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Die Stimme · 1931-12-31 · Heft 208 (31.12.1931) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 208 (31.12.1931)
Date
1931-12-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Srttt 0 DIB STIMME Vr. 308 — 31, Dtztmbtr 1981 Jtvtfdar JVomM AttBÜgift^VwSÄÄ Der große Wahnsinn Autorisierte Uebertragtmg ans dem Hebriiscben von Sem Wolf 18 «Ein armer Teufe!!» — sagte er und ging, um dem Kommando zu berichten, was er tat. Der Oberst fand gar keinen Grund, ihn zu bestrafen.!m Gegenteil. Er sagte: «Man müßte das ganze Dorf verbrennen. Ich werde mich in dieser Angelegenheit an das Heereskommando wenden. Die Weiber können doch das ganze Regiment anstecken. Eine Pest ist das!» Wir standen noch bei der Leiche des Mädchens, da kam ein alter Bauer heran und sagte polnisch zu uns: «Die verfluchten Jüdinnen begannen damit. Sie haben unseren Weibern die Hurerei beigebracht. Die unreinen Jüdinnen ...» Margulies schaute den alten Bauern an, nickte mit dem Kopfe und sagte: «Die unreinen Jüdinnen. Ja, Alter, die Jüdinnen.» Dann zu mir: «Seit ich hier bin, suche ich ein jüdisches Haus, wo man Sabbat halten könnte. Aber keine einzige jüdische Seele ist im ganzen Dorf zu finden.» Am selben Tage kam der Befehl, das Dorf zu verlassen. «Das verpestete Dorf» — sagte der Oberst mit Ekel — «das verpestete Dorf». «Herr Oberst, melde gehorsamst: Es Ist nicht das verpestete Dorf, sondern die hurende Stadt, wie es in der Bibel steht.» Der Gefreite Margulies war glücklich, ein Zitat anwenden zu können. XIV. Kapitel Der Vorhof des Todes Unser nächstes Ziel war das Städtchen Jazlowiec, nicht weit von Buczacz. Als wir Buczacz passierten, sprach ich auf der Straße einen Juden an und fragte ihn, wo der Schriftsteller Agnon wohne. Der abgemagerte, hungrige Jude schaute mich an, wie man einen Verrückten ansieht und sagte: «Sorgen, die Sie haben! Agnon? Ich möchte lieber wissen, wo ich selbst wohne» — und er ging seines Weges, vor sich hinmurmelnd: «Agnon, Agnon — Agnon ...» Die Synagoge war zur Hälfte zerstört Ich stand am Eingang und sah hinein. Einige Juden saßen drinnen und lernten. An der nahen Front begann inzwischen der Kanonendonner. Bald sausten Schrapnells durch die Luft und explodierten in der Stadt Es entstand aber keine Panik. Müde und verzweifelt schlichen die Menschen durch die Gassen und nur, wenn das Pfeifen eines Schrapnells hörbar wurde, duckten sie sich ein wenig —- mehr aus Gewohnheit — und gingen dann weiter. Wir näherten uns dem Orte Jazlowiec. Dieser Ort lag knapp hinter der Front. Dort war der Sammelpunkt der Truppen, dorthin kamen die Befehle. Aber auch Kugeln; Kugeln, die sich verirrt haben. Dort sah ich zum erstenmal wie Onkel Oesterreicher ln Talith und Tefillin betete. Und Ich erfuhr, daß er bisher keinen einzigen Tag versäumt hatte, zu beten. Auch unterwegs, auch zur Zeit des Marsches pflegte er Talith und Tefillin anzulegen und zu beten; in Ruhe und Muße, wie gewöhnlich. «Und was wirst du an der Front machen, Onkelchen?» «Was heißt, was ich machen werde? Das ist ja der Grund, weshalb unsere Weisen befohlen haben, die Tefillin auf der linken Hand anzulegen. Die Tefiltin auf der Linken und mit der Rechten kann man schießen ... Anscheinend herrscht ein Einverständnis zwischen unseren Welsen und Sr. Majestät, dem Kaiser Franz Josef!.f» In Jazlowiec begann eine neue Epoche. Eigentlich begann sie schon