Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 212 (28.1.1932)
- Date
- 1932-01-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hf. 212 — 28. Jfantf 1032 DIE STIMME Seite $ Bialik-Tage in Wien iallks Empfang am Bahnhof Bialik, der Montag, den 25. Jänner, in später Abendstunde aus Paris am Westbahnhof in Wien änkam, verbat sich im voraus jede größere Kundgebung bei sein»' Ankunft Es erschien daher zur Begrüßung des Dschrars nur ein kleiner Kreis von offiziellen Persönlichkeiten. So kamen die Mitglieder des Empfangskomitees mit Dr. Rothblum. an der Spitze, der Präsident und die Mitglieder des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich, eine Vertreterin der WIZO, die Vertreter der zioii.-soztaüst. Arbeiter-Organisation, als Repräsentant der Veteranen der hebräischen Bewegung Herr Eisik Torczyner und andere. Dr. Rothblum begrüßte Bialik im Namen der Erschienenen und erklärte, daß die Herzen aller national gesinnten Juden Wiens in Liebe und Verehrung dem Dichter entgegenschlagen. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß der Aufenthalt Bialiks in der Stadt Herzls dem Judentum neue Impulse geben werde und auf dem Gebiete nationaler Erneuerung, insbesondere durch Pflege des hebräischen Buches. Es war ein schlichter, aber um so eindrucksvollerer Empfang, der in Hedad-Rufen ausklang, als Blalik den Wagen bestieg, um in sein Logis zu fahren, das ihm Wiener Verehrer für die Dauer seines Wiener Aufenthaltes zur Verfügung gesteltt haben. Bialik-Nocht in Rinn Mittwoch, den 27. Jänner: Empfang in der B'nai Brith-Loge. Donnerstag, den 28. Jänner: Parteiratsitzung, bei der der Dichter anwesend sein wird. Freitagabend, den 29. Jänner: Besuch im Seitenstettentempel. Samstag, den 30. Jänner, 8 Uhr abends, I., Eschenbachgasse. Konferenz des Hebräischen Buches. Sonntag, den 31. nachm.: Erziehungskbnferenz, I., Jordangasse 7. Sonntagabend: Bankett im Festsaale des Hotel Kontinental. Montag, den 1. Februar, 7 Uhr abends: Jugendmeeting. Montagabend: Empfang im Herzl-Klub. Bialiks Besuch in der Kultusgemeinde Dienstag, den 26. Jänner, erschien H. N. Bialik in Begleitung des Empfangskomitees im Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde, woer vom Präsidenten Prof. Alois Pick in einer längeren Ansprache begrüßt wurde. Dann wurde der Gast durch den Präsidenten Prof. Pick, die Vizepräsidenten Dr. Löwenherz und Ornstein, die Kultusräte Dr. Friedmann, Prof. Rath, Dr. Körner und Dr. Klaber durch die Bildergalerie und alle Räume der Kultusgemeinschaft geführt Zum Schlüsse überreichte Vizepräsident Dr. Ornstein dem Dichter ein Prachtexemplar der Statuten, wie es seinerzeit auch Prof. Einstein übergeben worden ist. Bialiks Besuch beim Zionistischen Landeskomitee und in den Zionistischen Büros Mittwoch vormittags besuchte Bialik das Zionistische Landeskomitee, wo er vom Präsidenten des Lanaeskomitees Dr. Oskar Grünbaum herzlichst begrüßt wurde. Bei dieser Gelegenheit stattete Bialik auch in den Bureaus'des Keren Kajemeth, des Keren Hajessod und des Palästina-Amtes sowie der Versicherungsabteilung des K. K. L. und der Redaktion der «Stimme» einen Besuch ab. Die zum Empfang Bialiks erschienenen Repräsentanten der Organisation und der Fonds verbrachten mit Bialik eine Weile angeregter Aussprache über das jüdische Kulturleben in Wien. Blalik Im Tempel in der