Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 208 (31.12.1931)
- Date
- 1931-12-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3053911-3053962--2722-3058176- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nf. 208 — 31. Dezember 193! DIB STIMME _ beite 3 Das Judentum und Palästina Unser v%cg in der 2eit der Wehwende*) Von Oscar Wassermann Me orientalischen fpmMiaiiiäien am (Harnt u. fpiefl (Kdfiioffen, Äh - W — In dieser schweren Zeit, in der wir leben, Ist auch fflr uns Juden eine Weltenwende gekommen. Vor mehr als 100 Jahren, nach der französischen Revolution 1789, hat eine Epoche für die Juden begonnen, die heute wohl zu Ende gegangen ist Wir Juden sind aus dem Ghetto herausgekommen, voller Hoffnung, voller Glauben, nunmehr aus allen Nöten und von allem Druck befreit zu sein. Es war ein Irrtum, und es Ist ein Irrtum, weil wir alle Hilfe, alle Fortschritte, alle Entwicklung nur von anderen erwarteten, die wir nur von uns selber erwarten durften. Was heute vor sich geht, ist eine Folge dieses Irrtums. Wir wollten unter Bewahrung unserer Eigenart, unter Bewahrung unserer Treue zum Judentum eindringen und uns ausbreiten im ganzen Lebensgebiet der Völker, mit denen wir leben. Es war nicht möglich. Wir waren Jahrhunderte im Ghetto, auf einzelne Berufe angewiesen, in sie hineingezwängt und haben, frei geworden, nicht vermocht, eine andere Berufsschichtüng zu erzielen, weil die Emanzipation nur ein äußerlicher Akt war, weil der Jude verachtet war und blieb. «Toleranz» war für uns eine lobende Bezeichnung dessen, was uns entgegengebracht wurde. Duldung! Wir waren froh und zufrieden, wenn wir geduldet wurden, und wir haben uns gesagt, die Zeit arbeitet schon für uns. Die Zeit wird die anderen auf.dären, sie wird die anderen in der Kultur, in ihrer Ethik verbessern, und dann wird man sagen, daß wir vollkommen gleichberechtigte Menschen sind. Wir haben Immer den Fortschritt zum Besseren von anderen erwartet und wir haben selbst nichts dazu getan. Wir können heute nicht wie früher, wie vor Jahrhunderten, Judenheit und Judentum gleichsetzen. Es sind heute ganz verschiedene Dinge geworden. Und wir müssen zugeben, daß für einen großen Teil von uns das Leben seiner jüdischen Inhalte vollkommen entkleidet worden ist Wie ist hier ein Ausweg zu Enden? Die Teile der Judenheit, die auf ihr Judentum verzichtet haben, sie fielen allmählich von uns ab. Das deutsche Judentum wurde von Osten her immer wieder regeneriert; auch das hat jetzt aufgehört. Nun handelt es sich darum, etwas Erhaltendes zu finden, neue Ideale, neue Gedanken für das Judentum. Es fehlt uns jede zentrale Autorität, jeder Zusammenhalt, der es ermöglichen könnte, eine Regeneration der jüdischen Inhalte in unserem Leben zu schaffen. Eine Abhilfe gegen die Zersplitterung, um eine Besserung der Verhältnisse zu unserer Umwelt allgemeingültig für die Juden anzubahnen. Es gibt nur eine Möglichkeit für die Juden der Welt, sich zu einer Einheit zusammenzuschließen, und das ist Palästina. Diese Einheit kann auf keinem anderen Weg zustande kommen, als durch den Palästinagedanken, den Gedanken eines Aufbaus durch uns, nicht im Sinne des passiven Messianismus, der das Heil ruhig erwartet, sondern im Sinne selbsttätiger Arbeit, im Sinne des Einheitswerkes aller •) Oscar Wassermann hielt anläßlich des Keren Hajessod ln Mannheim eine bedeutsame Rede, die wir hiermit ln Auszügen bringen. (Die Red.) Die Karäer Eine auseterbende jüdische Sekte. Von Esther Mieses. Wie verlautet, leben derzeit nur noch neun Kaller in Jerusalem. Es fehlt der zehnte zum Minjan... ln anderen Teilen der Welt, hauptsächlich