Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 213 (4.2.1932)
- Date
- 1932-02-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 213 — 4. Februar 1932 DIE STIMME Seite 3’ in Wien Bialik-Tage Bialift sprich! . . . Wie in seiner glutvoll lodernden Dichtung, so verwandelt sich Bialik stets in eine leibhaftige «Feuerrolle», so oft er die Rednertribüne betritt. Brennend, sengend, fluchend und mahnend quellen da Worte ln ununterbrochener Flut und der aufschäumende Zorn, der jede Rede Bialiks durchzittert, legt sich zentnerschwer auf das Gewissen der Zuhörer. Was er sagt, klingt wie ein gewaltiger Aufschrei, und jeder Satz, gemeißelt unter der Eingebung der Sekunde, scheint aus den tiefsten Quadern einer uralten Kultur emporzusteigen. Einige Tage weilte Bialik unter uns und in dieser kurzen Zeitspanne ballte sich diese Beredsamkeit zur Beichte eines modernen Juden. Eines der repräsentativsten Juden der Neuzeit, in dem dreitausend Jahre jüdischer Kultur zur wundervollsten Synthese moderner Menschlichkeit erblühten. So ersteht vor uns ein Seher und Mahner. — «Hajahaduth besakanah!» — Das Judentum in GefahrI Wie ein dräuendes Gewitter schwillt dieser einstige Kampfruf Achad Haams bei seinem Schüler Bialik zu einem Sturmsignal an, der allen seinen Reden den Stempel aufdrückt. Eine ans Tragische grenzende Sinfonie, die durch eine Flut von Gleichnissen, Hinweisen, historischen Reminiszenzen, Zitaten und Belehrungen variiert wird und stets zum Hauptmotiv zurückkehrt Ein Feuer zehrt sichtlich an dem Redner. Die Not der Zeit drückt ihn förmlich zu Boden und da schreit er das tiefste Leid des modernen Juden, jedem, der es nur hören will, ins Gesicht. So wirkt Bialik von der Rednertribüne wie ein Element. Elementar sprudeln die Worte, elementar schäumt das Temperament und wie ein Element bricht ein Strom phänomenalen weltumspannenden Wissens hervor, die uralte und neueste Kulturwerte mit gleicher Meisterschaft in den Dienst des Wortes stellt. Da kommen Menschen aus allen Kreisen und ihre Seelen sind zerbeult und beladen von schweren, schier unerträglichen Sorgen der Stunde. Die Nörgler und unproduktiven Besserwisser treibt die bloße Neugier in den Vortragssaal, die Kenner zieht die magische Gewalt der Bialikschen Dichtung, die bereits zur Legende geworden ist — und die andern, die an der Peripheriedes jüdischen Lebens wandeln, lockt der Name des Dichters, der auch in europäischen Kulturkreisen bekannt ist. Man kommt aus dem Alltag und gerät unversehens in die weihevolle Stimmung eines Kol Nldrei. Bis man schließlich in einen Taumel mitgerissen wird von der schmetternden Beredsamkeit eines wahren Magiers. Da steht wie festgewurzelt auf dem Podium die schwere Gestalt eines Redners, dessen festes, rundliches Antlitz wie eine leibhafte Masse Volk anmutet Nur um die stark gewölbte Stirn ballen sich Wolken des Zorns und der Wut und aus den kleinen klugen Augen zucken geradezu rote Flammen auf, die erst der ganzen Physiognomie Eigenart und Wucht verleihen. Ein Bauernkopf, der im ersten Aufblitzen der Augen eher philisterhaft anmutet. Aber kaum ertönen die ersten, leise hingehauchten Sätze, da horcht man gespannt auf. Eine Legende wird zur Wirklichkeit. Die Flut der Worte schwillt langsam an, der schwingende Rhythmus der Sprache hüllt unsichtbar das Auditorium in einen