Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 214 (11.2.1932)
- Date
- 1932-02-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 214 — 11. Februar 1932 > i Seite » U. A. w. g. Zat Frage des detitscben Soidentenrecftta. Vor einiger Zeit besuchte ich nahe Verwandte und Freunde in Graz. In der schönen Musenstadt an der Mur erfuhr ich manches Ober den Drahtzieher der «weltbewegenden* Studentenordnung, den Professor Wenzel Gleispach. Man wußte hier bis vor wenigen Jahren nichts vom Deutschtum Wenzels. Im Gegenteil war es hier mAnnigiich bekannt, daß Wenzel, der Sohn des gewesenen Grazer Oberlandesgerichtsprüsidenten und späteren Justizministers, des Vaters der famosen Sprachenverordnungen unter Badeni, die dem österreichischen Deutschtum die unheilvollsten Wunden schlugen, in früheren Jahren alles weniger denn deutsch fühlte. Noch nicht lange trieft Wenzel vom Deutschtum. Sein Ucberdeutschtum ist also verdächtig. Deshalb: Vorsicht! Frisch gestrichen! Ich feierte auch ein V/iedcrsehen mit der Aula der Grazer Alma Mater, an deren Brüsten ich als Jünger meinen Wissensdurst stillen durfte. Hier interessierten mich an den Anschlagtafeln die aus mehreren Oründen interessanten schriftlichen Kundgebungen der deutschen Studentenschaft. Diese Kundgebungen bewiesen mir wieder, wie sehr die Deutschen ihre schöne Sprache verhunzen. Diese Einladungen, Verständigungen und Erklärungen wimmelten nur so von Verstößen und Sünden wider Grammatik und Rechtsgebung und Geist der Sprache. Es ist, als ob die Ueberdeutschen, mit Wieland, Grammatik und Rechtschreibung für Prlvatlactien halten. An der Tafel des «Hochschulrings deutscher Arb las ich eine Einladung des deutschnationalen BUrgervereins zu einer Wahlversammlung. Diese Einladung trug die Unterschrift des Obmannes Universltätsprofessors Christian Maximilian N . . . Meine Ueberraschung kann man sich denken, als Ich in dem Obmann des deutcchnatlonalen Bürgervereins einen Mitschüler am Czernowitzer Obergym- «asium, Chaim Moses N.wiedererkannte. Der Obergymnasiast Chaim Moses N. war ein begeisterter Zionist und Pro-Fuchs der jüdischnationalen akademischen Verbindung «Hasmonäa» in Czernowitz. Doch blieb ihm wegen Differenzen mit Seinem Jugendfreund, dem Jetzigen Czernowitzer Ziöni&tenführer und Präsidenten der jüdischen Reichspartei in Rumänien, Dr. Mayer Ebner, die Aufnahme in die «Hasmötiaeä» versagt. Aus Aerger wurde er Mitglied des Czernowitzer Korps «Alemannia». Bei den Veranstaltungen desselben lernte er die Töchter eines Czernowitzer Universitätsbeamten kennen und ließ Sich, um sie heiraten zu können, taufen. Bel der Taufe erhielt er an Stelle der guten, alttestamentarischen Namen Chaim Möses die Namen Christian Maximilian. Seither ist er nicht nur ein guter Christ, sondern auch ein guter Deutscher geworden. Sein unverfälschtes deutsches Wesen hat auch, wie es scheint, seine Abstammung vom Stamme Abrahams völlig vergessen gemacht Und nun steht er gar an der Spitze der deutschvölkischen Bestrebungen in Graz. Solche Chaim-Moses-Deutschen, solche Rassenverböserer, solche Sünder wider das deutsche Blut gibt es nicht nur in Graz. Man findet sie in größerer Anzahl auch anderswo. Offenbar um ihre verdächtige Abstammung vergessen zu machen, können sie und ihre Sippschaft ihr neu entdecktes Deutschtum nicht genug ostentativ zur Schau tragen. Sie gebärden sich als Patentdeutsche und Rassenfanatiker und heulen tim die Wette mit ihren nationalsozialistischen Gesirtnungs- und Heil- (Heul-)Genössen das geistreiche «Juda verrecke!» An der Anschlagtafel der akademischen Vereinigung der N. S. D. A. P. (der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei) las ich die Einladung der «Adjudantur der S. A. (Sturm-Abtei- Jung) der Hitler-Partei des Gaues Steiermark» zur Teilnahme an einer Geländeübung in der Umgebung von Graz. Mit mir lasen noch zwei