Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 218 (10.3.1932)
- Date
- 1932-03-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DTE STIMME Nr. 218 — 10. März. 1032 Kennen Sie schon das neueste Spielzeug aus Palästina? Nein? Dann kommen Sie zur großen Ktn der'Purimieier der zionistischen Frauengruppe Leopoldstadt am Sonntag, den 27. März, um 3 Uhr nachmittags im Bayrischen Hof, II., Taborstraße 39 — dann werden Sie es sehen. Karten für Kinder S 1.20, für Erwachsene S 1.60. Karten erhältlich im Sekretariat der Zionistischen Bezirkssektion II., Praterstraße 13, und In der Bücherstube Rath, II., Taborstraße 20 a. Literatur/Kunst / Theater Zeitlin als Dichter des Chassidismus (Zum 60jährigen Jubiläum.) Von Simon Emst, Tel-Aviv. In unserer stürmisch bewegten und für das jüdische Volk so schicksalsschweren Zeit ist manche Pflicht, der nationalen literarischen Großen zu gedenken, versäumt worden. So viel ich zu sehen Gelegenheit hatte, ist das deutsche Judentum mit dem Schaffen des in Warschau lebenden bedeutenden hebräischen Dichterphilosophen Hillel-Zeitlin durchaus ungenügend vertraut. Da mag der Versuch gerechtfertigt sein, in nur wenigen Zeilen an die markantesten Charakterzüge dieses Schaffens zu erinnern. Zeitlin ist ein Perlenfischer im tiefen Meer des Chassidismus. Es gibt wohl größere oder jedenfalls bekanntere Dichter dieser eigentümlichen Blüte der jüdischen Mystik, wie Perez, Berdiczewski, Horodetzky, Buber; bei niemanden aber ist der Chassidismus zum wahren Seelengrund, «Jessod Hanefesch», emporgewachen, für niemand ist er so sehr Ziet und Sehnsucht des gesamten literarischen Wirkens geworden wie für Zeitlin. Bei Perez z. B. ist die rein ästhetische Betrachtung vorherrschend. Dieser Dichter nimmt es eigentlich nicht ernst mit der Unmittelbarkeit der chassidischen Gotttrunkenheit. Für ihn ist die mystische Religiosität ein schillerndes Farbenspiel, an dem sich sein beschauendes Auge weidet. Ganz anders ist das Verhalten Zeitlins, für den die Grundpfeiler des chassidischen Glaubens stark genug in der tiefsten Wirklichkeit der Seele verankert sind, um jetzt noch ein stolzes Gebäude der modernen Weltanschauung zu tragen. Und während Martin Buber dem Heroenkultus im Chassidismus in Gestalt des Baal Schern und des Rabbi -Nächman huldigt, grübelt Zeitlin den auf den ersten Bück verworfenen Gedankengängen eines heiligen «Harb (Jzchak Lurie) und «Ramak» (Mosche Cordeviera) nach, in der ahnungsvollen Suche nach verborgenen tiefsten Wahrheiten. Zeitlin ist der geborene Gottsucher. Für ihn ist die jüdische Mystik nicht ein Mittel zu irgendeinem Belehrungs- oder Verschönerungszweck, sondern das heilige Wunderland, wonach er sich mit riesenhafter Anspannung der Dichterflügel hinaufschwingt. Zeitlin ist ein rein hebräischer Schriftsteller. Seine Hauptwerke, die noch einer Uebersetzung harren, sind: «Das Gute und Böse», eine schwungvolle Geschichte der moralischen Weltanschauungen, «Rabbi Nachman aus Bratzlau», «ein prosaisches Hohelied der chassidischen Seele, von einem Modernen andächtig abgelauscht.» «Gedanken und Lieder,» eine Aphorismensammlung, in denen die verschiedensten Probleme nicht etwa zur scheinbar logischen Hirnlosung gelangen, sondern gerade in ihrem ewigen Sinn des Unlösbaren dichterisch und philosophisch durchleuchtet bleiben. Dies, um nur die hauptsächlichen Werke zu nehmen, in denen der heutige Prophet des Chassidismus zu uns redet. Kann denn aber ein moderner Mensch, der etwas von dem zersetzenden Kritikgeist der Zeit angenommen hat, noch die Naivität eines Chassiden, und sei es auch in noch so verfeinerter Form, bewahren? Nun, darin gerade offenbart sich vor uns die Tragik, die den vulkanischen Hintergrund