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Die Stimme · 1932-02-04 · Heft 213 (4.2.1932) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 213 (4.2.1932)
Date
1932-02-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Sefte-4. DIE STIMME Nr. 213 — 4. Februar 1932 •Ich zum Ziel« gesteckt haben, das geschriebene, das gesprochene, das gedruckte hebräische Wort zu fördern, weil diese Gruppe von der Uebefxeugung s usgeht, daß dal Jüdische Volk ohne das hebräische Wort nicht existieren kann. Biaiik hat hierüber sehr viel im Konzerthaui gesprochen und seine Worte haben den richtigen Widerhall gefunden. Er hat darauf hingewiesen, wie wichtig das Studium der Thora, das Studium derjenigen Bücher ist, die die Worte der Thora erklären. Und diesen Erklärungen, die nicht bloß eine Theorie, sondern auch eine Praxis geworden sind, die sich ausgewirkt haben im jüdischen Leben, in der jüdischen Denkungsweise, allen diesen Umständen verdanken wir unsere Existenz. Wir wissen, daß unsere Religion nicht mehr das einigende Band des jüdischen Volkes ist. Viele Familien kennen diese Religion nicht mehr. Es ist gar nicht davon zu Sprechen, daß viele aufgehört haben, Juden zu sein. Der Zionismus hat viele wieder geeinigt. Wir wissen aber, daß nur ein ganz geringer Teil des jüdischen Volkes national ist. Wenn unser Traum in Erfüllung gehen wird, wenn wir Palästina aufgebaut haben, werden wir nicht das ganze Volk nach Palästina bringen können. Wir müssen daran denken; wo ist heute das Band, welches an Stelle der Religion das jüdische Volk einigen kann, welches das jüdische Volk vorbereitet, daß seine Kinder und Kindeskinder nach Palästina gehen, wenn sie wollen. Da gibt es kein anderes Mittel, als das hebräisch« Wort, die jüdische Sprache, Das wird das Judentum vom Untergange bewahren. Vielleicht wird dann die Thora dieselbe Rolle spielen, wie ehemals. Dieser. Fall kann aber nur eintreten durch die Förderung der hebräischen Sprache. Die Histadruth Iwrith will diesem Zwecke dienen und das ist nach unserem Glauben der höchste Zweck.» Zum Schluß ergriff, stürmisch begrüßt, Biaiik das Wort zu folgenden Ausführungen: «Ais ich in diesen Saal hereinkam, erblickte ich das Bild des seligen Prof. Chajes Zichrono lewracha und da erinnerte ich mich an unsere verschiedenen Begegnungen. Ich befreundete mich mit Chajes noch viele Jahre vor seinem Tode. Ich erinnere mich besonders an den Sommer, als ich durch einige Wochen in Deutschland weilte und fast tagtäglich mit ihm spazieren ging und wir über die Zukunft Erez Israels sprachen. Chajes glaubte, sein Platz sei in Erez Israel, besonders an der hebräischen Universität. Ich erinnere mich an eine unglückliche, Sitzung im Kuratorium der Universität. Wir wollten ihn in Erez Israel haben und ich glaubte, daß e^mpglicl} sein würde, seine Kandidatur durchzusetzen. Chajes war nach meiner Auffassung die größte Persönlichkeit im Zionismus und wenn wir drei bis vier solcher Persönlichkeiten in der Leitung gehabt hätten, vielleicht wäre die ganze Geschichte anders gegangen. Chajes war der einzige, der mit seinem ganzen Wesen verstanden hat, wie die Sache geführt und getan werden soll. Leider, unsere Manhigim haben auch nicht genug den Menschen verstanden und geschätzt; äußerlich haben sie ihn vielleicht geehrt, Komplimente gemacht, aber sie haben ihn verspielt. Das ist der grÖßteVerlust, der den Zionismus treffen konnte, nicht sein Tod, sondern der «Timtum halew». Die Menschen haben nicht verstanden, seine geistige Kraft auszuhützen, das ist das Tragische unserer Bewegung, das