Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 207 (24.12.1931)
- Date
- 1931-12-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 207 — 24. Dezember 1931 DIE STIMME Seite 5 Das neue österreichische Studentenrecht Von Dr. Sigmund Kohatyn Das Unterrichtsministerium beschäftigt sich mit dem Entwürfe eines Studentenrechtes auf Grund von zu oiidenden Studentennationen. Da dieser Entwurf die völlige Gleichberechtigung aller Studentennationen vorsieht, wäre von vornherein nichts dagegen einzuwenden. Widerspruch erhebt nur der Umstand, daß es nicht dem freien Willen der Studenten überlassen bleibt, sich zu einer Nation zu bekennen, sondern das Hauptgewicht auf die Rassenzugehörigkeit gelegt wird. Da fast alle europäischen Nationen zui indogermanischen Kasse gehören, so wäre es nicht möglich, die Volkszugehörigkeit der einzelnen Studenten festzustellen, ohne ihr eigenes nationales Bekenntnis zu berücksichtigen. Wie könnte in der Tat ein wesentlicher biologischer Unterschied zwischen einem Deutschen und einem Engländer festgestellt werden? Da zeigt sich denn gleich, daß hinter einem solchen Entwurf, der formell die völlige Gleichberechtigung der Studentennationen vorsieht, nichts als eine Maßnahme gegen das Studium der jüdischen Studenten zu erblicken ist. Denn der Jude unterscheidet sich dadaurch von den andern am europäischen Kontinent lebenden Völkern, daß er kein oder relativ wenig indogermanisches Blut in seinen Adern hat. Während man also z. B. einen Polen nur dann in die polnische Studentennation einreihen könnte, wenn man inn nach seiner Muttersprache und seinem persönlichen Bekenntnis befragt, — denn vom Gesichtspunkt der Kasse könnte mau schwerlich ermitteln, ob es sich um einen Polen oder um einen Tschechen handelt — ist es gewiß möglich, Menschen jüdischer Kasse zu erkennen. Das soll nicht bedeuten, daß die Juden «rassenrein» sind. Wahrscheinlich gibt cs keine «reine» Kasse, und daß die Juden sich mit andern Völkern vermischt haben, beweisen die Bücher der Bibel. Aber wenn es keine «reine» Rasse im theoretischen Sinne gibt, so folgt daraus nicht — wie manche Soziologen aus naheliegenden Gründen behaupten — daß die Rasse im menschlichen Leben keine Rolle spielt. Es gibt gewiß keine an und für sich reine Kasse, aber historische Rassen. Und das zu leugnen Ist in der heutigen Zeit wachsender Rassengegensätze nur ein weltfremder Mensch imstande. Solche Gegensätze sind innerhalb der indogermanischen Rasse vorhanden z. B. zwischen Romanen und Germanen. Um so weniger verwunderlich sind sie zwischen Indogermanen und den relativ wenig indogermanisches Blut enthaltenden semitischen Juden. Indes, hier erhebt sich die Frage, ob es denn möglich ist, Studenten nur wegen ihrer ausgeprägten semitischen Rassenmerkmale einer Nation zuzuteilen, ohne sie, wie alle andern, freiwillig entscheiden zu lassen. Auch wenn man als Zionist die Bedeutung der Rasse als Merkzeichen für die Zugehörigkeit zur jüdischen Nation nicht unterschätzt, kann diese Behauptung nicht aufrechterhalten werden. Gibt es doch Arier, die sich zur jüdischen Nation bekennen und arn Aufbauwerk in Palästina teilnehmen. Und niemand wird es einfallen, sie nicht als Juden zu betrachten, weil sie nicht von semitischer Rasse sind. Deshalb mutet die Rede des Ministers Cermak anläßlich des fünfundsiebzigjährigen Bestandes des Kartellveroances der katholischen deutschen farbentragenden Studentenverbindungen etwas eigenartig an, wenn er ausführt, daß man einem getauften Juden wegen seiner Glaubenszugehörigkeit den Eintritt in die jüdische Studentenschaft nicht verwt'g-ru