Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 209 (6.1.1932)
- Date
- 1932-01-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 209 — 6. Jänner 1932 Seife 7 DIE SYI/Fw/I: Jtvi£dor Jiameiri Auszügen verboten. Der große Wahnsinn Autorisierte Uebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf Fnsbesonders den Onke! Oesterreicher ließ Herr Fieger nicht in Ruhe. Dieser alte Soldat brachte ihn immer in Wut. Ihm einfach das Beten im Talith und Tefillin zu verbieten, ist ihm nicht eingefallen, oder er wagte es nicht. Das Beten als solches war an der Front und beim Militär überhaupt nicht nur gestattet, sondern wurde auch gefördert. Man hatte davor fast so eine Ehrfurcht, wie vor dem gemeinen Schimpfen. Beides 1 war ja als eine Art Alkohol gewertet. Anstatt sich anzusaufen, überwindet man die Leiden und den Zorn durch ordinäre Flüche oder durch Beten. Aber die Art. wie Onkel Oesterreicher betete, erweckte die besondere Aufmerksamkeit Herrn Fiegers. Und zur Zeit des fürchterlichen Eilmarsches befahl ihm plötzlich der Herr Fieger, vor seinem Pferde zu laufen. Dies schien keine große Strafe zu sein, denn das Pferd des Herrn Fiegers verließ doch nicht die Abteilung. Es schritt ja mit uns zusammen. Herr Fieger aber ritt die ganze Zeit hin und zurück, um nachzusehen, ob nicht jemand von uns im Oehelmen irgend einen Gegenstand aus seinem Tornister wegwirft, um die Last zu verringern. Und auch dabei mußte Onkel Oesterreicher vor seinem Pferde einheriaufen bis zum Ende seiner Kräfte. Das war ein tragikomisches Bild: Ein alter fünfzigjähriger Soldat, ein etwas untersetzter Jude mit einem Ziegenbart und Sorgenfalten im Gesicht, schwer beladen mit dem Tornister, dem Gewehr und der Patronentasche, lauft vor dem Pferd, stöhnt, seufzt, badet sich in seinem Schweiße und versinkt bei jedem Schritt im Kot bis zu den Knöcheln. Niemand von uns konnte begreifen, daß dieser ältere, schwerbeladene Jude nicht ausrutscht, nicht fällt. Irgendeine mystische Kraft verlieh ihm Widerstand. Irgendetwas Mystisches erhielt die Seele In seinem Körper. Und Herr Fieger beeinflußte langsam auch die anderen Offiziere, die sich von Tag zu Tag Immer mehr änderten. Unsere nächsten Vorgesetzten waren: der Hauptmann Fieger selbst, dann Oberleutnant Stubnlk, der aus einer slovakischen Familie stammte, ein ausge- \ sprochener Trottel, der sich über nichts anderes unter-! hielt als Uber Frauen und Hunde. Und auch bezüglich der Frauen und Hunde hatte er keine Meinung. «Eine schöne Fräü, hat Bestie! Käftaillet Wie ein schöner Hund!» — pflegte er sich mit ernstem Lächeln einzumengen, wenn man Uber eine Frau sprach. Oder: «Ein schöner Hund, Sakrament, wie eine schöne Frau» — sagte er wieder, wenn man sich über einen Hund unterhielt. Dann war noch Leutnant Joni da. Er hatte jüdische Oeslchtszlige und wenn diese Züge noch von Brutalität entstellt wurden, erregten sie in uns ein Gefühl des Ekels. Wir haben später erfahren, daß er ein Getaufter war. «Wenn man solche Juden sieht» — sagte einmal naiv der lange Tiroler zu mir — «kommt man wirklich in Versuchung zu glauben, daß sie zu denjenigen gehören, die zu Pessach christliche Kinder schlachten.» Und als ich das Gesicht des Herrn Joni, dieses freche, aufgedunsene, despotische Gesicht gut betrachtete, begann ich darüber nachzudenken und ich antwortete dem langen und naiven Tiroler: «Recht hast du, mein Lieber. Wenn es Juden gab, die vom Priester