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Die Stimme · 1932-01-28 · Heft 212 (28.1.1932) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 212 (28.1.1932)
Date
1932-01-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 212 — 23. Jänner 1932 jeden Tag. Er kann tun, was er will, aber durch alle seine Taten hilft er, seine Kultur weiter zu entwickeln. Denn er bedient sich seiner Sprache, und was er schafft, bleibt in seinem nationalen Vermögen. Ein Trost ist nur für uns, daß wir Palästina haben. Es ist ein kleines Land, aber das, was wir in diesem klein«!! Lande schaffen, Ist eine Grundlage für eine große jüdische nationale Kultur. Das Alltagsleben ist hebräisch. Unbewußt, ohne die in der Galuth übliche «Besteuerung», entwickelt sich dort unsere eigene Kultur. Wie schlecht ist es jetzt um das hebräische Buch bestellt. Ich spreche heute in Wien, in der Stadt, wo Perez Smotenskin lebte und wirkte, wo er seinen «Haschachar» hcrausgab. Er war auch damals vor Jahrzehnten ein Einsamer. Hier in Wien fand er keinen Widerhall. Aber im Osten war er stark gelesen. Ich bin kein Optimist und ich muß es heraussagen: Nur ein Wunder kann das Westjudentum vor dem Untergänge retten. Aber auch in Osteuropa sind schon die gefährlichen Symtome des Niederganges sichtbar. Immer kleiner wird der Kreis derjenigen, die für ein häbräisches Buch Interesse haben. Man soll mir da nicht sagen, die schweren Zeiten, die Leiden des jüdischen Volkes sind daran schuld. Das russische Judentum, das in zaristischen Zeiten so viel gelitten hat, war trotz der Leiden der Hort des Hebräischen. Dort blühte die. hebräische Literatur. Jetzt ist es anders geworden. Dar russische Judentum wurde in jeder Beziehung gänzlich zugrundegerichtet. Und das Interesse für die hebräische Literatur und Kultur ist überall kleiner, als es war. Wie schmachvoll ist die Tatsache, daß fünfzehn Millionen Juden in der Galuth keine einzige hebräische Tageszeitung erhalten können, wo ein kleines Häuflein von nur hundertachtzigtausend Juden in Palästina vier Tageszeitungen und eine ganze Reihe von Wochen- und Monatsschriften verschiedenster Art erhält Eine derartige Interesselosigkeit der hebräischen Sprache gegenüber ist ln unserer bisherigen Galuthgeschlchte noch nicht vorgekommen. Die Gefahr ist groß! Jede Epoche hat ihre Grundidee. Die Grundidee von heute ist die Messiasidee, die Erlösungsidee. Wir haben keine Kraft mehr, deshalb ist sie die zentrale Idee geworden, die über allen anderen dominiert. Es genügt aber nicht, daß wir uns nur nach Erlösung sehnen. Die Erlösungsidee muß sich auch in Taten, in Wirklichkeit und nicht nur in Worten und Programmen dokumentieren. Wie fremd Ist die heutige sogenannte jüdische Intelligenz dem Judentum geworden. Bei anderen Völkern würden solche Menschen nicht wagen, an der Lösung der wichtigen nationalen Probleme Anteil zu nehmen. Die wirkliche jüdische Intelligenz stirbt aus und das ist ein nationales Unglück. Und doch ist heute hier eine jüdische Masse, wie ich sie Im Laufe meiner Reise öfter sah. Und die Schechina der Massen ist spürbar. So ist die geistige Kraft in Potenz doch vorhanden. Wichtig ist jeder Tropfen. Wichtig ist jede kleine Tat, die zum Aufbau der nationalen Idee führt. Und diejenigen, die die Schaffenden sind, die Einzelnen, die aus dem Chaos Werte holen und sie formen, können nur dann schaffen, wenn vor ihnen ein Volk steht, das auf die Früchte ihrer Arbeit wartet und ungeduldig darauf harrt, was ihnen die Schaffenden zu sagen haben. Man muß mit Juden leben. Man muß zwischen Juden