Studenten diese Einladung. Einer derselben äußerte sich abfällig Uber die Schreibweise «Adjudantur». Doch der andere Jüngling fm braunen Hitlerhemd widersprach seinem nörgelnden Kollegen und hielt die Schreibweise Adjudantur für richtig. «Man schreibt ja», so meinte er, «auch Jud und nicht Jut.» Wo er Recht hat, hat er Recht, der feuchtnasige Ignorand. Jawohl: Ignorand. Denn man schreibt ja bekanntlich auch «Rand» und nicht «Rant». Im übrigen spielt die Rechtschreibung in der Frage ddft famosen Studenten rechts, dieses geplanten Attentats auf das wahre Recht der Studenten: In Ruhe und frieden sich dem Studium und der Vorbereitung für Beruf und Leben hingeben zu können, keine Rolle, sondern das rechtliche Denken. Darum interessiert die Entscheidung, die die Leitung der zu schaffenden Studentennation an den Universitäten bei der Aufnahme der Nachkommen eines Chaim-Moses N.und eines Schmul Löb Kohn — des Schwiegervaters Georg Schönerers, des einstigen Abgotts der Alldeutschen — treffen wird. Wie werden die geslnnungstüchtigen akademischen Bürger deutscher Abstammung und deutschen Wesens in diesen und in den vielen, vielen ähnlichen Fitten entscheiden? V. A. w. g. ««o Albertus Magnus und Moses Maimonldes Die päpstliche Bulle vom 16. Dezember 1931 Ober die Heiligsprechung Albertus des Großem gibt ein liebevoll nusgemaltes Bild von dem Leben und Wirken dieses größten deutschen mittelalterlichen Gelehrten, der 1193 bis 1280 gelebt hat. Es wird darauf hlngewieren, daß bd den Alten die Red'.' ging, daß Albert alles wisse, was überhaupt wißbar sei, daß man ihn als das staunenswerte Wunder seiner Zelt bezeichnet hat und in ihm d;e «glänzendste Sonne unter allen Philosophen der gesamten Christenheit» bewunderte. Sein liebster Schüler, Thomas von Aquin, habe dann die Höhe der Philosophie poennis und der Theo’ogie erst'egen. Die «Bayerische Israelitische üemeindezeitung" vom 1. Februar (Nr 3), zitiert einen größeren Abschnitt aus der Bulle und weist darauf hin, daß ftir den Kenner der jüdischen Ueistesgeschichte in diesem Teil der Bulle der deutliche Hinweis auf den mächtigen Einfluß enthalten sei, den u. a. Moses Maimonldes mit seinem philosophischen, arabisch geschriebenen Hauptwerk «Der Führer der Irrenden» (Moreh newuchim) auf den katholischen Scholastiker ausgeübt hat. Ucbcr diesen Einfluß des großen jüdischen Denkers auf die christliche Philosophie des Mittelalters, vor allem auf Albertus Magnus und seinen Schüler Thomas von Aquin, haben die Arbeiten der jüdischen Gelehrten Joel, Jelinek, |. üuttmann, Michel und Kohncr im 19. und 20. Jahrhundert volles Licht gebracht. Maimonides stand der kirchlichen Orthodoxie in vielen Fragen des Schöpfungsproblems näher als die arabischen Philosophen. In der Physik des Albertus ist die Darstellung dem üedankengang und dem Zwecke nach im großen und ganzen maimonidisch. In der Bekämpfung der Argumente für die Ewigkeit der Welt hat Albertus ganze Kapitel aus dem Moreh newuchim in seine Werke herübergenommen. In der großen deutschen Ausgabe des «Moreh» von Adolf Weiß (Philosophische Bibliothek, Bd. 184 a—c; Leipzig 1923) ist in der ausgedehnten Einleitung dem Einfluß des Maimonides auf Albertus im einzelnen nachgegangen. Das führende deutsche Hauptwerk Uber die patristische und scholastische Philosophie von Bernhard Geyer enthält 1 Kein Gesinnungsgenosse darf fehlen bei mir als Kunde CheiHiscbe Men-PiiM uBäSaefHW anstatt J. Walzer, Wien, II., Taborstraße 43, Tel. A 49 2 48, bringt sensationelle Vo s Isonprelse bei verläßlicher und pedänter Arbeit. Mantel, Anzug, Kostüm von S 4.50; Wollwesten S -.95; Kleider von S 3.50 Hüte und Anzüge bügeln ln 15 Minuten S 1.50 Kostenlose Abholung und Zustellung, Samstag geschlossen. Demnächst Eröffnung der neuen Betriebsräume die näheren Angaben Über diese Beziehungen, die der Papst in seiner neuesten Bulle andeütet. Zum Schluß des Artikels der «Bayerischen Israelitischen üemeindezeitung* heißt fesi «Gestalten- und Gedankengut des jetzt so gefeierten Kirchenlehrers Albertus Magnus, gemessen an den ebenso bedeutenden Höhen und Tiefen eines Moses ben Mairrion, zeigen uns, daß man nicht auf die Bibel zurückgehen muß, um jüdische exemplarische Geisteskraft, die den Völkern vorausleuchtete, zu finden und zu bewundern.» 