Seitenstettengasse Freitag, abends 5 Uhr, wird beim Gottesdienst in der Seitenstettengasse Herr Chaim Nachman Bialik erscheinen, und es wird aus diesem Anlaß Herr' Rabbiner Dr. David Feuchtwang die Predigt abhalten. Teilnahme am Bialik-Bankett Gesinnungsgenossen, die am Bialik-Öankett teilnehmen wollen und irrtümlicherweise die Einladung nicht erhalten haben, werden ersucht, sofort die Zionistischen Bureaus ooei den Keren Kaiemeth anzurufen (R 27-3-20). Der Kostenbeitrag zum Bankett muß spätestens Donnerstag, den 28. d., bis 7 Uhr abends beim Keren Kajemeth oder beim Landeskomitee erlegt werden. Andernfalls ist eine Teilnahme ausgeschlossen. Stuhlvarstopfung. Zuschriften von Frauenärzten loben gleichlautend die recht milde Wirkungsweise des natürlichen •Prens-Joeef-Bltterwaasers, die steh für den sarten Körperbau dee Weibes ganz vorzüglich eignet. Der Dichter am Rednerpult Es liegt im Zwitterwesen der Galut, daß der Dichter der nationalen Renaissance zur Volksmasse in deren Galutsprache sprechen muß, obschon eine hebraistische tausendköpfige Gemeinde sich hiedurch bei der Rede Bialiks am Dienstag im Großen Konzerthaussaal um den echten, ganzen Bialik gebracht sehen mußte. Sichtlich war allerdings der Dichter beeinflußt von der großen Masse, die er vor sich sah. Sonst könnte er nicht, bei all seiner Klageführung gegen die Versumpfung in der Galut, eine allzu verständliche Andeutung Uber den Wert der Massen, deren Erscheinung sogar «zu einem Segensspruch herausfordert», fallen lassen. Und haben nicht die Tausende in Wien mit wahrer Sehnsucht gewartet, um die Legende «Bialik» endlich lebendig vor sich zu sehen? Jugend, die in hebräischen Schulen diese Legende lernte. Erwachsene, die die überragende Poesie Bialiks kannten oder auch nur von ihr so viel zu hören bekamen — nun kam ihnen die Offenbarung des Sehers! Mag nun auch zum sprachlichen Gewand Jiddisch gedient haben, die Intuition von Bialiks «achen Chazir haam» und «mete Midbar» sickerte zur Genüge durch und inspirierte Herz und Hirn. Das Auffallendste an einer durchdringlichsten zionistischen Rede: eine durchgreifende Schilderung der jüdischen (f.) Die Ankündigung der Rede Bialiks wirkte elektrisierend auf das jüdische Wien. Schon lange sah man keinen solchen Massenandrang bei einer jüdischen Veranstaltung wie beim Vortrag des Dichters im großen Konzerthaussaal. Erfreulich waren insbesondere die großen Jugendscharen, die ihrem Dichter stürmisch zu jubelten. Der Abend begann mit Orgelmusik und dem Chor der jüdischen Kunstvereinigung unter der Leitung Artur Wolfs. Die hebräischen Gesänge, die in prachtvollem Zusammenspiel der Orgel vorgetragen wurden, steigerten noch die festliche Stimmung, die im dichtgefüllten Rlesensaale fühlbar war. Als dann Bialik, begleitet vom Vorsitzenden des Empfangskomitees, Dr. David Rothblum, auf dem Podium erschien, erhoben sich alle Anwesenden und brachten dem Dichter eine stürmische Ovation dar, die einige Minuten dauerte. Dr. Rothblum hielt eine kurze, hebräische Ansprache. Bialik begann mit einem Bekenntnis, er sei kein Redner. Doch aus seinen tiefschürfenden, von prachtvoller Beredtsamkeit überschäumenden Worten, erkannte man das Gegenteil. Ansonsten spürte man förmlich, daß der Dichter aus dem Vollem schöpft. Er ist der universelle Geist, der schöpferische und grandiose Erneuerer der uralten