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Die Stimme · 1932-02-18 · Heft 215 (18.2.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 215 (18.2.1932)
Date
1932-02-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DTE STIMME Sette 9 ffc. 213 — 18. Februar 1932 Ein Gespvfich mU dieser Steinmann und Abraham Schlonsky «. . . Vor allem möchten wir Sie bitten, daß Sie in -der «Stimme» ein zweifaches Dementi bringen. Es i&t. nicht wahr, daß wir prinzipiell Feinde der jiddischen Sprache sind. Von einer chauvinistischen Einstellung gegenüber dem Jiddisch kann keine Rede sein. Ich selbst, — sagt Steinmann — schreibe doch auch in jiddischen Blättern. Weiters möchten wir entschieden auch das Gerücht dementieren, daß wir nach Wien gekommen sind, um gegen Bialik aufzutreten. Diesen Eindruck konnte man gewinnen, als man den Aufsatz über uns Im «Neuen Wiener Journal» las.» Wir befragen die beiden Schriftsteller über ihre Einstellung zu den Problemen der hebräischen Literatur und die von ihnen herausgegebene Wochenschrift «Ketuwim». Die Antwort lautet: «Ketuwim» war ursprünglich ein offizielles Organ der gesamten hebräischen Schriftstellerschaft Palästinas. Wir versprachen uns davon eine tatkräftige Förderung und Entwicklung der hebräischen Literatur. Wir hoffen, daß die hebräische Literatur in Palästina bald den Weg ins Freie finden werde. Die Schaffung •Ines derartigen Organes setzte einen Waffenstillstand Reservieret zwischen den beiden ideologisch sich bekämpfenden Gruppen innerhalb der Schriftstellerschaft Palästinas voraus. Wir zwei (Steinmann und Schlonsky) haben die Bedingungen des Waffenstillstandes eingehalten. Leider war es von der andern Seite nicht der Fall, und so kam es zti einem Bruch. Dieser Bruch war aber nicht, wie viele glauben, eine Folge der Affäre Asch und Hirschbein. Das war bloß der unmittelbare, äußere Anlaß. In Wirklichkeit lagen die Gründe tiefer.» . «In der heutigen hebräischen Literatur gibt es leider keine «freie Konkurrenz» des Schaffens. Die Politik dominiert über unserem ganzen Leben. Nationale; Notwendigkeiten drücken ihren Stempel auch allen Geistesangelegenheiten auf. Unsere Schriftsteller werden nicht, , wie bei allen anderen Völkern, vom literarischen und künstlerischen Standpunkt, sondern vom sozusagen patriarchalisch-nationalem Aspekte aus beurteilt. Dazu, gesellt sich noch der Umstand, daß für die große Masse der Juden die hebräische Literatur nur eine Art Dekoration ist. Das Verhältnis zu ihr ist nicht persönlich und: innig, sondern es ist ein Touristenverhältnis. Es, ist schwer, das zu sagen, aber es muß gesagt werden: Das Judentum hatte nie eine ernste, unmittelbare Beziehung zum künstlerischen und literarischen Schaffen. Die Kunst war bei uns immer ein Mittel zum Zweck und diente dem Judentum als solchen, nicht dem einzelnen Menschen. Unsere Literatur war nie die Hausfrau, sondern immer die Bedienerin. Warum ist es so? Was steht uns im Wege?» «Die hebräische Klassik widmete sich nie wichtigen inneren menschlichen Problemen. Für sie waren die Aeußerlichkeiten des Lebens, wie sie sich im Folklor, in der Beschreibung der Eigentümlichkeiten des jüdischen Lebens usw. äußern, das wichtigste, wenn nicht das einzige Motiv. Als Achad Haam seine Zeitschrift «Haschiioach» gründete, sagte er: «Ich will eine Plattform für den