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Die Stimme · 1932-02-11 · Heft 214 (11.2.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 214 (11.2.1932)
Date
1932-02-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Hf. 214 — 11. Februar 1932 DIE STIMME Seite 3 Eine Erziehungsbesprechung mit Bialik Die Tragödie von Sovoca vor der rumänischen Kammer Starmezenen .während der Interpellation Landaus. — Jorga warnt vor Angriffen auf die Armee. — Cu za ersucht den Krlegsmtnlster, die JudenmOrder auszuzeichnen. Bukarest, 4. Februar. (J. T. A.) ln der letzten Sitzung der rumänischen Kammer wurden die Interpellationen des sozialistischen Deputierten Mirescu und des jüdischen Deputierten Michael Landau Uber die Ermordung von fünf Jüdischen jungen Leuten und ihrem rumänischen Begleiter an der bessarabischrüssischen Grenze bei Sorov ln Behandlung gezogen. Die Reden Mirescus und Landaus wurden durch judenhetzerische Zwischenrufe der antisemitischen Deputierten unaufhörlich gestört, es kam zeitweilig zu außerordentlich stürmischen Szenen. Mirescu begann seine Rede mit der Feststellung, daß unte? dem Vorwände der Bewachung der Dnjestr-Grenze ganz gemeine Morde, verübt worden waren; er wolle dies einwandfrei beweisen. Die Morde wurden von Grenzsoldaten verübt. Bei diesen Worten, erhob sich auf den Bänken der Mehrheit, ein ungeheurer Lärm, man forderte, daß. dem Interpellanten wegen Beleidigung der Armee das Wort entzogen werde. Auf die Aufforderung des Vizepräsidenten Miclescu, ’ die gebrauchten Ausdrücke zurückzuziehen, erklärte-Mirescu: Ich ziehe meine Worte nicht zurück, ich habe die Armee nicht beleidigt. Wenn einige'Offiziere und Soldaten Verbrechen begangen haben,- und dies im Parlament zur Sprache gebracht wird, so bedeutet dies noch keine Beleidigung der Armee. Aber ich'Werde beweisen, daß nicht nur die Grenzsoldaten gemordet haben, sondern daß auch der Hauptmann der Grenzwache auf die jungen Juden aus einem Jagdgewehr geschossen hat. Es handelt sich hier um ein vorbedachtes Verbrechen, das von den höheren Behörden nicht geahndet wurde. Die Schuldigen wurden nicht bestraft Es hat sich überhaupt niemand um die Aufhellung dieser Affäre gekümmert. Hier unterbrach Ministerpräsident Jorga den Red- . ner und erklärte, er habe eine Kommission, bestehend aus. dem obersten Kommandanten der Grenzsoldaten und einem höheren Richter, mit der Untersuchung des Falles .betraut Die Kommission habe ihm einen Bericht vorgelegt, an dessen. Richtigkeit er nicht zweifelt Mirescu erwiderte, er selbst war in Soroca gewesen und habe beobachtet, wie General Marcovid die Untersuchung geführt hat. Verwandte der Ermordeten und Augenzeugen, die Aussagen machen wollten, wurden nicht empfangen. Die Untersuchung wurde hinter geschlossenen Türen geführt. Der Ministerpräsident müsse dieser Affäre, die die Bevölkerung Bessarabieiis In Aufregung versetzt hat, größte Aufmerksamkeit widmen. Mirescu legte dem Präsidium ein Memorandum vor, in welchem die Einleitung einer parlamentarischen Untersuchung gefordert wird. Das Memorandum ist u/a. auch von den jüdischen Deputierten Landau, Dr. Diamant, Dr. Reifer und Dr. Singer unterzeichnet. Hierauf ergriff Abg. Michael Landau das Wort zur Begründung seiner Interpellation, seine Rede ging ln dem ohrenbetäubenden Lärm der Antisemiten unter. Ministerpräsident Jorga bemühte sich, Landau Gehör zu verschaffen. Landau kam zu den gleichen Feststellungen wie Mirescu und erklärte, General Marcovici habe die Erhebungen einseitig gepflogen. Der Nationalzaranlst Chelmegeanu forderte, daß in diese Affäre Licht