der Zeitlinschen Romantik des Chassidismus bildet. Sein Glaube quillt nicht mehr unmittelbar aus der kindlich genialen Seele eines Baal Schern hervor. Wie glücklich wäre aber der Dichterdenker, wenn er das heutige Wissen mit den dunklen Ahnungen und den Irrfahrten der uralten Zadikkim ln eine schöne spontane Harmonie bringen konnteI Was er sicher weiß, ist die klägliche Unzulänglichkeit des Wissens, das den Begriff der Heiligkeit nur ins Seminar zum Studium der Kulturgeschichte verweist. Zeitlin kann sich nicht in der Welt zurechtfinden, ohne daß auf den Pol der Heiligkeit der g a n z e Mensch unverrückbar gerichtet ist. Was für die chassidischen Mystiker aber eine Selbstverständlichkeit eines gläubigen Gemütes ist, ist für ihn Offenbarung in Sturm und Wind, wo ein düsterer Himmel der Zweifel von Blitzstrahlen einer unaussprechlichen Gewißheit durchzuckt wird. Und wenn der Chassid durch berauschenden Tanz vor dem Herrn sich in den erstrebten Zustand der Verzückung versetzt, bleibt es dem modernen Schriftsteller nur übrig, diese leibliche Rhythmik in die Melodie der schwungvollen Wortapotheose des Tanzes umzusetzen. Einige wesentliche Motive aus Martin Bubers wohlbekannten Werken klingen uns hier in ganz persönlicher Einkleidung entgegen. Diese sicherlich unzureichenden Striche mögen nur dazu helfen, das Interesse für den originellen hebräischen Dichterphilosophen in weiteren Kreisen wachzurufen. Huldigung für einen genialen jüdischen Künstler Denkwürdige Kundgebung der Eilte der polnischen und jüdischen Gesellschaft in Krakau für Maurycy Qotüteo. Aus Krakau wird uns berichtet: Der 1. März stand hier im Zeichen einer weihevollen Feier zu Ehren des vor 53 Jahren Heimgegangenen jüdischen Malers Maurycy Gottlieb. Es war dies ein aus der Vermählung der polnischen und jüdischen Kultur erwachtes Fest, welches anläßlich der feierlichen Eröffnung der Gemäldeausstellung Gottliebs in den Sälen des Nationalmuseums in den Sukiennice (Tuchlauben) stattfand, Ueber Veranlassung des Präsidiums der jüdischen Gemeinde wurde in den Mittagsstunden ein feierlicher Trauergottesdienst am Grabe des Künstlers auf dem jüdischen Friedhofe abgehalten. Es versammelte sich hier ein ansehnlicher Kreis von prominenten Vertretern der polnischen und jüdischen Gesellschaft, u. a. war der ehemalige Ministerpräsident Nowak als Ehrenmitglied des Ausstellungskomitees, der Obmann des Journalistensyndikates Dr. Flach sowie Vertreter der Krakauer Wojwodschafts- und Stadtbehörden anwesend. Am Grabe sprachen Rabbiner Dr. Schmelkes und der Präses der Kultusgemeinde Dr. Rafael Landau. Die eigentliche Feier fand um 6 Uhr abends in den Sälen des Museums statt, wo vor einer gewählten Gesellschaft Abg. Dr. Thon eine ungemein wirkungsvolle Ansprache hielt, die bei allen einen unvergeßlichen Eindruck hinterließ. Die Ausstellung selbst ist höchst Imposant. Aus ganz Polen wurden Bilder des Künstlers, die sich teils in Museen, teils in Privatbesitz befinden, eingeschickt. Die Feier ist ein in seiner Art ungewöhnlicher Beweis des Einvernehmens, das auf dem Gebiete der Kunst zwischen Polen und Juden herrscht Oer Londoner Pen-Klub empfängt Schalom Asch Louis Golding erinnert sich noch an die Schläge, die er in Deutschland von einem Hitiermann empfangen hat Der Londoner Pen-Klub veranstaltete zu Ehren von Schalomr Asch einen Empfang. Schalom Asch sprach vor den englischen Schriftstellern über die besondere Form der durch Moral und Ethos geheiligten jüdischen Tradition, über das Spezi ikum des jüdischen Lebens in den jüdischen Zentren Osteuropas, von dem schöpferische Männer wie J. L. Peretz, Scha’om Aleichem, Bialik u. a. m. ihren Stempel erhalten haben. Der bekannte jüdisch-englische