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Die Stimme · 1932-02-25 · Heft 216 (25.2.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 216 (25.2.1932)
Date
1932-02-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 216 — 25. Februar 1032 DIE STIMME Seite 3 Dev Weg ins Freie Steinmann und Schlonsky sprechen Sonntag, den 21. Februar, abends, fand im Herzl- Saal, Untere Augartenstraße 38, der unter den Hebräern Wiens mit großer Spannung erwartete Vortrag der beiden Schriftsteller aus Palästina, Elieser Steinmann und Abraham Schlonsky, statt. Die Spannung war berechtigt. Allerdings nicht im Sinne derjenigen, die glaubten, daß der Herausgeber der «Ketuwim» persönliche Angriffe gegen gewisse Persönlichkeiten der hebräischen Literatur richten werden; in dieser Hinsicht wurden die Erwartungen — wenn man so sagen darf — «enttäuscht». Aber diejenigen, die ein wahres und Inniges Interesse an Literatur im allgemeinen und an hebräischer Literatur im besonderen haben, die kamen auf ihre Rechnung. Steinmann und Schlonsky haben wirklich Vieles zu sagen. Und was sie sagen, das ist von innerem Glauben, von unbedingtem Ueberzeugtsein und von Mut getragen. Als-erster betrat Elieser Stein mann das Podium. Dieser hervorragende Schriftsteller, in dessen Werken ein ungeheurer Gedankenschatz aufgespeichert und dessen künstlerischer Blick unerhört scharf ist, hat es nicht leicht, im Rahmen eines kurzen Vortrages seinem Gedankengange den richtigen Ausdruck zu verleihen. Dazu ist sein inneres Erleben zu vulkanisch. Er führte ungefähr aus: Wir wollen vor allem wissen, was Kunst ist und wozu Kunst verpflichtet. Die Beziehung der Juden zur Kunst war nie natürlich und sie ist es auch heute nicht. Wir haben keinen Staat, wir müssen politisch kämpfen und deshalb stellen wir alles, die Kunst inbegriffen, in den Dienst politisch nationaler Ziele. Wir waren und wir sind deshalb auch immer intolerant denjenigen Reservieret gegenüber, für die die Kunst etwas anderes ist, als bloß ein Mittel zum Zweck, und wir bekämpfen sie, wie wir nur können. Wenn ich «wir» sage, meine ich natürlich nicht uns, die «Ketuwim»-Gruppe, sondern die Juden im: allgemeinen. In der heutigen hebräischen Literatur haben wir zwei Lager. Das eine sagt: das Judentum kann noch warten. -Es braucht nichts Neues. Die Vergangenheit kann nachleben. Wir haben genug zu tun, wenn wir das große Erbe der Tradition verarbeiten. Das andere Lager hingegen, behauptet: Wir sind heute am Scheidewege und müssen uns entschließen, einen neuen, einen breiten Weg zu gehen. Wir brauchen keine Exotik des Judentums. Wir bekämpfen die Einschränkung des jüdischen Schaffens auf die spezifischen Aeußerlichkeiten des jüdischen Lebens, wir wünschen keinen «Dibuk», als den Repräsentanten des jüdischen Schaffens und wir bekämpfen den «Dibukismus». Wir bekämpfen auch das Verhältnis zur Literatur, das ich am liebsten als ein Touristenverhältnis bezeichnen möchte. Ein Tourist sieht nur den schönen mittelalterlichen Turm, nur die großartige Bastei, aber nicht die Siedlung von Häusern, Arbeiterheimen, Werkstätten und so weiter. Wir, die Gruppe der «Ketuwim», wir würdigen die Vergangenheit. Wir lieben die Tradition. Aber die Vergangenheit und die Tradition, das darf nicht alles sein und darf uns nicht der Pflicht entheben, heute Neues zu schaffen. Wir hatten Propheten, Genies, die in die Zukunft sahen und ihrer Gegenwart unverständlich waren. Dürfen wir noch heute von den Propheten leben? Darf man sich ein derartiges Parasitentum leisten? in der Galuth werden von Zeit zu Zeit — so auch letztens — große Feste für das hebräische Schaffen und das hebräische Buch veranstaltet. Dann ist das Fest vorbei und schon am nächsten Werktag flaut das Interesse ab. Wir brauchen keine Gastspiele, keine momentanen Injektionen! Wir müssen Menschen aus Palästina hierherschicken, die längere Zeit hier weilen und das Interesse an der hebräischen Literatur nicht nur wachrufen, sondern auch am Leben erhalten können. Wir bekämpfen auch das «patriarchalische System», das in der heutigen hebräischen Literatur herrscht und das jedem jungen Schaffenden große Schwierigkeiten bereitet. Wir bekämpfen den hebräischen Folklor in allen seinen Erscheinungen. Wir bekämpfen die Anschauung, wir wären ein Volk des Buches und zwar des