unterwegs, als wir uns dem Orte Jazlowiec näherten. Dieser Marsch war der schwierigste von allen, die wir bisher hinter uns hatten. Der Befehl schrieb höchste Eile vor. Anscheinend tobte an der Front ein heftiger Kampf und man brauchte uns dort sehr bald. Deshalb wurde der Eilmarsch befohlen. Und ein Eilmarsch ist die Hölle Sfelbst. Die ganze Kolonne lauft aus allen Kräften, ohne auf irgendwas Rücksicht zu nehmen, weder darauf, ob die Soldaten ihn aushalten, nodh auf den Weg. Nur die Zeit wird berücksichtigt, die Zelt ist alles. Der Atem geht einem aus. Die Offiziere spornen uns an, wie sie die Pferde anspornen. Wäre es gestattet, sich zu beklagen, oh, wie gerne hätten wir es getan. Wir hätten die Anklage herausgeschrien. Aber wir näherten uns der Front, da mußte man schweigen. Und die Bitternis blieb uns ln der Kehle stecken, ohne durch einen Schrei erlöst zu werden. Aber ganz stumm zu bleiben war unmöglich. So haben wir wenigstens mit heiserer Stimme geflucht — in ohnmächtiger Wut. Und zwischendurch hörte ich die Stimme des Oberleutnants Johann Fieger, der zähneknirschend schrie: «Nur kein Erbarmen, keine Rücksicht auf die Menschen nehmen! Menschen kosten nichts,, nur Pferde kosten Geld. Keine Rücksicht auf die Bande. Vorwärts!» Herr Oberleutnant Fieger hat schon vor einigen Tagen mjeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt Er war ein hübscher Mann, groß, blond, schwarzäugig, sehr elegant, und was auf mich besonders angenehm wirkte, sehr vornehm. Seine elfenbeinfarbenen Hände mit den zarten Fingern, die mich an kleine japanische Skulpturen erinnerten, waren ausgesprochen schön. Manchr mal erinnerten mich diese Hände an die sonderbaren Geschichten der ungarischen Gräfin Elisabeth Batory, die im Mittelalter lebte und kleine Mädchen schlachtete, um ihre Hände im Blute der Opfer zu waschen und sie dadurch schöner zu machen. Die manikürten Fingernägel des Herrn Fieger hätten zweifellos den ersten Preis eines Pariser Schönheitsinstituts bekommen. Auch seine Stimme war zart, wohlklingend in ihrem angenehmen Bariton. Seine Persönlichkeit erinnerte mich an die Gestalt des Römers Petronlus, der mit seiner Schönheit, Zartheit und seinen Schmeicheleien den verrückten Nero ganz umstrickt hatte. Insbesondere, wenn er ruhig saß und mit nachlässiger Eleganz über Wissenschaft, Literatur, Kunst, Philosophie oder Liebe sprach, war er das Ideal eines Salonmenschen. Das schöne Lächeln wich nicht von seinen Lippen. Und dieses Lächeln blieb auf seinen Llppen-’haften auch zur Zeit, da er zu Pferde saß und Befehle ausgab, die im Stile der ordinärsten Dirne gehalten waren. Da verwandelte sich Herr Fieger in einen ganz anderen Menschen, da war er nicht zu erkennen. Das heißt, nicht er selbst änderte sich, sondern der Stil seiner Sprache. Die Stimme selbst blieb zart und wohlklingend, aber das, was er sprach, überraschte. In solchen Momenten schien es mir, als trage Cr eine Maske Es war ja nur die Maske des Herrn Oberleutnants Fieger, hinter der irgendein Praterpülcher sich versteckt Er sprach nach wie vor zart lächelnd und mit einer beispiellosen Noblesse. Und so war ea auch, als er beispielsweise mit seiner Reitpeitsche auf den Gefreiten Jakob Margulies zeigend, sprach: «Gefreiter Margulies, was stehst du da und schaust mich die ganze Zeit an, als ob du deine Hurenmutter anschauen würdest — du jüdischer Hurensohn, du! ... » Auch den langen Tiroler pflegte