Schriftsteller Louis Golding, Autor des Romans «Magnoiia Street», der die jetzige Buchsensation in England ist, führte den Vorsitz. Br erzählte, daß er selbst Kind von in Eng’and eingewanderten russischen Juden sei. Von seinen Elten habe er noch das Jiddische gelernt, mit welchem er Schalom Asch begrüßen könne. Er befürcnte aber, daß sein Jiddisch stark an das Hochdeutsche anküngt, das er vor einigen Jahren, wo er «Magnoiia Street» schrieb, erlernt hatte. Dieses Hochdeutsch aber hielten die Hitler-Leute offenbar tür jiddisch, denn einmal, als er sich dessen ln einen? öffentlichen Lokal bediente, habe ihm ein Hitler-Mann ein Bierglas an de« Kopf geworfen. Von dieser Begegnung mit dem hitlerischen «Geiste» trage er noch jetzt den Stempel. Eine neue Porträtbüste des Oberrabbiners Dr« Chajes Das Werk eines jungen jüdischen Bildhauers. Dieser Tage hat der junge jüdische Bildhauer Nikolaus Koni eine außerordentlich gut gelungene Porträtbüste des Oberrabbiners Dr. Chajes beendet, was eine um so bemerkenswertere künstlerische Leistung darstellt, als der junge Bildhauer den unvergeßlichen Führer der Wiener Judenheit persönlich nicht gekannt hat und sein Werk ausschließlich auf Grund von verschiedenen Photographien vollbracht hat. Die Chajesbüste ist nicht das erste Werk des Künstlers, der nur zwanzig Jahre alt ist und aus Siebenbürgen stammt. Mit 17 Jahren machte er eine überlebensgroße Büste Herzls, die dann, in Bronze ausgeführt, im jüdischen Kulturhaus in Marosväsärhely in Siebenbürgen aufgestellt wurde. Nikolaus Koni stammt aus einer frommen judenfamilie; als Juae konnte er seine Studien im rumänischen Gymnasium nicht weiterführen und ging in die Lehre zu einem Bildhauer. Bald wurde er ein anerkannter Holzbildhauer, der sein Brot mit kunstgewerblichen Arbeiten verdiente. Infolge der schlechten Verhältnisse mußte er Rumänien verlassen und kam nach Wien, wo, er sich zurzeit nur mit Mühe und Not durchsetzen konnte. Hier hat er dann den Kammersänger Koloman von Pataky porträtiert und andere gutgelungene Arbeiten gemacht, die ihm einen guten Namen verschafften. Kaum hatte er das Notwendigste verdient, machte er sich an die Arbeit^ eine Büste des Dr. Chajes zu schaffen. Diese Arbeit wird dem jungen Künstler sicherlich die wärmste Anerkennung weitester jüdischer Kreise bringen. Ein Veteran der jüdischen Bühne Sooft man den Au führungen der «Jüdischen Künstlerspiele» beiwohnt, muß man die Präzision und die Exaktheit^ mit der die Dekorationen dieser Bühne ausgefiihrt sind, bewundern. Denn gerade dieses Theater, das ja infolge der wirtschaftlichen Depression mehr zu leiden hat als die anderen, dieses Theater, das gar keine Subventionen erhält und! auf ein Publikum angewiesen ist, welches selber sehr schwer zu kämpfen hat, leistet fast mehr, als es imstande ist. Denjenigen, der im Verborgenen diese Kunst vollbringt, kennt niemand außerhalb des Theaters. Es ist der Bühnenmeister Moritz S1 u t z k e r. Der heute 74jährige Moritz Slutzker hat bei Goldfaden angefangen, mit ihm gespielt und gearbeitet. In den Jahren 1872/73 war er am Marinski-Theater in Odessa. Er bereiste mit der Truppe fast ganz Rußland Und als einige Zelt später von Minister lgnatiew ein Verbot der jüdischen Theater erlassen wurde, begab sich Slutzker nach Warschau. Dort weilte damals die bekannte und berühmte russische Schauspielerin Lutzenko. An sie wandte sich Slutzker. Und es kostete den braven Mann sehr viel Mühe, die Lutzenko zu bewegen, ihm die Erlaubnis, jüdisches Theater spielen zu dürfen, zu erwirken. Als ihm dies gelang, telegraphierte er nach Charkow, wo Goldfaden damals weilte. Nun begann man nach dem unseligen Verbot wieder jüdisch zu spielen. Goldfaden