Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 209 (6.1.1932)
- Date
- 1932-01-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 209 — 6. Jänner 1932 Pit SUMME Seite 5 Nichtjüdische Vorläufer Herzls Fürst Igor — Napoleon — Die Dekabristen Von Dr. Berthold Fracht Zahlreiche von Liebe zu ihrem Volk erfüllte, von der Zionsidee begeisterte Juden haben als Pfadfinder, als Wegbereiter dem großen Werke Herzls die Wege zur Wiedergburt des jüdischen Volkes auf dem gehe!* ligten Boden Palästinas geebnet. So Moses Hess, Joseph Salvador, Charles Netter, Sir Moses Montefiore, Rabbi Elias Gutmacher, Rabbi Hirsch Kalischer, Henry Avigdor, Elim d’ Avigdor, Mordechai Cohen, Dr. Leo Pinsker, Baron Edmund Rothschild, Oberst E. W. Goldsmid u. a. Aber auch unter den Nichtjuden hat Herzl Vorläufer, die die Idee eines selbständigen Judenstaates propagierten. Unter diesen Vorkämpfern für Zion zeichnen sich namentlich der Fürst Joseph von L i g n e, der große Napoleon und der Oberst P e t e 1 j, der geistige Führer der sogenannten «Dekabristen» aus. Große Geister eilen ihrer Zeit voraus. Das eben Ist das Wesen des Genies, daß es zeitlos ist und mit prophetischer Gabe Ereignisse vorausahnt, die durch widrige Verhältnisse oft erst viel später der Verwirklichung entgegenreifen. Denn nicht nur der gottbegnadete Dichter — poeta vates — sondern jeder Günstling Gottes — und große Geister sind seine Günstlinge — ist ein Seher. Der österreichische Feldmarschall Fürst L i g n e war nicht nur ein ruhmreicher Heerführer im Siebenjährigen und im Bayrischen Erbfolgekrieg. Er zeichnete sich auch durch ein für alles Schöne und Edle empfängliche Gemüt und einen hervorragenden Geist rühmlich aus. Er war der Vertraute seines Kaisers Josef II. und stand mit den bedeutendsten Zeitgenossen, mit Voltaire, Friedrich dem Großen, Rousseau und anderen berühmten Männern in Verbindung. Auch für die unsäglichen leiblichen und seelischen Nöte des jüdischen Volkes in jener reaktionären Zeit, der erst die Errungenschaften der großen französischen Revolution ein wohlverdientes Ende bereitet*', bekundete Fürst Ligne ein reges Interesse. Er verlieh demselben im Jahre 1797 in seiner «Denkschrift über die Frage der Juden» beredten Ausdruck und trat für die Rückkehr der Juden nach Palästina und Errichtung eines Judenstaates ein. Napoleon «der Große» führt nicht umsonst diesen Ehrentitel. Seine vollbrachten Werket Der Code Napoleon, die staunenerregenden Wege-, Brücken-, Hafen- und Kanalbauten, die Alpenstraßen und vieles andere, reihen ihn unter die hervorragendsten Geister ein. Und man darf ihn — mit Goethe — einen der bedeutendsten Menschen nennen, die je auf Erden gewandelt. Aber auch Napoleons gescheiterte Pläne: Die Wiederherstellung eines freien Polen, die Errichtung der «Vereinigten Staaten von Europa» mit einem europäischen Gesetzbuch und einem europäischen Kassationshof, zeugen von der genialen Voraussicht dieses Universalmenschen, wie er genannt wurde. Auch der «jüdischen Nation» wollte er zur Verwirklichung ihrer nationalen Idee und zu einem eigenen Staat auf dem Boden des Landes ihrer Jahrtausende alten Sehnsucht verhelfen. Offenbar angeregt durch den ein Jahr zuvor erschienen «Brief eines französischen Juden an seine Brüder», der als eine Art zionistisches Programm angesehen werden darf, wandte sich Napoleon im Jahre 1799 in einem «Aufruf an die Juden Asiens und Afrikas» und lud sie ein, sich unter seinem Banner zu scharen und ihm auf dem Marsche nach Indien Gefolgschaft zu leisten, um die Engländer, denen er in Europa nicht beikommen konnte, ln Indien, dem wunden Punkte, der Achillesferse des stolzen Albion, zu besiegen. Zum Danke