60. Geburtstag von Theodor Lessing Professor Dr. Theodor Lesalng, der bekannte Philosoph und Zeitkritiker, wurde in diesen Tagen 60 Jahre alt. Er wurde 1872 in Hannover geboren. Nach einer Reibe dichterischer Jugendarbeiten veröffentlichte er die philosophischen Werke: « S c hope n bau er-W ag ne r-N i et zsc he » (1908), «Wertaxiom ati&che Studien» (1909—1914) und «Philosophie ate Tat» (1914). 1908 wurde er Privatdozent der Philosophie an der Technischen Hochschule in Hannover, lieber den Kreis seines engeren Fachgebietes hinaus wurde er durch die Werke «Untergang der Erde am Geist (Europa und Asien)» (1915, noch vor Spenglers «Untergang des Abendlandes» erschienen), und «Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen» (1919) bekannt. Theodor Lessing, der sich in seiner Jugend hatte taufen lassen, trat 1600 unter der Einwirkung der zionistischen Bewegung wieder zum Judentum zurück und schloß sich mit seiner aus preußlech-onristkchem Add stammenden Fr an dem Zionismus, später auch der sozialistischen Bewegung an. Als er 1925, unmittelbar vor der Wahl Htnder.'burgs zum Reicbppräeldenten, im «Prager Tagbtatt» einen kritischem Artikel über diesen veröffentlichte, entstand zunächst unter den Studenten Hannovers, dann auch unter denen der übrigen deutschen Hochschulen eine Bewegung antisemitischen Charakters, die die Verdrängung Leaeüngs au« dem Lehramt bezweckte. Lessing wich vor dem antisemitischen Terror, den sowohl die Professoren der Hannoverschen Hochschule wie auch dt« städtischen Behörden durch passive Duldung unterstützten, nicht zurück, sch sich aber schließlich zu einer Kompromißlösung genötigt. Er erhielt vom preußischen Kuttusminfsterium einen Forscnungsäuftrag, stellte seit 1926 seine Vorlesungen ein und betätigte Sich seither hauptsächlich publizistisch. Vor einigen Monaten Inlelllgenle Mitbewohnerin tu einzelner Dam# gesucht. Oartenbenützung. XIX., Osterteitengass# 7/2. Wochentag 1—3. Sonntag 9—5. Linie 02. veröffentlichte er um Jüdischen Verlag, Rcrtim, ein Buch «Jüdischer Se&sthaß», das die Biographien von Sech« prominenten europäischen Juden enthält und die Tragödie des Juden zeigt, der Dich mf der Flacht vor sich selbst und seinem Judentum befindet. Im vorigen Jahre hat er Palästina besucht und in zahlreichen Zeitungsauisätzen und Vorträgen über das neue jüdische Leben dort berichtet. Ein Duell in Budapest Budapest, 2. Februar. (J. T. A.) Zwischen dem Vizepräsidenten der Fester Israel. Religionsgemeinde, Dr. Marzell Hajdu, und dem jungen Jüdischen Arzt Dr. Paul Moinax nat Samstag abends aus persönlichen Motiven ein Zweikampf unter schweren Bedingungen stattgetunden. Dr. Hajdu, der heule 62 Jahre alt ist, hatte seinen Gegner wegen eines beleidigenden Briefes durch die Kartellträger Dr. Peter Toth und Franz Simon fordern lassen. Anlaß zum Konflikt war, daß der junge Arzt sich um Protektion an Dr. Hajdu gewandt und die Erledigung seiner Angelegenheit mehrfach telephonisch urgiert hatte. Auf die Auskunft, sich gedulden zu wollen, richtete Dr. Molnar ein Schreiben an Dr. Hajdu, in dem er u. a. betonte, daß er sich Satisfaktion verschaffen würde, wenn er nicht einem Zweiundsechzlgjährigen gegen- Uberstände. Nun erfolgte die Herausforderung. Die Sekundanten einigten sich auf ein Säbelduell ohne Bandage. In drei Gängen wurde Dr. Molnar von seinem Gegner cm Unterleib, am Arm und an der Schulter verletzt, worauf Ihn die Aerzte kampfunfähig erklärten. Die Gegner schieden