Nebel von Rührung, Staunen, Erkennen und Bewunderung — bis aus der indessen mächtig dröhnenden Stimme des Redners sich eine berauschende Fülle von Gedanken, Gleichnissen, Bonmots und historischen Zusammenhängen in die lautlos aufhorchende Menge ergießt, die aufwühlend, erschütternd und doch erhebend und läuternd wirken. Man erschauert förmlich unter der Wucht einer solchen Rede, die ungekünstelt, beinahe ungewollt, aus der Eingebung der Sekunde quillt und doch Weisheiten von Ewigkeitswerten hervorzaubert. Und dies Ist wohl das Bezeichnende an der Beredsamkeit Bialiks. Es sind elementare Eruptionen einer Dichterseele, die, abhold jeder Rhetorik professioneller oder unvermeidlicher Redner, wie ein letzter Aufschrei einer gequälten Kreatur erklingen, in die sich das tiefste Menschenleid verkrallte. Diese Improvisationen eines sprechenden Dichters beschwingt noch ein phänomenales Wissen, die von einem ans Wunder grenzende Gedächtnis getragen werden. Die Worte Jesajas* sind ihm ebenso geläufig, wie ein Zitat aus dem Traktat Bawa-Kama, die trockene Halacha erstrahlt im Glanze historischer Zusammenhänge ebenso durchsichtig, wie die wundersamen Parabeln der Hagadah. — Der Midrasch wird ihm zum Born lyrischer Ergüsse und ein Vers Ibn Gatiirols oder Ibn Esras reiht sich Im Zauberkreis der Zitate an die Gedichte eines Mane oder Juda Leib Gordon an. 9o flutet ln einem breiten Strome der unendliche Schatz von dreitausend Jahren greifbar nahe und ln kristallklarer Durchsichtigkeit Man könnte stundenlang zuhören und lauscht in ununterbrochener Bereitschaft Immer neue Gedanken, immer neue Perspektiven und immer neue Spannungen, die mit Elektrizität geladen, wie Feuergarben über den Köpfen der Hörer aufzucken. Ein Seher und Mahnerl Und ein jüdischer Mikrokosmos. So ersteht auch auf der Rednertribüne die Persönlichkeit des hebräischen Dichterfürsten. Eine eigenartige, in tausend Farben schillernde und aus. tausend Quellen schöpfende Persönlichkeit, die sich stets wandelt und steigert, glitzert und leuchtet und doch letzten Endes harmonisch und einheitlich anmutet Ein Judenadel uralter Prägung, indem die Verwurzelung mit dem palästinensischen Boden eine wundervolle Synthese schuf von Realitäten des Alltags und der ewigen Sehnsucht von Höhenmenschen. Und hier liegt wohl das Rätsel der faszinierenden Wirkung Bialiks als Redner. Es ist die P e r s ö n 1 i c hk e i t, die über alle Schöpfungen und Strömungen von Jahrtausenden hinweg doch noch das höchste Gut der Erdenkinder bedeutet. So manche hebräische Dichter gab es, deren Glut eine Epoche ausfüllte, deren Stil vielleicht eruptiver und deren Schaffenskraft für das zeitgenössische Judentum ebenso repräsentativ war wie die Bialiks. Doch die überragende Persönlichkeit ist es, die zur Legende geworden ist und bereits seit drei Jahrzehnten das bewußte Judentum der ganzen Welt entscheidend beeinflußt. Aus den Urteilen der jüdischen Volksmassen Rußlands kam diese wundervolle Seele hervor. Sie läuterte sich eine Zeitlang in der Woloschiner Jeschiwa, ließ sich bald von den Fluten der «göttlichen» Haskalah fortreißen, um dann gewaltsam vom Orkan der Pogrome aufgerütteJt, das tiefste Leid der modernen Judenseele in die Welt hinauszuschreien. An der Wende von zwei Epochen ballten sich hier Trotz, Zorn . und blutige Tragik eines ganzen