in Südrußland, gibt es karaitische Gemeinden mit einer Gesamtseelenzahl von ungefähr 8000. Doch im Brennpunkte ihrer religiösen Riten und Interessen, in ihrem Stammsitze in Jerusalem sind sie am Erlöschen. Sie hatten eine bedeutende Vergangenheit, doch sie haben keine Zukunft. Ein kurzer Rückbliok auf ihre Geschichte ist lohnend. Zur Zeit seines Entstehens bildete der Karäismus eine Reaktion gegen den erstarrenden Talmudismus. Da die Karäer die Bibel als letzte Instanz betrachteten, waren sie dazu gedrängt, die Wortbedeutung und den Textsinn der Heiligen Schrift genauest tu bestimmen. Sie gaben dadurch der Bibelforschung einen mächtigen Anstoß und trugen zum Ausbau der hebräischen Grammatik bei. Der Begründer der Sekte, Anan ben David, griff in gewissem Sinne auf längst ausgestorbene Sekten der Sadduzäer und Es- •äer zurück. Er kombinierte ihr System der Buchstäbengläubigkeit mit der Sehnsucht der Talmudisten nach der glorreichen Vergangenheit Zions, nach dem Wiederaufbau des Tempels mit seinen Opfer- und Reinheitsgesetzen. Der Karäismus ist asketisch, düster und weitabgewandt. Poesievolle religiöse Bräuche wurden zum Gegenstand ihres Spottes, zum Beispiel der Lulaw und Ethrog am Sukkoth-Feste. Chanukkah wird nicht gefeiert, well vom Talmud angesetzt. Das Schofarblasen wird nicht geübt. Der Freitagsabend wird im Dunkeln verlebt, weil die Bibel du Feueranzünden am Sabbat verbietet. Der Juden. Daß dieser Gedanke der richtige ist, das ist bewiesen. Der Palästinagedanke innerhalb des Zionismus hat es vermocht, viele dem Judentum Entfremdete und verlorengewesene wieder für das Judentum und jüdische Gedanken zu begeistern. Auch das Zweite ist bewiesen: Wir sind in der Lage, ein Land als Juden zu kolonisieren. In wenigen Jahren Ist in Palästina eine Landwirtschaft entstanden, die zwar noch verbesserungsfähig ist, die aber zeigt, daß der Jude, der ln der Jeschiwah saß, der Jude, der ln Lodz mit Kleiuern gehandelt hat, ein Bauer werden kann, daß er durch seinen Elan, durch seinen Enthusiasmus es fertiggebracht hat, in dem ihm vollkommen ungewohnten Beruf etwas Gutes zu leisten. Wir haben ln Palästina in wenigen Jahren eine Stadt errichtet, die heute 46.000 Einwohner hat. Tel-Aviv, eine Stadt, in der nur Juden wohnen, eine Stadt, ln der vom Bürgermeister, vom Richter bis zum Straßenkehrer, Polizisten und Nachtwächter, nur Juden sind. Diese Stadt ist so gut verwaltet wie irgendeine Stadt bei uns, so gut und auch so schlecht. Sie hat auch Schulden gemacht; aber es waren nicht zu viele Schulden, und sie sind inzwischen bezahlt worden. Diese Stadt habe ich vor vier Jahren gesehen. Da war dort eine Krisis, wie sie jetzt bei uns ist. Es waren die Läden, es waren die Fabriken stillgestanden und es herrschte große Arbeitslosigkeit. Ich habe mir damals gesagt: Hierher diese Stadt zu setzen, ohne Hinterland, ohne Hafen, ohne Küste, nur gestützt auf die Orangenpflanzungen, die in der Nähe sind, — wie kann man da helfen? Und es ist der Stadt geholfen worden: nicht weil die Regierung ihr geholfen hat oder von außen Hilfe kam, sondern weil damals 38.000 Juden Tag und Nacht sich gesagt haben, wie kommen wir aus der Misere heraus? Und sie sind herausgekommen. Die Stadt ist heute ohne Arbeitslosigkeit und' es Ist in der ganzen Stadt keine Industrie zusammengebrochen, und wir wollen hoffen, daß sie weiter nicht mehr unter der Krise zu leiden hat, als es gegenwärtig der Fall ist. Wer sich für Palästina interessiert, wer wirklich Anteil an dem nimmt, was dort geschieht, im Geiste mttarb eitet und die Arbeit dort unterstützt, empfängt mehr von Palästina, als er gibt