bestochen wurden, um solche Verbrechen zu begehen, dann könnte dieser einer von jener Sorte sein.» Damit gab sich der lange Tiroler zufrieden. Unsere übrigen Herren waren: Der Fähnrich Szegedy, ein schweigender ungarischer Intelligenzler, der nach Beendigung seiner Universitätsstudien nunmehr in einer Provinzstadt als Notar tätig war. Er war der typirche Provinzler. Er war es gewohnt, daß die Bauern in Ergebenheit mit ihm sprechen, den fetten, schmutzigen Hut verlegen in der Hand haltend. Dann war hier noch der andere Fähnrich Slezak, ein junger Slovake von feistem und rotem Gesicht, sehr flink und immer in Bereitschaft zu befehlen oder einen Befehl zu erfüllen. Die Soldaten gaben ihm den Beinamen «Springnichtherum». In Wirklichkeit war er unser sympathischester Vorgesetzter und das erregte bei den anderen Offizieren Unwillen und Verdacht, ln der letzten Zeit begannen nämlich Gerüchte über den tschechoslowakischen Verrat umzugehen. Diese Bewegung erregte bei uns große Verwunderung, denn die tschechischen Regimenter hatten den Ruf, Oesterreich und Franz Josef besonders treu zu sein. Diese Tradition wurzelte in einem Ausspruche des Thronfolgers Franz Ferdinand, der diese Regimenter immer «Meine Tschechen» genannt hatte und der ihnen mehr vertraute, als den rein deutschen Regimentern. In Zeitungskreisen allerdings hat man diese Sympathie auf eine andere menschliche Weise gedeutet: Die Frau des Thronfolgers, Gräfin Sophie Chotek, war eine Tschechin und sic pflanzte ins Herz ihres Mannes die Liebe zu ihrem Volke. Aber ein Mensch, der eine Soldatenuniform trägt, hat nur ein spöttisches Lächeln für das Gerede der Journalisten überhaupt und insbesonders für derartig dummes Gerede. Und plötzlich tauchen nun Gerüchte über den Verrat «meiner Tschechen» auf. Da war der kleine Offizier verdächtig, der natürlich durch Liebenswürdig- . keit von seinen verborgenen dunklen Plänen die Auf- I merksamkeit ablenken wollte. | Und es gab noch Offiziere und Offiziersstellvertreter, die auch von ihren Vorgesetzten gelernt hatten, uns zu verachten und einfachen Soldaten gegenüber sich ablehnend stolz zu benehmen. Langsam gewöhnten wir uns daran, daß sie alle einherstelzten, als ob siegeschlechtskrank wären, daß sie im Gehen immer die Knie etwas beugten, mit den Reitpeitschen gegen ihre Stiefel schlugen und näselnd schimpften: «Bändel Elendige Bande! Zivilisten!» Diese Beleidigung «Zivilisten» war die schlimmste. Denn ein Zivilist, das heißt: ein Krüppel, ein Schlemihl, ein Feigling, ein Trottel, eine Null. Na, und selbstverständlich spielten auch die Säulen der Armee, die Herren Feldwebel, eine große Rolle. Die waren noch schlimmer als die Offiziere selbst. Dies ist verständlich, wenn man bedenkt, daß sie die Befehle der Offiziere erfüllten. Die Soldaten nannten die Feldwebel «Leichenschänder». Einer dieser Feldwebel widmete seine besondere Aufmerksamkeit meiner Wenigkeit, obzwar ich im allgemeinen diesbezüglich keine Ausnahme war. Der Feldwebel haßt schon von Natur aus die Offizierskandidaten, wenn er auch weiß, daß ein Tag kommen wird und er wird vor ihnen Habtacht stehen müssen. Oder ist er gerade deshalb so und benützt die letzte Möglichkeit, den Offizierskandidaten seine Kraft und seine Macht zu zeigen? Der Feldwebel hat keine Angst, daß nachher der Kandidat sich wird revanchieren können. Der Feldwebel hat eine gutausprobierte Methode: er versteht es, die Wut und