Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 212 (28.1.1932)
- Date
- 1932-01-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 212 — 28. Jänner 1032 Lite STIMMt Seite 5 HIslasdnifli'IWTilli / Dm ChalcsrealaymnasiHNi / Die zionistische!! Juaend-VerbSnde nd -Bünde veranstalten am Montag, den 1. Februar 1932, im Festsaale des HOTEL „BAYRISCHER HOF“ ein großes Jugendmeetimi zu Ehren Ch« ML Blalfkl« Saaleröffnung */, 7 Uhr abends. Beginn pünktlich 7 Uhr abends. Keine numerierten Sitze Karten erhältlich in der Direktionskanzlei des Chajesrealgymnasiums, IL, Castellezg. 35 u. bei den Jugendführem. Schach der Legendenbildungt Der Zionistische Landesverband für Oesterreich erfreut sich seit einiger Zeit der Aufmerksamkeit der Opposition, die ihn vor Jahren verließ und mit großer Beharrlichkeit seinen nahen Zusammenbruch prophelelte. Nun, da die Opposition endgiltig einsieht, daß ihre Prophezeiungen falsch waren, versucht sie es mit einer neuen Methode. Die zionistische Oeffentlichkeit bekommt das Märchen aufgetischt, daß es eine «Irreführung der Ceffentlichkeii» bedeute, wenn der Landesverband, in welchem «nur» die Allgemeinen Zionisten vertreten seien, seinen Titel behalte, die All gegemeinen Zionisten hätten bei den Kongreßwahien «nur etwa 25 Prozent» der Stimmen erhalten, die Union der Revisionisten lehne es ab, sich vom Landeskomitee auch nur nominell vertreten zu lassen und werde «unbedingt auf Klärung dringen», auch darauf, «daß der Landesverband einen anderen Titel tnnehme» und dergleichen mehr. Demgegenüber sei im wesentlichen festgestelit: Die Opposition will offenbar von der Zerfahrenheit in ihrem eigenen Lager ablenken. Sie war es, die den Landesverband verlassen hat. Misrachi und Poale Zion waren nie im Landesverband. Laut Statut der Weltorganisation kann in jedem Lande nur ein Landesverband existieren. Das ist der Zionistische Landesverband für Oesterreich. Es sei hier auch auf die Kan die Adresse der Revisionisten erlassene Erg der Exekutive der Weltorganisation erinnert. Es heißt dort: «Innerhalb der Zionistischen Organisation, die auf demokratischer Grundlage aufgebaut ist, gibt es Raum, Gesinnungs- und Aktionsfreiheit für Zionisten der verschiedensten Anschauungen, die rieh den Gesetzen und Beschlüssen der Zionistischen Organisation unterordnen. Sofern diese Voraussetzung erfüllt ist, besteht für Zionisten revisionistischer Gesinnung kein gesetzliches Hindernis, wenn sie es wünschen und den Bedingungen der Verfassung entsprechen, mit Zustimmung des Aktionskomitees innerhalb der Zionistischen Organisation einen Sonderverband zu bilden. Solange sie keinen anerkannten Sonderverband bilden, können Zionisten-Revisionlslen nur durch die zionistischen Landesverbände (der Allgemeinen Zionisten) der Zionistischen Organisation angeschlcssen sein, in deren Rahmen jedem Zionisten und jeder zionistischen Minorität ein weites Maß von Bewegungsfreiheit gesichert ist. Revisionistische Vereinigungen und Landesgruppen, die eigenmächtig außerhalb der Zionistischen Landesverbände gebildet werden, sind nach dem Statut der Zionistischen Organisation (§3) unzulässig und haben kein Recht, sich als zionistisch zu bezeichnen oder die Rechte von zionistischen Landesverbänden oder Sonderverbandsgruppen für sich in Anspruch zu nehmen.» Es kann also auf Seite des Landesverbandes von einer «Irreführung der Oeffentlichkeit» nicht die Rede •ein. Zur Frage der von den Allgemeinen Zionisten bei der Kongreßwahl erzielten «etwa 25 Prozent» der Stimmen stellen wir fest, daß sich unter diesen «etwa 25 Prozent» keine Stimmen befanden, die in Vorahnung der Beschlüsse