Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 208 (31.12.1931)
- Date
- 1931-12-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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$0tt» 4 DIE STIMME Nf. 908 — 31. Dewmbef 1931 Die Krise des Antisemitismus? Eine Erinnerung an Popper-Lynkeos Von Df. T. Nussettölatt RudoH Jeremias Kreutz, ein mutiger Kämpfer gegen rohe Oewalt, beschäftigt sich in seinem jüngst erschienenen Buche mit den drei Krisen, die in unsere Zeit falten: «Die Krise des Pazifismus» des Antisemitismus, der Ironie.» Wir wollen hier nicht eine Besprechung dieses Buches geben, sondern uns mar mit einigen Feststellungen begnügen. lieber den Antisemitismus wurde schon viel geschrieben. Oie Ausführungen von Kreut2 über diesen Gegenstand bereichern unzweifelhaft die Literatur über den Antisemitismus um wertvolle Gedanken — aber kann man Heute von einer Krise des Antisemitsimus sprechen? Der durch die wirtschaftlichen Verhältnisse der Nachkriegszeit erwachte «aktuelle Antisemitismus», wie ihn Kreutz nennt, beweist trotzdem «daß die Juden nicht wesentlich weniger werden», keine Erfolglosigkeit des Antisemitismus, wie es Kreutz meint. Wie denn? Die Pogrome Petljuras, der offiziell eingeführte nunrerus clausus, die Verschiebung der Pogromgrenze bis nach Berlin, Einwanderungsbeschränkungen gegen Juden in aller Welt, usw., usw., beweisen doch ganz das Gegenteil, daß auch die Juden weniger werden, wenn auch die gesamte Maximalfordefung der Antisemiten nach Ausrottung des Judentums noch lange nicht erreicht ist... Aber darauf kommt es nicht an. Der Antisemitismus erobert in seiner Ausrottungspolitik gegen das Judentum machtvolle Stellungen und schreitet siegreich vorwärts. Man kann daher keinesfalls von einer Krise des Antisemitismus sprechen, wie es Kreutz tut, wenn er meint, daß «problematisch wird ein Wollen, wenn es seinen Zweck nicht erfüllt». Kreutz kommt zu Trugschlüssen, weil er den Antisemitismus quasi als eine heute abgeschlossene oder zumindest zum Stillstand geratene Bewegung betrachtet. Dem ist nicht so. Der Antisemitismus in den letzten 50 Jahren bis auf den heutigen Tag ist eine kontinuierliche Bewegung mit fast gar keinen Ruhepausen. Man kann heute angesichts des ungeahnten Aufschwunges dieser Bewegung von keiner Krise des Antisemitismus sprechen, eher von einer Unzulänglichkeit der Abwehr des Antisemitismus Wertvolle und geistreiche Feststellungen über den Antisemitismus haben noch selten die Menschen von der Wertlosigkeit und der Schädlichkeit dieser Haßbewegung Überzeugt. Hier kann man umgekehrt das Gegenteil beweisen, daß nämlich die antisemitische Ideologie eine Verheerung »n der Mentalität auch bedeutender Geister herbeigeführt hat. An einer Stelle, die sonst von unbestrittener psychologischer Tiefe ist, finden wir selbst in obfgem Buche bei Rudolf Jeremias Kreutz ein einziges Wörtchen, das seine ganze Feststellung problematisch macht. Kreutz spricht von Wirtsvölkem im Gegensatz zu den Juden. Wie kommt dieses Wort «Wirtsvölker» in die Begriffswelt dieses Pazifisten und Anti-Antisemiten Kreutz? Weiß denn Kreutz nicht, daß er selbst hier den fraglichen Gehalt eines antisemitischen Schlagwortes unterlegen Ist? Es sei mir gestattet, an dieser Stelle das Wort unserem Meister Popper- Lynkeus, dessen 10. Todestag m diesen Tagen wiederkehrte, als Antwort an Kreutz zu erteilen. Ich zitiere nach der Ausgabe von 1925 aus Popper-Lynkeus: «Fürst Bismarck und der Antisemitismus»1), Seiten 92, 95 und 124: «Antisemiten nennen die Juden „Fremdlinge“, die Deutschen aber „Eingeborene“ und die Europäer „Wirtsvölker“; nun aber nennen bereits infolge dieser Methode Tschechen die Deutschen in Böhmen „fremde Eindringlinge“.» So schrieb Lynkeus kn Jahre 1886. An einer anderen J) Erschienen im Jahre 1925 im Verlag