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Die Stimme · 1932-01-06 · Heft 209 (6.1.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 209 (6.1.1932)
Date
1932-01-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Hf> 209 — 6. Jänner 1932 DIE STIMME Seite 3 Ein Heros der Humanität vor 150 Jahren Zum Jubiläum des Toleranzpatents am 2. Jänner 1931 Von Dr. M. G. Am 2. Jänner sind es 150 Jahre, daß Josef II. unter dem Titel «Toleranzpatent» Verordnungen herausgab, durch welche die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und moralischen Verhältnisse der in seinen Erblanden ansäßigen Juden neu gestaltet werden sollten. Die Bezeichnung «Toleranzpatent» war nicht eindeutig. In Oesterreich verstand man, wie etwa in Preußen unter einem «Schutzjuden», unter einem «Tolerierten» einen Juden, der für die Erlaubnis des Wohnaufenthaltes und Geschäftsbetriebes eine bestimmte Steuer, die «Toleranz» zu zahlen hatte. «Toleranz», nicht in diesem Sinne einer Duldung, die man sich bezahlen ließ, sondern als Duldsamkeit, als sittliche Forderung, war aber seit Locke, Beathley, Bayle, Montesquieu und Lessing zu einem sozialethischen Grundsätze geworden, den sich das Zeitalter der Aufklärung mehr und mehr zu eigen machte. Als daher Josef II. am 13. Mai 1781 seinem Kanzler Graf Blämegen die Absicht mitteilte, seine jüdischen Untertanen «dem Staate nützlich zu machen», übrigens Worte, die sechs Jahre später die Juden Preußens in ihrem Gesuch an den König um Befreiung aus ihrer menschenunwürdigen Lage gebrauchen —, wünschte in einem Separatvotum Hofrat G r e i n e r freimütig vor allem Klarheit darüber, «ob die Juden», ungeachtet ihrer so gänzlich zu verändernden Umstände, dennoch nur, wie bisher, bloß geduldet oder toleriert oder ob sie wie andere Religionsgenossen und wie sie es in Polen und Holland sind, eigentlich rezipiert werden sollen. «Ehrgeiz und Hoffnung zu gewinnen sind von jeher die einzigen Triebfedern aller menschlichen Handlungen gewesen.» Wie kann man daher von den Juden Nutzen für den Staat erwarten, wenn man sie, wie «durch die bisherige Verfassung außer Nahrungsstand gesetzt, durch Toleranzgelder und Leibmaut gleichsam zum Vieh oder wenigstens zum Sklavenstand herabgewürdigt» und «aus der Gesellschaft rechtschaffener Leute» ausgestoßen hat? Solange diese «Toleranz» besteht und das Damoklesschwert der Ausweisung stündlich über des Juden Haupt schwebt, kann man von ihm nicht Hingabe an das Staatswohl verlangen. Würden die ’ Juden «mit den übrigen Menschen in eine mehrere Gleichheit gebracht und können sie sich hinlängliche Nahrung verschaffen, so werden alle die Bedenken, die manche zuungunsten der Juden ins Treffen führen, gegenstandslos werden, Ihren Erwerb müssen die Juden wie andere Menschen «im Stande der natürlichen Freiheit» suchen dürfen. Sind sie des Vertrauens unwert, so soll man sie lieber nicht dulden, als sie mit ständig polizeilicher Kontrolle belästigen. Wie Handwerk, Ackerbau, muß man ihnen auch Handel und Industrie und alle mögliche Freiheit einräumen, anstatt die Befugnis hiezu an eine Toleranz zu knüpfen. Wenn «die Gesetzgebung nicht mit Befehlen und Zwang vorgeht, wird die Zeit die beste Mittlerin sein». Nach diesen Grundsätzen müßte also auch die Judenordnung künftighin eingerichtet werden, wenn es doch, wie es fast nicht scheinet, noch einer bedürfen sollte. Diese mannhafte Stimme eines schon unter Maria Theresia bewährten Beamten wurde zwar von dem Chor gegnerischer Gutachten der Hof- und Landesstellen