Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 209 (6.1.1932)
- Date
- 1932-01-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seme DIE STIMME Nr. 209 — 6. Jänner 1932 Zehn Fragen 1. Wit hieß Achad Haam mit Minern Mfgerllchen Namen? 2. Wann tauchte die erste Ritualmordanscholdigung in Europa auf? 3. Wie mußten Juden nach dem Schwabenspiege! den Eid leisten? 4. Was Ist eine Aguna? 5. Was verstand man unter Oröschl-Beth-Dln? 6. Wer war Komanus Lecapenua? 7. Wer war Aqulla? 8. Wann wurde die erste gewerkschaftliche Organisation jüdischer Arbeiter gegründet? 9. Was ist der Arnon? 10. Welche Rolle spielte Fanny Arnstein in Wien? Antwortern 1. Achad Haam hieß mit seinem bürgerlichen Namen Uscher (Ascher) üinsberg. 2. Die erste Ritualmordbesdiuldigung in Europa wurde im Jahre 1144 in Norwich (England) erhoben. 3. Nach den Vorschriften des Schwabentpiegels mußte ein Jude, der einen Eid leisten mußte, sich auf eine Schweinshaut stellen und die rechte Hand bis zum Oelenk in eine Thorarolle stecken. In der Eidesformel mußte der Jude für den Fall, daß er falsch schwüre, alle erdenklichen biblischen Flüche auf sich herabwünschen. 4. Aguna ist eine verheiratete Frau, die von Ihrem Gatten keinen Scheidungsbrief erlangen kann oder dessen Ableben nicht nachweisen kann. 3. Oröschl-Beth-Din hieß das jüdische Gericht im alten Prag, welches über Bagatellsachen zu entscheiden hatte. 6. Romanus Lecapenus (919—944), byzantinischer Kaiser, verordnete, daß alle Juden in Apulien das Christentum annehmen müßten. Bel dem Versuch der Zwangsbekehrung der Juden kam es zu einem Gemetzel. Sämtliche Jüdischen Gemeinden wurden vernichtet. 7. Aquila war ein jüdischer Froselyt im 2. Jahrhundert. Er übersetzte die Bibel ins Griechische. 8. Die erste gewerkschaftliche Organisation jüdischer Arbeiter war der im Jahre 1864 ln Mohilew gegründete Verein der jüdischen Damenschneidergesellen. 9. Arnon ist ein Fluß im südlichen Transjordanien. ,Sein heutiger arabischer Name ist Modschib. In der Zeit der Eroberung Kanaans bildete der Amon die Grenze zwischen dem amoaitischen Reich des Sichon und dem der Moabiter (Num. 21, 13>. 10. Fanny Arnstein, Tochter des Berliner Bankiers Daniel Itzig, Frau des Bankiers Baron Nathan Amstein, führte in Wien zur Zeit des Kongresses ein großes Haus. In Ihrem Salon verkehrten u. a. Wellington, Fürst Hardenberg, Grillparzer, Varnhagen von Ense usw. Die Vermutung von Graetz, Fanny Arnstein habe sich auch für die Gleichberechtigung der Juden eingesetzt, ist nicht erwiesen. 500 Juden kamen im Dezember nach Palästina Jerusalem, 3. Jänner. (J. T. A.) Im Verlauf des Dezember 1931 kamen, wie soeben vom Einwanderongsamt mitgeteilt wird, 499 Juden, 139 Christen und 15 Moslems nach Palästina. In dem gleichen Monat verließen 80 Personen das Land. Ein fester Pakt zwischen Hitler-Partei und Cuza-Partei? Bukarest, 3. Jänner. (J. T. A.) Die Kischineffer jiddische Tageszeitung «Unser Zeit» will aus verläßlicher Quelle erfahren haben, daß anläßlich der Anwesenheit des Hitler-Delegierten Karl Motz in Bukarest zwischen diesem und führenden Persönlichkeiten der «Liga für national-christliche Verteidigung» eine feste Abmachung betreffend eine enge Kooperation zwischen deutschen Nationalsozialisten und rumänischen Cuzisten getroffen wurde. Auf Grund einer längeren Beratung sei ein 16 Punkte enthaltendes Protokoll verfaßt worden, ln dem u. a. die Unverletzlichkeit der rumänischen Westgrenzen garantiert wird. Dieses Protokoll wurde namens der «Liga für national-christliche Verteidigung» von sechs angesehenen cuzistischen