Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 206 (17.12.1931)
- Date
- 1931-12-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3053911-3053960--2703-3058155- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Di L STIMME Srtte* Nr. 206 — 17. Dezember 1931 Baron Moritz Hirsch (Zu seinem 100. Geburtstag.) Von Reg.-Rat J. K r e p p e 1 U: j~:r zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war jn zahlreichen jüdischen Häusern, besonders im Osten, das Porträt Sir Moses Montefiores zu sehen; die Popularität dieses Mannes, der ein ebenso hervorragender «Stadien»1 (Fürsprach) für die Juden war, wie ein großer Philantrop, grenzte ans Legendäre und noch heute ist Sir Moses Montefiore für tausende und aber tausende Juden der Prototyp des jüdischen Führers par excellence, der in seinem Zeitalter nach den üblichen Methoden als der Wortführer der Juden galt; so oft die Juden irgend eines Landes sich in einer Gefahr befanden, immer unternahm Sir Moses, gestützt auf besondere Empfehlungen der britischen Regierungen beziehungsweise der Königin Viktoria, seine Interventionsreisen, mochte es sich um Rußland oder Marokko, Persien oder Rumänien handeln. Was den Namen Montefiores noch besonders populär machte, war seine besondere Anhänglichkeit für das heilige Land. Nicht weniger als sieben Reisen unternahm er nach Palästina und jede dieser Reisen legte Grundsteine für den jüdischen Wiederaufbau dieses Landes nach den damaligen Begriffen. Montefiore ließ auf seine Kosten das Grab der Patriarchin Rahel restaurieren; er ließ ein besonderes jüdisches Viertel in Jerusalem erbauen und errichtete itn heiligen Lande Stiftungen und Institutionen. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts gesellte sich in den jüdischen Häusern dem Porträt Montefiores dasjenige eines neuen Mannes, Baron Moritz Hirsch, hinzu. Baron Hirsch war anders geartet als Montefiore; ein völlig moderner Mensch, dem religiösen Leben fast vollständig fremd, ein großer Bankier, über ein immenses Vermögen verfügend, aber — besonders nach dem Ableben seines einzigen Sohnes Lucian — ohne direkte Erben, widmete er, nachdem er sich zur Ruhe gesetzt hatte, seine ganze Aufmerksamkeit und sein gewaltiges Vermögen der Sache seiner,jüdischen Brüder. Auf dem Gebiete der Philantropie konnte er größeres leisten als Sir Moses Montefiore, dessen Nachlaß im ganzen eine halbe Million Pfund betrug — aber Baron Hirsch begnügte sich nicht mit den üblichen philantropischen Spenden, sondern strebte danach, das Los seiner Brüder in den Ländern des Ostens konstruktiv zu verbessern. Als modern denkender Mensch widmete er der kulturellen Seite der Judenfrage besondere Aufmerksamkeit und glaubte, mittels der Verbreitung europäischer Kultur unter den Juden des Ostens ihre Lage günstiger gestalten zu können. Er übersah aber auch das soziale Moment der Judenfrage nicht und interessierte sich besonders für die Frage einer wirtschaftlichen Umschichtung der jüdischen Masse und ihrer Ueberführung zum Handwerk und zur Landwirtschaft. Diesen Intentionen entsprangen seine Aktionen zugunsten der Juden in Rußland und Galizien. Zunächst machte er der russischen Regierung den Vorschlag, mittels eines Fonds von 50 Millionen Franken die Juden in Rußland produktiveren Berufen zuzuführen. Dieses Angebot wurde jedoch von den damaligen zaristischen Machthabern abgelehnt und so faßte Baron Hirsch den Plan, eine große Auswanderung der Juden aus Rußland zu organisieren und diese in Südamerika zu kolonisieren. Dieser Aktion entsprang das jüdische Kolonisationswerk in Argentinien, das nach verschiedenen Kinderkrankheiten sich einigermaßen konsolidierte und — wenn auch in gar keinem Verhältnis zu den aufgewandten Mitteln — heute immerhin nicht ohne Wert ist. Zunächst die Aktion unter eigenem Namen führend, übergab er später, der fortgesetzten Beschwerden Uber die Handlungsweise seiner Vertrauensmänner an Ort und Stelle müde, die Leitung derselben der von ihm