gebracht werde. Ministerpräsident Jorga betonte, die Regierung habe sich gegenüber diesen Vorfällen nicht gleichgültig verhalten. Man solle in der Debatte aber nicht die Armee angreifen, die, insbesondere am Dnjestr, eine hohe Mission erfüllt, Indem sie das Land vor der Invasion der Bolschewisten schützt. Nachdem noch einige antisemitische Deputierte gegen A/Urescu und Landau Stellung genommen haben, erklärte Staatssekretär für Inneres, Ottescu, die Erhebungen hätten das Vorgehen der Grenzwache gerechtfertigt, so daß sich eine weitere Untersuchung erübrige. Die Grenzsoldaten hätten nichts als ihre Pflicht getan. Die jüdischen und sozialdemokratischen Abgeordneten riefen ihm zu: Das ist unwahrl Es entstand neuer Lärm. Ministerpräsident Jorga rief den Interpellanten zu: Ich müßte der größte Dummkopf im Lande sein, wenn ich mich von euch um den Finger wickeln lassen würde. Deputierter Landau wünschte das Wort zu einer Replik. Es wurde ihm aber verweigert. In der Nachmittagssitzung der Kammer hielt Professor Cuza eine antisemitische Brandrede und forderte den Kriegsminister auf, die Grenzsoldaten, die bei Soroca verhindert haben, daß fünf jüdische Kommunisten und ein Schmuggler nach .Sowjetrußland entflohen, für ihr «heroisches Benehmen», das beispielgebend sei, auszuzeichnen. Schneidet iüt teine Hettengatdetohe Jakob örnslein Wien* 2. Bezirke Cilienbranvgaese?Vr. 8 ■ (bei det Matxenbtäcke') Telephon?Yr. A $<3-3-53 Ein Millionenlegat für Palästina Jerusalem, 7. Februar. (J. T. A.) Wie die J. T. A. erfährt, hat ein südafrikanischer Jude ein, Vermögen von etwa 60.000 bis 70.000 Pfund Sterling zur Unterstützung palästinensischer Armer hinterlassen, ohne ausdrücklich festzusetzen, ob jüdische Arme gemeint seien. Aus dem ganzen Inhalt des Testaments soll aber hervorgehen, daß er jüdische Arme gemeint hat Dennoch will die Regierung die Beträge des Legats gleichmäßig unter die notdürftige Gesamtbevölkerung verteilen, so daß auf die Juden 20 Prozent entfallen werden. Sonntag, den 31. Jänner, 4 Uhr nachmittags, fand eine von der Hlstadruth Iwrith einberufene Zusammenkunft der hebräischen Lehrer, Religionslehrer, Rabbiner, Mitglieder der Histadruth, die für Erziehungsfragen Interesse haben, sowie von Vertretern der zionistischen Jugend im Heime der «Mirjam» statt, auf der Fragen der hebräischen Erziehung besprochen werden sollten. Die Konferenz wurde von Herrn Dr. Chaim Tartakower eröffnet, der auf die Tatsache hinwies, daß der Maskil bei seiner Haskalah stehengeblieben sei, der Zionist die Brücke zur hebräischen Sprache nicht überschritten habe, die jüdische Jugend, die sich die Kenntnisse der Sprache bereits angeeignet habe, den Weg zur hebräischen Kultur aller Zeiten noch nicht gefunden habe. Wir wollen bei dieser Besprechung Bialik unsere geistigen Leiden schildern und erhoffen von ihm, der selbst die hebräische Kultur aller Zeiten repräsentiere und die hebräischen Erziehungsfragen so ziemlich in der ganzen jüdischen Welt kenne, aufschlußreiche Aufklärungen. Den Vorsitz führte Herr Prof. Moses Rath. Als erster Referent sprach Herr Prof. Dr. Viktor Kellner, der auf die gewaltigen Schwierigkeiten einer hebräischen Erziehung im Golus hinwies. Er faßte die Fragen dahin zusammen, wie es möglich sei, im Golus ein jüdisches Leben zu führen, saitdem die Mauern des Ghettos gefallen seien und das originale jüdische Leben im Westen erschüttert wurde. Sodann ergriff Bialik das Wort und führte ungefähr folgendes aus: Herr Direktor Kellner habe alle Fragen angeschnitten, die uns als Juden und Menschen bedrücken. Aber die Beantwortung