größte Verbrechen des Zionismus. Herzl erfüllte treu als Genie seine Sendung. Er hat die Judenfrage in die Welt hinausgetragen und hat die Judenfrage zu einer Frage der .Weltpotitik gemacht Er ist der Überlieferten jüdischen Kultur fremd gegenübergestandefl. Er hat das Problem der jüdischen Kultur flickt genug verstanden, er hat sogar gefragt, was ist das: jüdische Kultur? Er hat auch die hebräische Sprache nicht genug eingeschätzt und in seinem «Judenstaat» und «Altneuland» keinen Platz für die Sprache gefunden. Er hat sich wenig darum gekümmert. Er wollte vor allem einen Staat schaffen für die Juden, welche sich nicht assimilieren können und wollen. Diese Formulierung deckt schon den Fehler auf, der in seiner Auffassung über das nationale Problem gesteckt hat. Vielleicht ist das Wichtigste: wie macht man es, daß Juden sich nicht assimilieren können und nicht wollen. Das wichtigste Problem besteht darin, wie verhindert man das Sich-Assi- Kein Gesinnungsgenosse darf fehlen bei mir als Kunde. Chemische Trocken- PuftzereK und Amerik. Expreß- Bügel-Anstalt I. Walzer, Wien, IL, Taborstraße 43, Telephon A 49-2-48, bringt sensationelle Vorsaisonpreise bei verläßlicher und pedanter Arbeit. 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Nur mit geistigen Mitteln und nicht mechanisch kann man ein Volk befreien. Hätten die Menschen das verstanden, dann müßte ein Mann wie Chajes an der Spitze stehen, da an die FUhrerstelle Persönlichkeiten gehören, die den geheimen Schlüssel zur Volksseele besitzen. Zusammen mit Chajes’ Tod beweine ich auch seine wunderbaren Träume und Visionen. Hätte nicht Chajes an die Spitze der Universität in Jerusalem gestellt werden sollen? Wir haben vieles verloren, aber hier ist ein Verlust, der ein Symbol ist für unsere ganze Arbeit und unsere Tendenzen. Es werden Menschen nicht beachtet, die in geistiger Arbeit stehen. Jüdische Wissenschaftler sind verwaist, sie arbeiten ohne Widerhall, ohne Freude. Die Jugend Ist vollständig leer. Man spielt mit Dummheiten herum, die angeblich Politik sein soll und man kocht sich im eigenen mageren Saft. Es gibt nur eine Sache, die kein Ende •hat, das ist die Welt von Geist und wenn ein Rückschlag kommt, fühlt man sich nicht verloren. Da spürt man dort die Flügel der Ewigkeit. Und deshalb sage j ich: Man muß den Kurs ändern und auf neue Schienen Überführen, auf den Weg der kulturellen Arheit. In der Wüste hat Moses den Juden ja auch zuerst die Thora gegeben. Wir wandern auch jetzt durch eine Wüste und es muß uns auch jetzt die Thora vorangehen.» Blaliks meisterhafte Rede wurde durch ungewöhnlichen Belfat! belohnt, wonach das Mitglied des Zionistischen Landeskomitees, Dr. Simon H o r o w i t z in einer hebräischen Ansprache Bialik nochmals den Dank und die Ergebenheit der Zionisten Wiens zum Ausdruck brachte: «Wir schätzen uns glücklich,» sagte er, «Sie in unserer Mitte von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Ihre Worte, die aus einer großen und edlen Seele kommen, drangen tief in unsere Herzen. Sie können überzeugt sein, daß Ihre Bemühungen nicht vergebens sind und daß die Saat Ihrer Worte an die Wiener Juden aufgehen und Früchte zeitigen wird.» Die Feier im Seitenstettentempel Die Ehrung, die seitens des Vorstandes der Israel. Kultusgemeinde offiziell dem Dichter Bialik bei verschiedenen Anlässen erwiesen wurde, muß mit besonderer Genugtuung verzeichnet werden. Es beweist, daß die hervorragende Persönlichkeit de« Dichters bereits zum Bestandteil der ganzen Judenheit geworden ist und es ist nur erfreulich, daß