leben! Wenn Juden nicht jüdisch leben, wenn sie zu Fremden gehen, wenn sie nichts Eigenes schaffen — woher soll daher das jüdische Leben, die jüdische Kultur kommen? Und sind An Bia lik Unsagbar litt mein Volk seit grauen Tagen Und hüllte seinen Schmerz ins Wort der Ahnen, Bis Einer trat in die geweihten Bahnen, Der fand den eignen Ton, das Leid zu sagen, Doch auch für Freude hat sein Herz geschlagen, Er rollte auf mit Mut die neuen Fahnen Und ward nicht mild’, das Volk zur Tat zu mahnen, Er durfte es sogar zu geißeln wagen. Die Waffen schmiedet er aus Urmetallen: Genie und Tatkraft, Liebesglut und Treue. Er schöpft im heiligen Land aus tiefsten Quellen. Sein Wort und Bild sind Erz, sein Sang kristallen, Der Väter Sprache schuf er um aufs Neue. Sein Stern wird unsern Weg zum Ziel erhellen. Marek Sc her lag. wir denn wirklich so arm, so aller Mittel bar? Unsere hehrste Aufgabe sei also: Das Antlitz unserer nationalen Sprache zuzuwenden! Im heutigen Leben Palästinas geht ein wunderbarer Prozeß vor sich. Wir können Ihn heute noch nicht richtig beurteilen. Wir können die Tragweite des dort Geschehenden nicht richtig einschätzen. So war es ja schon einmal und zweimal in unserer Geschichte. Worte, die in Palästina gesprochen waren, bekamen Sinn, Bedeutung und Weltgeltung erst nach Jahrhunderten. So wird auch das ,was heute noch unbedeutend aussieht, später einmal nach Jahrhunderten der Menschheit neue unschätzbare Werte schenken. Lord Reading in Aegypten erkrankt Kairo, 24. Jänner. (J. T. A.) Lord Reading, der frühere englische Außenminister und einstige Vizekönig von Indien, ist in Luxor an Grippe und Bronchitis schwer erkrankt. Ein Arzt und eine Krankenschwester sind von Kairo mit einem Kriegsflugzeug nach Luxor abgeflogen, um die Behandlung des 70jährigen Patienten zu übernehmen. Sein Befinden soll aber zu Besorgnissen keinen Anlaß geben. Seine Gattin, die ihn auch auf seiner Palästina-Reise begleitet hatte, weilt an seinem Krankenlager. 16 Millionen Dollar bisher für den Keren Kajemeth gesammelt New York, 21. Jänner. (J. T. A.) Auf dem aus Anlaß des 30jährigen Bestehens des Jüdischen Nationalfonds im Edison-Hotel zu New York stattgefundenen Diner, dem Nahum Sokolow und 800 prominente Zionisten utvd Palästinafreunde beiwohnten, teilte der Präsident des Jüdischen Nationalfonds für Amerika, Nelson Rutenberg, mit, daß für den Nationalfonds in den 30 Jahren seines Bestehens 16 Millionen Dollar, Sichern Sic sieh das Splelreclif Die Ziehung der IV. Klasse der XXVI. Lotterie beginnt schon am 9. Februar 1932. Lospreise pro Klasse: V» S 6.—, lA S 12.—, Vi S 24.—, Vi S 48.—. Lose sind zu haben bei der Geschäftsstelle der Klassenlotterie I. M. Neufeld, Wien, II., Krummbaumgasse 16. Telephon Nr. A 45-9-65. rav iöw davon 5 Millionen Dollar in Amerika, aufgebracht wurden, wofür 320.000 Dunam Boden in Palästina in jüdische Hände gebracht worden sind, Rutenberg stellte fest, daß ungeachtet der jetzigen Depression in Amerika die Eingänge für den Nattonatibftds Sieh kl den letzten drei Monaten gegenüber denen des Vorjahres erhöht haben. Rosenwalds Testament New-York, 18. Jänner. (J. T.A.) Das von dem verstorbenen großen jüdischen Philantropen Julius Rosenwald hinterlassene Testament betrifft ein Vermögen von 20 Millionen Dollar, davon sind elf Millionen Dollar 2ur Fortführung der von Rosenwald geschaffenen Wohlfahrtswerke bestimmt, während der Rest von neun Millionen unter die fünf Kinder zu verteilen ist. High Commissioner tief beeindruckt vom jüdischen Aufbauwerk London, 19. Jänner (J. T. A.) Archer