den Haß des Kandidaten, der zum Offizier avanciert ist, auf die Soldaten selbst zu lenken. In neunundneunzig Fällen von hundert glückt es ihm Immer. Er ist ja nur einer und Soldaten gibt es viele. Bei denen kann man sich ausleben wie man will. Doch mein Feldwebel haßte mich noch mehr, als es die Feldwebeltradition vorschrieb. Vielleicht, weil ich Jude bin, oder weil er sicher war, weil der Hauptmann es nicht erlauben wird, daß Ich Offizier werde, ebenfalls deshalb, weil ich Jude bin, oder schließlich fühlte er schon jetzt, daß ich mit meiner Wut die einfachen Soldaten nicht verfolgen werde, wenn ich mal Offizier werden sollte. Die Offiziersreitpeitsche begann hier am Frontabschnitt Jazlovice besonders stark und ambitioniert auf die Stiefel zu schlagen. «Man muß die Mannschaft an die Front gewöhnen und ihre Kampfeslust stärken!» Die Offiziere taten alles mögliche, um diese militärische Erziehung zu fördern. Oberleutnant Erich Stubnik, der nebenbei auch professioneller Sportsmann war, befahl einigen seiner Leute, zweihundert Meter hin und zurück zu laufen. Am Start und am Ziel stellte er zwei Feldwebel auf und jedesmal, wenn einer der Läufer zu einem der Feldwebel gelaufen kam, war er verpflichtet, mit reiner und klarer Stimme siebenmal fehlerlos den Namen und den Titel des Kaisers zu sagen: «Allerhöchster Kriegsherr, Se. Majestät Kaiser und König Franz Josef I.!» Das mußten vor allem die Ungarn selbst machen, denen es besonders schwer fiel, diesen deutschen Satz zu sprechen und die an und für sich die deutsche Sprache hassen, mehr noch als den Feldwebel. Der Leutnant Joni gab einmal einem der Soldaten fünf Zigaretten zu fressen, als Strafe dafür, weil dieser, als er ihn einmal auf der Straße stellte, die Zigarette, die er gerade rauchte, nicht weggeworfen hatte. Der schweigende Fähnrich Szegedy gab seinem Diener von seinem Spucknapf zu trinken, weil dieser einmal in seinem Zimmer ausspuckte. Der Unglückliche hat fürchterlich erbrochen. Und der Offizier «Springnichtherum» fing einmal einen Deserteur, der nachts ins Feindeslager flüchten wollte und bevor er ihn dem Kriegsgericht übergab, wollte er ihn auch im eigenen Wirkungskreis bestrafen: Er ließ ihn binden, legte ihn unter einem Wasserleitungshahn und ließ die ganze Nacht lang einen Tropfen nach dem andern auf seinen Schädel fallen. Als der Unglückliche am nächsten Morgen vor Gericht gestellt wurde, biß er in seine Hand — er wurde wahnsinnig. Der sympathische Offizier machte das aus Angst: Er merkte, daß seine Liebenswürdigkeit den Soldaten gegenüber Verdacht erregt hat. Er gab sich Mühe, so wie alle anderen Offiziere zu sein. Und das alles geschah in stillschweigender Zustimmung des Herrn Fieger, der hier hinter der Front der «höchste provisorische Richter» war. Dann wurde es bekannt, daß von einer Flucht ins Feindeslager keine Rede war und daß der Herr Slezak das, was er machte «als ein vorsichtiger und diensteifriger Offizier» machte, um von vornherein jede Möglichkeit des Verrates auszuschalten. So hat ihn Herr Fieger verteidigt. (Fortsetzung folgt.) Ein Vermächtnis für die hebräische Universität In New York wurde das Testament des i. J. 1927 verstorbenen Solomon Shapiro geöffnet. Shapiro hat eine Summe von 10.000 Dollar für die Hebräische Universität in Jerusalem vermacht, die sofort zur Auszahlung gelangen soll. Ferner hat er bestimmt, daß die Zinsen aus einem Fonds von 25.000 Dollar regelmäßig