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Die Stimme · 1931-12-24 · Heft 207 (24.12.1931) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 207 (24.12.1931)
Date
1931-12-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nf. 20# — ffc Dezember 1931 OIE STIMME Seite 3 Fälscher und echter Heroismus Von Dr. Hugo Spiegler. Die Pariser Polizei hat die Besteigung der Julisäule und der Vendomesäule verboten, weil sich ln der letzten Zeit Selbstmorde durch Herabstürzen von den beiden hohen Monumenten unheimlich gehäuft haben. Die Julisäule erhebt sich dort, wo früher die Bastille gestanden ist. Mit deren Zerstörung begann die große Revolution von 1789 und wurde zum Andenken an die Revolte vom Juli 1830 errichtet, welche den Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit diente, die jetzt die stolze Grundlage der französischen Verfassung bilden. Die Vendomesäule trägt das Standbild des großen Napoleons, dieses glänzendsten Repräsentanten französischer Machtentfaltung nach außen. So stellen die Juli- und die Vendomesäule zwei einander ergänzende Symbole des französischen Heroismus dar, der der inneren und äußeren Geschichte Frankreichs jenen Ruhmesschimmer verleiht, an dem sich die nationale Begeisterung aller französischen Generationen dauernd entflammen soll. Mit diesem pädagogischen Zwecke steht es in schärfstem Widerspruch, daß die hochragenden Monumente des nationalen Heroismus su Zwecken mißbraucht werden, deren Zusammenhang mit Heroismus lediglich durch das Nestroy-Wort gegeben ist: «Die Leute, die sagen, daß der Selbstmord eine Feigheit ist, die sollen’s erst probieren — nachher sollen sie reden.» Was nutzt die in Erz gegossene Erinnerung an die herrlichsten Schlachtensiege der Vergangenheit jenen, die im sozialen Kampfe der Gegenwart unterliegen? Und was frommt die Glorifizierung des in blutigen Bürgerkriegen erfochtenen Budgetbewilligungsrechtes der Volksvertretungen solchen, denen niemand ein Budget bewilligt, weil sie keine Arbeit finden können? Es klafft ein unüberbrückbarer Abgrund zwischen der Romantik dichterisch verklärter Vergangenheit und der prosaischen Brutalität des modernen Alltagslebens. Daher ist es widersinnig, die kulturellen und moralischen Gradmesser überlebter Entwicklungsstadien der Menschheit in Stein und Erz festzuhalten und sie den neuen Generationen als ewig geltenden Maßstab menschlichen Geitungswcrtes aufzudrängen. Sicherlich hat Krieg menschliche Tugenden nicht zur Entfaltung gebacht. Es ist nur die Frage, was das Primäre war: der Krieg oder diese Tugenden, die im Begriffe «Heroismus» ihren Sammelnamen gefunden haben. Glauben wir den Aposteln der «Gloire», dann ist der Heroismus das Ursprüngliche und der Krieg das unentbehrliche Mittel, diese Zierde der männlichen Seele immer wieder zu erneuern. Nirgends bat die Gloire solche Anbetung gefunden wie in Frankreich. Aber nach dem gewonnenen Weltkrieg hat sich Fankreich keineswegs mit der Gloire begnügt, sondern es ist durch rationelle Anhäufung seines Goldschatzes zum Bankier aller Staaten geworden. Hier zeigt sich klar der materialistische Hintergrund des menschlichen Kämpfens und Ringens. Nicht die «Süßigkeit» des «heroischen» Strebens auf dem Schlachtfeld hat die ersten Heere gegeneinander geführt, sondern die Lust zu leben. «Der nationale Kampf ist der Kampf um den Futterplatz, der soziale Kampf um den Futteranteil» — sagt Werner Sombart. Wer in diesen Kämpfen ums Futter Sieger bleiben wollte, mußte die stärkeren physischen und psychischen Waffen haben. Ausschlaggebend waren oft die letzteren: der größere Mut. Der Krieg muß daher den Mut Eine jüdische Kleinstadt Von Dr. Henriette Lichtenstein- Rappaport. Für den jüdischen Menschen, der in einer