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Die Stimme · 1931-12-24 · Heft 207 (24.12.1931) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 207 (24.12.1931)
Date
1931-12-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME Seite Nr. 207 — 34. Dezember 1931 Jtvlädor Jtametri Nachdruck auch T«i Auszügen verboten. Oer große Wahnsinn Autorisierte Uebertragung aus dem Hebr&lschen von Sem Wolf Am nächsten Morgen verkündete mir mein Diener mit Schadenfreude: «Es gibt Neuigkeiten: Der Herr Major ist hier. In der FrontausrUstung.» Ich habe mich dafür interessiert und erfahren, daß irgendeine Denunziation den hohen Herrn hierher brachte. Das war die Strafe für sein Gespräch mit mir Uber Angelegenheiten der Religion und des Judentums. Auch ihn erreichte der Befehl, vorzeitig an die Front zu gehen. Auch er erhielt also den «großen Preis*. Als mich der Herr Major sah, verfinsterte sich sein Gesicht und sein Schnurrbart begann zu zittern, wie bei einem Kaninchen. Zweifellos war es ihm klar, daß ich die Ursache seines Pechs war. Im Hause des Rabbiners Jarden gaben Freunde •inen kleinen Abschiedsabend zu meinen Ehren. Einige Reden werden gehalten. In ausgesprochen patriotischem Stil. Man sprach über die Tapferkeit, Uber das Heidentum und Uber den Heldentod. Eine Frau hielt den Toast: «Das schönste Los des Dichters ist: den Heldentod zu sterben. Deines Namens wird man zusammen mit dem Namen des Dichters Petöfi und mit dem Namen aller Dichter, die auf dem Felde der Ehre gefallen sind, gedenken 1» Und sie erhob das Glas. r. Ich saß, hörte zu und schaute die Menschen an, die Uber den Tod sprachen, über meinen Tod, als ob es ein schönes Spiel wäre. Und zum Schluß hob auch ich mein Glas und sagte: 4Wenn mein Tod euch Freude bereiten wird, will ich mir alle Mühe geben, sie euch zu verschaffen.» Der Rabbiner, der die ganze Zeit schwieg, schloß .die Augen und stutzte den Kopf mit den Händen. Und die kleine Channah begann plötzlich zu weinen und .lief In düs andere Zimmer. Dort schrie sie: «Genug, genug!» — und weinte weiter. . Alle standen verwirrt auf. Kein Wort fiel. Man verabschiedete sich stumm, verschämt. Und doch gab j» ^endj^roa.nfte^ dejc• ijlftfe.'iäjtijsgweXclinÄL'uhl ge-, segnet hat. Der Rabbiner trat an mich heran, küßte -'■mich auf die Stirne und sagte mit sicherer Stimme: «Dy wirst nicht sterben. Du wirst nach Palästina fahren. Sofort nach dem Krieg. Dort erwartet man dich. Denke daran I» Und als ich schon bei der Türe war, kam die kleine Channah und sagte: «Du sollst zurückkehren — ohne Auszeichnungen, ohne Orden und nicht als Held. Du sollst zurückkehren als einfacher Soldat, verwahrlost, in zerrissenen Klei- . ,dfiirn;und sogar. .. sogar verwundet... aber zurück- , kehren sollst du, lebend ...»; Sie küßte mich und lief wieder in ihr Zimmer. Und als ich draußen war, wußte ich: Nichts von all dem ist in mir geblieben, als die beiden feuchten Augen der kleinen Channah und ihre süße Stimme: «Du wirst nach Hause zurückkehren, verwahrlost, in v zerrissenen Kleidern, aber lebend . . .» Auf meiner Wange spürte ich noch ihre süßen Lippen.. . . . Plötzlich erinnerte ich mich an. die. Worte des Rabbiners: Nach Palästina. Sonderbar. Der alte Gejieral sägte, es mir