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Die Stimme · 1932-03-03 · Heft 217 (3.3.1932) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 217 (3.3.1932)
Date
1932-03-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Sette 4 DTE STIMME Nr. 217 — 3. März 1932 Jn I. I I I V III U| II ■ Auskunft* und Anmeldungen udiscne Mudeitlenl Iretel der Hagaitah bei! 9., Nußdorfersfraße Nr. 16 Neben diesem bescheidenen Sammelmittel nahm sich jenes der Eintragung in das «Goldene Buch» des KKL, welche 10 Pfund Sterling erforderte, geradezu gigantisch aus. Es mochten sich dazu anfangs auch nur wenige Reiche aufschwingen und, im Falle gemeinsamer Anstrengung der Spender, schien es nur zur Ehrung ganz hervorragender Zionisten geeignet. Es war Kremenezkys Verdienst, daß er den Begriff ■des Goldenbuches zur sinnfälligen Wirklichkeit zu gestalten wußte, indem er nach Entwurf des jüdischen Malers Ranzenhofer einen Prachtband schaffen ließ, welcher auf der Leipziger Buchausstellung den ersten Preis errang, und jene künstlerischen Diplome über die erfolgte Eintragung, die nun den Geehrten schmeichelnd und werbend ins Haus flogen. Damals genügte noch der Raum einer «Damenspende» — es war beim Ball der Wiener zionistischen Verbindung «Unitas» — um neben einem entzückenden Poem Herzls zum Ruhm der jüdischen Schönen eine von mir kompilierte Liste der bis dahin in Oesterreich erzielten Goldbucheintragungen aufzunehmen. Damit man durch gemeinsame Aktion eine solche Eintragung zustandebringe, waren kleinvveise Sammlungen nötig, welche sich auf längere Zeit erstreckten. Auch losgelöst vom Goldenen Buch ergab sich das Bedürfnis nach derlei Bargeldsammlungen. Hier nun stießen wir wieder auf das lähmende, von den Zionsfeinden genährte Mißtrauen, als würde das gesamte Geld, bestenfalls, durch Inkassoprovisionen oder sonstige Verwaltungsspesen aufgezehrt. Das aber war für HerzI, welcher diese Stiche sehr empfindlich fühlte, und für seinen Adepten Kremenezky, der Anstoß zu entscheidenden Maßnahmen. Die «Chalukka», jene vorzionistische kleinweise Sammlung für den alten Jischuw, hatte einen Spendenausweis, eine Abrechnung an das Publikum nicht gekannt. Die Nationalfondsspenden aber wurden seit Anbeginn bis zum mindesten Betrag hinab in den zionistischen Blättern des betreffenden Landes, denen sie zugeschickt wurden, mit dem Namen des Spenders verlautbart. Und die Blätter wagten es damals nicht, einen Ersatz ihrer Druckkosten zu verlangen. Von den Blättern wieder mußten die Sammlungen allwöchentlich an die KKL-Zentrale nach Wien überwiesen werden, welche streng Evidenz hielt. Und dieser Zentrale wurde ein Mann vorgesetzt, der durch seine Position als in Ehren ausgedienter Offizier gegen jeden Verdacht gefeit war: General Eiß. Er ließ es sich nicht nehmen, den Spendenausweis für die «Welt» persönlich zu redigieren. So sehr sich nun Ritter von Eiß als Hort des Vertrauens bewährte, so abträglich erwies er sich jeder Romantik, denn er drang als Hüter der Sparsamkeit auch im Ausweis auf sachliche Kürze und wollte die in den zionistischen Lokalblättern lustig wuchernde Ausschmükkung der Spendendaten durch sentimentale und humoristische Zusätze bei sich nicht dulden. Da wir Zionisten damals noch eine Art innig verbundener Familie bildeten, ertrug man diese militärische Versachlichung schwer und murrend. Die grimmigheiteren Kämpfe um Eiß sind noch zu schreiben! Aber nicht nur der Ausweis, sondern schon die Sammlungen selbst mußten sich den Geboten der Üekonomie anpassen. Eben zu diesem Zweck scharte Kremenezky uns, den Kerntrupp der Jugendlichen, um sich, der alle freie Zeit bis in die Nacht hinein natürlich unentgeltlich der Organisierung des Spendenbetriebes widmete. Dabei schwebte uns Kremenezky selbst als Muster vor, da er — der