R. Löwit, Wien. Stelle im selben Buche schreibt Lynkeut über dicsch Fragen» komplex wie folgt: «Wie man sieht, kommt alles darauf hinaus, die Juden als „Gäste“ und die Nichtjuden als „Wirtsvölker" hinzustellen. Wird dieses Verhältnis als das Wahre angesehen, so könnte man auch den Juden jede beliebige Bedingung vorschreiben, unter der man sie Oberhaupt noch dulden wolle; denn wer einmal diesen Ausdruck akzeptiert, der gibt den Antisemiten alles 2u, was sie nur wollen, und man muß es dann noch als Großmut anstaunen, daß die „Wirtsvölker“ ihre „Gäste" nicht schon längst, sei es auch nur zur Gemütserheiterung der „Wirte“, hinausgeworfen haben.» Was in seinem Buche Popper-Lynkeus über den Antisemitismus sagt und über die antisemitischen Schlagworte noch mehr ausführt, gehört zu den tiefsten Aeußerungen und Feststellungen, die bis heute von keiner Seite übertroffen wurden. Im Sinne Popper-Lynkeus konnten wir nun feststellen, daß dieses unglückselige Schlagwort von den «Wirtsvölkem» auch in den Besitz des Verneiners und Bekämpfers des Antisemitismus Kreutz übergegangen ist. Die antisemitische Ideologie ist eben siegreich. Und es gibt auch eine Erklärung dafür, warum Kreutz zu einer Verkennung und mitunter einer Anerkennung der antisemitischen Ideologie gelangen konnte. Die antisemitische Bewegung kann nur erkannt werden, wenn man sie aus der Perspektive des jüdischen Schicksals betrachtet. Und problematisch wird der Antisemitismus erst dann werden, wenn sich das jüdische traMMsMMMral SIEGM. KORNMEHL Zentrale IX, Berggasse 19, fei. A 1K1-99 n. A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen för ign-Fleieeh muBwgM&iiW wiminw unter Aufsicht des Ehrwürdigen Kabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien auloRnaleüunn Ko«i«nioi IX, Bertrgass« i’ XVHi W&hrinsrerstraße Schicksal, der Heimatlosigkeit, ändern wird. Eine richtige Abwehr des Antisemitismus kann daher nur jene sein, die schicksalsändernd in das jüdische Leben eingreift. Man kann den Antisemitismus nicht verstehen, wenn man die zionistischen Bestrebungen, ein jüdisches Heim in Palästina zu gründen, nicht in ihrer ganzen segensvollen und schicksalsändernden Tragweite erkennt. Dies verstand das Genie Theodor Herzls, der der antisemitischen Bewegung eine Gegenbewegung entgegensetzte: Den Zionismus als Forderung nach einem eigenen Staate. Und der hellseherische und prophetische Popper-Lynkeus, ähnlich in dieser Richtung Theodor Herzl, kam 10 Jahre vor Herzl, schon im Jahre 188Ö bei der Betrachtung des Antisemitismus zu ähnlicher Erkenntnis: «Der wahre Grund diesesjedes Rechtsgefühls baren H o c h m u ts (des Antisemitismus) liegt in der historischen Tatsache, daß diejuden seit so langerZeit nirgends auf dem ganzen Erdball einen selbständigen Staat besitzen.» 8tuhlv«r«topfung. Berichte von Oberärzten in Heilanstalten fllr Mauren- und Darmkrankhelten betonen, daß das natürliche „Franz-Jo»«f “-Bitterwasser ein eranz vorzüglich wirkendes Abführmittel Ist. Dir antisemitische Tippop in Posen und Obepscblesien Warschau, 27. Dezember. (J. T. A.) Der von nationalistischen Polen in den Waj worisch afteir Posen, ( Pomereüenund Oberschlesien organisierte antisemitische Boykott-Terror wird insbesondere von den jüdischen Klein- und Wa'nderhändlern als unerträglich empfunden. Vor einigen Wochen überfielen organisierte Huligans jüdische Markthändler auf dem Jahrmarkt in Grodzisk-Poznanski, wobei 162 jüd'sche Markthändler Schaden an Gesundheit und Eigentum erlitten haben, einigen von ihnen fügten die Huligans schwere Verletzungen zu. In Nowd-Mjasbfl (Pomerellen) hetzt die lokale polnische Presse in unerhörter Weise zum Boykott gegen die Juden. Flugblätter mit jüdischen Karikaturen werden ln Massen verbreitet, ln Oberschloslen sind die jüdischen Klein- und Wanderbündler grausamen