verhieß er den Juden, ihnen „Das Heilige Land zu eigen zu geben, Jerusalem zu seinem früheren Glanze wieder erstehen zu lassen» und ihnen die gebührende Stellung unter den anderen Völkern der Welt wieder zu erringen, wie der «Brief eines französischen Juden» forderte. Aber die Juden glaubten trotz der bisherigen Siege Napoleons nicht an seinen endgültigen Waffenerfolg. Sie waren übrigens einer anderen als friedlichen Eroberung und Besitzergreifung Palästinas abgeneigt, dessen Herrscher, der türkische Sultan, ihnen ein gütiger und gerechter Landesvater war. Sie folgten daher nicht den Lockungen Napoleons. Als El Arisch und Gazzah in die Hände des unaufhaltsam vorrückenden Siegers fielen und seine Heeressäulen bereits Ramleh zwischen Jaffa und Jerusalem erreicht hatten, begann die Hauptstadt zum äußersten Widerstand zu rüsten. Die Juden beteiligten »ich Rabbi Algazi und der greise Chacham Meyuches an der Spitze — mit Feuereifer an den Befestigungsarbeiten der Stadt. Durch die Haltung der Juden verstimmt, unterließ Napoleon seinen Weitermarsch und kehrte nach Acre zurück. Sein Plan eines Judenstaates wurde in den Hintergrund gedrängt und fiel allmählich der Vergessenheit anheim. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand in Rußland die revolutionäre Bewegung der sogenannten «D e k a b r i s t e n» unter Führung höherer russischer Gardeot'fiziere. Sie planten eine gewaltsame Aenderung der trostlosen politischen und sozialen Verhältnisse, unter denen das russische Reich unter Alexander I. stöhnte. Der geistige Führer der «Dekabristen» war Oberst P e t e I j. ln seinem Werke «Russische Wahrheit» behandelt er die Judenfrage ausführlich. Da er aus Rußland einen einheitlichen nationalen Staat machen will, schlägt er als Heilmittel «das riesenhafte Unternehmen des Zionismus» vor, zu dem allerdings, wie er sagt, «wahrhaft genialer Unternehmungsgeist» gehören würde. Er will die zwei Millionen russischer Juden zur Auswanderung veranlassen und ihnen zu einem eigenen Staat im Lande ihrer Ahnen, in Palästina, verhelfen. Dabei verleiht Pesteij seiner Ueberzeugung Ausdruck: «Einer solchen Zahl von Menschen, die ein Vaterland suchen, wird es nicht schwer fallen, alle Hindernisse zu besiegen, die ihnen die Türken entgegenstellen könnten.» Durch Verrat oder Feigheit seines obersten Führers, des Fürsten Trubezkoj, brach der am 26. Dezember 1825 zum Ausbruch gelangte Dekabristcnaufstand kläglich zusammen und wurde im Blute seiner Teilnehmer grausam erstickt. So blieb das Pestelj’sche Projekt eines Iudeostaates in Palästina unausgeführt. Auch Herzl erlebte die Verwirklichung seines erträumten Ideals eines Judenstaates nicht. Gleich Moses durfte er das Land seiner Sehnsucht nur im Geiste schauen. Erst unter den Gewitterstürmen des Weltkriegs konnte das vom Fürsten Ligne, von Napoleon und den Dekabristen geplante, von Herzl mit überschwänglicher Sehnsucht seiner für das Wohl seines Volkes glühenden Seele erstrebte Judenland erstehen. — Lord Reading in das Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds eingetragen Jerusalem, 3. Jänner. (J. T. A.) Die Jewish Agency for Paiestine veranstaltete im Hotel King David zu Jerusalem einen Empfang zu Ehren des gegenwärtig in Palästina weilenden früheren englischen Außenministers und ehemaligen Vizekönigs von Indien Lord Reading. Der Veranstaltung wohnten Führer der palästinensischen Judenheit in großer Zahl und auch mehrere Rabbiner bei. Auf Begrüßungsansprachen seitens der Führer des Jischuw erwiderte Lord Reading mit einer Ansprache, die er mit den Worten schloß: Mein Besuch in Palästina hat mich mit Begeisterung für das Land Israel erfüllt und in mir den