vielbeschäftigte Fabrikant — Woche für Woche bei all $?inen Bekannten die Runde machte, um ihre «Selbstbesteuerungs»-Beiträge spesenfrei einzuheben. Aus dem Kreis unserer jugendlichen Spender und Sammler, zu welchem nebst dem Gefertigten der nachmals verklärte Barde Hugo Zuckermann aus Eger, Emil Stein aus Gaya, heute Arzt in Tel-Aviv, der Jurist Jochanan Thau s. A. aus Galizien und andere mehr gehörten, kristallisierte sich alsbald unter Leitung von Dr. Hugo Benedikt, derzeit Oberfinanzrat in Wien, eine «Landeskommission des KKL für Oesterreich» heraus, welche — in ständiger Fühlung mit Kremenezky — die Sammelarbeit für den Na'.ionalfonds zu einer Art Wissenschaft ausbaute und ihre Methoden in der seither verschollenen Wiener Monatssohrift «Zion» darlegte und eifrig propagierte. Dort finden sich auch die ersten Ansätze der speziell von mir gepflegten Statistik, welche darauf ausging, durch Gruppierung der Sammelergebnisse nach Ländern, Provinzen und Orten den allgemeinen Wetteifer zu wecken und so das Gesamtresuitat immer höher zu treiben. Dieser Kreis war es auch, der numerierte Sammelbogen einführte und später die Nationalfondsbüchse populär machte, weshalb mit Fug das Witzwort auffiog, wir kämpfen für das jüdische Volk mit Büchse und Bogen. Leider hatten die Schichten, welche uns Sammlern zugänglich waren, nämlich wieder meist Studenten, Kommis und andere Jugendliche, mehr guten Willen als flüssige Barschaft. Hier lockte nun die zauberhafte Aufgabe, durch Fleiß und List aus Nichts Gold zu prägen. So kam die Parole auf, gebrauchte Briefmarken zu sammeln und im Nationalfondsbureau abzuiiefern, das sie dann durch Austa «sch von Land zu Land und durch Verkauf an Händler verwerten solle. Zu Päckchen und Paketen brachten nun Boten und Post den Markensegen nach der Türkenstraße, wo unter der strengen Zucht unseres «Fachmannes» Heinrich Kolliner, welcher heute als Administrator der «Selbstwehr» in Prag wirkt, zionistische Mittelschüler die Marken putzten, wuschen, trockenlegten, nach Staaten und Sorten ordneten und für den Handel parat stellten. Ja, es erflossen eigene Instruktionen an die Spender draußen, wie sie selbst die «Ware» zweckmäßig vorzubereiten hätten — und wirklich gab es Begeisterte genug, welche fortab die Marken, schön säuberlich zu Hunderten gebunden, einlieferten. Auf ähnliche Art sammelten wir auch Posterlagscheine, die nach gehöriger Sortierung dem Kontoinhaber neuerlich zum Kauf angeboten wurden, Abschnitzel von Zigarren als Rohmaterial zur Erzeugung von Schnupftabak sowie Stanniolpapier zum Einschmelzen, wobei sich — wie zur Zeit Hillels und Schammais — zwei Richtungen bekämpften, deren eine bloß Umhüllen von Schokolade und sonstiger Süßigkeiten als erwünscht annahm, während die andere auch Käsestaniol nicht verschmähen wollte. Wenn man den Zeitverlust, welchen solche Arbeit erforderte, und die Zusendungskosten, welch« die Spender selbst trugen, veranschlagen wollte, schiene der schließliche Erlös dieser Spezialaktionen wohl lächerlich gering. Doch der Propagandawert war nicht hoch genug einzuschätzen, da das heranwachsende Geschlecht durch die ständige Befassung mit der heiligen Pflicht, den Volksschatz durch alle Mittel zu stärken, in Bann gehalten war und so wirksam zur Opferfreude für zeitlebens erzogen wurde. Auf die Gefahr hin, das Heroische dieser förmlichen Sammelwut mit Komik zu überschatten, sei noch erwähnt, welche Flut von Anregungen auf unser Komitee niederprasselte. Bloß zwei Proben! Aus einer Stadt Südgaliziens wurde gefordert, wir mögen Orangenschalen sammeln lassen und diese nach Verzuckerung als Nationalfondsbonbons verschleißen. Ein Freund aus Böhmen wieder warf uns vor, daß wir eine offenbare Chance für den Volksschatz sträflich verschleudern: es war ein maikäferreiches