das Bekenntnis zum Judentum durch die Ehrung seines Dichters 2um Ausdruck gebracht wurde. Außer dem offiziellen Empfang in dier Israel. Kultusgemeinde wurde von dieser die Gelegenheit benützt, den Dichter anläßlich des Freitag-Gottesdienstes in solenner Art zu ehren. Der Seitenstetten tempel wies auch am Freitagabend einen massenhaften Besuch auf. Als. der Dichter Bialik in Begleitung des Kultuspräsidenten Prof. Df. Pick und des gesamten Präsidiums den Tempel betrat, erhoben sich aHe Anwesenden von den Sitzen. Oberrabbiner Dr, Feuchtwang hielt eine gehaltvolle Rede, die dem Dichter Bialik als Schöpfer und Erneuerer des hebräischen Schrifttums gewidmet war, der man in atemloser Spannung lauschte. Infolge Raummangels können wir aus dieser herrlichen Rede leider nur nachstehenden Auszug bringen: «Die hebräische Sprache ist uns Lebenselement und Lebensnotwendigkeit, Urquelle unserer Kultur. Einer der größten und edelsten Vertreter jüdischen Geistes der Gegenwart, Bialik, dem wir unsere Huldigung dabringen und unsere Verehrung und unseren Dank bezeugen, der in unserer Mitte weilt, sagt von der Sprache: „Die Sprache ist die große Schatzkammer, in der im Laufe der Jahrhunderte alle Schätze und Kostbarkeiten des Volksdenkens der Ueberlieferung und des Lebens aufbewahrt werden. In ihr häufen sich die Volkserinnerungen. Sie ist die goldene Schnur, auf der hn Laufe der vielen Generationen die Gedanken und Ideen, die Phan- GroRHeischhauerel SIEGM. KORNMEHL Zentrale IX, Berggasse 19, Tei, A 17-3-99 u, A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbieilunfljBn fÜp^gyj-Fieisch unter Aufsicht des Ehrwürdigei) dabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Aulosuslnllunn «.osieruo» IX, Bersrgasse 1‘ XVUi Wfihrlneerstraße 79 Offenbarung und Verhüllung in der Sprache Von Chaim Nachman Biaiik (Schluß) Wirklich hat die Vernunft und das Wort einzig über das Diesseitige Macht innerhalb der viermal vier Eltyi von Raum und Zeit Nur als ein Schattenbild geht der Mens<$h einher und je mehr er sich dem vermeintli^hen Licbt vor Ihm nähert, desto mehr wächst der Schatten hinter ihm und die Finsternis rings um ihn nimmt nicht ab. Im Diesseitigen kann man vielleicht alles erklären; mit Mühe oder mit Leichtigkeit, doch flian kann erklären. Wesentlich ist, daß der Raum der Vernunft des Menschen nicht einen Augenblick leer bleibe, ohne Worte, die dicht aufeinanderfolgen gleich den Schuppen eines Panzers, so daß auch nicht eines Haares Breite Abstand zwischen ihnen ist. Das Licht der Vernunft und des Wortes — Kohle und Flamme — ist ein ewiges Licht, das nicht erlischt. Aber jene Fläche des Diesseitigen, die im Bereiche des vermeintlichen Lichtes liegt, welchen Wert hat sie letzten Endes gegenüber dem grenzenlosen Meer des Weltdunkels, das außerhalb noch bleibt und immer bleiben wird. Gerade jene ewige Dunkelheit, die so viel Schrecken verbreitet, ist es zuletzt allein, die, solange die Welt steht, das Herz des Menschen im geheimen zu sich zieht und in ihm die verborgene Sehnsucht weckt, nur einen kleinen Augenblick in sie hineinzuschauen. Alle haben Angst vor ihr und doch fühlen sich alle zu ihr hingezogen. Mit unserem Munde bauen wir über ihr Wände von Worten und Systemen sller Art, um sie vor unseren Augen zu verbergen, aber sofort wühlen die Nägel in Jenen Wänden, um in Ihnen eine klein« Lücke zu öffnen, irgendeinen Spalt, und durch ihn einen Augenblick in das hineinzuschauen, was jenseits ist Doch wehe, umsonst ist die Plage des Menschen! In dem Augenblick; da der Spalt sich anscheinend