Kulturwerte des Judentums. Das Publikum lauschte bis zum letzten Wort und feierte zum Schlüsse den Dichter in stürmischer, herzlicher Weise. Es war ein unvergeßlicher Abend. ■ ■ . * (w.) Im tiberfüllten großen Konzerthaussaaal hielt Chaim Nachman Bialik Dienstag, den 26. Jänner, abends, folgenden Vortrag: Zu Beginn meiner Europareise sprach ich in der größten jüdischen Ostgemeiride, in Warschau. Jetzt, knapp vor meiner Rückkehr nach Palästina, spreche ich vor der größten jüdischen Westgemeinde in Wien. Es gibt einen Segensspruch, den man sagt, wenn man eine große Masse sieht, und der lautet: Baruch Chacham Rasim. Ich will heute vor dieser Masse diesen Segen sprechen. Ungewiß ist die Zukunft des jüdischen Volkes. Chaos herrscht überall. Und wohin mich auch meine Reise führte, überall spürte ich Galuth und Machtlosigkeit. Die letzten Kräfte sind es, die wir jetzt ausgeben. Wir haben keinen Nachwuchs. Das nationale Vermögen, das von Generationen gesammelt worden ist, schmilzt zusammen. In schwersten Zeiten, die über uns kamen, haben wir immer viel geschaffen. Aber heute, ln der Zeit, in der wir jetzt leben, fühlen wir: Es ist Schluß mit unserer Kraft. Ich bin kein Redner. Ich möchte lieber unter Euch sitzen. Aber mich mit Juden aussprechen wollte ich dennoch. Und das war der Grund meiner Reise. Leider ist der jetzige Zeitpunkt dafür nicht der günstige. Schwere Alltagssorgen bedrücken uns. Vielleicht soll man aber gerade ln schweren Zeiten über Ewigkeitsprobleme und Ewigkeitswerte sprechen. Ueberall, wo ich bisher war, habe ich nicht komplizierte, sondern elementare, einfache Probleme berührt Habe nichts Neues gesagt. Erinnerte nur an Altes, das aber längst vergessen worden ist. Ich sprach von der Rolle des Hebräischen in unserer Geschichte und in unserem Leben und gab mir Mühe zu erklären, daß die Sprache nicht nur ein gesellschaftlicher Behelf ist Jede Sprach# hat ein «Laschoo Kj#* Misere, Parallelstellung von Galut und Erez Israel — und das Wort «Politik» hörte man nicht ein einziges Mal! Die Armut im Reichtum der Galut, die nationale Wertlosigkeit der universellen Intelligenz ohne eigenen Ausgangspunkt, vön der anderen Seite ein Reichtum in der Armut Erez Israels, eine Gelstesfülle auch im engen Kreis . des nationalen Ge« meinwesens — nie wurden diese Tatsachen so Kraß vor Augen geführt, wie sie der «Nichtredner», der große Poet, schilderte. Eine kleine jüdische Volksschule ist für das schöpferische Judentum von größerer Bedeutung als fünfzig Prozent jüdischer Hörer und Lehrer in einer europäischen Hochschule. In einem Milieu jüdischer Eigenkultur ist Kunst« Schöpfung, sogar in der Formung japanischer Genrebilder, ein nationaljüdischer Beitrag zur Weltkultur, wohingegen z. B. die Schaffung noch so interessanter jüdischer Bilder seitens großer «Deutscher jüdischer Konfession» keineswegs als Nationalschöpfung gelten kann. Zwei Stunden sprach Bialik mit. hinreißendem Temperament, und so enthüllte sich in dieser von hohem Flug der Phantasie getragenen Rede eine Tragik der Galut, die uns alle, auch die Schöpfer, ebenso wie die Masse, sehr nachdenklich stimmen mußte. Mit eiserner Logik führte dann ein gerader Pfad zur Besinnung aiif Erez Israel. Im Innersten aufgerüttelt, erhob sich dann die Menge und zollte dem gefeierten Dichter herzlichsten Beifall. S. Picker. desch» und «Laschon