Jahr, die Behörden hatten Geldprämien auf die kiloweise Ablieferung dieser Schädlinge gesetzt; was einfacher, als sämtliche KKL-Kommissionäre in die Kastanienwipfel zu beordern und die braunen Brummer zu versilbern! Solche Narrheit aber wurde entsühnt und verklärt durch die Seelenreinheit, durch die restlose Hingabe der Nationalfondsfreiwilligen für ihr, für unser aller hohes Ziel. Nur dieser Opfersinn und -mut erwird, ‘was von einem seltsamen übersinnlichen Reize*, der den Hörer vom ersten Augenblick an in magische Bande schlägt und nicht einen Atemzug lang herausläßt aus der gespenstisch-berauschenden Umarmung, bis die ruhelos im Spiele umherirrende Seele des jungen Kabbalisten die Ruhe gefunden — und auch dann noch nicht. Szenen huschen vorüber von düster-grandioser Schau, von tiefer dramatischer Spannung und dann wieder von feiner, lyrischer Zartheit. Voll tiefer Mystik die einzigartige Szene des Gottesgerichtes zwischen Diesseits und Jenseits. — Gespensterhaft gleitet alles vorüber, Menschen, Bilder, Melodien. Eine in sich geschlossene Welt tiefster religiöser Inbrunst, die in dumpfen Betstuben und armseligen Hütten ihr diesseitsfernes — nur dem Wunder und der göttlichen Schau zugekehrtes, innerlich so reiches Leben verströmt. Eine Welt, in der ein gebrochenes Wort, ein vergessener Handschlag schon die magische Kraft besitzt, Leben zu töten. Kein Drama eigentlich, aber dramatisierte Folklore, ein Gemisch von Liedern, Tänzen, Bräuchen, durch eine seltsame Handlung verwoben — und doch voll dramatischer Spannungen und Konflikte. Der Aufschrei und die dumpfe Tragik einer galuthumschatteten, in seltsamem Gespensterdasein dahinvegetierenden Volksseele, die erschüttert und mitreißt. Und w i e hier Theater gespielt wird! Hinreißend der Schwung und die vollblütige Spielfreudigkeit. Voll lebendigster Dynamik und Bewegtheit die Massenszenen — ein irisierendes Spiel von Farben, Linien, Formen, rhythmischen Gesten. Voll innerer Ekstatik die chassidischen Tänze. Eine grauenhafte Groteske der Tanz der Bettler. Jede Gestalt ein ausgeprägter Typus, jede Bewegung und Geste durchdacht, ausgewogen, von rhythmischer Prägnanz. Unvergeßlich, von visionärer Zartheit das Spiel der genialen Rowiner. Hier erlöst sich ekstatische Spannung des Blutes im Spiele ureigensten Volksschicksals. Und wundersam, wie der melodische Zauber der Sprache das Fließen all dieser Handlung einhüllt und die unsichtbare Brücke schlägt zwischen dieser seltsamen Welt des Scheines dort oben auf den Brettern und den tausenden, in atemloser Spannung lauschenden Seelen in der von einem leisen, süße Blütendüfte tragenden Nachtwinde durchwehten, von einem rätselhaften Sterngeflimmer überwölbten Welt der Wirklichkeit hier unten, die sich im Zauber dieser Spiele in so traumhafte Unwirklichkeit löst, daß es ist, als schwebe man, von zarten Flügeln getragen, zwischen zwei Traumwelten . . . Und erst die lawinenhaft anschwellenden, auftosenden Beifallsstürme reißen dich in tiefer Nächtestunde jäh aus diesen Träumen, führen dich zurück in die Zeit und in die Wirklichkeit alles Geschehens. Und du läßt dich langsam treiben von dem großen dunklen Menschenstrom, hinaus in schweigende, schlafende Menschengassen. Nur die Melodie, welche diese Stunden tiefsten Erlebens in dir wachgesungen hat, will nicht zur Ruhe kommen und tönt und tönt noch lange in dir nach . . . «Habimah spielt . . .!» Diesmal ist nicht das Beth-Haam, sondern die viel bürgerlicher anmutende hebräische Oper der Rahmen für das Fest. Und diesmal windet sich die Menschenschlange nicht zu einer proletarischen Holzbude, sondern zu einem gut bürgerlichen, modernen Kassenschalter — aber die Schlange ist die gleiche. Bis auf das letzte Plä'.zchen ist der schöne Raum gefüllt, nur faßt er natürlich lange