und geben kann. Er sieht dort ei** werdendes Land, ein Land mit jüdischer Besiedlung, ein Land, in dem Juden leben und arbeiten können, nicht wie bei uns, obwohl sfc Juden sind, weil man tolerant, noch tolerant ist, sondern weh ste Juden sind und als solche Ihrer Arbeit nachgehen. Es ist etwas in der Welt selten Gewordenes, das aber in Palästina besteht und bestehen wird. Die Araberfrage, die sehr ernst ist, konnte bisher nicht gelöst werden. Nicht weil das Gefühl der Araber so sehr gegen uns arbeitet, sondern weil wir auch da das Heil von außen erwarten, von der englischen Regierung, vom Völkerbund, nicht nur von uns selbst Weil wir nicht selbst aktiv genug sind. Der Araber verachtet den Juden nicht, sondern er fürchtet ihn, er glaubt, daß der Jude ihn aus dem Lande herausjagt Da wir dies nicht wollen und auch nicht können'und raBKSaHa9S9SS9S9aaamBB99BBg99^^ Talmud ordnete deshalb in Akkommodation an das Leben das Lichtanzünden vor dem Sabbateingang an. Dieses Lichteranzünden ist übrigens ein uralter Brauch, bereits in der Midraschliteratur «Bereschith rabba» erwähnt Die Rabbinen verhängten über Anan und seine Anhänger den Bann hauptsächlich wegen dieses Sitzens im Finstern am Freitagabend (Pinsker «Likute Kadmonijoth»). Es war nach dem Tode des, wie es scheint kinderlos verstorbenen Exilarchen Salomon (761 bis 762 der gew. Zeitrechnung). Diese Würde sollte auf dessen Neffen Anan ben David übergehen. Zwei Brüder fungierten damals als Gaönen; R. Jehudai der Blinde in Sura (759 bis 762) und R. Dudai im Pumbadita (761 bis 764). Die beiden Brüder mit den Kollegien vereinigten sich, um Anan von der Exilarchenwahl ausruschließen. Auch die Gegner gaben zu, daß Anan über profunde talmudische Gelehrsamkeit verfügte. Abraham Ibn Daud, der allerdings bald vier Jahrhunderte später lebte, schreibt: «Anan war. zunächst ein «Talmud chacham» (ein Talmudgelehrter). Es sei an ihm ein Makel gefunden worden, wegen dessen er weder Gaon noch Exilarch geworden sei. Er hegte einen Verdruß im Herzen, deshalb hetzte er die Juden gegen die Ueberlieferung.» Es gelang Anan eine Anhängerschaft zu gewinnen. Seine Partei ließ es nicht an Anstrengungen fehlen, um seine Wahl beim Kalifen Almansur durchzusetzen. Allein die Gegenpartei siegte. Er verließ bald darauf sein Heimatland Babylonien, um sich in Palästina anzusiedeln. Die Anhänger Anans sagten sich vom Gesamtverbande los und anerkannten ihn als den berechtigten Exilfürsten. Sie legten ihm und seinen Nachkommen diesen Titel bei. Soviel steht fest, daß der Stifter der karäischen Sekte» der den Talmud» diese Brüdke zwischen der Me orientalischen fpamiatMitem am (Harnt u. fptep (Kdfiiofsen, JÜUMlklk iisss.) Rtstaurant MI raball 1. Hes., lUiBsAurfccteisse 0 flvoH titiwM—fataa mit Hm Kaufmann. WoUun Steinhan (Staatsoper) Beginn halb 10 Vhr dies auch aus sittlichen Gründen nicht sollen, so kann es nicht schwer sein, wenn man es ehrlich will, einen Weg der Verständigung zu finden. Der Fanatis nus schwindet rasch. Versuche, einen Boykott zum Entstehen zu bringen, sind fehlgeschlagen. Es zeigt sich, daß die Feindseligkeiten immer nur periodische sind. Man fürchtet in Berlin und London die Ueberfälle der Araber viel mehr, als man sie in Palästina fürchtet Wir dürfen uns nicht einbilden, daß die Besiedlung in Palästina leicht ist Das Land ist schwierig und es bedarf eines großen Enthusiasmus und großer Opferwilligkeit, um es so zu besiedeln, daß wir damit uns selbst und der Welt zeigen, was Juden nicht als Händler und Vermittler sondern in der Urproduktion und im Aufbau in allen Zweigen eines natürlich geschichteten Lebens