Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 213 (4.2.1932)
- Date
- 1932-02-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 213 — 4. Februar 1932 DIE STIMME Seite 5 März..Stimme“? tasien und Visionen sich reihen. Die aile charakteristischen Eigenheiten der Volksseele vereinigt, von a'lem Volks vermögen ist die Sprache das ewig bleibende Gut." Niemals sind die Denkmäler der hebräischen Sprache kalte Literatur geworden. Sie ist lebendiges Leben geblieben. Ebenso wie unsere Bibel, unser Talmud und die ihn umschließende sittliche, religiöse und kulturelle Gedankenwelt Volksbesitz geworden sind, was man selbst von den religiösen Urkunden, der aus dem Judentum hervorgegangenen Religionen niemals hat sagen können. Erwächst uns daraus nicht die geschichtliche und religiöse Pflicht, dem Hebräischen den Raum und die Zeit in unserem gesamtem Erziehungswerke einzuräumen, die ihm geziemen, weil bei Versäumung dieser Pflicht die Wurzeln sterben und die Quelten versiegen müssen. Mehr Hebräisch in allen Schulen, in Haus und Familie, in Gemeinde und Volk ist dte unausweichliche Forderung. Wir sind über dem Verdacht erhaben, dadurch irgend eine Kultur und Sprache verächtlich zu behandeln und als unwichtig zu erachten. Das bekannte Sprichwort „So viele Sprachen du sprichts, so viele Leben du lebst", ist nur dann richtig, wenn man diese Leben lebt und nicht darüber sein eigenstes charakteristisches Leben tötet. Das ist aber eine drohende Gefahr, die wir nur dann abwehren können, wenn wir den Erbbesitz des jüdischen Geistes und Volkes als treue Wächter hüten, und nicht in den Fehler verfallen, den geistvolle und gefühlstiefc Lehrer in den Satz gelegt haben: . Man hat mich zur Hüterin von Weinbergen gemacht, so daß ich meinen eigenen Weinberg nicht gehütet habe“. Es ist keine Uebertreibung, sondern nur die Feststellung einer kulturgeschichtlichen Tatsache, daß unsere Bibel und unser Schrifttum dem Geiste nach einen Teil der Welt erobert haben und daß wir uns in allen Ländern, die unser Fuß berührte, in den Dienst der Menschheitserziehung und der Kulturverbreitung gestellt haben. Der Dank dafür war und ist in der überwiegenden Zahl der Fälle Verkennung, Mißachtung, Zurückweisung, wenn nicht gar Entrechtung und Verfolgung. Das ist ein tragisches Schicksal des jüdischen Volkes, das gewissermaßen Märtyrer seiner menschenerlösenden Ideen geworden und zu bleiben bereit ist. Der uralte Grundgedanke, der vom Dekalog in die Welt gesetzt und durch das einleitende Wort: Ich bin Dein Gott, in die Kulturwelt hinausgerufen worden ist, ist nicht erfüllt, und es ist kein Wunder, wenn alte Ausleger sagen „es zitterten Erde und deren Bewohner als dieses I c h, die Säulen der Welt hinstellte“. Bleiben wir also Hüter und Bewahrer unserer an klassischer Schönheit und sittlicher Tiefe allen Sprachen der Welt mindestens gleichwertigen hebräischen Sprache, die niemals profanisiert werden kann, weil sie gleichzeitig heilige Sprache ist und bleiben soll, wenn sie auch im Alltagsgespräche, so wie in alter Zeit auch heute benützt wird und eine an ein Wunder grenzede Offenbarung feiern wird.» Für die mir anläßlich des Hünscheädens meiner heben Mutter bewiesene Anteilnahme spreche ich auf diesem Wege allen Institutionen, Vereinen, Freunden und Gesinnungsgenossen meinen innigsten Dank aus, Gcrsoti Wittlin Festkommers zu Ehren Bialiks Die Histadruth Iwrith veranstaltete am Sonntag, den 31. Jänner, in den Festsälen des Hotels Continental einen Kommers, zu dem sich über 200 Gäste aus allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung Wiens eingefunden hatten. Es erschienen u. a. Überrabbinerstellvertreter Ür. Feuchtwang, sämtliche zionistischen Kultusräte, die Vizepräsidenten der Kultusgemeinde Dr. Löwenherz und Dr. Ornstein, der Präsident der zionistischen