Lust, der Privatsekretär des neuen High Commissioners von Palästina General Sir Arthur Wauchope, richtete ein Schreiben an die englische Zionistische Föderation, in dem er den Empfang einer von der Föderation kürzlich an den High Commissioner gesandten Botschaft^bestätlgt und hinzufügt; Seine Exzellenz der High Commissioner hat in der letzten Zeit Gebiete Palästinas bereist und hat tiefe Eindrücke von den praktischen Segnungen, die die zionistische Bewegung dem Lande Palästina gebracht hat, und von der Kraft und dem Idealismus, die diese Arbeit vorwärts treibt, sowie von dem gesunden und frohen Aussehen der Kolonisten, mit denen er zusammengekommen ist, empfangen. H, Farbstein Gast Sir Herbert Samuels London, 19. Jänner. (J. T. A.) Der englische Innenminister und frühere High Commissioner für Palästina Sir Herbert Samuel gab zu Ehren des in London weilenden polnischen Misrachi-Führers und Mitgliedes der Weltexekutive der Zionistischen Organisation, H. Farbstein, einen Tee. Bei der Zusammenkunft schilderte Farbstein die Proteststimmung, die die faktische Einstellung der jüdischen Einwanderung nach Palästina bei der jüdischen Bevölkerung in den osteuropäischen Ländern hervorgerufen hat. Innenminister Sir Herbert Samuel erklärte, das jüdische Volk dürfe seinen Optimismus nicht verlieren und auch nicht den Glauben, daß England die gegenüber dem jüdischen Volke hinsichtlich Palästinas übernommenen Verpflichtungen erfüllen werde. Ein hakenkreuzlerisches Bubenstück Ein Teil der Front des der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gehörigen Tempelgebäudes in Wien, XV11L, Schopenhauerstraße 39, ist in der Nacht vom 17. auf den 18. Jänner d. J. mit Oelfarbe beschmiert und mit den Worten «Juda verrecke» beschrieben worden. Durch die Gebäudeverwaltung der Kultusgemeinde wurde die Uebertünchung des betreffenden Frontteiles veranlaßt. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien hat diesen Tatbestand der Bundes-Polizeidirektion mit dem Ersuchen zur Anzeige gebracht, eingehende Erhebungen zu veranlassen, um solchen, eine Beschimpfung der jüdischen Religionsgesellschaft und Beschädigung des Eigentums der Kultusgemeinde involvierenden Handlungen vorzubeugen. Offenbarung und Verhüllung in der Sprache Von Chaim Nachman BlaUk. Dieser Aufsatz ist der Sammlung der Essays in der Uebersetzung von Dr. Viktor Kellner entnommen. (Anm. d. Red.) Die Menschen streuen an jedem Tage, absichtlich und in ihrer Einfalt, eine Fülle von Worten in den Wind mitsamt ihren mannigfachen Verbindungen, und nur wenige von ihnen wissen oder bringen sich zum Bewußtsein, was jene Worte in den Tagen ihrer Macht gewesen sind. Wie viele von den Worten kamen nur nach schweren Geburtswehen, die viele Geschlechter lang währten, zur Welt; wie viele leuchteten jäh wie Blitze auf und erhellten in einem Fluge eine ganze Welt; durch wie viele zogen und wunderten ganze Scharen lebender Seelen; die eine ging, die andere kam, und jede ließ Schatten und Duft hinter sich zurück; wie viele dienten als Gefäße für den feinen und überaus komplizierten Mechanismus tiefer Gedanken und erhabener Gefühle in ihren wunderbarsten Verbindungen und Verknüpfungen. Es gibt Worte, die Gebirge Gottes, und Worte, die ein tiefer Abgrund sind. Mitunter ist in einem kleinen Wörtchen die Quintessenz eines Lebens aufbewahrt, die ganze Unsterblichkeit der Seele eines tiefgründigen philosophischen Sichsehens, die Summe einer ganzen Weltanschauung. Es gibt Worte, die zu ihrer Stunde Völker und Länder auf die Knie geworfen, Könige von ihrem Thron verjagt, die