soll. Abgesehen davon, daß gerade bei den Juden Religion und Nation innig verknüpft sind, wird es nur sehr seiten Vorkommen, daß ein getaufter Jude um Eintritt in die jüdische Studentenschaft ansucht. Dem Sohne Theolor Herzls hätte man trotz seiner Taufe den Eintritt in die jüdische Studentenschaft nicht verweigert. Aber gibt es irgendeine Stu- / dentenschaft, die ihm den Eintritt verweigert hätte? I Indes, wenn man von diesen seltenen Fällen absieht, ist 1 es klar, daß der Jude die Taufe nur als Mittel ansiein, um Karriere zu machen. Gewiß ist das «ehrlos». Aber man vergißt, daß die jüdische Nation einen Begriff der Ehre in dem üblichen, europäischen Sinne nicht kennt. Der Jude will unter allen Umständen existieren, auch wenn er in der babylonischen Gefangenschaft oder in der Diaspora zu leben gezwungen ist. Diese untergeordnete Existenz vermag er nur deshalb zu ertragen, weil er seine persönliche Ehre geistig hochhält. Ein Volk, das tausendjährige Martyrien auf sich genommen hat, um zu existieren, hat gewiß eine «Ehre», auch wenn dieser Begriff mit der «Satisfaktionsfähigkeit» aer deutschen Studenten nicht identisch ist. Daß dieser Zwang, eine untergeordnete Existenz zu führen, so weit geht, daß der Jude heute häufig glaubt, sich durch die Taufe das «Eintrittsbillett» in die europäische Kultur erkaufen zu müssen, ist gewiß sehr traurig und wirkt demoralisierend. Aber ist es nicht an der nichtjüdischen Welt, endlich zu begreifen, daß sie durch diesen Zwang nicht nur dem Juden jeden moralischen Halt raubt, sondern auch siel) selbst schadet, da sie schließlich mit diesem ältesten Volk-t. des europäischen Kontinents zusammenlebt. Diese Frage ist gewiß nicht dadurch erledigt, daß man. die Juden nach Kassenprinzipien in die jüdische Studenten-* nation zwangsweise einreiht. Wenn man dem Juden ermög- . licht, seine Existenz zu führen a l s Jude, ohne von ihm das Opfer der Taufe und andere moralische Opfer als «Eintrittsbillett» in die europäische Kultur zu verlangen, wenn m^h ihn mit einem Worte nicht moralisch entwurzelt, dann wira es nicht nötig sein, ihn mittels eines zweifelhaften Kassenprinzips zwangsweise einer jüdischen Studentennation einzureihen, zu der er eben durch diesen Zwang kein intime» Verhältnis gewinnen kann. Denn nur ein freiwilliges Bekenntnis zu einer Nation kann aufrichtig sein. { Wie die Wilnaer Gerichte den Pogrom ahnden Wilna, 14. Dezember. (J. T. A.) In den ersten zwei von insgesamt 40 Prozessen, die im Zusammenhang mit den antisemitischen Unruhen in Wilna stehen, wurden soeben die Urteile gesprochen, die in der jüdischen Bevölkerung deshalb scharfe Kritik finden, weil man befürchtet, daß sie symptomatisch für spätere Urteile sein können. Der 24jährtge jüdische Kaufmann Karpel Geifer wurde zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er nach dem Pogrom am 10. November öffentlich mit Vergeltung gedroht haben soll. Drei Wochen Untersuchungshaft wurden ihm auf die Strafe angerechnet. Dagegen wurde der Atagistratsbeamte Karpowicz, der an dem gleichen Tage sich an einer antisemitischen Demonstration beteiligte und dem nachgewiesen wurde, daß er selbst drei Scheiben in einem jüdischen Laden eingeschlagen hat, freigesprochen. Wilna, 20. Dezember (J. T. A.). Die ersten Prozesse in Wilna im Zusammenhang mit den schweren antisemitischen Unruhen am 10. November endeten mit der Verurteilung von Juden, denen man nachsagte, sie hätten am Tage des Pogroms Vergeltungsmaßnahmen gegen Huligans angekündigt, während ein Huligan, dem man nachgewiesen hat, daß er die Fensterscheiben in einem jüdischen Laden