von Calais von «Wählern» abgegeben wurden, die niemals der zionistischen Organisation angehört haben. Wenn schließlich die Union der Zionisten Revisionisten erklärt, sie werde auf Klärung dringen, so begrüßen wir diesen Entschluß. Wir hoffen nur, daß die Union, die außenpolitisch 100 Prozent verlangt, innerpolitisch aber noch nicht weiß, ob oder mit wie viel Prozenten sie in der Weltorganisation bleiben soll, sich zunächst diesbezüglich zu einer Klärung aufraffen wird. Erst dann, wenn sie sich mit 100 Prozent für das Verbleiben in der Weltorganisation und für die Anerkennung der Normen der Weltorganisation entschlossen haben sollte, wird sie sich wieder das Recht erwerben, in Organisationsangelegenheiten der zionistischen Weltorganisation oder der österreichischen Landesorganisation mitzureden. Die «Neue Welt» beschimpft schließlich auch die zionistischen Kultusmandatare. Wir wissen, daß die Revisionisten mit der Verratsbeschuldigung immer bei der Hand sind. Ist doch auch Weizmann ein «Verräter» und «ein provokatorischer Denunziant». Die Zionistischen Kultusmandatare befinden sich also in guter Gesellschaft. Welche Bewandtnis es übrigens mit der Unterstützung der zionistischen Wahlwerber durch die Revisionisten bei den letzten Kultusgemeinde-Wahlen hatte, daran werden sich die Wiener Zionisten erinnern, insbesondere diejenigen, die ihre Zusage, den Wahlkampf zu unterstützen und den Wahlaufruf mit zu unterfertigen, nachträglich zurückgezogen haben. Die zionistischen Kultusmandatare sind in der Kultusstube nur ein$ Minorität; sie führen dort einen schweren, zähen und aufreibenden, aber auch erfolgreichen Kampf für unser Programm. Sie führen diesen Kampf unter Zustimmung der breitesten Wählerkreise, für welche reale Arbeit mehr bedeutet als unendliche Wiederholungen von Schlagworten. Die zionistischen Kultusmandatare werden sich in ihrem Kampfe auch in Zukunft nicht dadurch beirren lassen, daß sie von malkontenten Revisionisten als« Verräter» und cMatidatsjäger» beschimpft werden. Was sind K-Wochen? Das antisemitische Beispiel Wir wissen es bereits: ein unlauterer Wettbewerb seitens einer Großfirma mit einem gerichtlichen Nachspiel. Vorläufig fand diese Episode ihre Beleuchtung in der Wiener Presse. Uns geht es hier nicht um die oder jene Firma, nicht einmal um die Tatsache dieses Kampfes, um die K-Wochen Nachdenklich machte uns nur ein kleiner Satz, der bei dieser Gelegenheit im «Morgen» vom Montag, den 18. Jänner, erschien: «nach dem Muster kleiner Trödler aus dem Osten ein nicht sehr geschmackvolles Konkurrenzmanöver». Was hat ein Trödler, und schon gar ein «kleiner aus dem Osten» mit dieser Angelegenheit zu tun. Es wäre interessant zu erfahren, ob besagter Artikel, aus dem diese«: Satz zitiert wird und im Morgen erschienen ist, einen Juden oder Nichtjuden zum Verfasser hatl Immerhin happert dieses Beispiel, wie sonst Beispiele überhaupt. Aber noch mehr: wer wagt es heute noch angesichts der in Europa, und besonders im Herzen dieses Weltteiles, in Mitteleuropa sich breitmachenden Moral, noch den kleinen jüdischen Trödler aus dem Osten einer Unkorrektheit zu zeihen?! Dem Venasser des Artikels im «Morgen« sage ich unumwunden, daß ich die verschrieene «Tarnopoler Moral» der sonst europäischen vorziehe! Ja man muß umlernen und viele übernommene Begriffe verwerfen und sich eingestehen, daß der Jude in seiner Eigenschaft als Bankier, Schriftsteller, Politiker oder gar Trödler nicht überall herhalten muß! Ja der kleine Trödler aus dem Osten ist doch wiederum «dar Jud»! Und wenn der anonyme Verfasser diesen durch die Gegenüberstellung mit einer Großfirma