Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 214 (11.2.1932)
- Date
- 1932-02-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Ult SUMME Nr. 214 — 11. Februar 1932 »Vergebens gelebt und gestrebt1 Zum 50. Todestag Berthold Auerbachs Von Dr. T. Nussenblatt Am 8. Februar 1932 wurden es 50 Jahre, daß Berthold Auerbach in Cannes, wo er zur Erholung weilte, seine Augen schloß. Auerbach war ein feinsinniger und vielgefeierter Dichter. Die Herausgabe seiner «Schwarzwälder Dorfgeschichten», die ln viele europäische Sprachen übersetzt wurden, machte ihn mit einem Schlage zu dem bedeutendsten Dichter seiner Zeit. Keiner verstand es wie er, der deutsche Jude, in die Seele des deutschen Bauern zu schauen. Auerbach erschloß das wahre Wesen, die Eigentümlichkeiten der Seele des deutschen Bauern den gebildeten Ständen Deutschlands und trug in dieser Hinsicht schon viel zum Verständnis der Bevölkerungsgruppen seiner Heimat bei. Berthold, mit seinem jüdischen Namen Mose Baruch Auerbach, war das elfte Kind eines armen jüdischen Schullehrers aus Nordstätten in Württemberg. Zuerst besuchte er die jüdische Schule in seiner schwarzwäldischen Heimat und später die Jeschiba in Hechingen. Nach dem Willen der Eltern sollte er Rabbiner werden, doch als er in München wegen Beteiligung an der aufstrebenden Burschenschaftsbewegung relegiert und verhaftet wurde, konnte er erst unter Verzicht auf Staatsstellung und Rabbinat frei gesprochen werden. Er studierte weiter Phitosophie und wendete sich bald dem Schriftstellerberufe zu. Aus jener ersten Zeit ist seine Polemik «Das Judentum und die neueste Literatur» erwähnenswert Berthold Auerbach war von starker deutscher Gesinnung beseelt, ln einer besonderen Schrift trat er für ein geeinigtes und demokratisch regiertes Deutschland ein. Um seine politischen Ziele zu erreichen, bewarb er sich um ein Mandat in die Nationalversammlung. Als die Wogen der Revolution im Jahre 1848 hoch gingen, fand sich Auerbach in Wien ein, wo er die Vorgänge beobachtete und dann später niederachreiben konnte. Die Hinrichtung seines Freundes Robert Blum, des bekannten jüdischen Freiheitskämpfers, erschütterte und bestimmte ihn zum Verlassen der Hauptstadt. Er ließ sich dann in Berlin nieder. Seine Romane und Erzählungen brachten ihm viel Erfolg und befestigten seinen Ruf als Dichter und Schriftsteller in ganz Deutschland. Seine Werke drangen in jede deutsche Hütte ein und gehören noch Äeute zu den stark gelesenen Büchern. Berthold Auerbach erhoffte von einem geeinigten Großdeutschland die völlige Emanzipation der Juden und das Aufgeben aller Vorurteile gegen die Juden. Er selbst ging ganz im deutschen Kulturkreise unter, so daß seine jüdischen Erinnerungen Immer mehr verblaßten. Er lebte in der trügerischen Hoffnung, daß der Judenhaß gänzlich erloschen sei. Im vierten Brief in «Rom und Jerusalem» entwirft Moses Heß für seinen Freund Auerbach eine Erwiderung, betreffend die Judenfrage. Heß legte vielen seiner Freunde einen Plan seiner jüdischnationalen Bestrebungen vor. Der Verleger, der djtsen Entwurf nicht veröffentlichen wollte, antwortete Heß: «Die ganze Tendenz ist meiner rein menschlichen Natur zuwider.» Als nun auch Auerbach die jüdischnationalen Bestrebungen Heß’ ablehnte, gab ihm Heß in «Rom und Jerusalem» eine Antwort. Dort heißt es: «Mein alter, lieber Freund Berthold Auerbach ist ebenso entrüstet über mich wie mein alter Verleger, wenn auch aus einer ganz anderen Ursache als der „rein menschlichen Natur“. Er macht mir herbe Vorwürfe über meine Bestrebungen und ruft schließlich aus: „Wer hat dich zum Herrn und Richter über uns ringesetzt?" Auerbach machte mir dabei die Freude, den hier zitierten Bibelvers in der Originalsprache zu schreiben. Auerbach leugnet die Berechtigung meiner jüdischen Sympathien als persönliche Stimmung, die auch ihm in neuerer Zelt nicht fremd geblieben. Nur möchte er dieselben nicht öffentlich ausgesprochen wissen. Das sei „brandstifterisch“ ' — meinte er.» Und Heß fährt fort: «Der deutsche Jude ist tum, Christentum, Judentum» — so soll jetzt der Gedanke des «Stefan Rott», nämlich die Aufgabe des Verehrens und Heifens — in einem neuen weltanschaulichen Werke vertieft und ausgebaut werden. Dieses Bedürfnis des Dichters nach zeitweiliger theoretischer Fundierung vorher dichterisch gewonnener Erkenntnisse ist so stark, daß er beabsichtigt, in der nächsten 2eit 4» ejner deutschen Universität philosophische Studien?u diesem Grundthema seines gegenwärtigen Schaffens. zu betreiben. Nach Vollendung des theoretischen Werkes soll der zweite Band des «Stefan Rott», der in Deutschland und in der Gegenwart handeln wird, erscheinen. Es ist bemerkenswert, daß ein so sehr dem Sinn- Uch-Uebersinnlichen zugewandter, von Religiosität erfüllter Dichter wie Max Brod dennoch so elementar und freudig auf die Schwingungen der Volksseele reagiert, wie er dies in seiner Beziehung zu dem tschechischen Dichter des «Schwejk», zu Jaroslav Haschek, gezeigt hat. Diesen hat er zu einer Zeit verständen und gewürdigt, als die übrigen Zeitgenossen — die Tschechen nicht weniger als die Deutschen — in ihm mir den verkommenen Vagabunden und Trunkenbold sehen wollten. Bekanntlich hat diese frühe verständnisvolle Einfühlung des Dichters Max Brod (die übrigens in der tschechischen Biographie Hascheks besonders dankbar hervorgehoben ist), zur nachmaligen Dramatisierung des «Schwejk» und damit?u ejnem der äußerlich glänzendsten Erfolge des Prag er Dichters geführt, der heute — nach mehreren kleineren und vorwiegend das «weite Land» der Erotik durchstreifenden Büchern —- sich heute wieder seinem großen Grundthema, der dichterischen Gestaltung weltanschaulicher Fragen, zugewandt hat wegen des Ihn von allen Seiten umgebenden Judenhasses stets geneigt, alles Jüdische von sich abzustreifen, um seine Rasse zu verleugnen.» Doch als am Ende der siebziger Jahre der Antisemitismus in Deutschland aufflammte, sah Auerbach seinen Irrtum ein. Den Jäh auflodemden Judenhaß nannte Auerbach, der vier Jahrzehnte hindurch als geistiger Wegweiser des deutschen liberalen Bürgertums galt, «den Nagel zu meinem Sarge». Die judenfeindliche Strömung erfaßte weite Kreise Deutschlands und drang auch in die Literatur ein. Uebei Nacht wurde Auerbach als politischer Erzieher, als deutscher Heimatdichter und Wortführer des liberalen Bürgertums wegen seiner jüdischen Abstammung abgelehnt. Der Schilderer und Dichter der deutschen Heimat wurde seiner geistigen Heimat beraubt. Er widmete den Rest seiner Arbeitskraft jüdischen Bestrebungen. Im Jahre 1876 richtete er einen offenen Brief an den Wiener Chirurgen Theodor Billroth, der eine judenfeindliche Broschüre gegen das Medizinstudium der Juden geschrieben hatte. Billroth wurde später ein Bekehrter und gehörte zu den Bekämpfem des Antisemitismus in Wien. Auch versuchte Auerbach eine Reihe von Skizzen aus dem jüdischen Leben zu schreiben. Eine derselben, «Ben Zion», ist im Manuskript erhalten. Nach der großen Judendebatte im deutschen Reichstag im Jahre 1878 rief er aus: «Vergebens gelebt und gestrebt». Versammlung der Freunde des hebräischen Buches Gelegentlich der Anwesenheit Bialiks in Wien fand am Samstag, dem 30. Jänner, 8 Uhr abends, im Saale des Ingenieur- und Architektenvereines eine von der Histadruth Iwrith einberufene Versammlung der Freunde des hebräischen Buches statt. Diese Institution wurde ebenfalls im Zusammenhänge mit dem Besuche Bialiks von der Histadruth Iwrith geschaffen; es gehören ihr eine ganze Reihe hervorragender Männer des jüdischen Wiens an: Prof. Siegmund Freud, Prof. Pick, Präsident der Israel. Kultusgemeinde, Prof. Kraus, Rektor des Rabbiner-Seminars, Dr. Rothblum und andere. Die Versammlung wurde durch Prof. Kraus, der hebräisch sprach und die Bedeutung des hebräischen Buches auseinandersetzte, eröffnet. Den Vorsitz der Versammlung führte Oberrabhiner-Stellvertreter Dr. David