brachte seine Darsteller mit, unter weichen sich Spiewakowski, Lanskf, Frl. Berliner (spätere Frau Tänzmann) und viele andere befanden. Dann ging Slutzker mit Goldfaden nach Amerika. Er kam nachher zu Fischsohn nach Europa zurück. Bei der Nennung dieses Namens erinnert sich Slutzker an eine Zusammenkunft Fischsohns mit dem damaligen Generalzensor und heutigen Volkskommissar Litwinow. Slutzker spielte unter Fischsohn in Konstantinopel, von dort holte ihn Axelrad nach Rumänien, wo Slutzker bis zunr Ausbruch des Weltkrieges verbheb. Dann kam er nach Wien und arbeitete hier an der kleinen Bühne in der Taborstraße und in der Praterstraße. Als vor einigen Monaten Paul Baratoff nach Wien kam, wair es selbstverständlich, daß Slutzker, der Veteran des jüdischen Theaters, den verantwortungsvollen und mühseligen Posten eines Bühnenmeisters und Hilfsregisseurs bezog* D. S c h m i d. Konzert Sega) Rosenbach Vor seiner Abreise nach Palästina hatten wir wiederum Gelegenheit J. Segal-Rosenbach in einem Konzert, welche» am Samstag, den 5. d. M., im Kammerkonzertsaal stattfand, zu hören. Herr Segal brachte diesmal u. a. neue musikalische Schöpfungen zu lehftr. Das Programm umfaßte Lieder und Gesänge in einigen Sprachen und war mit viel Geschmack ausgewählt. So hörten wir u. a. ein in Palästina populär gewordene» arabisches Volks’ied, von S. Schneur ins Hebräische übertragen, in einer ausgezeichneten orientalisch-charakteristischen Bearbeitung von M. Gnessin Herr Rosenbach verstand es, sich in dieses Lied gut einzufühlen und erntete damit viel Erfolg. Das Publikum lauschte mit großem Interesse den populären jiddischen Volksliedern «A gute Woch», «Molschele» und Warschawskis «Die Mesinke ausgegeben», weiche der Künstler mit einer gut ausgeglichenen Stimm« und viel Wärme meisterte. Ueberraschend wirkte das in Palästina in letzter Zeit entstandene Wiegenlied «Sch’chawbni», welches dem Künstler viel Applaus eintrug. Große Stimmittel entwickelte der Sänger bei den italienischen Arien und Liedern, wo sein lyrischer Tenor sich am besten auswirkte. In diesem Konzert wirkten mit ein Trio für Klavier, Violine und Cel’o von dem bekannten jungen Komponisten Julius Chajes, das uns einige meisterhafte Kompositionen desselben vermittelte. Das Trio war mit Herren Theo Salzmann (Cel o), Ferdinand Adler (Violine) und dem Komponisten am Flügel glänzend besetzt. Als Begleiter am F’ügel wirkte in gewohnter Weise Kapellmeister Rudolf Beck mit. ‘ n.—g. Jlotixen Gastspiel Dr. Paul Baratoff*Ben Zwt In den Jüdisohtn Kilnstlvrspielen, Theater Reklam, II., Praterstraße 34. &ufolgj dos kolossalen Erfolges des Dramas „Der Ahtrdnn'ue“ (Moschke Chaser) wurde das StUck für die nächsten Tag« am Spiel plan belassen. Die Vorbereitungen für das Strlnd* berg-Drama „Der Vater“ sind bereits so weit, daß die Premiere im Laufe der nächsten Woche stattflndon wird. Näheres ln der Wiener Tageapresse. Eventuelle Kartenreservierungen unter Nr. R-40-0-94. Chorverband „Hasimrah“. Mittwoch, den 23. März, findet Im Großen Konzerthaussaal unter dom Protektorate des Tempel Vereines „Aischel Awrohom“, II., Puzmanitengasa«, ein großes liturgisches Konzert statt, dessen Reinertrilgnls zur Gänze für die Wlntorhllfsaktlon bestimmt ist. Augführendo sind dlo vereinigten Chöre dos Chorverbandos „Hasimrah“ und der Wiener jüdischen Konzcrtverelnlgung unter Leitung der Dirigenten H. Schorr, B. Ilirschmann und H. Oesterreicher. Außerdem wirken mit: dlo Herren Oberkantoren M. Abrahumsohn (Hudapest), J. Mann (Brünn/, J, Borln (Breslau), L. Müller und S. Länderer (Wion), sowlt Violinvirtuose Kurt Fuchsgelb und Klaviervirtuosin Gret Koller. Die Klavier- und Orgelbegloltung besorgt Kapell meistur Max Kundegraber.