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Die Stimme · 1932-01-14 · Heft 210 (14.1.1932) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 210 (14.1.1932)
Date
1932-01-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 210 — 14. Jänner 1932 Besuch bei Edmond Fleg Edmond Flcg, der sich vorübergehend in Wien aufhält, gehört zu den populärsten jüdischen Dichtem der Pariser Kolonie. Seine Bücher «Moses», «Der kleine Prophet», «Der Kaufmann von Paris» und andere seiner Werke wurden vielfach aus dem Französischen in andere - Sprachen übersetzt und festigten den Ruf Flegs als eines mit dem Judentum tief verwurzelten und seine Schmerzen mitfühlenden Dichters. .. In einem Gespräch mit einem unserer Mitarbeiter ä.u&erte sich der Dichter insbesondere über seine letzte Palästina-Reise im Frühling 1931. Schon auf dem Schiffe hatte er Gelegenheit, mit dem Dichter Bialik, zu dessen Bewunderern er gehört, zusammenzukommen. Bialik gab ihm genaue Informationen über die Lage in Palästina. Unvergeßlich bleiben für Fleg die in Ercz Israel gewonnenen Eindrücke. Der riesige Aufschwung des nationalen Lebens begeistert ihn derart, daß er seine Eindrücke in einem Buche niederlegte, welches unter dem Titel «Mein Palästina» voraussichtlich im Februar 1932 erscheinen wird. Der Dichter hebt vor allem die Zuversicht und das feste Vertrauen ches Jischuw hervor und sieht die Folgen'dieses Vertrauens in den hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete des hebräischen Kulturwerkes, wie auch in den ökonomischen Errungenschaften der Siedlungen, des Ruthenberg-Kraftwerkes und der prachtvollen Entwicklung Tel-Avivs. In dieser jüdischen Stadt hatte Fleg auch Gelegenheit, den Aufführungen der «Habima» und des «Obel-Theaters» beizuwohnen und spricht sich begeistert über das hohe Niveau dieser hebräischen Bühne, die mit biblischer Wucht moderne Probleme zum Ausdruck bringt, aus. Die Araberfrage bezeichnet Fleg, der übrigens in Palästina auch mit seinem Jugendfreund Weizmann zusammentraf und Gelegenheit-hatte, gemeinsam mit ihn die Universität und andere Institutionen zu besuchen, als die brennendste. Es war ein Fehler der Zionistischen Organisation, daß man die Araberfrage seit Jahr und Tag vernachlässigt hat. ...-.Lieber die Judenfrage in Frankreich befragt, erklärte Fleg, es gebe dort eigentlich keine Judenfrage. Dank den Bemühungen der zionistischen Führer herrscht in Frankreich nicht nur kein Antisemitismus, sondern, im Gegenteil, ein großes Interesse für das Judentum und dessen Probleme. Der Antisemitismus kann sich in Frankreich auch aus dem Grunde nicht durchsetzen, da die Juden im Kriege durch ihr heldenmütiges Verhalten dem französischen Staate ihren Patriotismus durch große Blutopfer bewiesen haben. Bezeichnend für die Stimmung der katholischen Kreise Frankreichs ist, daß ein katholischer Priester von der Kanzel herab Gedichte Flegs zitierte und den Dichter als seinen jüdischen Freund bezeichnet hat. Der Jesuit Pere Bonsirven hat ein Buch über die Juden, «Auf den Ruinen des Tempels», veröffentlicht, welches die Judenfrage objektiv und gerecht behandelt. Trotzdem Fleg, der in Genf geboren ist, seit vierzig Jahren ständig in Paris wohnt, ist er der Assimilation nicht unterlegen. Er gehört zu den national bewußten Juden, die den Zusammenhang mit dem lebenden Judentum des Ostens stets aufrecht halten. Diesem Umstand ist wohl das tiefe jüdische Gefühl zuzuschreiben, das in seinen 'hervorragenden ‘Dichtungen zum Ausdruck kommt. D. S c h m i d. Jubiläum des Kaiser Josefschen Toleranzpatents Das 150jährige Jubiläum des von Kaiser Josef 11. eingeführten Toleranzpatentes, das die Rechtsverhältnisse der österreichischen Juden auf neue Grundlagen stellte, wurde in diesen Tagen auf einer von der «Union deutschösterreichischer