vielleicht zu loben geruht — wir bedanken uns! Glaubt der Verfasser etwa, daß sich jemand von uns durch den beiläufig ausgedrückten Sinn: «nicht einmal ein jüdischer Trödler würde so was tun», besonders geschmeichelt fühlt?! Wir haben keine Vollmacht, die Trödlerzunft in Schutz zu nehmen, da aber jene Glosse sich trödlerhafter Begriffe bedient, wollen wir ihnen entgegentreten. Es ist ja abgenutztes Zeug angesichts defraudierender Aristokraten, schmuggelnder Souveräne, fälschender Prinzen, mordender Studenten usw. usw. usw. (siehe Tageschronik in sämtlichen Zeitungen 1!) sich nur immer die Beispiele aus den jüdischen Reihen zu holen. Wir sind ja in dieser kleinen und großen Gesellschaft der asozialen Gilde in krasser Minorität! Aber ja, man lernt schwer um, insbesondere, wenn es sich um Lügen handelt. Herzl wußte es, als er schrieb: Das Sprichwort und der Witz ist antisemitisch! i f». Hitler-Leute überfallen polnische Juden in Königsberg Die offizielle polnische Telegraphen-Agentur (PAT) verbreitet in der polnischen und der ausländischen Presse die folgende Meldung: Ein&retwa 40köpfige Bande Hitler-Leute überfiel ln der Nacht zum 19. Jänner in einer Straße in Königsberg eine Gruppe Passanten, unter denen sich die polnischen Staatsangehörigen Rosa und Baruch David Abkewicz befanden, und hieben fünf Minuten lang mit Stöcken auf sie ein. Die Ueberfallenen wurden von den Hitler-Leuten in einer sehr brutalen Weise gepeinigt. Einer der Ueberfallenen, der sich in der Begleitung des Ehepaares Abkewicz befand, erhielt eine tiefe Kopfwunde und verlor das Bewußtsein. Die Hitler-Bande flüchtete. Der polnische Generalkonsul in Königsberg hat in dieser Angelegenheit beim Oberpräsidenten von Ostpreußen interveniert und gefordert, daß eine Untersuchung durchgeführt wird, die Schuldigen bestraft werden und daß die Sicherheit von Leben und Eigentum polnischer Staatsbürger in Zukunft garantiert wird. wieder erfülle oder von seiner Kraft hinzufüge und etwas vom Lichte seiner Seele in ihr erstrahlen lasse. Es will der Molsch das Seine, wenn es auch wenig ist; bliebe dem gesprochenen Worte seine volle Kraft und sein ursprünglicher Glanz, begleitete es immer jenes Gefolge von Gefühlen und Gedanken, die sich ihm in den Tagen seiner Macht verbunden haben, so würde wohl sprachbegabtes Wesen jemals zur Offenbarung seiner selbst und des Lichtes seiner Seele gelangen. Schließlich vermag ein leeres Gefäß aufzunehmen, ein volles nicht, und wenn schon ein leeres Wort zum Sklaven macht, wie erst ein erfülltes. Worüber muß man sich da wundern? Ueber jenes Gefühl der Zuversicht und jenes Entzücken, das den Menschen während seines Redens begleitet, als ob er wirklich seinen Gedanken oder sein Gefühl, die er zum Ausdrucke bringt, über sanfte Gewässer führte und auf eiserner Brücke; er ahnt gar nicht, wie schwankend jene Brücke aus Worten ist, wie tief und finster der Abgrund, der unter Ihm sich auftut, und welch ein Wunder, daß er ungefährdet hinüberschreitet. Es ist ja klar, daß die Sprache in all ihren Verbindungen uns überhaupt nicht in den inneren Bereich der Dinge, zu ihrem wahren Wesen führt, sondern im Gegenteil, sie selbst richtet eine Scheidewand vor ihnen auf. Jenseits der Scheidewand der Sprache, hinter jenem Vorhänge tut der von der Schale des Redens entblößte Geist des Menschen nichts als staunen und immer wieder staunen. «Keine Rede und keine Worte», nur *1« unendliches Staunen; ein ewiges «Was» Ist auf den Lippen erstarrt. In Wahrheit hat nicht einmal jenes «Was» dort Raum, da in seiner Bedeutung schon eine Hoffnung auf Antwort liegt. Aber was ist dort? «Nichts •— schließe den