Landesorganisation Dr. ürünbaum, der Präsident des Klubs der zionistischen Mandatare Doktor Friedmann, Regierungsrat Dr. Fuchsgelb, der Leiter des theologischen Seminars Prof. Dr. Kraus, Hotrat Prof. Dr. Frankfurter, der Nestor der hebräischen Schriftsteller Sch. J. Silberbusch, der Gastgeber Bialiks in Wien Herr Max Delfmer, ferner viele Rabbiner, Schriftsteller, Repräsentanten der Weltorganisation zionistischer Frauen für Oesterreich, der zionistisch-sozialistischen Arbeiterpartei, der Misrachi und vieler anderer jüdischer Institutionen. Als Bialik im Saal erschien, wurde er mit stürmischem Beifall empfangen. Die Gäste erhoben sieb zu Ehren des großen Dichters von ihren Sitzen. Dr. Rothblum eröffnete das Fest mit einer längeren Ansprache, in der er seiner Genugtuung Ausdruck gab, daß es Bialik in der kurzen Zeit seines Wiener Aufenthaltes gelungen sei, die jüdischen Herzen Wiens aufzurütteln. Mit dem Zauberwort eines Dichters drang er in die tiefsten Geheimnisse des jüdischen Menschen der Gegenwart, und so ist es kein Wunder, daß er auch aut dem harten Boden Wiens mit seiner visionären Kra.t zündend und belebend wirkte. Zum Schluß begrüßte er Bialik und faßte alle Wünsche des Wiener Judentums in ein schlichtes Wort zusammen: «Jecbij Bialik». Es folgten Ansprachen des Oberrabbinerstellvertreters Dr. Feuchtwang, Prof. Moses Raths. Im Namen der jüdischen Kultusgemeinde sprach Prof. Dr. Kraus, ferner sprachen üoz. Dr. Kaminka, Präsident der Zionistischen Landesorganisation Dr. ürünbaum, der im Namen der Zionistischen Organisation für Oesterreich Bialik den Dank und die Bewunderung zum Ausdruck brachte, ferner Frau Dr. Martha Hoffmann für die Weltorganisation zionistischer Frauen und Löbl Taubes, der in jiddischer Sprache den Dichter feierte. Zum Schluß erwiderte Bialik auf die vielen Ansprachen, indem er auch den Zweck seiner Reise in der üaluth, auf welcher er sechsunddreißig Städte besuchte, darlegte. «Ich komme,» führte Bialik aus, «als Sendbote des Jischuw, um das Gewissen des Diaspora-Judentums aufzurütteln. Die hebräische Sprache in der üaluth, die die Seele des Judentums bedeutet, sowie das hebräische Buch befindet sich in höchster Not. Wir stehen vor einem Abgrund, wenn sich das Judentum der Diaspora nicht rechtzeitig auf seine Pflichten besinnt. Wir müssen in der letzten Stunde der Gefahr äußerste Kraftanstrengungen machen, um den schwer ringenden schöpferischen Geistern Palästinas beizuspringen und zugleich alle Kulturwerte, die im Laufe von dreitausend Jahren durch das Judentum in hebräischer Sprache geschaffen wurden, der vollständigen Vergessenheit zu entreißen. Wir stehen auf einem ganz schmalen Streifen Bodens und bei dem leisetsen Windhauch droht die Gefahr, daß wir in den Abgrund stürzen. Ein Volk mit einer Kultur von dreitausend Jahren muß jedoch so viel geistigen und materiellen Boden erwerben, der seiner Größe einigermaßen gleichkänre und uns genügend vor dem Versinken für alle Zukunft schützt. Ob ich meine Mission erfüllt habe, wird sich erst zeigen, aber sicher ist, daß nach mir auch andere Sendboten zu Ihnen kommen, um Ihr Gewissen aufzurütteln. Sie alle müssen eingedenk dessen sein, daß uns die größte Gefahr droht, wenn wir nicht in letzter Stunde des hebräische Wort durch Verbreitung des hebräischen Buches einerseits und durch den Zusammenhang mit dem hebräisch schaffenden Palästina anderseits in größtmöglichster Wpfce fördern.» Mit einem visionären Ausblick auf die Zukunft schloß Bialik seine von hohem Verantwortungsgefühl getragenen Ausführungen, die, in später Nachtstunde vorgetragen, bei | allen Anwesenden einen starken, nachhaltigen Eindruck Wnterließen. Besuch Bialiks im Chajes- Realgymnasium Donnerstag, den 28. Jänner, besuchte der Dichter Ch. N. Bialik in Begleitung des Hofrates Prof. Dr. S. Frankfurter, des