westeuropäischen Stadt aufgewachsen ist, ist es ein Erlebnis besonderer Art, wenn er Gelegenheit hat, ein jüdisches Städtchen Polens zu besuchen. Denn hier tritt ihm das Milieu, das er aus den Werken eines Perez oder eine's Schalom Alejchem kennt, mit der ganzen Kraft der Unmittelbarkeit entgegen. Hier hört diese Welt auf, Literatur zu sein und wird lebendige, greifbare Wirklichkeit, eine Wirklichkeit, die dem westeuropäischen Juden fremd und doch auch irgendwie wesensverwandt scheint, die er als Fremder beobachtet und zugleich als die seine erfühlt, aus der bewußten und unbewußten Erkenntnis heraus, daß dies die Quelle des Judentums, seines Judentums ist. In das staunende Erkennen aber mischt sich Wehmut bei dem Gedanken, daß diese eigenartige Welt schwindet, daß die Assimilation an westliche Kutlur und Lebensform, immer tiefer greift, daß hier Gegenwart merklich fast zu Vergangenheit wird. Und so sehr wir das Neue begrüßen, das Neue dankbar in uns aufnehmen, so sind wir uns doch klar darüber, daß uns in dieser ostjüdischen Welt Unwiederbringliches von unvergleichlicher Einmaligkeit verloren geht. In der Stadt ist die nivellierende Kraft größer als auf dem Lande, wo die Bevölkerung verwurzelter, träger, konservativer ist. Doch auch auf dem Lande macht die Entwicklung nach dieser Richtung immer weitere Fortschritte, wenn auch vorsichtig und ohne hastiges Drängen. Im Angesicht der Vergänglichkeit ist es von erhöhtem Reiz, das Leben eines halbdörflichen polnischen Städtchens aus der Nähe m bewecken. Es ist aber Frevel, wenn das Umgekehrte geschieht: daß der überschüssige Mut Kriege provoziert. Solcher Heroismus ist eher das Merkmal seelischer Entartung als das Kennzeichen unverdorbener Naturmenschheit. Es ist anzunehmen, daß die Urmenschen den Krieg, also den «Kampf um den Futterplatz» und die Jagd, das ist die Erbeutung des «Futters», aus keinen höheren Impulsen betrieben als die, die den heutigen Menschen veranlassen, einem Berufe nachzugehen. Der Heroismus als Selbstzweck ist daher, wie auch Bernhard Shaw in seiner ergötzlichen Komödie «Helden» zeigt, kaum die Erfindung der Krieger, sondern die der Poeten, die, daheim auf den Bärenhäuten liegend, sich der von anderen erfochtenen Siege und deren Früchte freuen. Darum dürfen wir Juden auf unser literarisches Standardwerk, die Bibel, auch insofern stolz sein, weil sie diesen Fehler vermeidet. Die Stellungnahme der Bibel zum Heroismus hat ihre charakteristische Formulierung in dem Verse erhalten: «Mein Sieg und mein Sang ist Gott.» Gott hat den Pharao und dessen Mannen ins Rote Meer gestürzt, Gott hat die Mauern von Jericho zum Einsturz gebracht und selbst der Makkabäersieg erhält erst durch das göttliche Wunder des unverlöschbaren Oellämpchens, das die nationale Großtat ins Transzentrale erhebt, die biblische Weihe. Moses ist gewiß ein Mann von persönlichem Mute. Er hat den Häscher des Pharao, der seine jüdischen Untergebenen drangsalierte, gestellt und ohne Furcht vor den Folgen getötet. Aber in der Schlacht führt er nicht an der Spitze des Heeres das Schwert, sondern er steht abseits auf einem Hügel und erhebt seine Hände zu Gott. Und die besten Männer müssen ihm dabei seine Arme stützen, damit sie nicht erlahmen, bevor der «Herr der Heerscharen» den Sieg verlieh. Ein ausdrucksvolles Symbol für die jüdische Auffassung von kriegerischer Tugend! Gewiß enthält die Bibel auch Siegeslieder voll triumphierender Poesie. Aber Sie finden eigenartige Gegenstücke fn den mit nicht minder dichterischer Kraft und Größe entworfenen Bildern entsetzlicher Kriegskatastrophen, die unsere Propheten ihren Zuhörern für den Fall des Abweichens vom Gottesworte in Aussicht steilen. Hierin ist die Bibel ein literarisches