unversöhnt. Hitler und der polnische Jude Der mit illegalen Mitteln unternommene Versucti Doktor Frichs, als er noch Minister in Thüringen war, Hitler durch Ernennung zum Gendarmeriekommissär in Hildburghausen die Reichsbürgerschaft zu verschaffen, damit er gegebenenfalls seine Kandidatur auf das Reichspräsidentenamt anmelden könne, hat in Deutschland und der ganzen Welt ungeheures Aufsehen erregt; die in diesem Versuch sich wklerspiegclnde Taktik der nationalsozialistischen Führung hat überall scharfe Kritik gefunden. Die Präsidentschaftskandidatur Hitlers scheint nun nicht mehr in Betracht gezogen zu werden. In diesem Zusammenhang weist die «Frankfurter Zeitung“ darauf hin, daß Hitler früher einmal den ordnungsmäßigen Weg eines Gesuches um Aufnahme in den Staatsverband für sich abgelehnt hat. Er hat damals geschrieben; «Ich möchte mich nicht irt die Reihe der polnischen Juden stellen, um nach einem Rechte zu betteln, das ich mir redlich erkämpfte.» Dazu bemerkt die «Frankfurter Zeitung»; Abgesehen davon, daß es auch polnische und andere Juden gibt, Welche sich dieses deutsche Stäatsbürgerrecht ebenso gut wie Hitler erkämpft haben, wird man den. moralischen Anspruch eines Mitkämpfers ln der deutschen Armee auf die Staatsangehörigkeit nicht bestreiten Wöllert, aber schließlich wird auch Hetr Hitler verstehen müssen, daß ln Deutschland vör dem Gesetz alle gleich sind.» Emanuel Neunten auf dem Wege nach London New York, 5. Februar. (J. T. A.) Emanuel Neunten, Mitglied der Exekutive der JeWlsh Agency, trat am 3. Februar an Bord der «Bremen» die Reise nach Londön Zur Uebernahme seiner Agenden in der Exekutive an. Jius (faiüstina Der ägyptische Premierminister Kommt nach Palästina Der ägyptische Premierminister Ismail Sidki Pascha wurde vom High Commissoner für Palästina, General Sir Arthur Waiuchope, nach Jerusalem eingetaden. Sidki PäScha wird in diesen Tagen in Jerusalem eintreffen. Das Resultat der Wahlen zutn Jerusalemer Waad Halr Atn 2. Februar fanden in Jerusalem die Wählen zum Waad Hair (Rat der Jüdischen Gemeinde) statt, Von etwa 14.000 Stimmberechtigten waren 5735 att der Wahlurne erschienen. Von dön 31 Sitzen des Rates entfielen auf dis Arbeiterpartei II, auf die TöSchaW-Paftei (Oruppe det alteingesessenen Bürger, die eine Ltwflösühg der Juden von der bisherigen Stadtverwaltung und die Schaffung einer gesonderten jüdischen Stadtverwaltung erstrebt) 8, auf den Miisrachi 4, Verneinten 3, Allgemeine Zionisten % Verband orientalischer Gemeinden 2 Sitz«, di« Frauenöartet erhielt l Sitz. Der High Commlssloiier beim König Vdn Aegypten Def High Cömmissioner für Palästina, General Sir Arthur Wauchope. trat am 1. Februar in Calrö ein Und WUrd« von König Fuad empfangen. Der High Comrrmsiötter unterhielt eich mit dem König von Aegypten eingehend über Fragen Palästina«. Der Oerer Rebbe und der Palästina-Aufbau Rabbi Alter aus Guts Köävatija ln Föten, der In der Chaesldim-Welt Unter dem Namen «Oerer Rebbe» berühmt ist, ist in Jerusalem ein getroffen und wurde von der Jerusalemer Orthodoxie mit großer Ehrerbietung empfangen. Au* seiner Umgebung wird erklärt, daß einzig dl« Liebe ZU Ere* Israel den Rabbi zu seiner Palästina-Reis« bewögen hatte. Bä tet aber auch bekannt geworden, daß der Rabbi Böden zur Errichtung einer ehaesfdischert Stadt in der Nähe von Tel Aviv erworben hat und daß er auch Interesse für Investierungen zu Zwecken der Errichtung neuer Orangen* Pflanzungen durch Angehörige de# ehasektisChtn Mittelstandes gezeigt hat. Polizei treibt ein* kommunistische Versammlung auseinander Eine in der Gegend zwischen Rechawith lind der griechischen Kolonie Katämört abgehftltene kowmwtetiech« Versammlung Wurde von der Pöffzd fttt#ttn*flä«fgetHtbeiv wobei 32 jüdische Teilnehmer, 21 Männer und 11 MädChetv verhaftet wurden und eine große Menge kommunistfedNf Lfttun* beschlagnahmt wurde. 9