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Die Stimme · 1932-03-03 · Heft 217 (3.3.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 217 (3.3.1932)
Date
1932-03-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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r fiTt 217 — 3. M«rr 1932 DIE STIMME Seite 3 Pie Stimme Werbet AbonnenteiWQr Die Anfänge dev Naiionaifondsaebeii Erinnerungen von Dr. E. M. Zuteig (Jerusalem} ln allen Phasen der modernen zionistischen Bewegung, die ich nun seit bald vier Jahrzehnten als Arbeitsgefährte mitmache, verstummten nie die Klagen über unseren Stillstand, ja Rückgang. Wären diese Klagen, welche richtig als Ausdruck ungeduldigen Strebens nach dem Ziel zu werten sind, ernst tu nehmen, müßte der Zionismus schon klaftertief Reservieret unter dem Gefrierpunkt liegen. Wie mit der zionistischen Bewegung, war man natürlich auch minderen Institutionen nie zufrieden, den Keren Kajemeth keineswegs ausgenommen. Nun lohnt es sich, gerade an ihm aufzuzeigen, aus wie kleinen, ja winzigen Anfängen der Zionismus hochgewachsen ist. Unter den Kinderjahren des Jüdischen Nationalfonds, so hieß damals der KKL noch offiziell, wollen wir die sogenannte Wiener Aera verstehen, welche vom Dezember 1901, als der Gründung des Fonds, bis 1907, seiner Verlegung nach Köln, reichte. Eigentlich war ich mit paar gleichgestimmten Jugendgenossen noch vor dem Gründungsbeschluß des V. Kongresses mit dem Nationalfonds befaßt. Waren wir doch Stammgäste im historischen Lokal Türkenstraße 9, wo das zionistische Aktionskomitee unter Herzls Leitung, wo das Zentralorgan «Die Welt» und das Landeskomitee Oesterreich ihren Sitz hatten, und verfolgten sozusagen durch die Türspalte das jahrelange Ringen Johann Kremenezkys mit dem Ak- * tionskomitee, um Schapiras Idee der Verwirklichung zuzuführen. Unvergeßlich blieben die stolzen Momente, wenn einem mal Kremenezky etwas von seinen Plänen verriet, oder wenn Dr. Leopold Kahn als Kronjurist des Aktionskomitees seinen Kommentar dazu gab. Nun endlich hatte Basel entschieden, der Nationalfonds war gegründet — vorerst aber nur «am Papier». Kremenezky, der erste Direktor des Fonds, sah sich jetzt vor die Aufgabe gestellt, der jüdischen Welt zu zeigen, wie man wirklich Geld aufbringt. Um ein wirksames Beispiel zu geben, brauchte «r vor allem eine «Hausmacht;» in Wien. Da traf es sich gut, daß er auf uns Jungen stieß, die darauf brannten, ihm zu helfen. Was war es nur, was uns beseelte und vorwärts trieb? Heute ist es allgemeine Auffassung, daß der KKL auf zwei Säulen ruhe, auf der nationalen Idee von der «üculath Haarez», der Auslösung des Bodens aus fremder Hand, und auf der sozialen Idee der Gerechtigkeit, um — populär ausgedrückt — den Boden auch den armen Juden zugänglich zu machen. Hier sei die Bemerkung gewagt, 19. März 1932” daß uns Jungen damals eine andere Idee im Vordergrund stand. Mein Gott, laut Herzls Prinzip, zunächst unsere Kräfte aufzuspeichern und mit der praktischen Arbeit in Palästina erst nach Erlangung des Charters zu beginnen, und bei den noch spärlichen Mitteln, welche der KKL besaß, war von Bodenkauf lange nicht die Rede und erst 1908 erfolgte, mehr aus einer Verlegenheit heraus, die Erwerbung des kleinen Komplexes Hattin. Noch vager stand es anfangs um die soziale Grundidee; denn ausgeprägt linksorientierte Gruppen hatten sich in der zionistischen Organisation noch nicht entwickelt und die paär schwachen Lokalvereine zionistischer Arbeiter und Handlungsgehilfen suchten durch ihren Bestand nur das weitere Ueberlaufen der jüdischen Jugend zur internationalen Sozialdemokratie zu verhüten. Was aber uns von Kremenezkys Garde den Nationalfonds vom ersten Moment an lieb und teuer machte, war die Gelegenheit, den eigenen Opfersinn zu betätigen und, darüber hinaus, die trotz jüdischen Fühlens hilf- und bewegungslose Masse zur üpferwiiligkeit und deren planmäßigen Betätigung zu erziehen. Wie beschämend klein waren doch die Summen, welche vor Beginn des politischen Zionismus das berühmte Odessaer Komitee als führendes Organ der Chowewe-Zion-Bewegung aus Rußland und aller Welt aufgebracht hatte, um die Kolonisation Erex Israels zu fördern! Es konnte schon als revoltierende Tat gelten, als der I. Zionistenkongreß die Zugehörigkeit zur neuen Partei an die Zahlung des Schekels knüpfte, welcher