nicht so viele Menschen, wie das Bath-Haam. Warmes Licht durchflutet den geschmackvoll einfachen Saal und hebt markante Gesichter und Profile aus der Masse. Da sitzen die Prominenten der Literatur — unter ihnen Ch. N. Bialik, der große hebräische Dichter, Journalisten der verschiedenen großen Tagesblätter, geistige und physische Arbeiter, Kaufleute und Chaiuzim — die neue, werdende Gesellschaft des jungen Landes. Man spielt «Uriel Acosta». Sehr geschickte Regie, interessante Szenen, besonders die Massenszenen von einer ganz unglaublichen Buntheit und Bewegtheit — es scheint, daß überhaupt die Stärke dieser Theatertruppe in der Wirkung der ungemein durchgegliederten, auf das Feinste abgestimmten, ’ bunt-lebendigen Massenszenen liegt, denen gegenüber Einzelleis'.ungen manchmal etwas verblassen. Eine schöne, eindrucksvolle Gesamtleistung, wenn auch einige Szenen, wiedie große Bannfluchszene ziemlich ausdruckslos ‘ vorübergleiten. Aber groß und unvergeßlich wieder die Schlußszene — das Sterben der Rowiner. Und doch — es war nicht mehr «Dybuk». Es fehlte das magische Fluidum dieses Stückes und auch jenes mitreißende, ekstatische Spiel. Die Habimah des Dybuk erschien uns echter, ieidenschaftiicher und darum auch natürlicher und wahrer . . . Sabbathabend in der schönen Kolonie Rechoboth. Die große Sensation: «Matatl» spielt 1 «Matate» — Besen nennt sich diese politisch-satirische, kabarettartige Theatertruppe, die Nachfolgerin von «Kum-Kum», die da ab und zu von den Brettern herab so ein kleines Auskehren, mit dem scharfen Besen ihrer oft beißenden Satire Vornimmt und deren «Schlager», die sich zumeist mit der Kritik der Gesellschaft, der Politik usw. befassen, im ganzen Lande sehr poulär sind. Vor dem großen Beth-Haam der Kolonie, deren Saal sicherlich fünf- bis sechshundert Menschen faßt, stehen wieder lange Schlangen und warten aut Einlaß. Autos, Autobusse, Gespanne, welche die Kolonisten und Arbeiter der umliegenden Siedlungen in Massen herbeibringen. Zwei ausverkaufte Vorstellungen hintereinander an einem Abend, und noch sind viele, die nicht mehr Einlaß finden. Wieder ein Publikum, wie es wohl kaum in einem anderen Theater zu finden ist. Stämmige, kräftige Bauernmenschen, aber Bauern, die auch über tiefsinnige Talmudtraktate disputieren können, junge Arbeiter, aber Arbeiter, die auch in der modernen Philosophie, Literatur und Kunst zu Hause sind. Bauern, die sich an einer feingeprägten Pointe, an scharf geschliffener Satire geistig ergötzen, und sicherlich noch tagelang nachher darüber debattieren, streiten, kritisieren werden. Ein bei allem Fanatismus für das Hebräische und für «Tozereth-Haarez» auch auf künstlerischem Gebiete sicherlich kritisches und anspruchsvolles Publikum. Und wiederum: Man muß nur die leidenschaftliche, beinahe fanatische Spielfreudigkeit, das hinreißende Temperament dieser jungen Künstlerpioniere oben auf den Brettern auf sich einwirken lassen, um zu verstehen, wie tief sie sich alle ihrer Sendung bewußt sind, wie ernst sie eigentlich dieses ganze scherzhafte Spiel nehmen, das unter dem Deckmantel einer manchmal vielleicht sogar überspitzen Satire scharfe Hiebe nach rechts und links und auch nach der Mitte hin erbarmungslos austeilt, Mißstände und Auswüchse unter die scharfe, kritische Lupe nimmt und geißelt und so sicherlich, da die Truppe das ganze Land bereist, zu einem bedeutsamen Erziehungsfaktor im gesellschaftlichen Leben wird. Und wie wohltuend wirkt diese Art konstruktiver Selbstkritik, die im ersten Streben nach Aufstieg und Entwicklung, Rückgrat, Wahrhaftigkeit, Selbstbewußtsein und Pionierstolz mit tiefer Liebe zur Idee verbindet — gegenüber jener destruktiven Verächtlichmachung des Juden, wie wir es von der deka»

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