Kultusvorstandes Prof. M. Rath, Herrn Delfiner und Herrn M. Ungerfeld das Chajes-Realgymnasium und nahm am Hebräischunterricht in drei Oberklassen bei den Professoren Gelernter, Dr. Horowitz und Kästenbaum teil. Im Anschluß daran fand eine Begrüßung des Dichters durch die Direktion und Lehrkörper statt. Zuerst versammelten sich die Unterklassen im Festsaale. Ein Kinderchor unter der Leitung des Kapellmeisters AL Lampe! empfing den Dichter mit einer «Techesakna». Nach einer kurzen Rede, worin Direktor Dr. Kellner den Kindern die Bedeutung des Gastes erläuterte, begrüßte ein Schüler der II. Klasse Bialik in einer hebräischen An* oprache. Bialik sprach zu den Kindern über die Bedeutung einheitlicher hebräischer Erziehung. Wieder setzte der hebräische Kinderchor ein, während ein Mädchen der I. Klasse dem Dichter Blumen überreichte. Die darauf folgende Versammlung der Oberklassen eröffnete Prof. Kästenbaum durch eine feinfühlige hebräische Ansprache, worauf ein Schüler der VIII. Klasse, gleichfalls hebräisch, den Dichter namens der Jugend des Chajes-Rea’gymnasiums aufs wärmste würdigte und begrüßte. Nun folgte eine der bedeutendsten und eindrucksvollsten Ansprachen, die man in diesen Tagen aus dem . Munde des Dichters gehört hat. Zurückgreifend auf seihe Jugend in Rußland und auf das dortige Judentum, führte der Dichter aus, wie unabhängig von äußeren Einflüssen das hebräische Wort und der hebräische Wert von der Jugend .' gewahrt und errungen werden müsse. Eine ungeheure Ergriffenheit bemächtigte sich der Schülerschaft, die sich erst zuletzt durch gemeinsames Singen hebräischer Lieder, darunter solcher von Bialik, löste. — Der Besuch des größten nationalen Dichters wird der in dieser Anstalt Heranwachsenden jüdischen Jugend ein unvergeßlicher Markstein ihrer Entwicklung bleiben. Bialiks Rede an die Jugend Am Montag fand im Bayrischen Hof ein Jugend-Meeting statt, da sich der Dichter die Gelegenheit nicht nehmen ließ, ausschließlich zur Jugend zu sprechen. Die Jugend fo'gte auch diesem Ruf und füllte den großen Saal des Bayrischen Hofes bis auf das letzte Plätzchen. Nach einer hebr. Begrüßung durch den Führer der Schulgemeinde des Chajes-Realgymnasiums Grünberger würdigten Direktor Dr. Viktor Kellner, Lohn des Nach]agens ist das Entrinnen. Wer nachjagt* findet in jeder Sekunde seine einstweilige Befriedigung nicht darin, daß er etwas erreicht hat, sondern darin, daß er entkommen ist, und das gibt ihm zunächst den Schatten der Beruhigung und des Vertrauens. «Denn wenn einer allen Lebendigen zugesellt wird, da ist noch Vertrauen.» Doch ist der Mensch gestorben, so ist der Raum leer geworden; es ist nichts da, was das Bewußtsein ablenkte, und die Scheidewand ist verschwunden. Alles wird plötzlich unverständlich, das verborgene X ist mit dem ganzen Schrecken seiner Gestalt wieder vor «ns herabgestiegen und wir sitzen einen Augenblick vor ihm als Trauernde in Finsternis auf der Erde, zu Stein erstarrt; aber nur einen Augenblick, da der Fürst des Lebens mit dem Schließen dem Oeffnen zuvorkommt; er verschafft uns sofort einen neuen Zauber, mit dem wir das Bewußtsein ablenken und die Furcht vertreiben können; noch hat sich der Sargdeckel über dem Toten nicht geschlossen, und schon finden wir jenen ausgeleerten Raum wiederum von einem der Worte verschlossen, mag es ein Wort der Klage sein, oder eines der Tröstung, der Philosophie oder des Glaubens an das Fortleben der Seele oder sonst etwas ähnliches. Der gefährlichste Augenblick in der Rede sowohl wie im Leben ist also nur der zwischen Verhüllen und Verhüllen, wenn der Abgrund zum Vorschein kommt; aber derartige Augenblicke gibt es sowohl im Strom der Sprache als auch im Strom des Lebens sehr wenige; meistens springen die Menschen über sie hinweg, ohne es zu merken. Die Einfältigen schützt Gott. — Aus