Führern unterzeichnet. Dr. Arlosoroff besucht den ägyptischen Ex-Khediven Dr. Chaim Arlosoroff, Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, besuchte den Ex-Khediven von Aegypten, Abbas Hilmi Pasha, der für einige Tage nach Palästina gekommen ist. Es heißt, daß des Ex-Khediven Besuch in Palästina in Zusammenhang steht mit seinem Anspruch auf den Thron Syriens. Diese Angelegenheit ist jetzt darum aktuell geworden, weil ein Beschluß der französischen Regierung über eine Modifizierung des Syrienmandats demnächst erwartet wird. Abbas Hilmi Pascha wird von dem bekannten ägyptischen Publizisten und Zionistenfreund Dr. Ahmud Azim, der als sein politischer Berater fungiert, begleitet. Ex-Khedive Hilmi Pascha Gast der Jewish Agency Jerusalem, 3. Jänner (J. T. A.). Der frühere Khedive von Aegypten und Prätendent auf den syrischen Königsthron Hilmi Pascha stattete dem Büro der Jewish Agency in Jerusalem einen Besuch ab, in Erwiderung auf den Besuch, den ihm das Mitglied der Exekutive Dr. Chaim Arlosoroff gemacht hatte. Der Exkhedive besuchte mehrere jüdische Kolonien, die hebräische Universität und verschiedene andere jüdische Institutionen in Palästina. Konferenz der zionistischen Organisation Litauens — Große Rede Biaüks Bei Anwesenheit von etwa 50 Delegierten aus ganz Litauen fand in Kowno die 5. Konferenz dor Zionistischen Organisation Litauens statt. Die Delegierten und Oäste bereiteten dem als Gast anwesenden Dichter Chain? Nachrnan Bialik eine stürmische Ovation. Mit großer Begeisterung wurde die Ansprache von Btatik aufgenommeti. Er schilderte In sehr bewegten Worten das Schicksal des Judentums in der Gegenwart und kam zu dem Schlüsse, daß Palästina heute der ruhigste Winkel für das Judentum ln der ganzen Wett und auch die beste Basis für die Zukunft des Judentums Ist. Die Jüdische Jugend besonders sollte es wissen, daß Palästina der einzige Ausweg aus dem jüdischen Unglück bedeutet. Nur durch Verwirklichung des zionistischen Ideals kann das jüdische Volk erlöst werden. Dr. Nelson Glück Direktor der American School in Jerusalem Df. Nelson Glück, Hiifsprofessor für Hebräisch Im Hebrew Union College in Cincinnati wurde vom Kuratorium der American School for Social Research zum Direktor der American School for Oriental Research ln Jerusalem ernannt. Er ist der erste Jude auf diesen Posten. Seine Vorgänger waren Gelehrte vom Range eines Prof. James A. Montgomery von der Universität Pennsylvania, Prof. C. C. Porry aus Yale und Prof. William F. Allbright von der Johns Hopkins University. Die American School of Oriental Research in Jerusalem, ein Hauptzentrum archäologischer Arbeit In Palästina, wird von hundert amerikanischen Universitäten unterstützt. Spanien und die spaniolischen Juden Der jetzt in Tetuan, Spanisch-Marokko, weilende spanische Unterrichtsministcr Don Fernando de los Rios empfing den Präsidenten der großen spaniolisch-jüdischen Gemeinde von Tetuan Ben Aroch. In einer Ansprache an die jüdischen Dis Liga lor das amaitende Palästina ln Oatnrraicb ▼eranstaltet am Samstag, den 16. Jänner 198S, präzise 7*8 Uhr abends, Im Festsaalo, IV, Treitlstr. 8 (Neubau der gastgewerblichen Krankenkasse, nächst Kärtnertor) einen IM!l Unter anderen wirken mit: Gertrud Kraus und ihre eruppe Jüdischer fiesanosuerein (Dirigent: L Brandmann) Kiarinelten-Quinielt Stein oas gesamte Reinertragnis fiieBt dem Palästina* Aroeiter-Fonds zu UQPton zum Pre,s0 von S 1-80 bis 8 5.— sind ernfll lull bältllch bei: Sekretariat der Liga, I. Jordangasse 7, l. Stock (jeden Mittwoch 7—9 Ubr abends; Büro des jUd. Nationalfonds, I. KftrntnerstraOe 88; Vereinigte zionist.