übertönt. Sie war aber doch geeignet, den Kaiser in seinem menschenfreundlichen Vorsatze zu bestärken. Bereits im Februar 1781 hatte Josef einen Antrag des obersten Hofkanzlers auf Zensurierung der hebräischen Bücher abgelehnt, weil man sich «andurch dem Vorwurfe der Verfälschung solcher alter Denkmäler aussetzen würde». Kurze Zeit darauf hob er die Leibmaut, die Judenzeichen, die doppelten Gerichtstaxen und andere die Juden doppelt sozial und wirtschaftlich belastende Schmach auf, ermahnte er die Bevölkerung, die Juden als Mitmenschen anzusehen und demgemäß zu behandeln. Wenn nun das Toleranzpatent nicht den Hoffnungen der Juden und christlichen Menschenfreunde völlig entsprach, wenn die Freigabe von Berufen, die den Juden bisher versperrt waren, und so manche Erleichterung ins Erwerbsleben durch Beibehaltung der «Toleranz» im Sinne der alten Wohnrechtsbeschränkung nicht unerheblich wettgemacht wurde, so können wir darin eine Konzession an ererbte Vorrechte und Vorurteile der christlichen Bevölkerung erblicken. Der Kaiser hatte in seinem Schreiben vom 13. Mai die zur Begutachtung seines Planes aufgeforderten Behörden ermahnt, sie sollten sich durch minderwertige Anstände nicht irre machen lassen. Nun mußte er solche Anstände bei diesen Behörden selbst erfahren. Wie ernst es ihm um die Durchführung seiner menschenfreundlichen Pläne auch für die Juden war, zeigte seine strenge Mahnung an die Professoren, da- Gewidmet den Frauen In aller Well ist der wiederholt preisgekrönte große tleufschsprachfae Tonfilm der Univeisai dessen Ur- und Alleinauffiihrung ab heute Im Rolenlurm-Kino Wien, I., Fleischmarkt Nr. 1 stattfindet Täglich: 4, */«6, 7,8 u. 7« 10 Uhr abends für zu sorgen, daß die jüdische Jugend unbehelligt bleibe, sie, die Professoren, die christlichen Schüler durch ihr eigenes liebreiches Betragen und Ermahnungen hierzu erziehen sollten, ferner die Abschaffung des christlichen Promotionseides, die Heranziehung von Juden zum Militär- und Staatsdienst unter den allgemein geltenden Bedingungen, die Gründung des noch' heute bestehenden mährischen Landesmassafonds und zahlreicher an Juden geübter unbedingte Gerechtigkeit und Humanität. In den Verhandlungen über die Festsetzung des Alters, indem einem Judenkinde die zur Annahme einer anderen Religion notwendige geistige Reife zugesprochen werden könne, bemerkt die böhmische Kanzlei iff ihrem Votum vom 19. Jänner 1765 (G. Wolf, Judentaufen, 51): «Es könnte ein Kind nach vollendeten! 12. Jahre als vernünftig angesehen werden, wie man dann erst in den abgewichenen Jahren gewisse, von Salzburg gebürtige Kinder unter dem 7. Jahr ihres Alters in der Welt herumgeführt, welche in der Musi# so erfahren gewesen, daß sie selbst componiert haben, wozu mehr als ein Judicium disoreditivum erfordert wird.» Gemeint sind Mozart und seine Schwester, mit denen der Vater Kunstreisen unternahm. In einem Gutachten der Hofkanzlei vom!. März 1782 lehnt sie dieses Beispiel als unzutreffend ab und Josef II. setzt als Beginn des in dieser Angelegenheit erforderlicher! Urteilsvermögens das 18. Lebensjahr fest, weil es der Religion an guten Christen, nicht aber an Gutachten gelegen ist. Was die Juden durch das Patent erreicht haben, ergibt sich am klarsten aus einem Vergleich seines Inhaltes mit der Klage, wenn nicht Anklage, die 1782 Moses Mendelsohn und einer seiner Veröffentlichungen erhoben hat: «Ausschluß von Künsten, Wissenschaften, nützlichen Gewerben, Dienstes des Krieges und des Staates. Man versperrt uns alle