in Oesterreich 1 Krone und in den anderen Ländern die entsprechende Silbermünze betrug. Welche Diskrepanz noch immer von kühnem Hochziel und lächerlichen Mitteln! Das ließ sich denn auch der Wiener Satiriker Karl Kraus nicht entgehen; er schrieb damals in seinem gefürchteten Monatsblatt «Die Fackel» jenen fulminanten Hohnartkel «Eine Krone für Zion», der dann noch mit gehöriger Aufmachung als Sonderdruck erschien. Später erst raffte sich der Kongreß auf, seinen Anhängern die Zeichnung von Pfundaktien der Jüdischen Kolonialbank zuzumuten. Und nun kam noch der Nationalfonds hinzu und streckte fordernd sein« Hand aus. Erst zaghaft genug. Er verkaufte eigene Marken im Wert der kleinsten Münzeinheit jeden Landes, und das unter allen möglichen Kautelen, damit ja kein Mißtrauen entstehe, als würde etwas von den so gesammelten Hellern seinem Zweck entfremdet werden. Noch war der schreckende Nachhall jener Schmutzkampagne wach, Herzl habe die Ko- Purim ■■■■■■■■■MBaBMMUMBUfcfcat-irf i' rtK.mu »«iam————— lonialbank bloß deshalb gegründet, um sich zu bereichern . . . Die Nationaitondsmarken waren ein« streng verrechenbare Drucksorte, durch ein verwickeltes System von Talons und Kupons geschützt Und als diese Marken später gummiert wurden, damit jeder Zionist sie auf seine ausgehende Post kleben könne, empfahlen wir Fanatiker überdies Handstempel, womit die Absender die aufgeklebten Marken entwerten sollten, um ihre allfällige Wiederverwendung durch knickerische Empfänger zu verhüten. Der hebräische Thespiskarren (Reiseeindrücke aus Erez Israel.) Von Dr. Oskar Neumann. Welches Volk der Erde hat noch eine so gestrenge Lehrmeisterin der Einfühlungs- und Einlebungskunst in fremde Seelenleben und Kulturen gehabt, wie «Gottes ewiges Wandervolk»? — Hat die grausame Peitsche dieser harten Lehrmeisterin Geschichte es nicht immer wieder von Land zu Land gepeitscht, von Kulturkreis zu Kulturkreis — ihm nur gerade so viel Atempause gönnend, daß es die stets wanderbereiten Zelte aufschlagen konnte zu kurzer Rast? Und mußte es sich nicht während dieser kurzen Rast dem neuen Milieu, den neuen Lebensbedingungen irgendwie anpassen, in das Seelenleben des jeweiligen Gastvolkes einfühlen, auch wenn es seine eigene Geistes- und Gedankenwelt unentwegt weiterlebte? Und es ist darum wohl natürlich, daß gerade auf dem Gebiete der reproduzierenden Künste (zum Teile sicherlich mit Unrecht so benannt, weil auch ihre wahre Ausübung eine schöpferische Eigenpersönlichkeit zur Voraussetzung hat), die tiefste Einfühlungsfähigkeit, das Erlauschen und innerliche Erfühlen fremder Seelenwelten erfordern, so viele Künstlerpersönlichkeiten dieses Volkes — zumeist mehr unbewußt als bewußt mit ihm noch verbunden.— bis zu Spitzenleistungen emporgestiegen sind. Daß es besonders unter den Prominentesten der Schauspielkunst so viele Söhne dieses Volkes gibt und daß es gerade in den letzten Jahren eine hebräische Theatertruppe war, die durch den bezwingend-hinreißenden Rhythmus, die mächtige, ungemein disziplinierte Dynamik und die auf das feinste ausgefeilte Mimik ihres Zusammenspieles die gesamte Kulturwelt begeistert und im Sturme alle Herzen sich erobert hat: «Habimah», die ehemalige Moskauer hebräische Theatertruppe, die nunmehr in Erez Israel ihre wahre Heimat und die dauernde Stätte ihres künstlerischen Pionierschaffens gefunden hat, um auf diesem jungen Fundament an den Grundlagen einer neuen hebräischen Kultur und Theaterkunst schöpferisch mitzubauen. Wieviele wissen um den harten, dornenvollen Weg dieses künstlerischen Pioniertums, das nur ein äußerst disziplinierter, idealistischer Wille gestalten und all diesen Schwierigkeiten zum Trotz, auf eine solche Höhe entwickeln konnte? Und wieviele wissen lim die großen und schwierigen künstlerischen Aufgaben, die hier ihrer Lösung noch harren? Denn Kultur und Kunst können ja nicht, auch wenn der stärkste schöpferische Wille dazu vorhanden ist — ein Homunkulus — künstlich in der Retorte erzeugt werden. Sie sind ja doch das Produkt einer organischen Entwicklung, eines natürlichen, schollenverwurzelten Wachstums und — bei aller revolutionären Gebärde — einer gewissen künstlerischen Tradition. Aber gerade die große Aufgabe reizt, der große Gedanke einer so eigenartigen nationalen Renaissance beschwingt die Kräfte, löst die Hemmungen, und