Juden» veranstalteten Festversammlung gefeiert. Der Feier wohnten auch führende nichtjüdische Persönlichkeiten der Wiener Gesellschaft bei, u. a. auch der Altbundespräsident Dr. Harnisch sowie Vertreter mehrerer Ministerien und anderer Staatsbehörden, ebenso des Kehilah- Präsldiums. Nach der Eröffnungsansprache des Vizepräsidenten der «Union» Dr. Ticho über die kulturelle Bedeutung des Toleranzpatents hielt Präsident Dr. Jakob Ornstein die Festrede, die nach einem historischen yeberblick über die judenfeindliche Gesetzgebung der Kaiserin Maria Theresia die großen Verdienste Kaiser Josef II. um die Anbahnung der Gleichberechtigung der österreichischen Juden würdigend hervorhob. Der aufgeklärte Monarch hat als «Schätzer der Menschheit» seinen Willen'wahrgemacht, auch dem «unglücklichen jüdischen Volke aufzuhelfen» und seine Fürsorge «allen seinen Untertanen ohne Unterschied der Nation und der Religion angedeihen lassen.» Durch die jahrhundertealten Vorurteile im Volke konnte Kaiser Josef den Juden nicht auf einmal volle Bürgerrechte gewähren, diese wurden jedenfalls unter seiner Herrschaft höchst wohlwollend eingeleitet, zunächst durch die verfügte Gleichberechtigung auf dem Gebiete des Unterrichts und der gewerblichen Betätigung, ebenso durch Erteilung freien Wohnsitzes an die Juden in allen Teilen der Hauptstadt; dadurch erst ist die allmähliche Seßhaftmachung der Juden ln Wien möglich geworden, deren Zahl damals im ganzen 500 Seelen betrug und seither beständig anwuchs zum Wohle Großösterreichs, an dessen Größe die Juden durch ihre Arbeit besonderen Anteil hatten, ebenso wie die hingebungsvolle Mitarbeit der Juden auch im kleinen Oesterreich nie fehlen wird. Die österreichische Judenheit schuldet Dank und liebevolles Angedenken dem edlen menschenfreundlichen Kaiser Josef II. Die sehr zahlreich versammelte Gesellschaft stimmte den Ausführungen des Festredners mit überaus lebhaftem Beifall zu. Martyrium jüdischer Kinder in polnischen Volksschulen Der jüdische Pariamentsklob sandte ein Schreiben an den Unterrichtsminister, In welchem auf das Martyrium jüdischer Schüler in polnischen Volksschulen und insbesondere auf die Lage ln der staatlichen Volksschule des Städtchens Baranow hingewiesen wird, wo der Schulleiter Kryk auf dem Kopfhaar eines Jüdischen Schülers mit der Schere ein Kreuz ausgeschnitten hat Auf diese Weise lieferte er den Schüler dem Spott seiner Kameraden aus. Der jüdische Parlamentsklub ersuchte den Richter, gegen solche moralische Perversitäten an den polnischen Schulen einzuschreiten. Dem Brief war eine Photographie des jüdischen Schülers, auf der das Kreuz im Kopfhaar deutlich zu sehen ist, sowie andere Dokumente beigelegt. Hachnassat Tajarim (Touristenempfang.) Es ist mitunter darüber geklagt worden, daß Touristen nach längerem oder kürzerem Aufenthalt in Palästina das Land unvolisätndig gesehen haben. In Haifa hat sich daher ein Komitee von Vertretern verschiedener Organisationen, «Wizo», «Histadruth Nashim», «Hadassah» und Privatpersonen unter dem Namen «Hachnassat Tajarim» gebildet, dessen Mitglieder es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Touristen die Besichtigung alles Sehenswerten zu erleichtern und ihnen in allen sonstigen Angelegenheiten mit Rat und Tat an die Hand zu gehen. Komitee: Herr Dr. Agranat, Mrs, Sol Cohen, Frau R. Czazkes, Frau Nathanson, Mrs. Bernard A. Rosenblatt, Herr Hermann Struck. Todesurteil gegen einen Juden Warschau, 7. Jänner. (J. T. A.) In die zahlreichen polnischen Spionageprozesse der letzten Zeit wurden auch zwei Juden verwickelt. Das Kreisgericht in Grodno als Standgericht verurteilte den Schneidermeister Moses Dawidowycz zum Tode und einen zweiten Juden, Feiwel Karp, zu 15 Jahren schweren Kerkers unter der