auch: «Du wirst für mich dort an 4ff Klageniauer beten ..,».. Beim Kader war schon alles zum Marsche bereit. : Die Musik spielte und wir standen ln Reih und Glied. Ls Mein Diener übergab mir einen Brief: Von Mansi. Da . erinnerte ich mich an mein Schreiben an sie, in dem > stand: «Ich gebe dich frei, meine teure Mansi, lebe, wie es Dir paßt, liebe, freue Dich und vergiß mich.» Ich lese die Antwort, Es sind nur einige kurze Zeilen: «Brauchst mich nicht freizugeben, gemeiner Kerl. Kehre nach Hause zurück als einfacher, verwahrloster Soldat, aber kehre nur zurück! Brauchst mich nicht freizugeben. Ich bin nicht Deine Frau! Mansi.» Der Marsch begann und da sah ich, wie der Herr Major sich mir näherte. Er kam und zischte mir in die Qhren; «Also, du hast mich angezeigt? Wir werden noch Zusammenkommen, Herr jüdischer Dichter! Die Strafe wird dir nicht entgehen.» ich raffte mich zusammen und sagte laut, aus aller Kraft, zur großen Verwunderung aller (was habe ich su verlieren?); «Das ist keine Strafe. Das ist der große Preis; Zu sterben für Seine Majestät, den Kaiser und König Franz Josef I.tl!» Plötzlich höre Ich, wie irgend jemand hinter mir . hebräisch schreit: «Jimach schlmcha weslchrechat» Es war der Gefreite Margulles, der den Major ftrfluchte. 13. Kapitel Das verpestete Dorf Wir fuhren nach Galizien, ln den Waggons herrschte Lärm und Trubel. So ging es einen Tag, zwei Tage und dann wurde es plötzlich still. Alle waren in ihren Gedanken versunken. Unterwegs kam unser Offizier zu uns herein ühd zeigte uns Photographien. Auf den Photographien waren nichts als Beine und Beine zu sehen. Beine marschierender Soldaten. Wütend, erklärte uns Itnser Offizier; »Da seht ihr eine Bande von Krüppeln. Der Herr Major photographierte eure Beine während des -Marsches. Wie Krumme und Lahme seid ihr marschiert. Eine Schande Ist das! Nicht einmal wenn ihr ln den Tod geht, könnt ihr anständig marschieren.« Dann wandte er sich an mich: »Schämst du dich denn nicht? So marschierte deine Abteilung an die Frontl Spott und Schändet So gehen nicht Soldaten, sondern Tanzlehrer. Ich werde euch zeigen, wie man marschiert!« Er hat recht. Das ist ja wirklich fürchterlich. Da gehen Menschen in den Tod und passen nicht auf, wie sie gehen ... Nach einigen Tagen — ich weiß nicht mehr, wie viele es waren, — stiegen wir aus der Eisenbahn. Es kam der Befehl, in absoluter Stille, sehr behutsam weiter zu marschieren. Wir näherten uns der Front. Von der Ferne hörte man dumpfen Kanonendonner. Die Erde bebte. Städte und Dörfer, die wir in Galizien passiert haben, waren verwüstet. In jedem Orte fanden wir blasse, müde, verhungerte und um Brot bettelnde Menschen. Es waren auch solche Dörfer und Städtchen, in denen kein einziges Haus ganz geblieben ist. Dort wo einmal Häuser standen, war nur ein Ofen zu sehen; von diesem Ofen ragte ein einsamer Schornstein zum grauen Himmel empor. Auf dem Ofen'lagerte gewöhnlich eine abgemagerte Katze, hatte nur Haut und Knochen und rührte sich nicht vom Platze. Sie lag dort leise mlaw^d -Ws'Ste^etendete.- — Mein Diener wollte einmal eine dieser miauenden halbtoten Katzen mitnehmen. Doch sie fauchte ihn wütend an, kratzte ihn aus letzten Kräften mit ihren Krallen und blieb. »Weißt du denn nicht, daß die Katzen nie das Haus verlassen wollen in dem sie leben?