Verfolgungen, zum Teil auch durch die Behörden selbst, ausgesetzt. Der Magistrat von Nowo-Wesz verbot speziell jüdischen Kleinhändlern den Besuch der Märkte. Jeder jüdische Händler muß (•inen christlichen Kompagno-n nehmen, dem er für Jen Markttag 15 Zloty zahlt. Im Städtchen Szwcntochlowice darf ein jüdischer Händler den Markt überhaupt nicht betreten. Auch darf ein Jude keinen Laden im Orte eröffnen. Zum Teil stützen sich die Behörden in den erwähnten und den anderen Städten bei der Anwendung von Schikanen gegen die jüdischen Kleinhändler auf frühere deutsche Gesetze und Verordnungen, wobei diese in einer Welse ausgehgt werden, daß nichtjüdischcn Kleinhändlern Gelegenheit gegeben wird, durch die Maschen der Gesetze zu schlüpfen, jüdische Händler aber an ihnen hängen bleiben. So wurde es erreicht, daß allein in Oberschlesien Hunderte jüdische Kieinhändlerfamilien an den Bettelstab gebracht wurden. All dieses und anderes Material wurde zu einem Memorandum zusammengefaßt und durch eine Abordnung, bestehend aus dem Vorsitzenden des polnischjüdischen Kleinhändlerverbandes Advokaten B. Sundelewicz, dem Mitglied der Verbandsexekutive M. Wermkraut und den Verbandsdirektor D. Berliner, dem politischen Departement des Innenministeriums überreicht. In dem Memorandum wird gefordert: 1. strenge Bestrafung der Schuldigen an dem Ueberfall in Grodzisk-Poznanski; 2. Erlaß von Instruktionen an die Polizeiämter, daß den jüdischen Kleinhändlern Schutz gewährt wird; 3. Befreiung der jüdischen Bevölkerung vom Boykott-Terror; 4. Verwarnung der zu Boykott und Ueberfällen hetzenden Zeitungen und Bestrafung der schuldigen Redakteure; 5. Die Stadtverwaltungen sollen angewiesen werden, bei Bewilligung von Marktlizenzen keinen Unterschied nach Religion und Abstammung zu machen. Nach längeren Verhandlungen erklärte der Direktor des politischen Departements: 1. Das Innenministerium wir<Ü*Ui$len Hwn zur Verfügung stehenden Mitteln die mHlgan-Ueberfälle und den Terror gegen die jüdischeTfevölkerung unterdrücken. Ueber die bisherigen Terror-Akte wurde eine Untersuchung eingeleitet. 2. Die Fälle von Judenverfolgungen in Oberschlesien werden untersucht; es muß aber in Betracht gezogen werden, daß die oberschlesische Wojwodschaft eine Autonomie besitzt. pels außer Kraft gesetzt seien. Nissis Lehre fand unter den Karäern Beifall. Sie näherten sioh dadurch den Samaritanern, welche ebenfalls die levitischen Reinheitsgesetze beobachteten. Im zehnten Jahrhundert lebten in Jerusalem 60 karäitische Büßer. Sie verließen ihre Familie, ihr Hab und Gut, fasteten und beteten. Dieses Bflßerleben führten sie, um die Erlösung Israels herbeizuführen. S4e nannten sich «Trauernde um Zion». Diese 60 Büßer in Jerusalem scheinen einen großen Einfluß auf die Karäer ausgeübt zu haben. Von i<hnen erhielt das religiöse Leben der Karäer lm allgemeinen ein asketisches Gepräge. Im zehnten Jahrhundert breiteten sich die Karäer sehr aus. Sie hatten Anhänger in Aegypten, Syrien, Babylonien, Persien und zunächst in Palästina. Saadja Hagoan hat — als sie in der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts ihre Tätigkeit aus Asien nach Europa zu übertragen begannen — duroh seinen mächtigen Intellekt und seine wissenschaftlichen Angriffe über sie den Sieg davoneetragen. Nach dem Tode Saadjas, 942, gewann das Karäertum wieder die Oberhand. Sahal ben Maz- Iiach (einer der sechzig Büßer) machte große Propaganda für das Karäertum. Damals entstand auch ein Schisma unter den Karäern; Anhänger der philosophischen Forschung und deren Gegner. Im elften Jahrhundert, wahrscheinlich infolge der Kreuzzüge, scheint geistiger Waffenstillstand geherrscht zu haben. In der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts bekämpfte die Karäer Abr. lbn Esra, Der karäische Hauptgegner hieß Juda ben