jüdischen Gedanken schaffen,» Wie bezeichnend ist das für unsere Mentalität: Der jüdische Gedanke wird hervorgehoben in der hebräischen Literatur. Man könnte diesen Gedankengang weiter spinnen und sagen: Gedichte, Lyrik usw. haben wir ln änderen Sprachen, das brauchen wir in der hebräischen Literatur nicht ...» «Leider ist diese Beziehung zur Literatur bei uns auch heute geblieben. Und in Palästina, im neuen jüdischen Lande, wo normales jüdisches Leben sich entwickelt, sollte es doch anders sein. Aber es ist nicht anders. . Ein «Hechscher» für Literatur hat bei uns nur dasjenige Schaffen, das ein Ausdruck nationalen Pionlertums ist.» Und . jetzt wollen wir 'auf eine interessante Tatsacheaufmerksam machen. Diese Beziehung zur Literatur, die das Rationale betont, ist, wenn es auch paradox, klingt, von keinem nationalen Werte, sondern eher ein Ausdruck der Assimilation. Am besten kann man das an einem Parallelbeispiel erklären: Auch Assimllanten haben eine Beziehung zu Palästina. Aber was sehen sie in unserem Lande? Nur das Grab Rahels,; die .‘ Klagemauer, kurz die ehrwürdigen Denkmäler'der Vergangenheit. Einem Zionisten sind diese Denkmäler nicht minder heilig. Aber darüber hinaus fieht>er<und liebt er das neue Palästina: den Emek, die Kolonien, die junge Industrie. Einem Assimilanten ist das\ unwichtig: Tm heiligen Lande Fabriken? Fabriken haben wir in Deutschland!» : «Dieselbe assimilatorische Einstellung kann man ja' auch 'bei unseren Hebraisten bemerken. Es gibt solche unter ihnen, die nur für alte ehrwürdige Gebete Verständnis haben und nicht für die moderne, lebende Sprache» «Wir verlangen lür di* hebräische Literatur dieaetbea Rechtog wie Jede andere Literatur sie hat Bleibt sie auf spezifisch jüdische Motive beschränkt, dann ist sie tot, eine Gruft . . .» «Dabei möchten wir nicht den Eindruck erwecken, als ob wir die Tradition bekämpfen wollten. Unser Palästina ist die Klagemauer u n d Tel^Aviv. Nicht nur das Eine, oder nur das Andere. Und .wer behauptet, daß wir gegen die Vergangenheit und Tradition sind, der mißversteht uns. Organischer Zusammenhang zwischen Gestern und Heute — das ist die Hauptsache Diesen organischen Zusammenhang wollen wir herbeiführen. Und wer wirklich die Vergangenheit versteht, der weiß: Sie verlangt nicht Nachahmung, sondern fordert von uns, neue Wege zu suchen. Das Suchen dieser neuen Wege ist bei uns leider sehr schwierig. Und zwar nicht infolge innerer Schwierigkeiten, sondern infolge äußerer Hemmungen. Es geht uns wie einem Auto, das hinter einem anderen steht, das eine Panne erlitt und den ganzen Straßenausgang blockiert. Wir können nicht nach vorwärts.» Ich befrage dann die beiden Schriftsteller über ihre jetzige Arbeit und ihr gegenwärtiges Schaffen. Schlonsky veröffentlicht demnächst zwei neue Gedichtesammlungen unter dem Titel «Krakle 1» (der Gott der Großstadt) und «Awnej Bo hu» (Steine im Chaos). Außerdem arbeitet er jetzt an einer Autobiographie in der Form eines Zyklus von Gedichten. Diese Autobiographie wird zugleich die Biographie der heutigen jüdischen Generation sein. Elieser Steinmann bereitet jetzt drei Romane zum Druck vor, und zwar «Paamej Awiw» (Die Schritte des Frühlings) in vier Bänden, dann «Sod- 19. Marz 1932 doth» (Geheimnisse) und «Meolam Hatohu» (Aus der Welt des Nichts), ebenfalls in vier