eingeschlagen hatte, freigesprochen wurde. Am vergangenen Freitag verhandelte das Wilnaer Kreisgericht gegen den 17jährigen Juden Israel Dworkin, der beschuldigt war, am erwähnten Pogromtag einen Soldaten und eine christliche Frau geschlagen zu haben. Obwohl der Angeklagte die Tat leugnete und sich bisher weder der Soldat noch die Frau als Beschädigte gemeldet hatten, verurteilte das Gericht Dworkin auf Grund vager Zeugenaussagen zu sechs Monaten Gefängnis. Das Urteil hat in der Wilnaer jüdischen Oeffentlichkeit Bestürzung hervorgerufen. Das Gericht sprach den jüdischen Studenten Taubenhaus, der beschuldigt war, während der antisemi¬ ‘anw* ns mstin Jaffa-Orangen. Grape Fruit Karmel-Weine. Kognak Scfiemen-OlivenBI Chedera-Honig liefert zu billigen Preisen direkt ins Haus Samuel Haluern Wien. II., F3rsferga*se t Tel. A 46-4-12 tischen Studentenexzesse in Wilna die Scheiben in einem christlichen Laden eingeschlagen zu haben, wegen Mangels an Beweisen frei. In der Wilnaer jüdischen Oeffentlichkeit fragt man sich, wann endlich auch die Prozesse gegen die Huligans beginnen werden, die an dem schweren Judenpogrom am 10. November, bei dem es zahlreiche jüdische Verletzte gab und jüdische Läden demoliert wurden, teilgenommen haben. Bisher hat man nur Juden, gegen die die nationalistischen Hetzer irgendwelche vage Beschuldigung ausheckten, vor das Gericht gezerrt. Der akademische Senat der Wilnaer Universität hat alle akademischen Organisationen, die die in den Straßen, den Theatern und Kinos verbreiteten antisemitischen Hetz- und Boykottaufrufe unterzeichnet haben, in ihrer Tätigkeit bis auf weiteres suspendiert. Antisemitische Studenten-Skandale in Ametika New York, 20. Dezember (J. T. A.). Die Zeitung der Universität Park Maryland berichtet über einen antisemitischen Studentenskandal, wie er bisher ln Amerika noch nicht zu verzeichnen gewesen ist. Studenten dieser Universität organisierten einen brutalen Ueberfall auf ihre jüdischen Kollegen. Sie eröffneten mit schweren Ziegelsteinen ein Bombardement gegen den Schlafraum und die anderen Wohnräume der jüdischen Studenten im College-Gebäude, sodaß die schwerbedrohten jüdischen Studenten in die Dachkammer des Hauses eines benachbarten wissenschaftlichen Instituts flüchten mußten. Die «Universitäts-Zeitung» fordert strenge Bestrafung der Schuldigen und ihre Releglerung von der Universität. Der Präsident der Universität, Pearson, hat seinen speziellen Assistenten Byrd beauftragt, eine gründliche Untersuchung des Falles durchzuführen, um zunächst die Schuldigen festzustellen. Lord und Lady Reading auf dem Wege nach terusaiem London, 20. Dezember (J. T. A.). Lord Reading, der frühere englische Außenminister und einstige Vizekönig von Indien, hat am 17. Dezember abends mit seiner Gattin eine Reise nach Palästina angetreten. Lord Reading ist bekanntlich Präsident der von Pinchas Ruthenberg gegründeten Palestine Electric Corporation. Die Levante-Messe in Tel Aviv Warschau. (J. T. A.) Die Einrichtung eines polnischen Pavillons auf der im April 1932 in Tel-Aviv zu eröffnenden Levantemesse schreitet gut vorwärts. Auch staatliche Unternehmungen werden die Ausstellung beschicken. Die polnische Handelskammer hat eine Broschüre an die polnischen Wirtschaftsführer verschickt, in der auf die Bedeutung der Levantemesse hingewiesen und zur Beschickung derselben aufgefordert wird. London. (J. T. A.) Das Departement für Außenhandel der englischen Regierung versandte ein Kommunique an die englische Fresse, in wc.chem auf die außerordentliche Bedeutung der Levantemesse in Tel-Aviv für den engliscnen Handel