Elia Hadassi in Konstantinopel. In der byzantinischen Epoche sanken die orientalischen Karäer rasch. Besonders seit dem Erscheinen unseres größten ReligionsphHosophen Malmonides in Aegypten. Trotzdem diese Leuchte des Judentums tolerant war, war er doch bemüht, seine Gemeinde dem karäischen Einflüsse zu entziehen. Seine Hauptwerke, das aus 14 Büchern bestehende tahnudische Kompendium «Mischne-Thora» und sein philosophisches Werk «Der Führer der Verirrten» («More nebuohim») übten eine große Wirkung aus. Der Einfluß Maimonides' bei den orientalischen Karäern war so groß, daß karäische Autoren jener Zeit ihn anerkennungsvoW zu zitieren pflegten. Die Autorität und der Ruf Maimonides unter Juden und auch unter Mohammedanern wirkte schwächend auf das Karäertum. War er doch Leibarzt des Kalifen und Oberhaupt der jüdischen Gemeinde in Kairo. Seit damals konnte das Karäertum sich nicht nur nicht weiter entwickeln, sondern es verlor konstant an Boden. Verschieden« karaltische Gemeinden in Aegypten, in Palästina, in Syrien, Babylonien, Persien und im nördlichen Afrika verschwanden allmählich. Teils traten sie zum Islam über, doch meist vereinigten sie sich mit den Rabbiniten. Die letzte Epoche des Karäertums ist die litauisch-russische. Petachja von Regensburg fand im zwölften Jahrhundert im südlichen Rußland — das damals von mongolischen Tataren okkupiert war — Anhänger Anans. Am Ende dieses Jahrhunderts siedelte der litauische Großfürst Witold eine Anzahl Karäer von der Krim, zusammen mit gefangenen dortigen Tataren, als Kolonisten in Litauen an. Ein Teil der Stadt Troki im Gouvernement von Wiino war diesen Siedlern angewiesen. Manche emigrierten nach anderen litauischen Städten, wie nach Luzk, Wolhynien (das damals zu Litauen gehörte) und nach Halic? in Galizien. Abraham b. Salomo Firkowitsch (1786 bis 1874) leistete für seine Glaubensgenossen Denkwürdiges. Sein Name erinnert nicht nur an seine über fünf Jahrzehnte sich erstreckende schriftstellerische Tätigkeit, sondern an eine der größten historischen «Fabriken». Er gab vor, in der Krim karaltische Antiquitäten gefunden zu haben. wonach die Karäer schon zur Zeit des Bestehens des Tempels zu Jerusalem in der Krim gelebt hätten («Altjüdisohe Denkmäler in der Krim», Harkavy). Er hatte an Hand seiner «Entdeckungen» jedem Zusammenhänge mit den Juden und dem Judentum entsagt und verlangte die Bezeichnung «russische Karäer». Dank seiner Arbeiten und mancher bedeutender Geschenke an einflußreiche Personen — wie es damals Brauch war —• gelang es ihm, den russischen Karäern 1863 volle bürgerliche Freiheit zu erwirken. Der bekannte antisemitische Minister Nikolai Ignatief bestätigte dies nachdrückiichst im Jahre 1881. Man muß zugeben, daß Firkowitsch auch viel wertvolles Material gesammelt hat. Er hat nicht nur der karäischen Literatur, sondern auch der Geschichte und Literatur des Rabbinismus und der Samaritaner Dienste geleistet. Aber er «fabrizierte» Epigraphen in Manuskripten. Er änderte Daten und interpolierte Namen von Ortschaften in der Krim und Namen dortiger Persönlichkeiten, um zu beweisen, daß die Karäer seit der Zeit des assyrisohen Königs Sbalmaneser in der Krim ansässig seien. Dies fand Glauben und führte zur Emanzipation der Karäer. Die Karäer sind als Sekte dem Untergang geweiht. Welche Bedeutung diese Jerusalemer Stammgemeinde für die Karäer zu haben pflegte, ist auch aus Rubin Fahns Schrift «Lkoroth Hakraim begalizlah» («Zur Geschichte der Karäer in Galizien»; zu ersehen. Er erzählt, wie ein gelehrter Karäer aus Jerusalem die auswärtigen Gemeinden inspizierte und zum Beispiel auf die Zustände der Karäer in Halicz, Galizien, die litauischen Karäer aufmerksam machte. Die Gemeinde in Jerusalem, die neun männliche Mitglieder zählt, veranschaulicht allzu deutlich das nahende Ende.