Feuchtwang. Dieser erteilte dem ersten Referenten Herrn Nahum Twersky, dem Leiter des Bezer (Vertriebsgesellschaft des hebräischen Verlages «Dwir», «Omanuth» und «Stybel») das Wort, welcher die technische Seite des Vertriebes des hebräischen Buches beleuchtete. Hierauf ergriff Chaim Nachman Bialik das Wort, der in bekannter meisterhafter Weise über die Bedeutung des hebräischen Buches sprach. An die Referate knüpfte sich eine Diskussion. Zum Schluß der Versammlung wurde ein Komitee gebildet, welches die Organisierung der Verbreitung des hebräischen Buches in Wien zu leiten hat. Besuch des Präsidiums der Israelitischen Kultusgemeinde in der Wohnung Chaim Nachman Bialiks Sonntag, den 31. Jänner, Vz7 Uhr abends stattete das Gesamtpräsidium der Israelitischen Kultusgemeinde, bestehend aus dem Präsidenten Prof. Pick, den Vizepräsidenten Dr. Ohrenstein und Dr. Löwenherz, Chaim Nachman Bialik einen Besuch ab, und zwar in der Biatik während seines Wiener Aufenthaltes zur Verfügung gestellten Wohnung des Herrn Max Dri.'iner. Bei diesem Empfang waren auch die Herren Dr. David Rothblum und Rabbiner Dr. Feuchtwang anwesend. Den Hauptgegenstand des Gespräches bildete eine Unterhaltung über die Hthurgiische Poesie des FrabmltteJalters. Bialik Im Rabbiner- Seminar und im hebräischen Pädagogium Mittwoch, den 27. Jänner, besuchte Bialik das Rabbinerseminar sowie das Hebräische Pädagogium. Im ersteren wurde er vom Rektor Prof. Samuel Kraus empfangen, der ihn über die Entwicklung dieses Instituts während seines ^jährigen Bestandes informierte. Namens der Studentenschaft begrüßte Bialik ein Student, worauf Bialik dem Rektor und dem Studenten in einer längeren Rede erwiderte. Besuch Bialiks Im Jüdischen Museum BiaHk besuchte auch während seines Wiener Aufenthaltes das jüdische Museum. Der Leiter des Museums, Herr Prof. Dr. Bronner, sowie der Präsident Herr Hofrat Frankfurter, führten Blaiilc durch dasselbe. Bialik verblieb anderthalb Stunden, da ihn die Sammlungen außerordentlich interessierten. Bialik schrieb ja das Besucherbuch folgenden Satz ein: «Ischmor Elohim et Habaith haseh.» Hebräisches Meeting in Wien Um den Hebräern Wiens die Möglichkeit zu geben, Bialik in seiner eigenen Sprache zu hören, berief die Histadruth Iwrith für Sonntag, den 31. Jänner, ein Hebräisches Meeting in den Theatersaal Reklam ein. BiaHk sprach über Einheit des jüdischen Lebens und kämpfte gegen die Anschauung, als ob man Kultur und Leben voneinander trennen könnte, respektive jüdisches Leben vom allgemeinen. Besuch Bl&Uks bbi der Bnei-Brith Mittwoch, den 27. Jänner, fand im großen Saal bei der Bnei-Brith ein großer Empfang zu Ehren Bialiks statt Der Besuch war ein außerordentlicher. Nach einer Begrüßung durch das Logenpräardium sprach Bialik hebräisch. Professor Kellner übersetzte sodann die Ansprache Bialiks. Es ist zum erstenmal in der Geschichte der Bnei-Brith in Wien, daß dort eine hebräische Ansprache abgehalten wurde, was auch in 4ea Annalen dar Logt festgahaitm wurde. ■raMMMcMiiiitrM SIEGM. KORNMEHL Zentfle IX» Bfrggtsse iv, Tei. A 1 u, A16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen fOr ^gn-Flelech unter Aufsicht dea Ehrwürdigen rfabbmats der Israelitischen Kuituspemeinde Wien Autoauftleiiunu uoiientoi IX» Berrgasse 1 KVlIl Wäh rin Perstraße 79 Der Krieg in China und die Juden Unter der Beschießung der Stadt Schanghai durch die Japaner, die zahlreiche Opfer unter der chinesischen Bevölkerung der Stadt gefordert hat, hat die jüdische Bevölkerung bisher nicht zu leiden gehabt. Jüdische Tote gab es bisher nicht, auch haben Juden keinen Vermögensschaden erlitten. Zahlreiche jüdische Einwohner von Schanghai sind in das FreiwilHgenkorps zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Stadt eingetreten. In Schanghai existiert eine zahlreiche jüdische Bevölkerung, die sich aus verschiedenen Gruppen, den Indischen Juden, den sogenannten Bagdadjuden, den aus England und den westeuropäischen