er auf unmenschlichste, gemeinste Art zu beschimpfen. Und es kam vor, daß er hernach sofort von seinem Pferde stieg und sich mit uns über die philosophische Erkenntnis Bergsons unterhielt Es war aber etwas an ihm, was bei uns immer eine Art von Verdacht erregte: Er hinkte auf einem Bein. Ein hinkender Offizier ist entweder ein Held oder gerade das Gegenteil davon: Ein Feigling, der im Verdachte steht, sich selbst verwundet zu haben, um ins Spital zu kommen und dann Urlaub zu erhalten. Und diese Verdächtigung sprach als erster der lange Tiroler aus, der mit ihm schon einmal an der Front war. Flüsternd erzählte er uns: «Den Tod fürchtet er mehr als die Gemeinheit Auch er steckte den Revolver in seine Tasche und durchschoß seinen Fuß. Das wissen wir ...» Doch am meisten brachte uns die «Offenherzigkeit» Fiegers in Zorn: Alle anderen Offiziere gaben sich Mühe, uns die schweren militärischen Bräucha doch ein wenig zu erleichtern, denen Grausa nkeit etwas zu dämpfen. Herr Fieger aber machte gerade das Gegenteil. Ihm bereitete die Grausamkeit Freude, die Leiden der Soldaten waren für ihn an sich ein wünschenswertes Ziel. «Ein Soldat, der nicht leidet, ist kein Soldat,» pflegte er mit süßem Lächeln zu .sagen. «Ich werde euch Menschenkot zu fresSen geben, damit ihr anständige Soldaten werdet, ihr Bändel» In-diesem Augenblick erinnerte ich mich an das, woran ich in meinen jetzigen Sorgen vergessen hatte. Fieger — so hieß ja jener Offizier beim Kader, der mir befohlen hatte, zur Zeit der Arbeit die Rekruten anzuspucken. Und je mehr wir uns der Gefahrenzone näherten, desto grausamer wurde Herr Fieger. Ich habe mich an das Gesetz: der Dschungel erinnert, das besagt: Wenn der Sturm kommt, wenn Donner rollen, suchen alle Tiere'ohne Unterschied der Gattung Schutz beieinander. Doch dieses Gesetz anerkannt« Herr. Fieger nicht/Jeder Pfiff einer Kugel, jedes Sausen eines Schrapnells verengte noch1 mehr den Spalt seiner Augen, preßte noch mehr seine fetten Lippen zusammen. Und dann entlud sich gewöhnlich seine Wut. in irgendeinem grausamen Befehl, den er'immer mit den Befehlen des obersten Heereskommandos in Einklang zu bringen wußte, obzwar das Heereskommando die Offiziere ausdrücklich instruierte, sich mit'der einfachen Mannschaft gut zu stellen. « Sein geflügeltes Wort: «mit Menschenleben braucht man nicht zu sparen, Menschenleben kosten nichts», hat er allerdings von Sr. Kaiserl. Hoheit dem österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand geerbt, der in Bosnien knapp vor dem Kriegsausbruch getötet wurde. Der Thronfolger war als der «eiserne Feldherr» bekannt. Aber hätte er gesehen, wie dieser Offizier, dieser Herr Fieger, seine Aussprüche reali-* siert, er würde wahrscheinlich nachdenklich geworden sein. (Fortsetzung folgt:) „Ludendorffs Pech“ Unter der Ueberschrift «Ludendorffs Pech» machte der «Montag Morgen» auf die für diesen General ziemlich peinliche Tatsache aufmerksam, daß er im Weltkrieg gerade einem jüdischen Gegner unterliegen mußte. Dem . jüngst verstorbenen jüdischen australischen General' Sir John Monash fiel bei den Entscheidungskämpfen an der Westfront im Sommer 1918 eine äußerst bedeutsame Rolle.zu; er befehligte an jenem verhängnisvollen 8. August, an dem die deutsche Front von der 4. englischen Armee in einer Breite von 16 Kilometer eingedrückt wurde, die australische Kerndivision dieser Armee. So wurde Sir Monash der Held jenes