auftut, ist eine neue Scheidewand da in Gestalt eines neuen Wortes oder Systems, die plötzlich an Stelle der früheren steht und das Auge wieder vom Schauen abhält. Und. so geht es fort in alle Ewigkeit. Ein Wort geht, das andere kommt, ein System steigt empor, das andere sinkt hinab; und die alte, die ewige Frage ohne Antwort bleibt unberührt, sie verändert sich nicht und wird nicht geringer. Einen Wechsel auf seine Schuld geben oder sie ln seinem Geschäftsbuch vermerken» heißt noch nicht, die Schuld bezahlen. Es heißt, nur für den Augenblick die Last vom Gedächtnis abwälzen und nicht mehr. Das gleiche gilt bei der Rede, die eine Aussage macht, das heißt, wenn man Erscheinungen und ihren Verbindungen Namen gibt und Ordnung und Grenze für sie festsetzt. Eine Antwort auf die Frage nach dem Wesen hat von selbst in die Rede schlechthin niemals Aufnahme gefunden. Sogar eine ausdrückliche Antwort ist in Wahrheit nichts als ein anderer Text der Frage selbst. Staunen wandelt sich in Beruhigung, der Stil der Verhüllung tritt an Stelle des Stils der Offenbarung. Wenn wir daran gingen, den wahren, den innersten Kern aller Worte und Systeme bloßzulegen, so würden wir ganz zum Schluß nach dem letzten Auspressen zu nichts anderem gelangen als zu einem Wort, das alles umfaßt, einem Wort von drei Buchstaben, Welches ist es? Wiederum jenes furchtbare «Was», hinter dem ein noch furchtbareres X steht, <)as Nichts. Aber der Mensch liebt es, seine Schuld In kleine Brocken zu zerbröckeln in der eitlen Hoffnung, sich damit die Bezahlung zu erleichtern, und da 8ich die Hoffnung nicht erfüllt, tauscht er ein Wort ||egen das andere ein* ein System gegen das andere, das heißt, er gibt einen neuen Wechsel für den altien und verschiebt oder verlängert sich die Frist der Bezahlung; unterdessen kommt es dann überhaupt nicht mehr zur Einhebung der Schuld. Ein Wort oder ein System steigt also von seinem Thron hinab und macht einem anderen Platz, Nicht etwa darum, weil seine Kraft zu offenbaren, zu erhellen, die unlösbare Frage aufzuheben, teilweise oder ganz gebrochen Ist, sondern gerade im Gegenteil; weil das Wort oder das System infolge des allzu vielen Zerdrückens, Betasten« und Wühlens zerrieben wurde und nieht mehr Kraft genug in sich hat, so recht zu verhüllen und zu verbergen, und natürlich auch nicht mehr Kraft genug, um für den Augenblick das Bewußtsein abzulenken. Der Mensch schaut eine Sekunde in den Spalt hinein, der sich aufgetan hat, und zu seinem großen Entsetzen findet er wiederum jenes furchtbare Chaos vor sich. Er springt auf und verstopft einstweilen den Spalt — mit einem neuen Wort, das heißt, er hält an dem «Zauber» fest, den er längst an jenem Wort erprobt hat, das diesem voranging; als ob das neue Wort das Bewußtsein für den Augenblick abzulenken vermöchte — und er ist von seinem Entsetzen befreit. Wundere dich nicht! Der «Zauber» nützt denen, die an ihn glauben; denn der Glaube an und für sich ist nichts als die Ablenkung des Bewußtseins. Bietet uns nicht der Sprechende selbst ein naheliegendes Beispiel dafür? Solange ein Mensch lebt, strebt, sich regt und schafft, füllt er einen leeren Raum aus. Alles ist, wie es scheint, verständlich; alles geht gut vonstatten. Der ganze Strom des Lebens, sein ganzer Inhalt ist nichts als eine unausgesetzte Anstrengung, eine unaufhörliche Bemühung, das Bewußtsein abzulenken. Jeder Augenblick des Jagens nach etwas ist zugleich auch ein Augenblick der Rettung vor etwas, und dies, nur dies, ist sein Lohn* Q0

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