Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 218 (10.3.1932)
- Date
- 1932-03-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 218 — 10. März 1932 DTE STIMME Seite 3 Abonnenter^üi^ „Pie Stimme“ Die polnischen Juden im Kampf um ihr Recht Knebelung dev Versammlungsfreiheit - Ein Retihel Rvlosoroffs als Rrgument für den Numerus Clausus - Schulreform (VonunseirempolnischenKorrespondenten) , Die parlamentarische Vertretung der polnischen Juden hatte m-diestn Wochen einen schweren Kampf um ihre nationa'en Rechte zu bestehen. Leider ist es ihr ebensowenig wie den anderen Minderheiten gelungen, nennenswerte Resultate zu erzielen. Die Abstimmungsmaschinerie des Sejm funktionierte tadellos. Die Regierungspartei hörte zwar mehr oder minder geduldig die Vorwürfe der Opposition an, stimmte aber ihre Vorschläge ausnahmslos nieder. So sind wieder ein paar Gesetze angenommen worden, die die Rechte aller Staatsbürger einschneidend begrenzen, besonders nachteilig sich aber auf die nationalen Minderheiten, und da wieder auf die Juden als ihren schwächsten Teil auswirken werden Die Minderheiten standen diesmal geschlossen zusammen, ein Bild, das der Sejm seit der Auflösung des Minderheitenblockes nur selten zu sehen bekam. Das neue Versammlungsgesetz ist charakteristisch für den reaktionären Geist, der das heutige Polen lenkt. «Staatsräson» ist der Gott, dem bürgerliche Freiheiten und nationale Rechte geopfert werden. Während es bisher genügte, eine beabsichtigte Versammlung bei der zuständigen Behörde anzumelden, ist die Erlaubnis sie abzuhaten, jetzt an so viele Bedingungen geknüpft, daß die Behörde einfach jede ihr unangenehme Versammlung verhindern kann. So z. B. müssen alle Redner und die Thesen ihrer Ansprachen 48 Stunden vorher der Polizei genannt werden. Dazu darf in der Versammlung nur in einer Sprache gesprochen werden, die der anwesende Ve treter der Behörden versteht. Wenn man bedenkt, daß die Mehrzahl der jüdischen Versammlungen in jiddischer und hebräischer Sprache abgehalten wird, daß es ferner unmöglich ist, von vornherein zu sagen, wer in der Diskussion das Wort ergreifen wird, so ergibt sich, daß in der Praxis fast jede jüdische Versammlung wird verboten werden können. Kaum ist dieser Schlag niedergegangen, taucht schon eine neue Gefahr auf. Die Nationaldemokraten haben die gesetzliche Ein ührung des Numerus clausus für Juden beantragt. Als Kuriosum sei erwähnt, daß einer ihrer Redner dabei einen Artikel Arlosoroffs, der von der UeberprodukFon an jüdischer Intelligenz handelt, als Gracia Mendes Eine Vorkämperin der jüdischen Staatlichkeit im 16. Jahrhundert. Von Dr. Amalie Kantor. Eines der traurigsten Kapitel der menschlichen Geschichte ist das über die Verfolgungen, denen das Judentum in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Spanien und Portugal ausgesetzt war. Mit unglaublicher Grausamkeit und Schärfe wütete die Inquisition, die alles, was nicht der römischen Kirche und ihren Vertretern blind ergeben war, rücksichtslos verfolgte und ausrottete. Es ist begreiflich, wenn dieses Schreckensregiment zahllose Opfer in den Reihen jener fand, die den Glauben ihrer Väter nicht abschwören wollten, daß ferner viele, um weiteren Verfolgungen zu entgehen, wohl nach außenhin zum Christentum übertraten, in ihrem Innern aber weiterhin an ihrem Judentum festhielten. Welche Fülle physischen und seelischen Leidens damit verknüpft war, läßt sich gar nicht ermessen. Aber wie