« sagte Oesterreicher, der nun schon zum zweitenmal an die galizische Front ging. Bis zu den Knien versanken wir im Kot der schwarzen und verwüsteten gallzlschen Erde. Je näher wir der Front kamen, desto mehr Pferdegerippe und zerbrochene Wagen und Räder sahen wir. Unweit des Dorfes Zlota Lipa hatten wir auch die ersten »Gäste«: Granaten, die sich »verirrt« haben. Nahe der Straße, ungefähr 200 Schritte Von ihr entfernt, sahen wir ein Pferd. Es war sehr mager und stand unbeweglich da. Auf der andern Seite der Straße pflügte ein armer Bauer seinen Acker. Seine Frau und seine Tochter hatte er anstatt eines Pferdes in den Pflug gespannt. Weit und breit waren nur diese vier Lebewesen zu sehen. Wir blieben stehen, um ein wenig zu rasten. Ich näherte mich dem Pferd, streichelte es und gab Ihm eine Handvoll Hafer vom Futter des Pferdes, das unserem Offizier gehört. Doch das einsam stehende Pferd rührte sich nicht und fraß nicht. Seine Augen waren fest ganz geschlossen. Der Bauer erklärte uns: «Das ist das Pferd eines Husaren, der nicht weit von hier gefallen und einigt Tage lang hier gelegen ist. Das Pferd hat Ihn nicht verlassen. Ich nahm die Leiche des Husaren, um sie zu begraben. Das Pferd ging mit. Hier ist das Orab. Seit damals rührt es sich nicht vom Platze., ' Und dann sagte er: «Das kommt öfter vor. Das Pferd eines ungarischen Husaren verläßt seinen Herrn nicht. Es sieht bis am Ende seiner Kräfte und bricht dann zusammen. Auch dieses da wird am Orabe seines Herrn verenden.» ln der Zwischenzeit schlugen unweit von uns einige Granaten ein. «Fürchtest du dich nicht?» — fragte ich den Bauer. «Wohin soll Ich denn gehen? Ueberall kann man und überall soll man auch sterben. Dieser Boden da gehört mir. Vielleicht kommt bald der Friede!» Er bat uns um ein Stückchen Brot. Ich gab es ihm und er küßte den Rand meines Mantels. Er gab von dem Brote auch seiner Frau und Tochter. Ule Tochter aß und schaute mich dabei an, so, daß ich es verstehen konnte; Sie ist bereit, mit mir Ins Dorf zu gehen* wenn Ich es will. Sie war eine galizische Bauerstochter. Einst muß sie schön und gesund ge*» wesen sein. Doch jetzt war sie fürchterlich abge* magert und ihr Gesicht war fast das einer Töten. Die' Familie aß das Brot mit Heißhunger, doch der Baue^ und seine Frau aßen nicht das ganze auf. Ein Stück bewahrten sie für später auf. Der Bauer in seiner Tasche und die Frau unter dem Brusttuch. Nur da» Mädchen verschlang ihre ganze Portion und wollte mehr davon. Dabei lächelte sie. Es war ein grauen« haftes Lächeln. Es fächelte der Tod, der Tod bot eine;; Umarmung an. Sie lächelte unaufhörlich. «Warum bist du nicht auch mit in den Krieg gezogen?» — fragte ich den Bauern. «Genug, daß mein einziger Sohn dient. Die Juden nahmen ihn, um ihn im Kriege zu töten.» «Die Juden?» «Wer denn sonst hat den Krieg herauf* beschworen, wenn nicht die Juden?» «Auch ich bin ein Jude, Onkelchen», sagte Ich ihm. Die Bauersfrau schaute mich mit ihren runden Augen an und bekreuzigte sich rasöh, irgend etwa» vor’sich hinmurmelnd. Die Tochter hörte plötzlich auf zu lächeln und blickte mich sehr enttäuscht an. Und der Bauer sagte, zu seiner Arbeit