Wege zur nützlichen Verbesserung und macht den Mangel an Cultur zum Grunde unserer ferneren Unterdrückung. Man bindet uns die Hände und macht uns zum Vorwurfe, daß wlf sie nicht gebrauchen.» Alle diese Schranken fielen Dank der Tat Josefa# Sein Andenken verdient es, daß alle Menschenfreunde es dankbar in Ehren halten. Borah desavouiert Hitler Der Führer der deutschen Nationalsozialisten Adolf Hitler hat in seinem vor kurzem den ausländischen Pressevertretern in Berlin gegebenen Interview erklärt, Senator Borah sei der einzige Politiker in den Vereinigten Staaten, der sein Programm versteht. In einem Gespräch mit Herrn Karl Schwager, amerikanischen Korrespondenten linksstehender deutscher Zeitungen, erklärte Senator William E. Borah, der Vorsitzende des außenpolitischen Komitees del Senats der Vereinigten Staaten: Ich habe von Hern! Hitler niemals, sei es direkt oder indirekt, irgendein# Mitteilung erhalten. Ich hege keinerlei Sympathie füÄ irgend etwas in der Welt, das den Charakter der Into* leranz gegen eine Nation oder Rasse oder den Charakter der Verfolgung einer Minderheit trägt. Mein Traum von Altneuland Von Edmond Fleg.#) (Aus dem Französischen.) Altneuland! Altneu’and! Plötzlich steigt es aus der Tiefe meiner Erinnerung empor, Bilder formen sich und Gemälde, ganz Palästina ersteht vor mir; ich sehe das Palästina von 1923, wie es Herz! in seiner Vision sah, das Palästina, das «r vorausahnte in seinem überschwenglichen Optimismus. Ich •ehe Riesenschiffe im Hafen von Haifa, den Karmel bedeckt mit prächtigen Palästen, ich sehe Luftschiffe und elektrische Pflüge, und ich erblicke die Welt im tiefsten Frieden, im Frieden, wie ihn Israels Propheten verkündeten. Und als ich mich dann niederlegte, umfing mich ein Traum. Und in diesem Traum steuerte ich ein Auto, ich, der ich noch niemals am Volant saß, und ich durchraste die Straßen Palästinas. Ich raste in kühnen Kurven die Berge hinauf und die Täler hinab. Und ich bin nicht nur Chaut eur, in meinem Traum bin ich auch ein Fremdenführer. An meiner Kappe trage ich ein kleines Schild mit einer Ziffer und hebräischen Buchstaben, und ich höre mich sprechen in der Art wie Fremdenführer sprechen, bald stoßweise, bald herunterleiernd. Ich nenne Namen, historische Daten, erzählte Geschichten und gebe Kommentare, spreche über Geschichte, Geographie und Volkswirtschaft Palästinas. Meine Beredsamkeit überrascht mich, meine Kenntnisse erregen meine Verwunderung. Aber zu wenr glaubt ihr, spreche ich? Zu einem stillen Passagier, der neben mir sitzt. Und was für eine interessante Persönlichkeit ist das! Ein Vollbart kn tiefsten Schwarz. Brennende, durchdringende Äugen unter dem Tropenhelm. Um die Schultern ein wallender Mantel, wie ihn die Propheten trugen. Woher weiß ich denn, daß die Propheten solche Mäntel trugen? Und diesen Bairt, wo habe ich ihn schon gesehen? Ah, wir sind schon in Tel-Aviv. Hier ist das Theater, hier die Synagoge, dort oben das Gymnasium. Zweiundzwanzig Schulen haben wir in dieser Stadt. Und Fabriken: Zigaretten, Textilien, Chemikalien, Zement, Leder erzeugen wir hier... •) Anläßlich sefnes vorübergehenden Aufenthaltes m Altai bringen wir diese geistvolle Skizze. (Anm. d. Red.) Wir rasen weiter: Kamele, Esel, Eukalyptusbäume. Links bauen Arbeiter eine neue Straße. Ich erzählte meinem Passagier von den Chaluzim. Er antwortet nicht. Wir fahren weiter: Jezreel, Periuel, Gilgäl. Wir fahren im Tale Kischon. Hier ist Jadjur. «Von Jadjur bis Afuleh», erzäh'e ich ihm, «wird das alte Flußbett