stets Unterdrückung und Vergewaltigung den Boden für ein stilles, dafür aber umso hehreres Heldentum vorbereiten, so finden wir auch in jener Zeit Vorkämpfer und Dulder für ihren jüdischen Glauben, deren leuchtendes Beispiel Eingang in die Geschichte gefunden hat. Unter der Masse der ihres Glaubens wegen verfolgten Persönlichkeiten jener Zeit ist es vor allem die Gestalt einer edlen Frau, die unser Augenmerk besonders auf sich zieht. Es war dies, wie der zeitgenössische Dichter Samuel Usque sagt, eine historische Mirjam, die sich für ihr Volk opferte, eine Prophetin Debora, die ihr Volk regierte, eine Königin Esther, die sich für ihre Glaubensgenossen einsetzte. Gracia Mendes, geboren in Portugal irn Jahre 1510, wurde gleich ihren Eltern gezwungen, zum christlichen Glauben überzutreten. Bei ihrer Taufe erhielt sie den Namen Beatrice. Bereits als Kind zog sie durch ihre Schönheit und Talente die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung auf sich. Als Tochter reicher Eltern wurde ihr «ine sorgfältige jüdisch-religiöse Erziehung zuteil und sie hatte Gelegenheit, sich weltliche Kenntnisse im felchsten Maße anzueignen. Bei der angesehenen Steljüdisches Argument für den Numerus clausus zitieite. Schon 1923 hatte die Nationa’demokratie (als Regierungspartei) den Numerus clausus für Juden in allen Schulen und staatlichen und kommunalen Aemtern einführen wollen. Doch da meldete sich Europa zum Wort und Poincar6, damals französischer Außenminister, warnte in einem aufsehenerregenden Schreiben vor dieser Kiriturschande. Die Erinnerung an diese Episode lag Polen noch so tief in den Gliedern, daß die Kommission über den Antrag der Nationaldemokraten zur Tagesordnung hinwegging. Qa*i»iHlf*6eiTicli! s^wi£d^errTmzweifeftflft4W - RltmHW-4«&-5ejm^er fahren. Doch nicht a’lein Prestigerücksichten, von Judenfreundschaft ganz zu schweigen, sind es. die diese Stellungnahme der Regierung bewirkten. Denn faktisch erobert sich der Numerus clausus eine Schule nach der anderen Und wozu Gesetze, die in Europa unnötig Staub aufwirbeln, wenn man dasselbe in schönster Ruhe bewirken kann? Die Antragsteller rechneten auch mit einer Abfuhr. Doch das wollten sie nur. Zwischen der nationaldemokratischen und der regierungsfreundlichen akademischen Jugend ist nämlich jüngst ein Wettstreit um den Titel des größeren Antisemiten ausgebrochen. Die regierungstreue «Legion der Jungen» erklärte öffentlich, sie setze dem «Antisemitismus des Lärms» der Nationaldemokraten einen «A n t i s e m i t i smusderTat» entgegen. Sie verstand es, so den Nationaldemokraten einen großen Teil ihrer Anhänger abtrünnig zu machen. Den Juden kann das ganz egal sein. Beide gehören in einen Topf. Sch’aglichtartig wird aber bei dieser Gelegenheit die tragische Situation der Juden in Polen erhellt. Auf ihrem Rücken fechten die beiden vorherrschenden Richtungen des polnischen Volkes ihren1 Streit miteinander aus. So oder so — die Juden werden die Zeche zu zahlen haben. Nach langwierigen Beratungen hat nun der Sejm das Gesetz über die Neuregelung des öffentlichen und privaten Schulwesens angenommen. Um1 es gleich zu sagen: Das Gesetz bedeutet nichts anderes als das Ende der kulturellen Unabhängigkeit der Minderheitsschulen. Zur Befestigung des herrschenden Regimes, wieder aus «Staatslung, welche ihre Familie bekleidete, natte sie Kontakt mit den höchststehenden aristokratischen christlichen Häusern. Mit 18 Jahren heiratete sie einen ihrer