Original. Auch die Literatur anderer Völker kennt die Beeinflussung des Schlachtenloses durch Gottheiten, ln der Ilias gibt es eine ganze «Theomachie», in der die achäisch eingestellten Götter gegen ihre mit den Trojanern sympathisierenden Standgenossen kämpfen. Aber diese Parteinahme der Olympier ist eine einmalige und endgültige. Wie anders beim Gotte derfJuden! Er hat mit Israel einen Bund geschlossen, behält sich aber freie Hand vor, wenn seine Vertragspartner den von Gott vorgeschriebenen Weg der Gerechtigkeit und Moral verlassen. Das gibt dem Bund eine einzigartige Bedeutung. Das Kopfnicken, mit dem Zeus der Thetis Erhörung und damit dem Achilles Sieg gewährt, erschütterte den Olympos. Aber die Donner, die vom Sinai erschollen, erschütterten die ganze heidnische Weltordnung. Bündnisse zwischen Menschheit und Gottheit enden nicht mehr mit einem gegenseitigen «Meistbegünstigungspakt» zwischen den Vertragspartnern, sondern das «Meistbegünstigste» bei diesem Pakt ist etwas Außenstehendes: die objektive Gerechtigkeit und Moral. Und dieses neue Idol hat einen neuen Heroismus entstehen lassen, einen Heroismus, den die Heroen Homers und des Nibelungenliedes nicht kennen, der aber der jüdischen Geschichte seinen Stempel aufgedrückt hat: Es obachten, seine Menschen, ihre Freuden und Leiden kennen zu lernen. Ein solches ostjüdi'sches Städtchen Galiziens, typisch für viele andere und doch auch von besonderer, ganz bestimmter Art ist Sassow mit seinen 3000 Einwohnern. Die niohtjüdische, größtenteils kleinbäuerliche Bevölkerung der Gemeinde wohnt an der Peripherie der Stadt, so daß Hauptstraße und Hauptplatz ein durchaus jüdisches Gepräge erhalten. Um das neue, erst nach dem Weltkrieg erbaute Rathaus gruppieren sich die kleinen ebenerdigen Häuschen mit den dunklen Läden und den engen Wohnungen, in denen oft auch die verheirateten Kinder samt ihrer Familie leben. Wenn nun die Wohnverhältnisse keineswegs als mangelhaft empfunden werden, so liegt das neben der Gewöhnung auch an der Tatsache, daß ein großer Teil des Lebens sich außerhalb des Hauses im Freien abspielt. Die Männer besprechen auf der Straße die neuesten Ereignisse der Politik und Wirtschaft, die Frauen sitzen mit ihren Kleinsten vor der Tür des Hauses und unterhalten sich mit den Nachbarinnen. Und die Jugend geht am Abend und an den Feiertagen durch die Straßen spazieren, bis hinaus ins Freie, wo die Aecker beginnen. Diese Jugend bringt das Neue ins Städtchen, sie bringt neue Ideen, politische Ueberzeugungen, moderne Büoher und westliche Kleidung. Charakteristisch ist es, daß es in Sassow nicht weniger als drei öffentliche jüdische Bibliotheken gibt und Organisationen aller möglichen zionistischen, sozialistischen und agudistischen Schattierungen. Aber diese, oft revolutionäre, geistige Interessiertheit schwindet fast immer, wenn der Jugendliche eine Familie gründet, seinem Beruf nachgeht und die Mie orientaiistfien &0e*iaittüten am 3to*t u. 3?tCJÜavnafxen, JHuscftft usro.) Restaurant Mirabell I. <£}«*.. HoAsßur^ ergasae 0 CteOjle Stfeertevfeie* mit Else Kaufmann, Wolken Steinhon (Slaaisopet) Beginn halb IO Uhr ist der Heroismus, der unzählige Söhne und Töchter Israels auf die Scheiterhaufen geführt hat, auf denen sie die unerschütterliche Treue zum Worte ihres Gottes mit qualvollem Opfertode besiegelten, während gleichzeitig die anderen, die Träger des militärischen Heroismus, die schmähliche Formel anerkannten: CuiuS regio, illius religio (die Religion des Landesherrn ist auch die Religion der Untertanen). Welcher Heroismus ist wohl der richtige? Bestialischer Antisemitismus in sowjetrussischen Fabriken Moskau, 15. Dezember. (J. T. A.) Ein Arbeiter an der Bobruisker Fabrik für Holzbearbeitung namens