Tages, den Ludendorff m seinen Memoiren als «den schwarzen Tag der deutschen Armee» bezeichnet. Das genannte Blatt schreibt: «Die Memoiren des australischen Generals, in denen er genau seine Herkunft und seinen Werdegang schildert, werden auf unseren ehemaligen Generalstabschef vermutlich einen niederschmetternden Eindruck machen. Aus ihnen geht nämlich hervor, daß Sir John Monash nicht nur kein Berufssoldat gewesen Ist, sondern daß Ludendorff seine Niederlage einem Zivilisten jüdischen Blutes zu verdanken hat. Sir John Mon#*h war nämlich Dicht etwa in dem überspitzten Sinne der neueren «Raetentheorie» Jude, sondern er ist regelrecht im jüdischen Glauben geboren und gestorben. Der Sieg jedoch, den ausgerechnet dkm Mann über LudtndofU davontrug, xv nicht etwa ein Witz, den sich die Weltgeschichte gestattete, sondern geradezu eine historische Notwendigkeit. Schon als Offizier der australischen Müiz hatte Monahs wiederholt in öffentlichen Reden erklärt, ein Krieg sei nichts anderes als «ein technisches Unternehmen». Unter diesem technischen Gesichtspunkt hat der Ingenieur Monash, Spizialist in Eisenbetonbauten, seine Truppen selbst ausgebildet, das große australische Trainingslager in England geschaffen, und sein Korps schließlich in der entscheidenden Schlacht selbst in die Linie geführt. Mit dieser Tatsache, so unangenehm sie auch sein mag, werden sich Ludendorff und die Seinen abfinden müssen.» Antisemitischer Roheitsakt in Königsberg Zwei Nationalsozialisten überfielen in der Dunkelheit in einer Straße in Königsberg — wie die «C. V.-Zeitung» mitteilt — einen jüdischen Handlungsgehilfen und versetzten ihm mit einem gefährlichen Gegenstand, wahrscheinlich einem Totschläger, einen schweren Hifb auf den Kopf. Der UeberfaUene erhielt eine stark blutende Wunde und mußte sich in ärztliche Behandlung begeben. Die Täter konnten zwar entkommen, jedoch ist der eine als ein Nationalsozialist erkannt worden, dem der junge Mensch als Jude bekannt i war. Gegen ihn ist Strafantrag wegen Körperverletzung gefielt Wortes Predigten in den israelitischen Gemeinde- und Bezirks* Synagogen Freitag, den 1. Jänner 1932, werden bei dem um 4 Uhr 15 Min. beginnenden Abendgottesdlensrte ln naeh* benannten Gemeinde- und Beztrkseynagogen- Predigten ab« gehalten, und; zwar: i 11., Pazmanltengasse 5, Rabbiner Dr. Z. Taube». 111., Untere Vladuktgaeee IS, Rabbiner Profeasov Dr. K. Kupfer. V. , Siebenbrunnengaase I a, RabblnerDr. G. Mehrer, VI. , Schmalzhofgasse 8, Rabbiner Dr. J. Droblnsky. VIII., Neude|gerga»»e 12,; Rabbiner Dr. M. Bauer. XIII., Eitelberggasse 22, Rabbiner Dr. M. Lewln.' XVI., Hubergasse 8, Rabbiner Dr. J. M. Bach. XX., Kluckygasse 11, Rabbiner Dr. B. Murmelstein. Sametag, den Z Jänner 1932; beim Vermittagegottee* dienet« Bibel yorträge: XX. , Kluckygasse 11, Rabbiner Dr. B. Murmelstetn. XXI. ,: Holzmeistergasse 12, Rabblner Dr. M. Rosenmann. Beim Naehmittagagottesdienete« XIII.. Eitelberggasse 22, Rabbiner Dr. M.Lewin. Midreaehvortrag: IL, Pazmanltengasse 6, Rabbiner Dr. Z. Taubes, um halb 4 Uhr nachmittaga Falaetineproauktel Eine der wichtigsten Aufgaben für den Aufbau Palästinas lat die Förderung des Absatzes seiner Produkte. Ski ergebt .daher dar Ruf an alle Zionisten, .die Jagaorangen anderen vorzuziehen und diese bei . der Firma Samuel Halpern, .Wien, II., Förstergaase 6, Tel. A-4M’!& sv bestelle»- " V

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