Volkes in einer Dichterseele zusammen, die, ins Unendliche geweitet, aufgewühlt und doch schönheitstrunken, die Gefühle von Hunderttausenden in grandiose Werke bannte. Bis der Dichter für Jahre verstummte, um plötzlich wie in den Schicksalstagen vor Herzl ln den Ruf auszubrechen: «Das Judentum ist in Gefahr!» Und in der Stunde der Gefahr zog er als Sendbote des Jischuw in die Diaspora als wandernder Redner. «Gras ist das Volk und dürr ward es wie Holz.» So muß nun ein Dichter mit Feuerglut weit aufgerissene Wunden erhellen. Es verdorrt der Lebensnerv des Volkes, dem die Ursprache von drei Jahrtausenden abhanden kommt! Und so werden die Schätze aus Thora und Talmud, Hagadah und Halachah, das Bibelzeitalter und das schöpferische Mittelalter vor aller Welt auf der Rednertribüne aufgeschichtet, um erst in der grellen Beleuchtung der Verzweiflung und des Schmerzes die drohende Gefahr der Auflösung ins Gewissen des Volkes einzuhämmern. Wird das Judentum auch gehörig antworten? Wird nicht der Ruf des wandernden Propheten am Granit verknöcherter Seelen abprallen? «Gras ist das Volk» — und der Alltag lastet zentnerschwer. Der Redner Bialik wird zum erschütternden Erlebnis. Solcherart Beredsamkeit grenzt an die immanente Tragik extatischer Judenseelen. Ihr Nährboden hat Ewigkeitswerte einer uralten Kultur und ihr Aufschrei gilt der Not der Stunde. Und ln schmerzlichen Zuckungen erzittert die Seele des Volkes, ln der das Echo solcher Reden wie ein Fluch von Jahrtausenden nachhallt ... Z. F. Finkeistein. Tieferschüttert geben w:t Nachricht vom Ableben unseres heißgeliebten und guten Gatten, Vaters, Bruders, Schwiegersohnes und Schwagers Herrn Jacob Rabinowitsch. welcher Sonntag, den 31. Jänner, nach kurzem schwerem Leiden uns entrissen wurde. Die Beerdigung fand Montag, den 1. Februar statt. In Trauer; Dora Rabinowitsch, geh. Landau als Gattin Judith, Mirjam, Bola, Salomon als Kinder Ascher Rabinowitsch, Bruder Moses Herscb Landau, Schwiegervater Dr. Ignatz Landau u. Jakob Landau, Schwager Fanny Landen, Schwägerin Wien, Wysock, New York. Bialih a's Bast des zionistischen Parieirates Anläßlich der Anwesenheit Bialiks in Wien fand eine Festversammlung des zionistischen Parteiratea statt, bei der der Vertreter des Misrachi, der zionistisch« sozialistischen Arbeiterpartei, der Wizo und vieler an« derer zionistischen Organisationen erschienen sind. Dia Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt, in deren Räumen diese Versammlung stattfand, schmückte den großen Festsaal mit Girlanden und Blumen; an'der Wand prangte eine Aufschrift «Baruch Haba, Bialik!». Die Versammlung wurde durch eine Rede des Präsidenten der zionistischen Landesorganisation, Dr. Grünbaum, eingeleitet, der unter anderem folgendes ausführte: «Bialik hat in seiner großen Rede im Konzerthaus mit schonungsloser Offenheit die Wunden 'aufgezeigt, an denen der Körper des jüdischen Volkes krankt. Er hat die Dekadenz gegeißelt, die sich allenthalben breit macht. Obwohl Bialik dem Parteigetriebe fern steht, weit über den Parteien steht, war seine Rede doch eine eminent politische Rede. Was Bialik von den Assimilanten sagte, trifft leider auch auf eine große Zahl von Zionisten zu. Der Zionismus will das jüdische Volk erneuern. Erneuerung des Volkes setzt die Erneuerung der einzelnen Individuen