Mund, daß er nicht rede.» Wenn trotzi dem der Mensch zum Reden gelangt ist und rieh b* ’ ruhigt, so geschieht dies nur, weil er furchtbare Angst davor hat, auch nur einen einzigen Augenblick mit jenem finsteren Chaos allein zu bleiben, mit jenem Nichts von Angesicht zu Angesicht ohne Scheidewand. «Nicht wird ein Mensch nicht sehen und am Leben bleiben» — spricht das Chaos, und jedes Sprechen, jede Regung des Sprechens ist gewissermaßen ein Verhüllen eines Bruchteils jenes Nichts, eine Schale, die in ihrem Innern den dunklen Tropfen einer ewigen Frage einschließt, auf die es keine Antwort gibt. Kein Wort hat in sich die völlige Aufhebung irgendeiner Frage, sondern es hat nur — ihre Verhüllung in sich. Es hat nichts zu besagen, welches jenes Wort ist: man nehme dafür ein anderes, nur daß es im Augenblicke etwas in sich habe, um zu verhüllen und zu scheiden. Zwei feindliche Schwestern, an zwei Enden einander gegenüber, die Musik, die wortlos ist, und die Mathematik, die durch Zeichen spricht, bezeugen in gleicher Weise von dem Worte, daß es genau genommen nicht ist, daß es nur ein bunt gewirktes Nichts ist; aber so wie die Körper dem Auge wahrnehmbar werden und abgeschlossen in ihrer Enge dadurch, daß sie dort, wo sie sind, eine Scheidewand errichten gegen das Licht, so erhält das Wort seine Existenz gerade dadurch, daß es sich gegenüber ein kleines Loch jenes Chaos verstopft und eine Scheidewand auftürmt gegen sein Dunkel, damit es sich nicht ausbreite und gegen das Wort losgehe, um seine Grenzen unkenntlich zu machen. Wer allein in tiefster Finsternis sitzt und zittert, der läßt seine. Ohren die eigene Stimme hören, er ruft das «Sch’ma» oder er bewegt seine Lippen zum Pfeifen; wozu? Es ist ein «Zauber», um sein Bewußtsein abzulenken und seine Furcht zu verscheuchen. So Ist es mit dem gesprochenen Worte oder mit einem ganzen System von Worten: ihre Kraft liegt nicht in ihrem offenkundigen Inhalt (wenn es überhaupt einen solchen gibt), sondern ln der Ablenkung des Bewußtseins, die mit ihnen verknüpft ist. Daß man seine Augen vor etvas verhüllt, stellt schließlich die bequemste und leichteste Zuflucht vor der Gefahr dar, auch wenn diese Zuflucht nur in der Einbildung besteht. Dort, wo das Oeffnen der Augen selbst die Gefahr ist, hat man keine sicherere Zuflucht als das Verhüllen und «gut hat Moses daran getan, daß er sein Angesicht verbarg». Und wer weiß, vielleicht ist das Wort im Anfang nicht zwischen zweien entsprungen, zwischen Mensch und Mensch, ein Mittel geselligen Verkehres, Wort, das nicht um seiner selbst Willen da ist, sondern es ist gerade aus dem Munde des einsamen Menschen gekommen, als Bindeglied zwischen ihm und seinem Selbst, als seelisches Bedürfnis, Wort, nur um seiner selbst Willen da, im Sinne des Verses: «In meinem Innern wird mein Geist bestürzt und mit meinem Herzen pflege ich Zwiesprache...» Der erste Mensch fand seine Ruhe erst, als er seine Ohren sein Selbst vernehmen ließ. Doch jene Stimme des Anbeginns, die die Erkenntnis des Menschen aus dem Abgrund des Chaos emporhob, sie selbst richtete sich plötzlich wie eine Scheidewand empor zwischen dem Menschen und dem, was jenseits ist, als ob sie sagen wollte: Von nun an, o Mensch, sei dein Antlitz nur dem Diesseitigen zugewendet. Hinter dich darfst du nicht blicken und nach dem Unbegreiflichen nicht Ausschau halten; tust du es, so ist’s umsonst; denn nicht wird der Mensch das Chaos von Angesicht zu Angesicht schauen und am Leben bleiben. Eines Traumes, der vergessen wurde, wird nicht wieder gedacht; nach dem Chaos geht dein Verlangen, und das Wort soll dein Herr sein. (Schluß folgt.)