-soz. Arbeiterpartei „Poale Zlon- Hitacbdutb“, IL Blumauergasse X Führer erklärte der Minister: Das heutige Spanien und die spanische Regierung bedauern das den Juden im Jahre 1492 zugefügte Unrecht. Fis gereichte Spanien nicht zum Segen, daß es seine jüdischen Bürger vertrieben hat. Die neue Republik hat diese Schmach ausgelöscht, indem sie die Juden als gleichberechtigt behandelt. Das heutige Spanien ist sich dessen bewußt, daß die Juden zu der spanischen Zivilisation Bedeutendes beigetragen haben. Ich hoffe, daß die Juden das Vergangene vergessen und an der Entwicklung der spanischen Kultur, die keine konfessionellen Unterschiede kennt, mitai beiten werden. Liquidierung einer Ritualmord-Affäre in Rumänien Vor dem Geschworenengericht von Urhiew hatte sich der jüdische Landwirt Jizchak Tutmann aus dem Dorfe Ziganescht wegen fahrlässiger Tötung eines 13jährigen Knaben zu verantworten. Tutmann hatte den Knaben, der in einem Heuhaufen versteckt schüef, beim Auf'aden des Heus mit der Aufladegabel durchstochen. Der unglückliche Zu'all wurde von einer Gruppe antisemitischer Bauern zum Anlaß genommen, eine Ritualnrordhetze zu entfachen. Auch vor Gericht versuchten einige Zeugen, den Unglücksfall als einen aus rituellen Motiven begangenen Mord hinzustellen. Die Verhandlung endete mit dem Freispruch des Angeklagten. Jüdische Arbeitslose in Amerika Die von 30 jüdischen Gesellschaften in den Vereinigten Staaten von Amerika in den ersten neun Monaten des Jahres 1931 ausgegebenen Unterstützungsgelder für jüdische A<rbeitslose zeigen gegenüber der gleichen Periode im vorangegangenen Jahre eine Erhöhung von 41.5 Prozent auf. Die Zahl der Arbeitslosenunterstützung empfangenden jüdischen Familien hat sich in der erwähnten Periode gegenüber der des vergangenen Jahres um 42.8 Prozent erhöht Von dtn von 17 jüdischen Gesellschaften in 17 Städten der Vereinigten Staaten «»gegebenen UnterttUtzungigeldern wurden 46.5 Prozent (568.282 DoVar) zur Unterstützung von Arbeitslosen verwendet. Diese Ziffern stammen vom Bureau für jüdische soziale Forschung. Antisemitische Ueberfälie in Sofia Solid, 3. Jänner (J. T. A.). In der letzten Zelt sind in Sofia mehrere Ueberfälie auf Juden vorgekommen, die deutlich erkennen lassen, daß es sich um eine gut organisierte Aktion gegen die Juden handelt. Unter den Juden Sofia* herrscht deswegen Besorgnis. Die Organisation «Rodna Zastita» betreibt eine systematische antisemitische Propaganda, deren Wirkungen sich nicht allein in rein antisemitischen, sondern auch fn räuberischen Ueberfällen auf Juden äußern, Vor kurzem wurde ein jüdischer Geldwechsler von einem Bulgaren in ein entlegenes Sofioter Stadtviertel gelockt, dort überfallen und seines Geldes beraubt. Nur durch besonder* glückliche Umstände kam der Jude mit dem nackten Leben davon. Am 25. Dezember wurde ein Jüdischer Hausierer von einem Bulgaren in eine entlegene Wohnung geführt, wo ihm angeblich alte Kleider zum Kauf angeboten werden sollten. Der Bulgare stieß ihn in einen Keller, bedrohte ihn mit dem Revolver und fesselte ihn an Händen und Füßen, beraubte ihn der Brieftasche und hielt ihn 48 Stunden im Keller verschlossen. Einige Mate befragte er den Gefesselten, ob er irgendeiner jüdischen nationalen Organisation angehöre. Durch einen Zufall wurde der Hausierer befreit. Am 26. Dezember wurde ein jüdischer Arzt zu einem angeblich Er> krankten in eine entlegene Wohnung geführt. Dort wurde er mit einem Revolver bedroht, mit eisernen Ketten an den Boden geschmiedet, dann