Verwandten, der gleich ihr einer zum Christentum übergetretenen jüdischen Familie entstammte und den Namen Franzisko Mendes führte. Er fand in seiner Frau nicht nur eine liebende Gattin, sondern auch eine Helferin in seiner Arbeit, so daß, als er nach wenigen Jahren starb, Cracia Mendes die Geschäfte ihres Mannes übernehmen konnte. Freilich fühlte sie sich vor den Verfolgungen, denen das Judentum damals ausgesetzt war, nicht sicher und so floh sie sehr bald mit ihrer Tochter Reyna nach Antwerpen, wo ihr Schwager Dogio, wie überhaupt eine größere Kolonie von Marannen wohnte. Trotz der geachteten Stellung, die Gracia Mendes auch hier einnahm, und der festen materiellen Grundlage, welche ihr die Bank, deren Sitz von Lissabon nach Antwerpen verlegt wurde, bot, war auch hier in Flandern ihr Aufenthalt kein dauernder. Mußte sie doch auch weiterhin ihre angestammte Religion verleugnen und kirchliche Zeremonien über sich ergehen lassen, die ihr vollkommen wesensfremd waren. Freilich war sie genötigt, nach dem Tode ihres Schwagers als Sachverwalterin des ererbten Vermögens weiterhin an der Spitze ihrer Unternehmung in Antwerpen zu bleiben. Sie nützte diese Zeit auf diese Weise aus, daß sie, dem Zuge ihres Herzens folgend, auf charitativem Gebiet für ihre Glaubensgenossen tätig war. Ihrer Initiative und ihrem Glaubenseifer verdankte eine ganze Reihe jüdischer Wohlfahrtsinstitutionen jener Zeit ihr Dasein. Die mächtigen Verbindungen, die sie mit den maßgebendsten Persönlichkeiten ihrer Epoche unterhielt, stellte sie gleichfalls, wo es nur ging, in den Dienst jüdischer Nächstenhilfe. Durch bekannte Mittelspersonen in Rom bemühte sich Gracia Mendes, sogar den Papst dazu zu veranlassen, eine Milderung der portugiesischen Inquisition gegen die Juden herbeizuführen. So sehen wir, wie die Kräfte einer schwachen Frsu, die sich mit nimmer müdem Eifer ihrer Glaubensgenossen annahm, förmliche Wunder wirken konnten. Es offenbart sich in dieser Liebe und Fürsorge für ihre bedrückten Ulaubensräson», muß das Schulwesen vereinheitlicht werden. Def «Staatsbürger» ist das Ideal dieser Erziehung. Patrioten sollen am laufenden Band gezüchtet werden. Zwar steckt sich die Regierung hinter eine Maske und erklärt, durch die staatsbürger.iche sei die nationale Erziehung nicht gefährdet. Doch, wer weiß nicht, daß das nur Wortspielerei ist? Für die Polen — nicht nur für sie — ist Staat gleichbedeutend mit Nation. Für die Juden wird die neue staatsbürgerliche Erziehung ärgere Folgen haben wie die nationale Das neue Schulgesetz sieht eine 7klassige Volksschule und ein ökiassiges Gymnasium vor. Aus den beiden obersten Klassen des alten Gymnasiums wird eine eigene Schule, das Lyzeum gebidet, wo die Absolventen des Gymnasiums für das von ihnen gewählte Hochschulstudium vorbereitet werden. Dadurch und durch die Vorschrift^ daß eine Hochschule nur besuchen kann, wer einen Spezialkurs in staatsbürgerlicher und militärischer Erziehung absolviert und Kenntnis in der Verteidigung gegen Gasangriffe hat, wird der Z utritt zum Hochschulstudium ungemein erschwert. Die Regierung will so der Ueber üliung der freien Berufe begegnen. Sagt sie, in Wahrheit steckt auch hinter diesem Gesetz ein versteckter NumeruscUus u s. Polen hat noch lange nicht genug intellektuelle Kräfte (z. B. fehlt 35 Prozent der Beamtenschaft die nötige Bildung). Judophobie, das Gespenst der Verjtidung, diktierte diesen Beschluß. Doch-io. diesem Sinne kann man die