Wassilew hat seinen jüdischen Arbeitskollegen Palaies in eine Trockenkammer eingesperrt, in der eine Temperatur von 65 Grad Wärme herrscht. Als Palaies die Hand zur Oeffnung herausstreckte und einen Befreiungsversuch machte, hieb ihm Wassilew mit einer Hacke einige Finger ab. Erst fünf Stunden später wurde Palaies, der inzwischen das Bewußtsein verloren hatte, aufgefunden und befreit. Die Parteikammer der Fabrik hat eine Versammlung abgehaltcn und den BeschluS gefaßt, von dem Gericht eine schwere Bestrafung Wassilew* zu fordern. Forderungen der sephardischen Welt* konfödei ation an die jewish Agency Belgrad. (J. T. A.) Auf der in Belgrad soeben abgehaltenen sephardischen Konferenz teilte der Sephardim- Führer Lazar Avramovic folgendes über die Arbeit der Sephardischen Weltkonföderation mit: Die Konföderation ist in bezug auf die Haltung zur Mandatarmacht solidarisch mit der Jewish Agency, sie ist aber unzufrieden mit der materiellen Hilfe seitens der Jewish Agency. Die Konföderation fordert die Mittel zum Aufbau der jüdischen Gemeinde in Hebron und der sephardischen Kolonien in Palästina. Fernst verlangt die Konföderation eine stärkere Vertretung^ 3er sephardischen Judenhelt in der Jewish Agency, Srt Was die Versionen über eine Rückkehr von Sephardira nach Spanien betrifft, sind bisher nur informative Gespräche privater Natur geführt worden. Antijüdische Studentenexzesse auch in Konstantinopel An der medizinischen Fakultät der Konstantinopelef Universität erneuerten sich die Exzesse gegen die jüdischen Medizinstudenten. Die Juden wurden von türkischen Nationalisten attakiert und zum Teil schwer verprügelt. Der jüdische Medizinstudierende des dritten Jahrganges Bela Anse! wurde aus der Universität hinausgeworfen. Die Professoren nahmen sich der bedrängten jüdischen Hörer an und stellten zum Protest gegen die nationalistischen Exzesse und gegen die schimpfliche Behandlung von Frl. Ansei die Vorlesung im dritten Jahrgang der Fakultät auf einen Tag ein. Sorgen des Alltags kennen lernt. Dann tritt er in die Fußstapfen seiner Eltern, lebt ihr Leben und bewährt ihre Lebensformen. Nur die moderne Kleidung bleibt ihm. Den langen Rock und das «Streimel» (traditionelle Pelzmütze der polnischen Juden) trägt die junge Generation nicht mehr. Die alte Tracht stirbt aus und mit der Tracht mancher traditionelle Brauch und manche alte Sitte. Was aber bleibt, ist die Sorge ums Brot, der Lebenskampf. Aus vielen Berufen wurden die Juden in den letzten Jahren ganz oder teilweise verdrängt. Der jüdisahe Pächter, der «Hofjud», der das Vertrauen des adeligen Gutsbesitzers besaß, der landwirtschaftliche Angestellte, der Schenkwirt, muß heute andere Existenzbedingungen suchen. Einen großen Teil der jüdischen Einwohnerschaft eines polnischen Städtchens, wie Sassow, bilden Kleinkaufleute, die in ihrem Laden alles feilbieten, was die Hausfrau oder der Bauer vom Lande braucht. Manche sind Holzhändler, Vieh- oder Pferdehändler, oder Makler, die allerhand Käufe und Verkäufe vermitteln. Auch der Handwerkerstand i:st sehr stark vertreten: es gibt jüdische Schneider und Schuster, Tischler, Glasermeister und Maurer. Fast ausschließlich von Juden wird das Handwerk eine» Kesselschmiedes geübt. Seltsame Menschen, tragische ifnd heitere Gestalten trifft man im Städtchen. Da ist der Wasserträger, ein hochgewachsener, bärtiger Mann, der da* Wasser vom Brunnen in die Häuser trägt und dessen Blick immer verwundert über die Welt gleitet. Oder Meier «Milchiker». Meier hat einen Wagen und eia altes Pferd davor, mit dem er täglioh ins Dorf hinausfährt, um die Milch in Empfang zu nehmen und sie in der Stadt zu verkaufen. Dahn ist Babbale* di«

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