einen, einzigen Buches, demzufolge wir kein anderes brauchen. Wir wollen keine Starrheit und Leblosigkeit und wir müssen doch den kommenden Generationen den Weg ebnen und das geistige Leben des Volkes vom Prinzip der Familiarität befreien. Wohlgcmerkt, wir bekämpfen nicht die Vergangenheit — gerade das Gegenteil ist wahr. Aber wir wollen uns von ihr befreien, um sie richtig zu verstehen und den Boden für neues, wahres Schaffen vorbereiten. Wenn man uns einen Vorwurf macht, unsere Kritik wäre scharf, dann ist dies ein Vorwurf, der ins Leere trifft. Eine Kritik muß scharf sein. Ein Kritiker ist wie ein Operateur. Er schneidet, um den Patienten gesund zu machen. Nach Steinmann ergriff der junge Dichter Abraham Schlonsky das Wort. Seine Worte, gesprochen ohne Pathos, aber von innerem Leben durchzittert, zielsicher und vom Schwung einer poetischen Seele getragen, verfehlten nicht, auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck zu machen. Was Schlonsky sagte, hatte nicht nur bis in die letzte Einzelheit durchgedachten Inhalt, sondern auch eine glänzende, künstlerisch geformte, äußere Form. Diejenigen, die ihn und seine Werke nicht kennen, mußten merken: ein hundertprozentiger Künstler, ein Vollblutdichter von Temperament und Originalität, ein Meister der hebräischen Sprache spricht zu ihnen. Schlonsky knüpfte vorerst an Steinmanns Aeußerung an über das Feiern der hebräischen Feste, dem ein Werktag der Interesselosigkeit folgt. Wozu brauchen wir derartige Feste, wenn nachher unter dem Vorwände: wir hatten doch ein Fest, nichts geleistet wird? Das viel umstrittene Problem der Vergangenheit hat in bezug auf «Ketuwim» eine Reihe von Mißverständnissen hervorgebracht. Wir, die Gruppe der «Ketuwim», sind durch und durch modern. Wir knüpfen an die moderne Weltliteratur an, aber wir geben den entsprechenden Raum auch der Vergangenheit. Und wir anerkennen das Gestern, aber das Gestern anerkennen, heißt bei uns noch lange nicht, die Wege von gestern gehen. Es ist wahr, und wir sind darauf stolz: Wir haben eine herrliche Literatur der Vergangenheit. Aber 19. März 1932 ziemt es sich denn, von der Rente unserer Vorfahren zu leben? - - Es ist schwer für einen modernen jüdischen Menschen, sich heute in der hebräischen Literatur auszuleben. Seine Probleme finden kein Echo im hebräischen Schaffen, sein inneres menschliches Leben keinen Platz darin. Die heutige hebräische Literatur ist zum größten Teile eine Folklor-Literatur. Und es ist nicht zu verstehen, warum denn diese, meiner Meinung nach, durchwegs assimilatorische Einstellung zur hebräischen Literatur Oberhand behält. Jawohl, assimilatorisch ist sie, wie die Einstellung jener Reformjuden, die irgendein Sentiment für Palästina haben, aber nur für das Palästina der Denkmäler, der Klagemauer und des Rahel-Grabes. Das moderne zionistische Aufbauwerk interessiert sie nicht. Und uns ist der Klagemauer wegen Tel-Aviv und Emek wichtig, und wenn wir erst das in die Region der Literatur hinübergeleitet haben, haben wir das richtige Verhältnis unserer Gruppe zur Vergangenheit und den Wunsch nach organischer Verschmelzung des Gestern und Heute präzisiert. Man wirft uns eine übertriebene Schärfe der Kritik vor. Aber bedenken Sie doch: Wir sind eine kleine oppositionelle Gruppe. Da zwingen uns doch die Verhältnisse, scharfe Kritik zu üben. Aber auch die Zeit fordert es. Ich bin nicht allzu optimistisch gesinnt und ich glaube nicht, daß wir auf viel Verständnis stoßen werden. Aber ist es denn nicht höchste Zeit, uns aufzuraffen und zu verstehen, daß das wahrhaft Jüdische mit dem äußerlich Jüdischen nichts zu tun hat? Ist das Wolgalied und der «Hopak»-Tanz der Ausdruck der russischen Seele und des russischen Schaffens, oder Tolstoi und Dostojewski? Ist es nicht schon allerhöchste Zeit, daß wir unsere moderne Einstellung in anderen Vollsein, regelwidrige Gärungsvorgänge im Dickdarm, Magensäureüberschuß, Leberanschoppung, Gallenstockung, Brustbeklemmung, Herzklopfen werden zumeist durch das natürliche «Franz-Josef»-Bitterwasser behoben und der Blutandrang nach dem Gehirn, den Augen, den Lungen oder dem Herzen vermindert. Sprachen, in anderen Kulturkreisen, auch auf da« Hebräische ausdehnen, damit die hebräische Literatur nicht mehr eine exotische Blume, sondern eine gesunde, sich