Bänden. Kürzlich erschien Im Verlag der «Ketuwim» sein Werk «Dudaim», nur für einen ganz kleinen-Kreis bestimmt, in einer Auflage von 250 Exemplaren. Wir sprechen dann über die junge palästinensische Lyrik, über die Arbeiterbühne «Ohel» und andere Probleme des kulturellen Palästina. Darüber näheres in der nächsten Nummer unseres Blattes. Und über die wesentlichen Fragen der junghebräischen Literatur, über viele Einzelheiten, die im Rahmen eines Interviews keinen Platz finden können, werden wir Gelegenheit haben, Ausführliches bei der Veranstaltung der Histadruth Iwrith Sonntag, den 21. d., um 8 Uhr abends, wo die beiden Schriftsteller sprechen werden, zu hören. w. Vortrag Steinmann und Schlonsky Die Histadruth iwrith-Brith iwrith olamith veranstaltet Sonntag, den 21. Februar, um 8 Uhr abends, im Herzl-Saale, II., Untere Augartenstraße 38, einen Vortrag der hebräischen Schriftsteller A. Steinmann und A. Schlonsky über die neuen Strömungen in der hebräischen Literatur. Karten: Buchhandlung M^ Rath, II., Taborstraße 20a, Keren Kajemeth, I., Kämtnerstraße 28, Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt, Praterstraße 13. Steinmann und Schlonsky im Malmönides-lnstitut Samstag, den 13. Februar, besuchten die Schriftsteller Elieser Steinmann und Abraham Schlonsky das Maimonldes-Institut, wo sie von Herrn Dr. Kaminka mit einer längeren Ansprache begrüßt worden sind. Diese Ansprache wurde von Herrn Steinmann erwidert. Und beim Delegiertentag der „Judäa“ Samstag abends erschienen die beiden Schriftsteller beim Delegiertentag der «Judäa». Magenschmerzen, Magendruck, Verstopfung, Darmfäulnis, galliger Mundgeschmack, schlechte Verdauung, Kopfweh, Zungenbelag, blasse Gesichtsfarbe werden häufig durch Gebrauch des natürlichen «Franz-Jo$ef»-Bitterwassers, ein Glas voll abends kurz vor dem Schlafengehen, behoben. — In sämtlichen Apotheken und Drogerien erhältlich. Schneidep iüp ieine Heppengarderobe Jakob Örnslein Wien, 2. Bezirk, £iUnbrQjwgaueTVr.$ S!«zdt Tictnsnhtückti) slopboa f/9. A Warschauer Brief (Von unserem Korrespondenten) Der Parteitag der Zionistischen Organisation ltn ehemaligen Kongreßpolen wurde am letzten Sonntag im Jänner überaus feierlich eröffnet. Seit Monaten hat das Zentralkomitee eine Registrierung der Parteigenossen durchgeführt, um eine möglichst breite Basis für den Parteitag zu schaffen und der Fraktionssucht mit Erfolg zu begegnen. Dieser taktische Erfolg hat gute Resultate gezeitigt und den Nachweis erbracht, daß sowohl alle alten Führer der Eth-Liwnoth-Gruppe als auch viele neue Häuptlinge der Revisionisten in der Provinz wenig Anhang besitzen und vollkommen Isoliert dastehen. Wenn angesichts der schrecklichen Wirtschaftslage der Registrierungsbeitrag von einem Zloty keine Rolle gespielt hätte, wäre die Zahl der Registrierten — namentlich in der Provinz — viel größer gewesen. Am Parteitag haben also alle Anhänger der Al Hamaschmar-Gruppe teilgenommen, welche diszipliniert und geschlossen hinter dem Führer Izchak Grünbaum stehen, ferner die ganze Masse der Eth-Liwnoth- Gruppe. mit Ausnahme der an den Fingern einer Hand aufzuzählenden Warschauer Führer dieser Grupp* Lewite, Gottlieb, Appenschlag und Heftmann und schließlich eine 18 Mann starke Gruppe der Revisionisten mit Ing. Glücklich an der Spitze, welche nach dem letzten revisionistischen