an die Wand gespannt. Die Banditen erzwangen durch solche Martern vom Arzte Briefe an seine Frau und seinen Schwiegervater, in denen er ersucht, dem Ueberbringer 200.000 Lewa zu tibergeben, andernfalls er getötet würde. Als der Gefesselte kurze Zeit allein gelassen wurde, rief er um Hilfe. Vorbeigehende alarmierten die Polizei, die ihn und den jüdischen Hausierer, der im Keller de* gleichen Hauses gefesselt lag, befreien konnte. Es wurde festgestellt, daß der Bandit, der den Arzt und den Hausierer ln die Falle gelockt hatte, Mitglied der Organisation «Rodna Zastita» seit 1926 ist. Er konnte noch nicht festgenommen werden, aber einer seiner Helfershelfer, ein Student, wurde verhaftet und sagte aus, es bestehe bei der Organisation eine besondere Gruppe, die sich die Terrorisierung und Ausbeutung jüdischer Bürger zur Aufgabe gemacht hat. Diese Gruppe gibt ein spezielles Organ «Prelom» heraus, der Student ist einer der Redakteure dieses Organs. Aua Palästina Das jüdische Arbeiterviertel in der Haifabucht In der Ha*fabucht, in unmitellbarer Nähe der Eisenbahnwerkstätten der Regierung, ist ein jüdisches Arbeiterviertel im Entstehen. 180 Arbeiterhäuser, hauptsächlich für jüdische Eisenbahnarbeiter, sind im Bau. Klimatisch und hygienisch sind die Verhältnisse ausgezeichnet. Jeder Hausinhaber erhält einen Dunam umzäunten Gartenlandes. Der Jüdische Nationalfonds hat den Boden hergegeben, die Palästina Hypothek- und Kreditbank hat 20.000 Pfund als erste Bauhypothek vorgeschossen, der Palestine Emergency Found gewährte eine Anleihe von 7500 Pfund, die Arbeiterhausbesitzer selbst brachten 7200 Pfund zusammen. Das Arbeiterviertel wird über eine gute Wasserversorgung verfügen und elektrisch beleuchtet sein. Eine Abordnung der Agudas Jisroel beim High Commissioner Eine Abordnung der Agudas Jisroel in Palästina besuchte den High Commissioner für Palästina General Sir Arthur Wauchope und unterbreitete ihm das Ersuchen der in der Agudah vereinigten Orthodoxie, eine von der Knesseth Israel organisatorisch getrennte Gemeinde bilden zu dürfen. Sir Arthur Wauchope erwiderte, er habe bereits in London mit Führern der Agudas Jisroel über diese Angelegenheit gesprochen und sei im Bilde. Die Abordnung sprach den Wunsch aus, daß die Palästinaadministration der Agudas Jisroel 50 Einreisezertifikate für Angehörige der Jeschiwoth ausfolgen möge. Die 15 jüdischen Familien aus Kurdistan verbleiben in Palästina Waad Leumi teilt offiziell mit, der High Commissioner Sir Arthur Wauchope habe den vor einiger Zeit illegal nach Palästina eingewanderten 15 jüdischen Familien aus Kurdistan, die von der Einwanderungsbehörde bereits zur Landesverweisung verurteilt worden waren, gestattet, sich für die Dauer in Palästina niederzulassen, nachdem der Waad Leumi die Aufgabe auf sich genommen hat, diese 15 Familien solange zu unterstützen, bis sie sich selbst erhalten können. Veranstaltungen im Rahmen der Levantemesse Der palästinensische Ingenieur- und Architektenverein hat beschlossen, seine diesjährige Tagung während der Pessachtage ln Tel-Avlv im Rahmen der Levantemesse abzuhalten und die Ingenieure und Architekten aus Syrien, Aegypten und Mesopotamien zur Teilnahme einzuladen. Auf der Tagesordnung stehen Fragen des Häuser- und Wegebaues, der Irrigation u. a. m. In der gleichen Zeit wird auch der Jüdische Aerzteverband Palästinas in Tel-Aviv seine Jahresversammlung abhalten. Hauptthema dieser Tagung wird sein; «Palästina als Land der Heilkuren». Jüdische Acrzte aus verschiedenen Ländern werden zur Tagung eingeladen werden. 5875