all dem Gesagten geht der große Unterschied zwischen der Sprache der Prosaschriftsteller und der Sprache der Dichter hervor. Jene, die Menschen des einfachen Wortsinnes, stützten sich auf das Gleiche und Gemeinsame ln Erscheinung und Wort, auf das Feststehende, auf den überlieferten Text, und deshalb ziehen sie mit sorgloser Sprache ihres Weges. Wem gleichen sie? Einem, der auf festem Eise, das zu harter Fläche erstarrt ist, den Fluß überschreitet. Ein solcher hat das Recht und ist imstande, sein Bewußtsein zur Gänze von der verhüllten Tiefe abzulenken, die unter seinen Füßen rauscht. Und jenem gegenüber diese, die Menschen der Anspielung, der Auslegung und des Geheimnisses, ihr Leben lang auf der Jagd nach dem, was das Einende ist in den Dingen, nach jenen einsammen «Was immer», nach jenem, in welchem die Erscheinungen und die Wortverknüpfungen, die ihnen zugehören, zu einer köstlichen Einheit in der Welt verschmolzen sind, nach dem vergänglichen Augenblick, der ln Ewigkeiten nicht wiederkehrt, nach der einzigartigen Seele und der besondern Wesenhaftigkeit der Dinge, so wie sie in einem bestimmten Moment ins Innere derer Eingang finden, die sie sehen; darum sind sie genötigt, vor dem Feststehenden und Starren in der Sprache, das ihrem Ziel sich entgegenstellt, zu jenem zu fliehen, das da lebt in ihr und sich regt. Ja, sie selbst sind verpflichtet, in jedem Moment — die Schlüssel sind In ihre Hand gegeben — eine unaufhörliche Bewegung, neue Verschmelzungen und Einungen ln sie einzuführen. Die Worte zucken unter ihren Händen, sie erlöschen und entbrennen, gehen unter und leuchten auf gleich der Schrift auf dem hohepriesterlichen Schild, leeren und füllen sich, tun eine Seele von sich ab und hüllen sich In eine andere. In den sprachlichen Stoff kommt dadurch eine Ablösung der Wachposten und eine Veränderung der Standorte. Die Verzierung eines Buchstabens, ein Häckchen am Jot — und das alte Wort flammt ln neuem Lichte auf. Das Profane wird heilig und das Heilige profan. Derartige feste Worte lösen sich gleichsam Augenblick für Augenblick aus ihren Einfassungen und wechseln den Ort miteinander. Und unterdessen, zwischen Verhüllen und Verhüllen, regt, sich der Abgrund. Das ist das Geheimnis der gewaltigen Wirkung, die die Sprache der Dichtung ausübt. In ihr lebt etwas, was den Trieb des Verantwortlichkeitsgefühles erregt, die süße Frucht dessen, der in Versuchung Ist. Wem gleichen die Dichter? Einem, der auf schwankenden und schwimmenden Eisschollen den Fluß überquert in der Stunde, da laue Lüfte wehen. Wehe ihm, wenn er seinen Fuß länger als einen Augenblick auf der Scholle verweilen läßt, länger als nötig, um von einer Scholle zur anderen und von dieser wieder zur nächsten zu springen, ln den Spalten regt sich der Abgrund, der Fuß kommt ins Schwanken, die Gefahr ist nahe Gleichwohl gibt es auch unter ihnen solche, die in Frieden von dem einen Gestade hinabschreiten und in Frieden wieder hinausgelangen zum anderen Gestade. Nicht die Einfältigen allein schützt Gott Soweit über die Sprache der Worte. Aber außerdem hat Gott noch Sprachen ohne Worte: Das Musizieren, das Weihen und das Lachen. Ihrer aller wurde das sprechende Wesen teilhaftig. Sie beginnen dort, wo die Worte aufhören und sie kommen nicht, um zu verschließen, sondern um zu öffnen. Sie schwellen an und steigen aus dem Abgrund hervor; sie sind das Emporsteigen des Abgrundes selbst. Daher schwemmen sie uns mitunter hinweg und reißen uns mit sich mit der tosenden Fülle Ihrer Wogen, und keiner vermag ihnen zu widerstehen; daher treiben sie mitunter den Menschen aus seiner Vernunft oder auch aus der Welt; eine geistige Schöpfung, in der nicht ein Widerhall wäre von diesen dreien, hat kein wahres Leben, und ti wäre besser für sie, wenn sie nicht zur Welt gekomme* wäre. 3. Oktober 1915.