Parteitag sich selbständig gemacht hat. Der Parteitag brachte eine erwünschte Klärung der Grundprinzipien der Landespolitik und ist als wichtiger Markstein in der Vereinheitlichung der Bewegung zu werten. Die Führer der Opposition waren der Lodzer Rabbiner Dr. Brande und der Tarbuth-Führer Rosenheck aus Rowne. Beide brachten lichte Momente in die Debatte und bekämpften die erfolglose LandespolltiK Grünbaums. Die stärksten Momente der Debatte waren, wie immer, die gehaltvollen Ausführungen Grünbaums, welcher starr und konsequent an seinen Prinzipien festhielt und Jen Kampf um jüdische Rechte und Belange als das Um.und Auf der jüdischen Gaiuthpolitik hinstellte. Der Abschluß des Parteitages gestaltete sich auch Purim zu einem beispiellosen persönlichen Erfolg ÜrUnbaums, welcher zum Ehrenpräsidenten der Zionistischen Organisation Polens proklamiert wurde. Grünbaum gedenkt übrigens, in wenigen Wochen Pölert für Immer zu verlassen und zunächst nach Paris zu Ubersiedeln. Der Abschied Grtinbaums von der aktiven politischen Betätigung in Polen wird von Freund und Feind innig betrauert. Allgemein ist die Ansicht verbreitet, der auch Dr. Brande Ausdruck verliehen hat, daß die Uebersiedlung Grünbaums ein Unglück für das polnisch« Judentum bedeutet Die letzte Nachtsitzung des Parteitages, welcher um 8 Uhr früh am Mittwoch seinen Abschluß fand, zeichnete sich durch rührende Szenen des Abschieds und der innigen Verehrung für den scheidenden Führer aus. In dieser Stimmung der allgemeinen Versöhnung und Verständigung wurden die meisten Resolutionen einhellig angenommen und der Zusammenschluß aller anwesenden und repräsentierten Gruppen proklamiert. Das neugewählte Zentralkomitee besteht aus Doktor M. Klumel, Dr. M. Brande, Dr. J. Davidsohn, M. Ellenberg, M. J. Freid, A. Goldberg, J. Gravickl, Ing, Glücklich, Advokat Hartglas, Ing. Körner, Abgeordneter Rosenblatt, Dr. Schipper, M. Kirschenbaum und Ing. Landstok. Grünbaum Heß es sich natürlich nicht nehmen, auch im Parlament sein Schwanenlied zu singen und der Regierung im Rahmen der Budgetdebatte das ganze Sündenregister noch einmal vor Augen zu führen und seine oppositionelle Stellung mit starken Argumenten zu unterstreichen. Im Gegensatz zu den galizischen Abgeordneten, welche an der Abstimmung über das Budget nicht tellnahmen, hat Grünbaum zusammen mit dem Lodzer Abgeordneten Dr. Rosenblatt gegen das Budget sein Votum abgegeben. Es verlautet, daß als Nachfolger Grünbaums der bewährte und dem früheren Sejm angehörende Abg. Hartglas designiert ist und daß somit das Mandat im Sinne seines Vorgängers ausgeübt werden wird. Ob das neugewählte Zentralkomitee in gleicher Weise die Lücke nach dem Ausscheiden Grünbaums ausfüllen wird, muß abgewartet werden. Am Boden der Warschauer Kultusgemeinde dauern die unliebsamen Parteikämpfe an. Letzthin kam es zu einem vielbemerkten Rencontre zwischen Dr. Schipper urid dem Revisionisten Dr. Dralicz, welcher die Solidarität* mit den zionistischen Kultusvorstehern gebrochen und deutliche Annäherungsversuche an die derzeitigen agüdlstlschen Führer der Kultusgemeinde zu verantworten haben wird. $o wirken sich die Beschlüsse der Warschauer Revisionistenkonferenz auch im außerzionistischen La« ben überaus nachteilig aus. / Dr. Arnold Friedma*9

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