zurüokkehrend: . «Geh’ mit Gott, geh’i* Ich machte Kehrt und ging mit Margulles fort, der die ganze Zeit der Dolmetsch zwischen mir und dem Bauern war. Margulies verstand ein wenig Ruthenisch. «Ja, ja» — sagte Margulies zu sich selbst —- «sogar an der Pforte zur Hölle haßt man uns». Unser Blick fiel wieder auf das Pferd, das anr Hügelabhang beim Grabe seines Herrn stand. Wir konnten unser Auge nicht von ihm abwenden. Es waf ein Bild, das uns erbeben ließ. Plötzlich bemerkte ich; daß auch meine ganze Abteilung auf das Pferd schaute. Und als wir schon sehr weit waren, wandten sich noch viele von uns um und schauten nach hinten. Wir marschierten weiter und dann kam der Befehl, seitwärts in der Richtung der Stadt Buczacz ab- . zubiegen. Wir bogen nach rechts ab. Wir marschierten und marschierten, müde, schwitzend, abgespannt; yeffc •wahrlost. Unterwegs passierten wir Dörfer, die in der letzten Zeit alle Greuel des Krieges erlebt habeit.“ Wi'fr rasteten in einem großen Dorfe, in dem fast jede Hütte stark beschädigt war. Nach zwei Stunden sahen wir ein sonderbare» Bild. Die Frauen des Dorfes von dem kleinsten Mädchen bis zum ältesten Weib gingen mit zerfetzten Kleidern herum. Alle waren fürchterlich abgemagert und alle leckten sie ihre Limen mit weißer Zunge. Plötzlich bemerkten wir, daß ihre Kleidungsstücke, die ohnehin an vielen Stellen zerfetzt waren, an einer Stelle am Unterleib alle ein großes Loch hatten. Anfangs erregte dies bei uns schallendes Gelächter. Es war unmöglich, die Dorfstraße zu passieren, um die Menage zu fassen. Der Teufel soll die Weiber holen! — beklagte sich mein junger Diener bei mir. Sein Gesicht war blaß vor Scham. Unser Offizier erklärte uns, daß dies das Werk von russischen Soldaten sei, als sie die Frauen vergewaltigt haben. Aber dann hörten wir, daß die Weiber sich selber so zugerichtet haben, um Männpr zu ködern. Und wenn sie an einem Manne vör.belgingen, bedeckten sie zum Schein mit der Hand den Riß im Kleide und ein verschämtes Lächeln erschfeh auf ihrem Gesicht. Es kam ein Befehl, alle Weiber in den Hütten einzuschließen und ihnen nicht zu gestatten, auf die Straße zu gehen. Es war aber unmöglich, den Befehl auszuführen. Die Weiber machten sich nichts aiis Befehlen. Sie fürchteten sich nicht vor Schlägen, auch nicht vor dem Gefängnis, sie fürchteten sich nicht vor dem Tode. Eine Frau sagte mir einfach: «Was kann es noch Schlimmeres geben als den Hunger? Den Tod? Wir werden doch sowieso Hungers sterben.» Es gab keinen andern Ausweg, als ihnen Brot zu geben, um sie auf diese Weise in den Hütten .Wi halten. Am nächsten Tage verkündete der Befehl, dafl alle Weiber ausnahmslos durch und durch syphilitisch seien und wer sich mit ihnen einläßt, wird vom Kriegsgerichte zum Tode verurteilt werden. Ein kleines zehnjähriges Mädchen ging auf der Dorfstraße und mufmelte immerfort vor sich hin: . «Ich bin gesund, ich habe keine Syphilis, ich bin gesund, bitte, man soll mich untersuchen!» Einige Soldaten und Offiziere standen um »Je herum und hörten verwundert zu. Plötzlich erschien ein Unteroffizier von der Division, zog seine Pistole, schoß und tötete sie auf der Stelle. (Fortsetzung folgt.}

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