voraus. Leider muß hier festgestellt werden, daß die großen Massen des jüdischen Volkes nicht erneuert wurden. Das liegt nicht am Zionismus, das liegt an der falschen Erziehung der Massen. Die großen Massen der Zionisten haben nichts anderes getan, als daß sie sich die zionistische Terminologie angeeignet haben. Auch sie besteuern sich ab und zu für das Judentum. Sie werfen Groschen in die Keren Kajemeth-Büchsen, gehen in Versammlungen, demonstrieren und protestieren, glauben damit ihre Pflicht gegenüber dem Judentum erfüllt zu haben und besser zu sein als die anderen. '• . Wenn Herzl heute aufstehen würde, so bezweifle ich, ob er von dem Zionismus, wie er sich heute breit macht, sagen könnte, der Zionismus sei der Staat unterwegs. Sind wir denn unterwegs? Sind wir die einheitlich geschlossene Masse, die vereint nach Zion drängt? Wir sind eine Masse. Aber diese Masse ist unterwegs stehen geblieben, sie hat sich in Gruppen und Grüpp- :hen gespaltet, die sich gegenseitig begeifern und zu Tode diskutieren. Wir betreiben Assimilation unterder zionistischen Flagge, wir kopieren die politischen Methoden anderer Völker. Damit begehen wir ein Verbrechen am Zionismus. Wir begehen den verhängnisvollen Irrtum, den grundlegenden Unterschied zwischen uns und anderen Völkern zu verkennen. Die anderen Völker sitzen in ihren Ländern, sie haben ihre Staaten, Wir stehen erst an den Pforten unseres Landes, die man vor uns verschlossen hat. Wir können uns die mörderischen Parteihader nicht gestatten. Dieser Parteihader, der unsere besten Kräfte absorbiert und uns das Mark aus den Knochen saugt, hat ein Judentum gezeitigt, dem die Durchsetzung seiner politischen Ansichten wichtiger zu sein scheint als die großen Interessen der zionistischen Weltorganisation, der genialen Schöpfung Herzls. Wir haben Führer, denen vor ihrer Gottähnlichkeit nicht bange wird, die in sich die Inkarnation der reinsten zionistischen Idee seiten und wie Gott von sich sagen: «Ani, ani welo acher»,an den Grundfesten unserer Weltorganisation rütteln, und dadurch die Weltgeltung des Zionismus gefährden. Das mußte ich hier sagen, um unserem verehrten Gast zu zeigen, daß auch wir schwer daran tragen, daß wir ein kleines Geschlecht geworden sind, das der sittlichen Größe des zionistischen Ideals vielfach nicht gerecht wird. Die Schläge, die Blalik in seine Reden dem jüdischen Volke im Osten und im Westen versetzt hat, waren leider gerecht.» Dr. Grünbaum schloß seine Rede mit folgenden Worten: «Die Massen, die sich um Sie drängen; verehrter Meister, sind nicht gekommen, um eine Sensation zu erleben, sondern um aus Ihren Worten neuen Mut ztl schöpfen für die Arbeit im Dienste des Zionismus, dessen Ewigkeitswert leider oft verdunkelt wird durch einen häßlichen Streit der Parteien. Ich meine aber, daß gerade die Pflege der hebräischen Kultur und Sprach« ein ungeheuer großes und wichtiges Gebiet ist, auf dem sich alle zionistischen Parteien in gemeinsamer Arbeit ausleben können. Sie, der große Lehrer des Judentums, der in dieser Zeit politischer Wirrnisse furchtlos mahnend und anklagend seine Stimme erhebt, sind da?u berufen.» Im Namen der «Histadruth Iwrith, sprach Dr. David R o t h b 1 u m, Indem er folgendes ausführte: «In Wien existiert eine Vereinigung Histadruth Iwrith, bestehend aus einer Gruppe von Mensche*'Hl