein fürchterliches Gerücht: Der Gefreite Madi ist noch vor Beginn des Kampfes verschwunden — und weg war er. Und dann verlautbarte sofort der Befehl, daß der Madi desertiert Ist und sich im Städtchen Jasloviec versteckt hatte. Man stellte ihn sofort vor ein Kriegsgericht. Er wurde zum Tode durch Erschießen verurteilt. Der arme Madi. Wie blindwütig dieser dumme Schauspieler die «feigen Juden» haßt! Wie unermeßlich groß ist dieser Haß, da er ihn nicht einmal vor mir überwinden konnte! Und jetzt wurde er zum Tode durch Erschießen verurteilt . . . Ein Todesurteil an der Front . . . Wie grausam das ist, kann man nicht erklären. Ein Todesurteil im Schützengraben . . . Dafür fehlen Worte. Dort, wo der Tod Dir in jedem Augenblick, an jirem Ort auflauert; wo Du als ein mit neunundneundg Prozent dem Tode Geweihter betrachtet werden llannst, und wo Du nur mit diesem letzten einen Prozent mit allen Kräften am Leben hängst, kommt man zu Dir und raubt Dir auch diese letzte Möglichkeit. Das Ist fürchterlich. Es ist mir schlecht geworden. Kaum verging eine halbe Stunde und der Befehl erreichte mich schon. An mich war der Befehl gerichtet: Ausgerechnet ich sollte das Todesurteil mit meiner Abteilung vollstrecken. Ich habe sofort verstanden, daß dies wieder das Werk des Herrn Fieger war. Das Blut erstarrte in meinen Adern. Ich klammerte mich an die letzte Hoffnung: Irgendwie muß ich gern Herrn Fieger zu verstehen geben, daß der Madi ein großer Judenfeind ist und daß ich mich freue, ihn töten zu können . . . Vielleicht wird er dann veranlassen, daß ein anderer das Urteil vollstrecke, um mir nicht die Genugtuung der Rache zu geben . . . Nichts konnte ich machen. Der Befehl war da und ich mußte ihn erfüllen. Und ein Todesurteil wird an der Front folgendermaßen vollstreckt: Man führt den Delinquenten an einen Ort, der vor dem Feinde gesichert Ist. Man stellt ihn auf und um ihn im Halbkreise eine Abteilung. Der Unglückliche steht nicht Im, sondern etwas außerhalb des Halbkreises. So steht er, mit dem Rücken zur Abteilung. Der Offizier ist gewöhnlich bei dem letzten Soldaten im Halbkreis postiert und gibt den Befehl zum Laden und Schießen nicht, wie gewöhnlich, mit der Stimme, sondern mit der Hand. Man will den Delinquenten nicht erschrecken. Und dieses Fürchterliche mußte jet2t Ich vollbringen. Ich sollte einen Soldaten töten* Und noch dazu einen, der sicher war, daß ich Ihn hasse, weil er mich doch so unermeßlich haßte, und weil er mir doch die Hölle hier an der Front bereitet hatte. Als dies mein Diener erfuhr, zitterte er wie Espenlaub. «Der Teufel soll diesen unglücklichen Komödianten holen! Die Feindeskugel hat ihn nicht getroffen. Ausgerechnet von der Hand meines Herrn soll er den Tod bekommen. Pfui Teufel!» Ich bekam Kopfschmerzen. Meine Schläfen taten mir weh. Ich fürchtete wahnsinnig zu werden. Als man mir den Madi, den unglückseligen Lakaiendarsteller vorführte und er mich anschaute, war ich der Ohnmacht nahe: Ich glaubte, er wäre sicher, daß ich mich freiwillig gemeldet habe, um Rache an ihm zu üben. Ach, wenn es gestattet wäre, ihm irgend etwas zu sagen1 Aber das ist strengstens verboten. Unterwegs, als wir ihn an den Ort führten, wo das Urteil vollstreckt werden sollte, schwirrten sonderbarste Gedanken durch meinen Kopf. Vielleicht will das Schicksal den Juden in mir und mein Rachegefühl auf die Probe stellen! Das Schicksal, das weiß, daß ich die Rache als eines der niedrigsten menschlichen Gefühle betrachte .. . Das Rachegefühl ... die Bestie kennt es nicht. Es ist eine Erfindung des homo sapiens, des menschlichen Gehirnes. Nein, ich hatte gar kein