voll in allen Richtungen entwickelnde Pflanze werde? Wir sehnen uns nach dem Weg ins Freie und wir werden den Weg ins Freie finden I Nach diesen Ausführungen Abraham Schlonsky« sprach noch Prof. Dr. K a m i n k a, der einerseits den jugendlichen Schwung der «Ketuwim»-Gruppe anerkannte, anderseits aber von dem.Bruche mit der Vergangenheit und der Tradition warnte und auf die Notwendigkeit der organischen Zusammenarbeit mit der Vergangenheit hinwies. Es war ein Abend, wie wir ihn in Wien äußerst selten haben, ein Abend wichtigen, wenn auch «nur» kulturellen Problemen gewidmet. Ein Abend, der zweifellos Vielen gehaltvollen Stoff zum Nachdenken gegeben hat und der im Laufe der Zeit bestimmt Früchte zeitigen wird. Wir können jedoch nicht umhin, anläßlich dieses Berichtes noch auf etwas hinzuweisen, was von fast allen Anwesenden unangenehm empfunden wurde: Der Abend war von der «Histadruth iwrith» veranstaltet. Und doch fand es die Leitung der «Histadruth» nicht für nötig, die beiden Schriftsteller zu Beginn des Abends durch eines ihrer Mitglieder zu begrüßen. Abgesehen davon, daß dies nirgends und niemals üblich ist, konnte das den Eindruck erwecken, daß darin eine besondere Spitze gegen die beiden Schriftsteller enthalten sei. Wir sind nicht dazu da, um die Gründe zu untersuchen, aber feststellen müssen wir: so übt man nicht Gastfreundschaft überhaupt und palästinensischen Schriftstellern gegenüber im besonderen. War diese Taktlosigkeit notwendig? w. Nocheine Erinnerung an Gordon In der vorletzten Nummer der «Stimme» hat u-ns Jeh-uda dankenswerter Weise jene Tage nach dem Umsturz in Erinnerung gerufen, da wir zum erstenmal mit Repräsentanten des arbeitenden Palästina in Kontakt kamen, mit dem jüdischene Arbeiterpioniertum, dessen gelebte Wahrheit uns Martin Buber durch die Herausgabe des deutschen «Jiskor» kurz vorher vermittelt hat. Die Ausführungen Jehudas geben ein Bild jenes tiefen Eindruckes, den die wahrhaft ehrfurchtgebietende Persönlichkeit Gordons auf uns alle gemacht hat. Ich möchte hier eine Aeußerung Gordons selbst mitteilen, die für das Denken und Fühlen dieses jüdischen Arbeite*« Philosophen überaus charakteristisch ist. Ich befand mich unter jenen von Jehuda erwähnten «jungen Burschen, die'— nach einer Gordonversammlung — debattierten» und Gordon beteiligte sich an unserem Diskurs. Wir waren organisierte oder sympathisierende Poalezionisten und vertraten Gordon gegenüber, der immer wieder das persönliche Pioniertum als das Zentrale der jüdischen. Arbeiterbewegung Purim betont wissen wollte, die Notwendigkeit einer selbständigen politischen Arbeiterpartei in Palästina. Als ich schließlich bemerkte, daß politische Partei doch Pioniergesinnung nicht ausschließe, schleuderte mir Gordon das Wort entgegen! «Lo chaver miflagah ze-bizah, nein Chaver, Partei, das ist Sumpf». Dieser Anspruch war von einer überaus lebhafte» Geste begleitet, die von dem so jugendlichen Temperament dieses Greises zeugte. «Partei ist Sumpf», dieses Wort Gördons bringt seine geistesgeschichtliche Stellung klar zürn Ausdruck; er ist mit Tolstoi und Gustav Landauer Vertreter der anarchistischen Sozialauffassung, die den Schwerpunkt des geschichtlichen Geschehens und gesellschaftlichen Seins vom Staat und von der Partei in die kleinen Gemeinschaften,! in die Kameradschaft, Familie und Gemeinde verlegen w.ill. Es ist die Tragik Gordons, daß sich das Utopische dieser Ideologie an seiner eigenen Gruppe vor seinen Augen erweisen mußte: die Eingliederung des Hapoel Hazair in den von ihm mitgegründeten Weltverband Hitachdut war der deklarative Abschluß der tatsächlichen, geschichtlich notwendigen Metamorphose des Pionierbundes zur Arbeiterpartei. Dr. Max Pilz er. Curtis und Borah, Ehrenpräsidenten des American Palestine Committee London (J. T. A.). Emanuel Neuman, das amerikanisch« Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, teilte der JTA. mit, er habe soeben aus Amerika die telegraphische Mitteilung erhalten, daß der Vizepräsident der Vereinigten Staaten Charles Curtis und der Vorsitzende des Komitee« für auswärtige Angelegenheiten im amerikanischen Senat» Borah, die Ehrenpräsidentschaft im American Pro Palestine Committee übernommen haben. März GH für »Die Stimme'?

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