die Chaluzim am Pfluge haben in den Chaluzim am Thespiskarren würdige Genossen gefunden. Auch diese bauen, hämmern, schaffen, träumen, kämpfen und darben wie sie. «Habimah spielt!» — das ist wie ein sprühender Funke, der den ganzen jungen Jischuw elektrisiert und alles in Bewegung setzt, Was in diesem Lande geistigkulturelle Interessen hat — und wer hat hier keine? Ist es nicht bezeichnend für den Kulturstand dieser Gemeinschaft, daß dieses kleine Land heute schon vier Theatertruppen, darunter zwei von europäischem Format, hat? Denn außer der «Habimah» gibt es hier noch die ausgezeichnete Truppe des Arbeitertheaters «ühel», dann noch eine vorwiegend dramatische Truppe und schließlich die kabarettartige, politisch-satirische Bühne «Matat6». Und hier ist diese Bühne wirklich vielfach noch moralische Anstalt, die belehrt und erzieht, und auch nicht davor zurückschreckt, der Gesellschaft ihr Zerrbild im Spiegel schärfster, aber bei aller Schärfe zumeist feiner und geistreicher Satire entgegenzuhalten. Pessachhalbfeiertage in Tel-Aviv . . . «Habimah» spielt! Burgtheaterreminiszenzen werden lebendig, wenn man vor der hölzernen Bretterbude, die sich Kassa nennt, steht und die Riesenschlange betrachtet, die sich da Schritt um Schritt näherwindel und gar nicht kleiner werden will. Diese Eintrittskarten wollen im wahrsten Sinne des Wortes erstanden sein. Gegen zweitausendsechshundert Personen faßt das Beth-Haam der Arbeiterschaft, der große, teilweise gedeckte Versammlungsraum — in welchem die erste Vorstellung, der «Dybuk», stattfinden soll. Wahrscheinlich sind zweitausendsiebenhundert Menschen anwesend, denn wenn du dich ein wenig von dem Sitze erhebst, gleitet dein Blick über ein Meer von Köpfen und bis zu den Holzplanken der Umzäunung steigt es empor — Kopf an Kopf. Ein brandendes, wogendes, raunendes Meer -- ein Publikum, wie uu es wohl kaum noch in einem Theater der Welt zu Gesicht bekommst. Fast durchwegs junge, scharfprofilierte, bebrillte, intelligent« Gesichter, mit harten, schwieligen Händen in einfachen Arbeitsblusen — Burschen und Mädchen — Chaluzim! Arbeiterpioniere aus der Stadt selbst und allen umliegenden Kolonien. Gespannte, erwartungsvolle Gesichter, für die es kein größeres Glück gibt, wie diesen Tag des physischen Feierns, mit einem Feste des Geistes beschließen zu können. In den vorderen Reihen auch viel städtische, bürgerliche Intelligenz. Ein Chaos von hebräischen Worten, Zurufen, Begrüßungen, Wiederseliensfreuden umflutet dich und wenn du schon sehr zusammengerückt bist, wirst du wohl noch einige AAale rücken müssen, denn noch immer kommen Neue — und auch hier denkt und fühlt man in und für die Gemeinschaft. Da mußt du deinen europäischen Bequemlichkeitsegoismux schon ein wenig zu Hause lassen. Denn hier diktiert das ungeschriebene Gesetz einer neuen Gesellschaft. Schon tlimmern in mystischem Gefunkel die ersten Sterne auf und ihr zartblaues, mondsilberdurchwirktes Licht ist wie eine wundersame Ouvertüre zu dem seltsamen mystischen Spiele, das nun beginnt. Und wenn auch die drei warnenden Glockenzeichen noch lange nicht die schwatzenden und froh erregten Gemüter beruhigen können, wenn auch die Worte der ersten Szene in der strudelnden Brandung von allen Seiten aufzischender «Schäket»-Rufe ho»f— nungs- und rettungslos untergehen — bald bewirkt der Zauber des Spieles die große Transsubslantiation — und durch das atemanhaltende Schweigen def Riesenraumes — nur hie und da von einem ferne® Autosignal oder einer verschwebenden Musik durchbrochen, blickt nur ein einziges riesiges Auge, lauscht nur ein einziges Riesen rohr, empor zum Bühnenaltar, auf dem sich der seltsame Mythos des jungen Kabbalisten Chunon und seiner Verlobten Lea vollzieht... Es ist mehr als Theater, was da spukartig über die Bühne hinhuscht, den Schleier unfaßbaren Geheimnisses um die Dinge breitet und durch den Schleier hindurch den blauen magischen Schein anderer Seinsstufen aufflimmern läßt — jenseits unserer Erkenntnis. Es ist eine Kristallisation übersinnlichen Geschehens in der harten Welt der Realitäten. Ein Legendenspiel mit all seiner tiefen, volksverwurzelten Zartheit und herben Wucht. Es liegt über dieser erdenfernen Welt der Kabbalah und des Chassidismus — die hier in die Sphäre des Alltags gerüdcä

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