Wunsch gestärkt, den Aufbau dieses Landes mit allen meinen Kräften zu fördern. Die Anwesenden beschlossen, zur Erinnerung an ihr Zusammensein mit Lord Reading den Namen Readings in das Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds, und zwar in seiner hebräischen Form «Daniel ben Joseph» einzutragen. Lord Reading empfing eine Abordnung der palästinensischen Organisation Agudas Jisroel. Die Mitglieder der Abordnung sprachen Lord Reading den Dank für sein für Erez Israel stets bekundetes Interesse aus. Lord Reading, der in Jerusalem Gast des High Commissioners Sir Arthur Wauchope ist, besuchte mit dem High Commissioner und dem geschäftsführenden Direktor der Paiestine Electric Corporation Pinchas Ruthenberg (Lord Reading ist bekanntlich Präsident der Corporation) die Tote Meer-Werke. Die Gäste wurden am Toten Meer von den Inhabern der Konzession Ing. Novomeyski und Major Tulloch empfangen und durch den Betrieb geführt. Oie luden in Posen unter schwerem Terror Warschau, 31. Dezember. (J. T. A.) Abg. J. Grünbaum sandte im Namen des Jüdischen Parlamentsklubs an den Innenminister ein Schreiben, in welchem dije in Posen am 13. Dezember stattgefundenen pogromartigen antisemitischen Ausschreitungen eingehend geschildert werden und hinzugefügt wird, daß die Judenschaft Polens unter einem unaufhörlichen antisemitischen Terror steht. Die Juden Poscns wagen es nicht, irgendeine Veranstaltung kulturellen und anderen Charakters zu arrangieren. Die Behörden dulden jede antisemitische Straßendemonstration und die antisemitische Boykottpropaganda. Grünbaum fordert den Minister auf, eine Untersuchung dieser Haltung der Posener Sicherheitsorgane einzuleiten, die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen und der jüdischen Bevölkerung in Posen die Möglichkeit zu kultureller jüdischer Arbeit zu geben. Die Arbeitsgesetzgebung in Palästina Der High Commissioner für Palästina, General Sir Arthur Wauchope, setzte ein Komitee ein, dem die Prüfung der bestehenden Verordnungen über Arbeiterschutz, die Unterbreitung von Vorschlägen zur Verbesserung der bestehenden Arbeitergesetzgebung, eventuell für Schaffung einer neuen Gesetzgebung obliegen. Dem KomitcL gehören der Jerusalemer Distriktskommissar Major Campbell als Vorsitzender, ferner der Direktor it:s Gesundheitsdepartements Colonel Heron, der Oberpostnieister Colonel Hudson, der Direktor des Unterrichtsdepartements Bowman, der Chef de« Einwanderungsamtes Hyamson, die Inspektorin für Wohlfahrtswc« n Miß Blzon, Pinchas Ruthenberg, Auni Bay Abdul Hadi, RUas T. Gebt. Dr. Ni Smoin an. Das Komitee Bel gichtischen Schmerzen, Nerven* und Aopffömetften, jomte bei Sdilafloftgfeit rotrft Togal raidj uitb ftdjer. XogaLTa&retten föfert bie fdjäMidiett 23eftanbteiie im 931ut unb führen eine balbipc Sinberung unb »oflftänbige ©eneluttg fjetbei. fragen Sie 31)«« Sltjt. — 3tt allen ittpdtfjeten. — gjreis S. 2.40. wird die Bestimmungen über Schutz von Kindern in der Lohnarbeit, Schutz vor Ausbeutung, Entschädigung bei Betriebsunfällen und Zwangskrankenversicherungen überprüfen und die Frage der Schaffung einer Norm zur Festsetzung eines Minitnallohn^es in Palästina erörtern. Ferner wird sie die Ergreifung von Maßnahmen erwägen, daß in allen Be« trieben der Regierung und der Gemeindeverwaltungen — einerlei, ob die Arbeiten in eigener Regie oder durch Unter« nehmer durchgeführt werden — Arbeitsbedingungen herrschen, ähnlich jenen, die bei den gemäß dem Paiestine and East Afrlcan Loans Act vom Jahre 1926 durchgeführten Arbeiten garantiert worden waren. „Endet dos Schweigen"! Zu den Friedhofsschändungen in Deutschland* Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens übergibt soeben der Öffentlichkeit eine kleine Schrift: «Friedhofsschändungen in Deutschland.» Rabbiner Dr. Leo Ba*:k schrieb hiezu folgendes Vorwort: «Es gibt eine Geschichte menschlicher Worte, des Sprechens und Aufrufens von Menschen'; aber es gibt auch eine Geschichte dessen, wozu Menschen geschwiegen haben, und sie ist eine Geschichte menschlicher Enge und Niedrigkeit. Wenn so oft Verbrechen und Untat sich weithin dehnen konnten, es ist fast immer geschehen, weil die Gewissen verschlossen und die Lippen stumm blieben, die sich zum Worte des Rechtes und der Sittlichkeit hätten öffnen sollen. Schuldig sind die, welche ein Böses verüben, aber schuldig, zumal vor dem Gericht der Geschichte, sind die auch, die einen Frevel sehen oder um ihn wissen und still dazu sind; sie sind die, w«lche, ohne zu wollen, ihm erst den Weg bereiten. Nur wo Unfreiheit ist, kann die Gewalt ihre Bahn haben, und niemand ist unfreier als der, welcher stumm ist dort, wo er reden, wo er mahnen und warnen, sollte. Wenn solches Schweigen Über dem Lande lastet, dann will eine Hoffnung noch daran festhalten, daß manche deshalb nur schweigen, weil sie von dem Frevel noch nicht wissen. Und es wird darum zur Pflicht, ihn jedem, der einer der Freien sein will, aufzuzfeigen und darzutun. Es ist so eine Pflicht auch gegen Volk und Vaterland. In jedem Volke sind Unrecht und Sünde; sie kommen und gehen und das Volk bleibt. Aber wenn das Volk als solches, als Ganzes mitschuldig wird durch Schweigen, durch Dulden, durch Zaschauen, dann zerstört die Untat den Boden, auf dem allein' ein Volk besteht; er bricht unter ihm zusammen. Völker sind versunken, erst wenn sie vorher verstummt waren, wenn der Widerspruch gegen die Sünde, der Spruch des Rechtes seine Menschen nicht mehr gefunden hat. Es ist darum Hoffnung für das Vaterland, daß die, welche erfahren werden, auch vermögen werden, zu sprechen.» Antisemitismus unvereinbar mit Christentum Weihnachtsbotschaft Pater Bichlmairs im österreichischen Rundfunk. Der in der katholischen Welt hochangesehene Pater Bichlmair hielt im österreichischen Rundfunk aus Anlaß des Weihnachtsfestes eine Ansprache, in der er u. a. erklärte: An diesem Friedensfeste ruft die katholische Kirche die Christenheit auf, sich nicht länger dem Hasse hinzugeben und die gegen die Juden, Gottes auserwähltes Volk, gerichteten Lehren des Antisemitismus von sich zu weisen. Das jüdische Volk hat der christlichen Welt den Heiland geschenkt, die Haltung der Christenheit gegenüber den Juden sollte darum eine der Dankbarkeit und Liebe sein. Antisemitismus ist etwas den Lehren der katholischen Kirche Entgegengesetztes. Die antisemitische Bewegung ist für den Heiligen Vater eine Quelle des Grams; der Papst hat wiederholt der Christenheit zugerufen, keine feindlichen Gefühle gegen das Volk zu hegen, dem der Heiland entsprang. Dr. Weizmann tritt am 22. Jänner seine Reise nach Südafrika an Dr. Chaim Weizniann begibt »ich am 22. Jänner auf die Reise nach Südafrika, um an der Kampagne für den Keren Hajessod, die anr 8. Februar in der südafrikanischen Union offiziell eingeleitet wird, teilzunehmen. Dr. Alexander Goldstein, der bekannte Keren Hajessod-Pionier, der Dr. Weizmann in dieser Kampagne beistehen wird, tritt die Reise nach Südafrika schon am 1. Jänner an. Antijüdische Boykottpropaganda in der Tschechoslowakei Prag, 29. Dezember (J. T. A.) Der jüdische Abgeordnete Dr. Ar.gelo Goldstein hat an den Justizminister Doktor Alfred Meißner eine Anfrage gerichtet, in welcher auf die gesetzwidrige Hetze des «Sudetendeutschen Beobachters» lungewiescn wird, der zum «Boykott der jüdischen und mal* xistischen Geschäfte» auffordert.