im Nahen Osten hingewiesen wird. Gleichzeitig hat das Handelsdepartement über 600 der größten englischen Firmen aufgefordert, sich an der Ausstellung zu beteiligen. Eine Zentrafsparkasse des jüdischen Volkes in Palästina Der hervorragende jugoslawische Volkswirtschaftler Dr. M. Nedeljkovic, Universitätsprofessor und Generaldirektor der jugoslawischen Postsparkasse, wirft die Idee zur Schaffung einer großen finanziellen Institution in PalästitV. auf. Er regt die Gründung eines Bankinstituts oder den Ausbau einer schon bestehenden Bank in dem Sinne an, daß jeder Jude der Welt in diesem Institut seine Ersparnisse einigen könne. Diese jüdischen Zentralsparkasse müßte mit sämtlichen Postsparkassen der Welt in enge geschäftliche Beziehungen treten. Die Einlagen sollen bei den Postsparkassen einzelner Staaten erlegt werden. Ein Teil der Einlagen verbliebe als Reserve bei den Postsparkassen, der Rest würde nach Palästina überwiesen werden. Für die Sicherheit d£fclijm Einlagen in der Zentralsparkasse des jüdischen Volkes müßte _.,; der Keren Kajemeth, die Stadt Tel-Aviv oder die Mandats-^» regierung die Haftung übernehmen. Die Mittel dieser Zentralsparkasse in Palästina sollen in den Dienst des Aufbauwerkes gestellt werden. Der antisemitische Terror in Posen Warschau, 18. Dezember. (J. T. A.) Zu den letzten Ereignissen in Posen wird noch mitgeteilt, daß der jüdische Rezitationsabend, der Anlaß zur Terrorisierung der jüdischen Bevölkerung durch die polnischen Studenten gegeben hat, von den Veranstaltern auf Ersuchen der Polizei abgesagt gewesen war, daß aber mehrere Personen, die hiervon keine Kenntnis hatten und in den Saal kamen, Opfer des Huliganüberfails geworden sind. Zwölf von ihnen wurden schwer verletzt. Während die Studenten mörderisch auf die jüdischen Männer und Frauen einschlugen, schrien sie: «Juden morden christliche Polen! Wir wollen jüdisches Blut sehenl Nieder mit der jüdischen Kultur!» Eine 31jährige jüdische Frau wurde zum Denkmal «Herz Jesu» geschleppt und dort so lange mit Stöcken mißhandelt, bis sie ohnmächtig liegen blieb. Auch ein lOjähriges Kind wurde fürchterlich geschlagen. Am nächsten Tag wiederholten sich die Exzesse; Studenten mißhandelten Passanten im jüdischen Viertel, unter ihnen einen Herrn Schwarz so sehr, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht Panik, niemand wagt sich abends auf die Straße. Lord Erleigh auf einer (ewish Agency« Veranstaltung in Leeds London. (J. T. A.) Im Rialto Picture House zu Leeds fand unter dem Vorsitz von Sir Montague Burton eine von der britischen Sektion der Jewish Agency einberufene Versammlung statt, die sehr stark besucht war. Lord Erleigh, der Sohn des früheren Außenministers Lord Reading, war der Hauptredner des Abends. III., Linke Bahngasse 9, nächst Stadtpark G r ö ß t e r K o m f o r t Vollständig (Ausschneiden) Ermäßigungs-Anweisung für die Leser der «Stirn m e» auf ein Dampf-, Wannen- oder Schwimmbad Im Vorverkauf auch auf: Fichtennadel-, Schwefel-, Kohlensäure-, Schaum-, Radium- und Darmbad; Pistyanschlamm-Packung, künstliche Höhensonne, Diathermie, Hochfrequenz, Tonisator, Vierzellenbad und alle anderen Heilbehandlungen. MICHAEIERBAD XVIII., Mlchaelerstraße 12, nächst Volksoper eu eingerichtet Billige Preise Behandelt werden: Rheuma, Gicht, Ischias, Lähmungen, Gelenkserkrankungen, Neurasthenie, Nervenentzündungen, Neuralgien, erhöhter Blutdruck, Gefäßverkalkung, Herzschwäche usw.; Erkrankungen der Atmungsorgane, des Magens u. Darmtraktes; Menstruationsstörungen, Sterilität und andere Frauenkrankheiten usw. Bntfnttungs» und Sdittnheltskuren