Beschuldigung, Spio- .. nag'? zu, ungvnsten Polens, getrieben, zu babm.. Die Ange- 'klagten''leugneten"jede Schuld.' Aus (futüstinu Ussischkin feiert das goldene Jubiläum seiner zionistischen Tätigkeit Der Präsident des Jüdischen Nationalfonds M. Al Ussischkin beging am 5. Jänner das goldene Jubiläum seiner zionistischen Tätigkeit. Er war einer der Mitbegründer der modernen Chowewe Zion-Bewegung, die vor 50 Jahren begonnen hat, in organisatorischer Form Arbeit für Palästina zu leisten. Ussischkin wurde aus Anlaß seines Jubiläums vom Keren Hajessod und den anderen Institutionen des Jischuw beglückwünscht. Beamtenabbau Gemäß den Vorschlägen von Sir Samuel O’Donneü und H. Brittain vom Londoner Schatzamt, die als Sparkommission m Palästina fungierten, wurden jetzt 45 arabische, 22 englische und 12 jüdische Regierungsbeamte abgebaut. Bekanntüch wurde vor kurzem inoffiziell berichtet, daß die Kommission die Entlassung von 50 älteren und 250 Jüngeren Regierungsbeamten vorgeschlagen habe. Man scheint sich nun entschlossen zu haben, die Vorschläge der O’Donnel-Kommission nur zum Teil durchzuführen. Die Regierung, die die Auflösung der Malaria- Forschungsstation geplant hatte, erklärt nun, daß auf Grund von Vorstellungen aus London die Beibehaltung der Station beschlossen worden ist. Die Malaria-Station in Palästina wurde zehn Jahre lang vom American Joint Distribution Committee erhalten und erst vor einem Jahre dem Gesundheitsdepartement der Regierung unterstellt Norman Bentwlch Inhaber des Weizmann-Lehrstuhto ln Jerusalem Der Kanzler der Hebräischen Universität in Jerusalem teilt mit, daß Norman Bentwlch, der frühere Oberstaatsanwalt und Chef des Justizdepartements der Palästina- Regierung, von der Universität zum Inhaber des Weizmann- Lehrstuhles für internationales Friedensrecht gewählt wurde. Antijüdischer Boykottbeschluß der mosleraitischen Jugendkoaferenz Die soeben in Jaffa beendete Konferenz des mosJemitischen Jugendverbandes in Palästina nahm eine Resolution an, in der erklärt wird, der Boden Palästinas sei heiliger arabischer Boden, und jeder Araber, der solchen Boden an Juden verkauft oder an einem solchen Verkauf beteiligt ist, mache sich eines Verbrechens schuldig, für das es keine Vergebung gibt In einer weiteren Resolution werden Boykott ausländischer und jüdischer Waren und von Ausländern geleiteter Kinos, Appelle an arabische Zeitungen, Inserate auswärtiger Firmen nicht aufzunchmen, sowie Nichtzusammenarbeit mit Juden auf politischem, sozialem und wirtschaftlichem Gebiet ausgesprochen, Zehn Fragen 1. Wie hieß die erste jüdisch-nationale Vereinigung fit Galizien? 2. Was versteht man unter «Gematria?» 3. Was versteht man unter «Pinkassim»? 4. Was hieß «Büchelgeld*? 5. Was versteht man unter «Genisa»? 6. Wo finden sich die ersten jüdischen Reiseberichte? 7. Wer brachte die DezimaJrechnung nach Europa? 8. Wer waren die Geonim? 9. Wo findet sich zum erstenmal die Bezeichnung «Ghetto» für Judenviertel? 10. Wann entstanden die ersten jüdischen Zünfte? Antwortern 1. Die erste jüdisch-nationale Vereinigung in Galizien hieß «Mikra Kodesch», aus ihr ging im Jahre 1887 der Verein «Zion» hervor. 2. Unter «Gematria» versteht man ein auf dem Zahlen» wert der Buchstaben oder auf ihrer Vertauschbarkelt (AequI* valent) nach Alphabetordnungen beruhendes Wortdeutung»* verfahren. Sie kam durch die Kabbala zur vollen Entfaltung. 3. Unter «Pinkassim» versteht man die Protokollbücher der jüdischen Gemeinden, in welche wichtige Ereignisse im Leben der Gemeinde, Kahalbeschlüssc, Rechtsakten, z. B, Testamente, Kaufverträge, Urteile usw., eingetragen wurden. 4. Unter «Büchelgeld» verstand man in Oesterreich bis 1848 die Kultussteuer, deren Einziehung seit 1792 den Juden gestattet war. 5. Unter «Genisa» versteht man den Raum, in welchem unbrauchbar gewordene Thorarollen, Gebetbücher, verbrauchte Kultgegenstände usw. aufbewahrt werden. In der Genisa von Kairo wurde wertvolles Dokumentenmaterial gefunden. 