all dieser Fragen sei einem Menschen gar nicht möglich, weil sie mit dem Leben identisch sind. Das Traurigste im jüdischen Leben unserer Zeit ist, daß die jüdische Leidenschaft aufgehört habe. An deren Stelle sei der kalte Rationalismus getreten. Aber ein Volksleben ohne Leidenschaft sei unmöglich. Der Jezer tow sei eine große Sache. Aber der Jezer hara — nach einem Ausspruch der Hagadah-Tow meod. Im dreizehnten Lebensjahre werde der jüdische Junge Bar mizwah. Das heißt, er habe dem Jezer tow zu folgen. Bis dahin sei er dem Jezer hara ausgeliefert. Ein volles nationales Leben erfordere Lebensformen, je reicher das geistige Leben eines Volkes sei, desto reicher seien auch die von diesem Volke geschaffenen Lebensformen. Das liberale Judentum, welches die ursprüngliche innere Glut eingebüßt habe, habe . Schritt für Schritt die jüdischen Lebensformen aufgegeben. Hingegen habe das historische Judentum, weil es geistig unendlich reich war, wundervolle Lebensformen geschaffen, die das jüdische Volk bis zum heutigen Tage erhalten habe. Auch in unseren Tagen sei es möglich, diese Lebensformen zu erhalten resp. sie dem heutigen Leben anzupassen. Diese Lebensformen waren einem steten Wandel unterworfen. Ein leuchtendes Beispiel hiefür sei der Sabbäth, der zu den höchsten und wunderbarsten Lebensformen gehöre, welche das jüdische Gemüt' und die jüdische Geisteswelt hervorgebracht haben. Es sei unwahr, daß die Religion in unseren Tagen ihre Kraft eingebüßt habe; in jedem Menschen lebe religiöse Sehnsucht. Mit dem irreligiösen Menschen sei es so bestellt, wie mit dem Gegner von Kopernikus, der sich ebenfalls mit der Erde um die Sonne bewege. Aber nichts könne im Leben ohne Leiden hervorgebracht werden. Unter gewaltigen Leiden wurde der Sabbat geschaffen. Unter unendlichen Leiden hat ein Mann wie Michelangelo geschaffen. Auch Sozialismus sei eine große Kraft im Leben; jüdische Menschen bauen in Palästina neue Lebensformen für das jüdische Volk. Weil die jüdische Glut in uns nicht mehr lebe, darum sei auch das jüdische Leben schal und inhaltslos geworden; aus diesem Grunde besuchen uns am Sabbat nicht mehr die Friedensengel. „Verehren und Helfen 1“ Gespräch mit dem Dichter Max Brod anläßlich seines Wiener Aufenthaltes Von Martha H o f m a n n Ueber Detlev v. Liliencron wurde gesagt, daß er besser niemals selbst am Vortragspult erschienen wäre, daß die untersetzte, fleischige Erscheinung des ehemaligen Soldaten alle Dichterillusion im Zuhörer zerstört oder zumindest in Frage gestellt habe. Ganz anders bei Dichtertypen wie etwa Max Brod, dessen schmaler, sensibler Mund unter den dunklen, gütigen Augen,. dessen. schön geschnittenes Profil durchaus und einprägsam den musischen Menschen verraten. Musikalität strömt von Ihm aus, als sein innerstes Wesen und diese Empfindung wird dadurch bestätigt, daß in der Tat Musik — und vor allem die Mahlersche — es ist, die den Künstler in ihm erweckt und erzogen hat. Musikalische Studien nehmen noch heute einen hohen Rang in dem Arbeitsgebiet des Dichters ein. Und die. Verbindung des Sinnlichen mit dem Uebersinnlichen ln der Denkweise und der Dichtung des Prager jüdischen Romanciers (als der Brod heute in das literarische Bewußtsein der Öffentlichkeit eingedrunge “) ist eben durch diesen Uebergang vom Konkrete.. zum Abstraktesten mit der Musik und mit der Reii„;osität verwandt Und es ist kein Zweifel (am wenigsten für Ihn selbst), daß Musikalität und Religiosität zugleich zwei entscheidende Wesenszüge des jüdischen Künstlers, als der Brod sich fühlt und gibt, bedeuten. ln dem geistvollen