lei'sten können. Wir können in Palästina ein geschichtliches Werk verrichten. Wir können hier dem Judentum eine neue Zukunft schaffen, und das ist es, weshalb jeder Jude, wie er auch religiös eingestellt ist, wie er politisch denken mag, sich an diesem Werk beteiligen soll. Es ist keine Sache von heut auf, morgen. Als die Juden aus Aegypten zogen, da brauchten sie 40 Jahre, um nach Palästina zu kommen. Man konnte es auch damals schneller machen, aber es ist gesagt worden, daß die Juden, die in Aegypten gelebt haben und die von ägyptischer Kultur waren — die keine schlechtere Kultur war, nur eine andere daß diese Juden nicht ein neues eigenes Land aufbauen konnten, erst die nächste Generation war dazu bestimmt Alle Achtung vor dem Manne aus Lodz, der heute den Boden bebaut. Er hat gute Resultate. Aber erst sein Sohn, der auf dem Boden aufgewachsen ist, der die Geheimnisse d«as Bodens und des. Klimas kennt, . wird das leisten, was geleistet werden muß.;Die Universität mag.die besten Professoren aus den jüdischen Kreisen den ganzen Welt an. sich, ziehen, eine wirkliohe Bedeutung wird sie für das jüdische Leben erst in der Zukunft gewinnen, wenn sie. jüdische Hörer hat, die aus dem " Lande herauswachsen, die das Leben Palästinas vbn * Geburt, her erlebt haben. Wir sind gute 'Deutsche und wollen gute Deutsche bleiben. Aber unser Deutschtum leidet nicht, wenn wir aus lauteren Gründen, aus Gründen der Abstammung, und Vergangenheit, dafür arbeiten, daß wir auch eine Zukunft haben. Eine Zukunft, die uns das Judentum neu gestaltet, eine Zukunft, die vom jüdischen Leben wieder Inhalte erhält und die es zum zweiten Male'erreicht, daß von Zion aus der Welt Großes gegeben werde. Nicht nur uns,, nicht nur den Juden der Welt, sondern der Weit soll die jüdische Arbeit in Palästina dienen. . biblischen Vergangenheit und der Gegenwart verwarf, das religiöse Leben; eher erschwerte als erleichterte. Am Sabbat durfte man kein Heilmittel gebrauchen,, auch nicht bei gefährlich Erkrankten. Die Speisegesetze sind noch verschärft. Anan dehnte die Verwandtschaftsgrade, auf verbotene.Ehen auch auf die Ehen zwischen Oheim und Nichte aus. Die in der Bibel angeordnete Leviratsehe (der Bruder:des verstorbenen Gatten mußte die Witwe heiraten) wurde von ihm auf alle männlichen Angehörigen der Familie ausgedehnt. Nur ein Lichtpunkt ist festzustellen.. Er verlieh den Töchtern die Gleichberechtigung mit’den Söhnen hinsichtlich der Erbschaft. Das Religiöse erhielt durch Anan einerseits einen düsteren und ander* seits einen nüchternen und poesielosen Charakter. Anan suchte nicht nur die Bestimmungen über Sabbat, über die . Ehe und Speisegesetze, sondern aiieh über den Festkalender umzugestälten. Die Karäer brachten keinen einzigen großen schöpferischen Geist in all dfen zwölf Jahrhunderten ihrer Geschichte hervor. Die größte Blütezeit des Kaisertums fiel ins zehnte und elfte Jahrhundert der gew. Zeitrechnung. Seit damals gab es nur Uebersetzungen aus dem ‘Arabischen, Kompilationen' und Nachahmungen. Unter den Nachfolgern Anans.gab es einen hervorragenden Lehrer und Führer Benjamin AI Nahavendi‘(830 bis 850). Er milderte beträchtlich die Ananitische Strenge. Nach Art Philös entlehnte er von, ihm seine Logostheorie. Die Karäer zollen ihm dieselbe Verehrung wie Anan. Er schrieb hebräisch, sonst schrieben die damaligen Gelehrten arabisch. Ein Jahrhundert ungefähr nach Anan lebte Nissl ben Noach, dem die Wiedereinführung der levltischen Reinheitsgesetze zugeschrieben wird. Er behauptete gegen das talmudische Judentum, daß die levitischen Reinheitsgesetze nicht mit dem Untergange des Ter*-