6. Die ersten jüdischen Reiseberichte finden sich bereits in der biblisch-apokryphischen und talmudistisch-agadischen Literatur, z. B. über die Reisen des Tannaiten Akiba (zweites Jahrhundert) nach Babylonien, Medien, Arabien und Afrika. 7. Die Dezimalrechnung wurde angeblich von Jakob ibn Scheara zur Zeit Karls des Großen nach Europa gebracht, Jakob ibn Scheara war ein jüdischer Kaufmann. 8. Die Geonim (Mehrzahl von Gaon) waren die Titel der Akademiehäupter von Sura und Pumpadita in Babylonien in der nachsaboräischen Zeit (589 bis etwa 1040). 9. In einer päpstlichen Bulle aus dem Jahre 1562 findet sich zum erstenmal die Bezeichnung «Ghetto» für das römische Juden viertel. 10. Die ersten jüdischen Zünfte (hebräisch Chebroth) entstanden zu Beginn des 17. Jahrhunderts, und zwar die Schneiderzunft in Przemysl, die Kürschnerzunft und die Zunft der Juweliere in Krakau sowie die Schneiderzunft in Lemberg. Ein Brief der revisionistischen Union an die „Times" Die «Times» brachten am 30. Dezember einen Bericht über die Rede Jabotinskys auf der revisionistischen Konferenz in Warschau; danach hätte Jabotinsky gesagt: «Die Juden könnten das Dynamit werden, welches das britische Imperium in die Luft sprengen würde.» Am 4. Jänner veröffentlichten die «Times» einen Brief der Exekutive der Union der Zionisten-Revisionisten, in dem erklärt wird, Jabotinsky hätte von Dynamit nicht gesprochen, er habe gesagt: «England hat im Laufe seiner 13jährigen Regierungstätigkeit ln Palästina unsere Aspirationen zunichte gemacht. Es hat dadurch 15 Millionen jüdischer Herzen in Zorn entflammen lassen, und die Gefahr von 15 Millionen brennenden Zündhölzchen ist sehr groß.» In dem Brief wird gegen den Inhalt von Dr. Eders Brief an die «Times» polemisiert, in welchem erklärt wurde, Jabotinsky sei ein für den Zionismus nicht verantwortlicher Politiker und ohne offizielle Stellung in der Zionistischen Organisation. Jabotinsky, heißt es in dem Briet der revisionistischen Union, ist der Präsident einer Organisation, die den Sturz Dri Weizmanns herbeiführte und bei den letzten Kongreßwahlen mehr Stimmen erhielt als jede andere zionistische Gruppierung; auch habe sie im Zionistischen Aktionskomitee mehr Vertreter als irgendeine andere zionistische Partei. Jn aller Müsse In Paris findet am 10. Februar ein große« Meeting anläßlich de« Jubiläums des Keren Kajemeth statt, bei welchem u. a. A. M. PainlevB, M. de Monzle, M. Justin Godart, M. Leo Motzkin. M, Emanuel Neumann. Vladimir Jabotinsky und Isaac Naldltsch Ansprachen halten werden. * Der Innenminister von Kuba erklärte, dn.fr dort kein Rassenhaß möglich ist. Die Mehrzahl der Reisenden sind Juden und stets gerne willkommen. * Die Allgemeinen Zionisten von Paris organisieren sich. Die Union der Allgemeinen Zionisten hat nunmehr Ihr Programm herausgegeben. Der Kommandant der Textilfabrik Nr. 1 ln Moskau wurde seine» Postens enthoben, well er die Mißhandlung des Jüdischen Fabriksarbeiters Lugatsch durch einige antisemitisch verhetzt« Fabriksarbeiter geduldet hat. * Im Alter von 78 Jahren verstarb zu Boisem im Staat« Idaho Herr Moses Alexander, der erste eingewanderte Judtfc der ein Gouverneursamt in einem amerikanischen Staat« bekleidet hat, * In der Nacht »um B. Jänner ist auf dem Israelitisches Friedhof in der Rentzelstraße zu Hamburg ein« schweif Grabschändung verübt worden. Einer der letzten Vertreter aus der Blütezeit des Frank* furter Antiquitätenhandels, der Seniorchef der Firma J. Uli s. Goidschmldt. Julius Goidscbmldt, ein großer PbUaatfcrcfc ist hochbetagt gestorben.

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