Vortragenden der Dichter des Romanes «Stefan Rott» kürzlich im Wiener Herzl- Klub gehalten hat, sowie in dem Romankapitel, das er in der Wiener «Ravag» am gleichen Tage vorgelesen (einem entscheidenden Gespräche des jungen Stefan mit der geliebten Frau), spielt der Grundgedanke des «Verehren und Helfen» die thematische Rolle. «Verehren und Helfen» ist ihm die lösende und erlösende Formel, die er dem gegenwärtigen Kampfe unserer Menschheitsgeneration zwischen der materialistischen und der spiritualen Lebensauffassung entgegensetzt. Der Dichter fühlt, daß gerade in einer, von Problemen so übersättigten Zeit wie der heutigen, der dichterische Mensch von Jahr zu Jahr — wenn nicht von Tag zu Tag — neuen Fragen gegenübersteht, so daß er selbst auch immer wieder bereit sein muß, im Sinne des Goethe’schen «Stirb und werdet» ein Neuer zu werden. Immer deutlicher zeigt sich die Notwendigkeit einer neuen Ordnung und Menschheitsgliederung und der Dichter würde seine Bestimmung verleugnen, wenn er hiezu nicht' Stellung nähme. (Damit ist natürlich nicht gemeint, daß der Dichter Tendenz- oder Parteischriftsteller sein solle!) Brod unterscheidet zwei Arten von. Künstlern, den dynamischen und den statischen Typus. In einem glücklichen Gleichnis stellt Brod ein statisch-architektonisches Kunstwerk — etwa die prunkvolle Hauptstraße von Genua, ln der jeder Palazzo die - gleiche Architektur und die gleichen schmiedeeisernen Prunklampen zeigt — einem dynapilsch-muslkaliscben Kunstwerk, etwa den Symphonien Gustav Mahlers, gegenüber und weist nach, daß der statische Mensch und Künstler sich mit der Aneinanderreihung stetig gleichender Produkte genügen lasse, Indessen der dynamische mit jedem folgenden Werk das frühere gleichsam aufzuheben scheine. So ließ Mahler auf die lange dritte die kurze vierte Symphonie folgen,1 dann wieder die traurige Fünfte usw. — Auf literarischem Gebiete erscheinen Brod als Gipfelpunkte dynamischen Künstlertums vor allem Goethe und Strindberg, den er als eine der größten dichterisch-spiritualen Erscheinungen der Jahrhundertwende würdigt. Jener Gedanke des «Verehren und Helfen» verkörpert das Enderlebnis des jungen, liebenden Stefan Rott in dem genannten jüngsten Roman, der jedoch nur ein erster Teil eines größer gedachten Werkes ist. Nicht als «Vorkriegsroman» darf er betrachtet werden, obgleich das Büch, weil es mit Kriegsausbruch schließt, als solcher erscheinen könnte. Aber es wird eine in der Gegenwart spielende Fortsetzung finden, worin Stefan Rott als reifer Mann seine in der Jugend gefaßte Weltanschauung zu bewähren haben wird. Derselbe Gedanke, daß das Diesseits mit dem Jenseits durch eine zugleich gläubig verehrende als tätig helfende Haltung des -Menschen verbunden und vereint werden könnte, liegt auch Brods großem theoretischem weltanschaulichem Werke «Heldentum, Christentum, Judentum» zugrunde. Hierin liegt das «Diesseitswunder» der Verwirklichung des aktiven und zugleich kontemplativen Lebens — und hierin erkennt Brod den Sinn des Judentums, dessen ethische Gesetzgebung die Richtlinien zur gleichzeitig dies- und jenseitigen «Verwirklichung» enthält. Das Problem des Materiellen und des Spiritualen, des Bösen und des Guten durchzieht Brods bedeutendste Werke, so seinen «Tyho de Brahe» und «David Reubeni», die zweifellos zu den besten epischen Werken der Nachkriegszeit zählen. Und wie am Endo dieser früheren Epoche die theoretische Zusammenfassung der vorher bildhaft verkörperten Gedanken steht — nimlich ln dem erwähnten Werke «Heidea»

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