Grundfesten der Erde und des Himmels erbeben gemacht haben. Es kam ein Tag, da diese Worte ihre Größe verloren und auf den Markt geworfen wurden; jetzt sind sie wohlfeil geworden wie Linsen und die Menschen werfen sie in leichtem Plaudern hin und her. Ist das etwa verwunderlich? Naturbegebenheiten muß man ruhig hinnehmen. So ist der Lauf der Welt: Worte steigen zur Größe empor und Worte sinken und werden profan. Wesentlich ist: Du findest in der Spraclie kein Wort so gering, daß es nicht im Augenblick, da es geboren ward, eine mächtige und ehrfurchtgebietende seelische Offenbarung gewesen wäre, ein gewaltiger und erhabener Sieg des Geistes. In dem Augenblick zum Beispiel, da der erste Mensch stumm und starr blieb ob der Stimme des Donners — «die Stimme Gottes erschallt mit Macht, die Stimme Gottes mit Majestät» — und da er auf sein Angesicht fiel, Staunen packte ihn und voll Schauder erzitterte er vor Gott, da brach aus seinem Munde von selbst — wie man sagt, in Nachahmung der Stimme der Natur — ein wildes Geräusch hervor, gleichend dem BrUllen eines Tiers, ähnlich dem Laute rr (er findet sich im Namen des Donners in vielen Sprachen); hat nicht dieser wilde Ruf seiner erstarrten Seele wahre Erlösung gebracht? Hat in diesem Ruf, dem Widerhall einer Seele, die in allen Tiefen ihrer Abgründe erschüttert worden war von der Gewalt der Schöpfung, von ihren Schauern, ihrem Siegesjubel sich weniger offenbart als In einem geglückten Wort voll erhabenen Gehaltes, das einem der großen Seher ln der Stunde der Entrückung gelang? Ist nicht in jenes geringe Geräusch, den Keim des künftigen Wortes, ein Wundergewebe von Gefühlen des Urbeginns eingebunden, von Gefühlen, stark in ihrer Neuheit und mächtig in ihrer Wildheit, wie Schauder, Furcht, Entsetzen, Demut, Begeisterung, Erwachen des Triebs sich zu behaupten, und andere dieser Art? Wenn dem so ist, war nicht auch der erste Mensch in diesem Augenblick ein erhabener Maler und Seher, der aus seiner Intuition heraus «die Frucht der Lippen» schuf, die treueste Wiedergabe der tiefen und wirren Erregungen seiner Seele, zumindest für ihn selbst? Und wieviel tiefe Philosophie, wieviel göttliche Offenbarung war, wie schon ein Gelehrter hervorhob, in dem kleinen Wörtchen «Ich», das aus dem Munde des ersten Menschen kam? Gleichwohl sehen wir, daß diese Worte und viele andere, die ihnen ähnlich sind, unmerklich in die Sprache aufgenommen werden — wie wenn es nichts wäre. Die Seele wird fast nicht mehr von ihnen berührt, ihr Kern ist aufgezehrt, ihre seelische Kraft verliert oder verbirgt sich, und nur ihre Schalen, die aus dem Bereich des einzelnen in den der Allgemeinheit geworfen wurden, sind in der Sprache noch vorhanden und finden, reflektiert und abgeschwächt, in den engen Grenzen des Denkens und des gesellschaftlichen Verkehrs als äußere Zeichen Verwendung und als Abstraktionen für Dinge und Erscheinungen. Es ist soweit gekommen, daß die menschliche Sprache gleichsam zu zwei Sprachen geworden ist, deren eine aus den Trümmern der anderen sich aufbaut: eine innere Sprache, die Sprache der auf das Eine gerichteten Seele, deren Wesentliches wie in der Musik das «Wie» an sich Ist — im Reich der Dichtung; und eine äußere Sprache, die Sprache der Abstraktion und der Verallgemeinerung, deren Wesentliches wie in der Mathematik das «Was» an sich ist — auf dem Gebiete des Denkens. Und wer weiß, vielleicht ist e$ gut so für den Menschen, daß er die Schale des Wortes erbe ohne seinen Kern, auf daß er sie immtf

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