an die Hebräische Universität abgeführt werden. Shapiro hat 32.000 Dollar für zehn weitere jüdische Institutionen hinterlassen. Einstein in Pasadena Professor Albert Einstein und Gattin sind am 30. Dezember in Los Angeles an Bord des Dampfers «Portland» eingetrof en. Infolge der Quarantäne-Vorschriften mußten sie einen Tag noch auf dem Schiff im Hafen verbringen und konnten es erst nach der Quarantäne-Inspektion verlassen. Sie tragen dann ohne Aufenthalt die Weiterreise nach Passdena an, wo Prof. Einstein auf dem Mount Wilson-Observatorium seine Forschungen fortführen wird. Der von der Stadt Pasadena geplante feierliche Empfang wurde auf ausdrückliches Verlangen Einsteins abgesagt. Julius Rosenwald, der große jüdische Philantrop, liegt im Sterben Aus Chikago wird telegraphiert, daß der weltbekannte qüdische Philanthrop Julius Rosenwald in seinem Hause in HigJilaiuM’ark einem Vorort von Chikago, schwer krank darricderliegt. Julius Rosenwald steht im 70. Lebensjahre und ist Präsident der Welt irma Sears, Roebuck & Co. Er gehört zu den reichsten und freigebigsten Bürgern der Vereinigten Staaten, er spendete viele Millionen Dollar für Universitäten und Museen, sowie für sozia’e Zwecke. Von spezifisch jüdischen Schenkungen sind u. a. zu nennen: sechs Milionen Dollar für das jüdische Kolonisationswerk in Rußland, und je 500.000 Dollar für das Hebrew Union College in Cincinnati und das «Jewish Thcological Seminary of America» in New York. Vor einem halben Jahre schenkte er der Stadt Berlin eine Mülion Do'lar zum Bau einer Zahnklinik für Kinder Erst vor wenigen Tagen spendete er für den Chikagoer Arbeitslosenfonds 250000 Dollar. Rosenwald ist Ehrenpräsident der «Chicago Sinai Congregation» und Vizepräsident des American Jewlsh Committee. btntr> n« mzm Jalla-Oranaen. Grape Frall Karmel-Weine. Koanak Sehemen-OllveaGI Ckedera-Henl« liefert zu bi iigen Preisen direkt ins Haus Samuel Halpern Wien, II., FWrsleraaeee G T«l. A 48-4*12 3n aller Hüne Die Manischewltz-Mazzoth-Gesellsehaft ln Cincinnati, eine der größten Mazzoth-Konzerne der Welt, hat ein Abkommen mit der Amtorg, der Handelsvertretung der Sowjetregierung in Amerika, ,-e troffen, wonach die Manische- , witz-Geaellschaft bis 15. .'f rz d. J. mindestens 200.000 Pakete Mazzoth im Gesamtgewicht von zwei Millionen Pfund nach Rußland zu senden hat. 8 Am vergangenen Sonntag und Montag wurde in Amsterdam die 32. Jahresversammlung der holländischen Zionistischen Vereinigung abgehalten. * Die Zentrale des Keren Kajemeth für Rumänien organisiert eine Palästina-Wanderausstellung, die ein Bild der wirtschaftlichen und kulturellen Möglichkeiten Palästinas geben soll. « In Pavia verstarb im Alter von 71 Jahren Prof. Camillo Supino, Inhaber des Lehrstuhls für politische Oekonomie an der Universität Pavia. Der Conseil der Jewlsh Colonlsation Association versammelte sich unter Vorsitz von Sir Leonard Cohen zu der am Jahrcsschluß üblichen Generalversammlung und Budgetsitzung. In der Nacht vom 27. zum 28. Dezember haben unerkannt gebliebene Täter einen Ueberfall auf die grüßte Synagoge von Hamburg verübt. Es sind sechs Scheiben zertrümmert worden. Aus Anlaß der Tagung des Zentralexekutivkomitees der Sowjetunion findet im Moskauer Kreml eine Ausstellung statt, die die wirtschaftliche Entwicklung des russischen Fernen Ostens illustriert. Eine besondere Abteilung ist den! jüdischen Siedlungswerk ln Biro-Bldschan gewidmet.