Jierren-beruhigen. Faktischer Numerus clausus und die Verarmung der polnischen Juden drücken die Zahl der jüdischen Studenten konstant herab. Während die Zahl def polnischen Hochschüler in den letzten sechs Jahren um 6009 gestiegen ist, ist die der Juden um 8CO gesunken. Viel schwerer als das Gesetz über das öffentliche, trifft die Juden das über das private Schulwesen. Die anderen Minderheiten sind besser daran, ein bertächtiichef Teil ihrer Schulen wird von der Regierung erhalten. Dagegen gibt es keine einzige staatliche jüdische Schule und nur ein Fünftel der jüdischen schulpflichtigen: Kinder besucht die allgemeinen staatlichen Schulen. Die jüdischen privaten Schulen sind somit die einzige Form des jüdischen nationa'en Schulwesens. Nicht genug an den schweren materiellen Sorgen, die auf diesem Schulwerk lasten, das das polnische Judentum sich unter den größten Opfern aufgebaut hat, stellt das neue Gesetz seine Existenz überhaupt in Frage. Die Privatschulen werden der Aufsicht’ des Kultusministeriums unterstellt. Die Eltern dürfen zwat weiter das Geld zur Erhaltung der Schule hergeben — di« Regierung hat daUir keinen Groschen — in die Erziehung ihrer Kinder haben sie nicht hineinzureden. Das jüdische tmd dae-Setttdwerk—dei^-andcr.eiL_._iiatIonaten-M+rvderheiten -wird dadurch seines nationalen Charakters begenussen eine Charakterstärke und ein Opfermut, .wie sie im Hinblick auf die finsteren Zeiten des 16. Jahrhunderts einzig dastehen. Dabei mußte Gracia Mendes auch in ihrem neuen Domizil wegen ihrer Abstammung und ihres Glaubens Anfeindungen und Verfolgungen erdulden, die ihr den Lebenskampf immer mehr erschwerten. So wird es verständlich, wenn sie nach einem Land Sehnsucht empfand, wo sie als Jüdin frei leben konnte. Sie suchte und fand Zuflucht in Venedig. Neider und Feinde fänden sich aber auch hier. Gracia Mendes mußte eine vorübergehende Konfiskation ihres Vermögens, unliebsame Denunziationen und Prozesse über sich ergehen lassen, und sogar den Sultan Suleiman um Intervention bitten. Wir sehen sie dann in Ferrara, wo sie endlich unter dem Schutze der freiheitlich gesinnten Herzoge d’Este offen und frei als Jüdin leben kann. Von Konstantinopel aus, wohin sie dann mit ihrer Tochter Reyna übersiedelte, konnte sie ganz besonders eifrig und segensvoll für ihr Volk wirken. Ihr Haus wird ein Mittelpunkt jüdischer Kultur und jüdischen Geistes. Mit bewundernswertem Weitblick erkannte eben Gracia Mendes die Bedeutung der Pflege der jüdischen Kultur und Tradition für die Erhaltung jüdischer Nationalität. Mit einem für die damalige Zeit staunenswerten Empfinden sah Gracia Mendes in der Tätigkeit auf jüdisch-kulturellem und charitativen Gebiete die einzige Möglichkeit, dem drohenden Aufgehen ihres Volkes in anderen Nationen entgegenzuwirken. Ihr phiiantropisches Wirken war nicht bloß Gegenstand der zeitgenössischen Dichter, wie des erwähnten Usque, sondern fand dankbare Anerkennung auch noch bei ihren Nachkommen. Bis heute führt eine der schönsten Synagogen Konstantinopels ihren Namen. Unvergängliche Verdienste um das Judentum erwarb sich Gracia Mendes vor allem dadurch, daß sie alles daran setzte, für ihr Volk seine wichtigsten Kulturgüter zu schützen und zu erhalten. Nach der bekannten Verbrennung Tausender von Talmudbänden durch Papst Paulus IV. sorgte Gracia Mendes dafür, daß in Konstantinopel eine neue Thoraschule erstand, wo si« auf ihre Kosten Talmudschüler heranbildete und vog * h