Ländern und den aus Rußland elrigewanderten Juden zusammensetzt. Wie aus Anlaß der Bedrohung Schanghais L J. 1927 wurde auch jetzt eine britische Militärmacht in Schanghai zum Schutze von Leben und Eigentum englischer Untertanen eingesetzt. Als Generalmajor Sir John Duncan, der Befehlshaber der englischen Verteidigungstruppe i. J. 1927, im Jänner 1928 nach London zurückgekehrt war, sandte er an die in Schanghai erscheinende jüdische Zeitung «Israel’? Messenger» eine Botschaft, in der er der jüdischen Gemeinde in Schanghai den Dank dafür ausspricht, daß sie ihn in der Aufrechterhaltung der Ordnung so wesentlich unterstützt hat, und ihr die besten Wünsche für die Zukunft zum Ausdruck bringt Auch Charbm, das gegenwärtig im Mittelpunkt chinesisch-japanischer Kämpfe steht, besitzt eine große jüdische Gemeinde. Ueber die jüdischen Siedlungen in China in der neuesten Zeit ist mitzuteilen: Um die Mitte des 19. Jahrhunderts bildete sich eine jüdische Niederlassung in Schanghai. Es waren zuerst Juden aus Indien, später kamen auch europäische Juden dorthin. An der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts setzten sich Juden in Charbin, in der Mandschurei, fest Nach dem Weltkriege wurde Charbin, wo zahlreiche Juden aus Rußland und Sibirien Zuflucht fanden, zum größten jüdischen Zentrum in China. Von dort aus verbreiteten sie sich auch nach anderen Städten der Mandschurei, u. zw. nach Chailar, Tsitsikar, Mukden und Dairen (rüss. Dalni, nördl. von Port Arthur), ferner nach Tientsin, Hankau. Eine kleine Gemeinde besteht auch in Hongkong. Die jüdische Bevölkerung in Schanghai nahm ebenfalls im 20 Jahrhundert an Zahl zu. Im Jahre 1921 wurde die gesamte jüdische Bevölkerung in China (außer der alteingesessenen in Kaifungfu) auf 12.000 Personen geschätzt. Nach privaten Schätzungen betrug die Zahl der Juden in der Provinz Mandschurei i. J. 1929 etwa 16.000, wovon zirka 13.000 auf Charbin entfielen. Die in der nördlichem'Mandschurei lebenden Juden sind größtenteils russische Staatsangehörige. Lord Readings Genesung Kairo, 3, Februar. (J. T. A.) Lord Reading, der nach seinem Eintreffen aus Palästina in Aegypten vor einigen Wochen in Luxor schwer erkrankt war, befindet sich nun auf dem Wege zur vollen Wiedergenesung. Am 1. Februar machte er in Begleitung von Lady Reading einen Spaziergang in den Straßen und den Gartenanlagen von Luxor« König Fuad von Aegypten ließ ihm durch den Distriktsgouverneur seine Glückwünsche aus Anlaß der Wiedergenesung übermitteln. Auch der Premierminister von Aegypten, Ismail Sibki Pascha, sprach 1 ord Reading die Glückwünsche zu seiner Wiedergenesurtg aus. I?ie Zahl der jüdischen Kriegsverletzteji in Polen WarsebBtt, (J. T. A.) Das Ministerium für Arbeit und sozialen Schutz hat eine Liste der in Polen lebenden Kriegsverletzten aufgestellt; unter diesen gibt es 4139 jüdische Kriegsverletzte, von denen 556 an den letzten polnischen Kriegen teilgenommen, 6 in den polnischen Legionen, 867 in der einstigen zaristischen Armee, 33 Im einstigen deutschen Heere und 2677 in der ehemaligen österreichisch-ungarischen Armee gedient und an den Fronten gekämpft haben. Norman Bentwich hält Vorlesungen In Genf Auf Einladung des Institutes für höhere internationale Studien in Genf wird der frühere Oberstaatsanwalt Palästinas und jetzige Professor für internationales Recht und Frieden an der Hebräischen Universität zu Jerusalem, Norman BBentwich, Mitte 1932 in Genf eine Serie Vorlesungen über das Thema «Die Entwicklung der ottmanischen Kapitulationen in der Türkei, Palästina und Aegypten» halten, mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmsrnsseammemmm Paläetinaproduktel Kino der wichtigsten Aufgaben für den Aufbau Palästinas ist die Förderung des Absatzes seiner Produkte. Es ergeht daher der Huf an alle Zionisten. <lle jaffaorangen anderen vorsuz'ehen und diese bet der Firma Samuel Halpern, Wien, TI., Fönstergasee 6, Tel. A 46-4-11» zu bestellen.