Rachegefühl, nur ein unermeßliches Mitleid für diesen dummen, unglücklichen Menschen, dem ich zwei Stunden der fürchterlichsten Todesgefahr zu verdanken hatte. Zwei Stunden, die mich alt gemacht haben. Wir sprachen unterwegs kein einziges Wort. Es war ein gräßliches Schweigen. Endlich waren wir am Orte der Bestimmung angelangt. Dort habe ich meine Leute im Halbkreis aufgestellt. Erst jetztbemerkte ich, daß sich unter meinen Soldaten der fette Rosenberger befand. Ich rief ihn zur Seite: «Du bist doch Jude» - flüsterte ich ihm ins Ohr und er verstand mich. Kein Mensch hörte das. Nur der Verurteilte bemerkte, daß wir geflüstert haben. Und wenn er auch die Worte nicht hören konnte, so hat er mich doch verstanden. Er salutierte in Habtachtstellung und sagte: «Herr Fähnrich, melde gehorsamst, ich habe eine letzte Bitte!» «Sprich nur Gefreiter Andreas Madi.» «Du hast den Korporal Rosenberger zur Seite gerufen, weil er Jude ist und Du nicht willst, daß er sich an mir räche . . .» «Jawohl, Gefreiter Andreas Madi.» «Nun, auch ich bin Jude. Ich ließ mich vor acht Jahren taufen.»- Um mich ist es finster geworden. Der Gefreite Madi, dieser verbitterte Judenhasser, ist selbst Jude. Im ersten Moment wollte ich es nicht glauben. Ich dachte, vielleicht will er hier von mir, seinem «Glaubensgenossen», Gnade erbitten. Ich tat so, als ob ich verstehen würde, was er wünscht, schluckte den bitteren Speichel und sagte: «Gut, Gefreiter Andreas Madi, der Onkel Oesterreicher wird nach Dir Kaddisch sagen.» Auch er schluckte, machte irgendeine wegwerfende Handbewegung, und sagte: «Danke, nicht darum wollte ich bitten. Ich wollte bitten, daß mir der Herr Fähnrich meine üefreitencharge lasse und das Urteil ohne Degradierung vollstrecke.» Ich blickte ihn ganz verwirrt an. Auch meine Soldaten schauten sich einander an. Sogar ein verstohlenes Lächeln wurde auf den Lippen eines von ihnen sichtbar. Ja, es war wirklich ganz sonderbar. Nach den Vorschriften muß der Delinquent Immer degradiert werden. Das ist ein strenges Gesetz. Und siehe da, das Kriegsgericht hat ihn nicht degradiert und ich bekam keinen Befehl, es zu tun. Und der Oberleutnant gab mir doch genaue Weisungen über alles, was ich zu tun hatte. Es lag anscheinend ein Irrtum vor. Ich sagte: «Gut. Ich bekam keinen Befehl, Dich zu degradieren, Gefreiter Andreas Madi.» Er erwiderte: «Danke. Und ich habe noch eine kleine Bitte. Man soll meine Hosen dem Infanteristen Laszlo Karczan geben und meine Schuhe dem Infanteristen Benvenuto Galleri. Sie haben mich darum ersucht.» «Sie haben Dich darum ersucht? Gut, Gefreiter Andreas Madi.» Er dankte mir militärisch und machte Kehrt. Ich trat an ihn heran, nahm mein Taschentuch und wollte seine Augen verbinden. «Ich habe mein Taschentuch», sagte er und reichte es mir. Dieses «Ich habe» ließ abermals mein Blut in den Adern erstarren. Meine Hände zitterten. Mit Mühe gelang es mir, seine Augen zu verbinden, und dabei bemerkte ich, daß seine Wangen feucht waren. Kein Oesinnungsgenosse darf fehlen bei mir als Kunde Chemisciie irockenPuizerel und anerlk. Exprsfi-BUgel-flitsialt!• Walzer, Wien, II., Taborstraße 43, Tel. A 49248, bringt sensationelle Vo:Saisonpreise bei verläßlicher und pedanter Arbeit. Mantel, Anzug« Kostüm von S 4.50; Wollwesten S -.95; Kleider von S 3.50 Hüte und Anzug« bügeln In 13 Minuten S 1.30 Kostenlose Abholung und Zustellung, Samstag geschlossen. Demnächst Eröffnung der neuen Betriebsräums ■■■KuauaHBgguuguaHwiouHUUBaauHUSBaKS^Siiigi Schneidep iüp teine Ueppengapdepohe Jakob Opnsiein MIIIIIIIIIIIIIIM Wteny 2. 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