Chol» (die heilige Sprache der Ewigkeit und die Sprache für den AUtagsgebraucb). Das Schöpferische in der Sprache ist das, was entsteht und sich entwickelt, wenn der Mensch mit sich selbst spricht Das Schöpferische der Sprache läßt sich nicht übersetzen. So ist auch die Thora unübersetzbar. Jedes .Wort in der Sprache hat seine Geschichte, seine Seele, Schatten der Vergangenheit umschweben es. Ein dichterisches Wort kann nicht durch ein Wort einer anderen Sprache ersetzt werden. Aber auch dasselbe Wort in derselben Sprache bekommt bei jedem Dichter anderes Leben und eine neue Seele. Daher die große Gefahr, die darin liegt, daß sein Volk seine nationale Sprache vergißt. Ein Volk, das so handelt, verliert das Wichtigste. Ein Volk, das sich einer anderen Sprache bedient und diese seelisch in sich aufnimmt, stellt eine eiserne Wand auf zwischen sich und dem Genius des Volkes. Eine Uebersetzurig ist minderwertiger Ersatz. Die Bibel aus einer Uebersetzung kennenlernen, gleicht Küssen der Geliebten durch ein Tuch. Und das vollständige Entsagen vom Hebräischen führt zum seelischen Tod. Es ist klar: Man muß sich in der Galuth fremder Sprachen bedienen. Im Laufe der zweitausendjährigen Wanderung waren die Juden immer gezwungen, dies zu tun. Aber eines hüteten sie wie einen Schatz: das Buch. Sie wußten, das hebräische Buch ist das einzige, was das Judentum vor dem Untergang retten konnte. Und zum erstenmal in unserer ganzen Geschichte — dies geschah in den letzten 120 Jahren in Westeuropa — hat sich ein Teil, des Judentums vom Hebräischen gänzlich losgerissen, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, daß die Sprache das Fundament des geistigen nationalen Lebens ist. Alles ändert sich. Alles verschwindet« Was vom Leben bleibt, das sind nur Worte, die Seele und Inhalt haben. Durch den Geist formt sich die Sprache, die dann eine Wechselwirkung äusübt und den Geist von neuem formt. Ein Wort, ist eine' Sinfonie, in der die Stimmen von Generationen klingen. Und der nationale Genius kann sich in einer anderen Spracht nicht zu Hause fühlen. : Ich berührte bei allen meinen Vorträgen während der letzten Reise auch das Problem der Kultur Wir Juden beteiligen uns an verschiedenen Kulturen ufid genießen diese auch. Aber Kultur genießen heißt hiebt Kultur schaffen. Wenn wir fremde Kulturen eirisaugen, die wir nicht* mitgeholfen haben zu schaffen, sjnd wir kulturelle Parasiten. Schaffen, das heißt die Gebürtswehen mitmachen. Das jüdische Volk hat viel von Ad«, deren Kulturen genossen, aber für die eigene sehr.wenig geschaffen. Und es hat sich eine Zweiteilung in kulturel*. len Fragen zurecht gelegt, die nichts anderes als ein faules Kompromiß ist: Ein Teil des Lebens, das ist,diesogenannte Weltkultur, und der zweite, das ist die zur- Armseligkeit zusammengeschrumpfte jüdische Kultur«; Die Juden haben sich verpflichtet gefühlt, für. jüdischkulturelle Zwecke sich sozusagen zu besteuern,-indem sie zum Beispiel einmal im Jahre am Jom Kipur den Tempel besuchen oder, indem ein jüdischer Wissenschaftler eine Arbeit verfaßt, in der er den Zusammen* hang seiner Disziplin mit den Werten, die die Juden auf diesem Gebiete geschaffen haben, zum Ausdruck# bringt. Ein Deutscher, ein Franzose braucht keine der« artige» Behelfe. Er baut seine Kultur unbewußt: Der Vortrag des Dichters im GroAen Konzerthaussaal