reguliert und vertieft. Die Sümpfe werden dadurch verschwinden und damit die Malaria im ganzen Gebiet von Haifa.» Endlich bewegt sich der schwarze Bart, und mein schweigsamer Passagier sagt; «Entschuldigen Sie, wir haben jetzt doch das Jahr 1931?» «So ist es.» «Also sind seit 1923 acht Jahre vergangen.» «Natürlich.» «Und Sie wollen mir einreden, daß es acht Jahre nach 1923 noch Moskitos in Palästina gibt?» Das macht mich wild. Ich knirsche mit den Zähnen und gebe Vollgas. Jetzt fahren wir im Jordantal. Jisr-el-Muhamlsach liegt links von uns. «Sehen Sie diesen Damm?» frage ich. «Man ist daran, die Höhendifferenz zwischen dem See von Tiberias und Jisr auszunützen. Sehen Sie diese riesigen Bohrmaschinen? 500.000 Kubikmeter Erde wurden schon weggeschafft. Das Wasser aus dem Jarmukreservoir wird sich in den Jisr ergießen und die Qeneratorenstation in Bewegung setzen. Turbinen von 70000 Pferdestärken werden hier errichtet werden. Bald wird ganz Palästina mit elektrischem Strom versorgt sein.» Der schwarze Bart bewegt sich wieder. «Entschuldigen Sie, lieber Freund, wir leben Im Jahre 1931. das ist doch acht Jahre nach 1923 und Palästina ist noch nicht elektrifiziert?» Ich führe ihn auf den Skopusberg. «Was?» sagt er, «die Universität ist noch nicht fertig? Hier wird doch noch gebaut.» Türme, Kuppeln, Minarets, Gärten, Friedhöfe. Ich erkläre: «Hier ist der Bezalel. Wissen Sie, was das ist? Hier ist das Diskin-Waisenhaus. Dort ist die Nationalbibliothek. Ja, wir haben eine Nationalbibliothek.» «Führen Sie mich zum Friedenspalast, der ist hier in Jerusalem oder nicht?» «Nein, der ist im Haag.» «So führen Sie mich zum Präsidenten. Der ist doctf sicher hier.» «Nein, mein Herr, der Präsident ist in London.» «In London — in London — im Jahre 1931?» Und er beginnt zu weinen. Er schluchzt. Wie kamt ich ihn trösten? «Wollen Sie sich ein fröhliches Fest ansehen? Es gibt heute eine Herzl-Feier.» «Sprechen Sie mir nicht von Herzl. HerzI war ein Narrl Herzl war ein Esel!» «Aber, wie können Sie ...» «Ja, das war er. Er sagte voraus, der Welthandel werdS 1923 durch dieses Land gehen. Ich frage Sie, wo ist den Welthandel? Und er sagte, 1923 werde der Weltfriede, wi# ihn die Propheten verkündeten, nicht mehr ein Traum seit». Wo ist das jüdische Ideal des Weltfriedens? Herzi hat mcK sehr geirrt. Herzl hat sich selbst betrogen.» Und er schluchzte. «Aber nein, mein Herr. Herzl irrte sich nur um wenigv Jahre. Zählt das etwas in unserer Geschichte? Was er vor* aussagte, nimmt Gestalt an, und nichts von dem, was in# jüdischen Palästina existiert, wäre vorhanden, hätte nicht unser großer Führer Herzl gelebt.» Er weinte, diesmal aber vor Freude. Die Menschen auf de>r Straße erkannten Um, umringt*# das Auto und jubelten ihm zu: «Lange lebe Herzl! Unser Prophet, unser Erlöser!» Ich gab Vollgas, und wie auf Flügeln flogen wir JHmf Dörfer und Städte. Und er, der Mann an meiner Seite, wuchs und wuchst, Schon reichte er bis in den Himmel. Sein Tropenhelm leuch« tete im hellen Sonnenschein wie eine Aureole. Sein Mantel begann in der klaren Luft Palästinas zu glänzen. Untef seinen Händen, die er segnend ausstreckte, schossen Felde! in die Halme, Städte, Palmen und Weinberge schossen empor« Eisenbahnen und Kanäle, Fabriken und Schiffe, Schulen uni Tempel wuchsen urplötzlich in Wüsteneien — und neu* Ho.fnung erfüllte Israel. Und alle Völker strömten herbei, um Israel zu segnofr Und Israel in seinem Frieden vereinte Vol-k mit

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