gegründeten «Jewish Colonisation Association» (Ica), der er vorerst ein Kapital von 2 Millionen Pfund zur Verfügung stellte, deren Vermögen aber mittels der späteren Zuweisungen auf 180 Millionen Franken stieg und die seither eine der bedeutendsten jüdischen Hilfsorganisationen geworden ist, die auch ein großes Schulwerk — u. a. auch in Palästina — unterhält, sowie auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet durch Gründung von Kreditkassen usw. tätig ist. Neben den jüdischen Massen Rußlands lenkten auch die jüdischen Massen Galiziens die Aufmerksamkeit des Barons Hirsch auf sich. Zu ihren Gunsten errichtete er eine Reihe von Stiftungen, u. a. die gdßttiti’;?atniliw«Pctt5ion Bnluntton, Haflulii! täglich 5-Uhr-'Iee SEMMERING TELEPHON 11 Hochstraße 43 neben Hotel Panham- Mäßige Preise, vorzügliche Ktiche, Zimmer m. Pension S 12.— aufwärts. Zentralheizung, fließendes Warm und Kaltwasser in iedem Zimmer. Auskunft unt*r Telephon U •27*6*24 große Baron-Hirsch-Schulstiftung für die Juden Galiziens und der Bukowina mit einem Kapital von 12 Millionen österreichischen Gulden, sowie eine Reihe von Unterstützungskassen für Handel und Gewerbe, Handwerkerschulen usw. Die Einwanderung breiter jüdischer Massen nach den Vereinigten Staaten veranlaßte ihn, auch dort eine großangelegte Stiftung Ins Leben zu rufen, die noch bis heute wirkt. Das galizische Sclnilwerk war im Laufe der Zeit vielfachen Anfechtungen ausgesetzt. Infolge der Inflation nach dem Weltkriege wurde fast das gesamte Kapital entwertet, so daß die Schulen aufgelassen werden mußten. Im Gegensatz zu Sir Moses Montefiore zeigte Baron Hirsch für Palästina weniger Interesse. Doktor Herzl versuchte es, den Baron für seine zionistischen Pläne zu gewinnen — aber als Herz! seine ersten Schritte vor aller Oeffentlichkeit tat, starb Baron Hirsch plötzlich infolge eines Herzschlages im Alter von 66 Jahren. Baron Hirsch, der insgesamt ein Vermögen von fast 4 Millionen Goldfranken für jüdische Wohlfahrtseinrichtungen, Kolonisation»- und Schulzwecke widmete, erfreute sich der persönlichen Freundschaft mehrerer Monarchen und Staatsmänner, unter anderem war er ein intimer Freund des österreichischen Konprinzen Rudolf, dem er auch wiederholt große Beträge für verschiedene Zwecke zur Verfügung stellte. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß er diese Freundschaften bei verschiedenen Gelegenheiten dazu benützte, um für die Juden einzutreten — mochte er sich auch nach außen hin weniger als «Stadien» betätigt haben als Sir Moses Montefiore. Sein plötzliches Ableben wirkte in der ganzen jüdischen Welt erschütternd und löste lebhafte Trauerkundgebungen aus. Wäre Baron Hirsch länger am Leben geblieben, dann hätte er vielleicht dem Sonntag, den 20 Dezember 1931, 8 Uhr abends im iy onzertsaale «Post4*, 1., Fleischmarkt Nr. 24 KONZERT zu wohltätigem Zwecke „Das jBd. Ued u. Volkslied” (hebr. u. jiddisch) Italienisch-neapolitanische Lieder und Romanzen J. SEGAL-RQSEHBACH (Tenor) Mitwirkend: Prof. Josef Zlmbler (Violine) Jtid. Volksmelodien, chassidische und jüdische Hochzeitstänze — Populäre Preise — Kartenvorverkauf: Bücherstube Rath 11., Taborstr. 20a jüdischen Wiederaufbau Palästinas mehr Aufmerksamkeit gewidmet und stünde dann in einer Reihe mit Baron Edmond Rothschild. Sein großes Vermögen und seine allgemeine Großzügigkeit hätten zweifellos im Heiligen Lande Großes vollbringen können. Der „Ottynyjer“ verschieden Fern von seiner Gemeinde ist der Großrabbiner von Ottynja, Rabbi Chaim Hager, genannt der «0 11 n y j e r», des Bruder des «Wischnitzer», im Alter von 69 Jahren am Freitag, den 4. Dezember 1931, in Krakau verstorben. Sein ständiger Wohnort seit dem Kriegsende war Stanislnu. Fast alle Chassidim dieses Ortes waren seine Anhänger und aitcit aus alle. Welt kamen sie zu ihm. Der «Ottynyjer» war die Güte in Person. Für jeden hatte er ein gutes Wort. Jedem ist er mit Rat und Tat bereitwilligst zur Seite gestanden. Die wirtschaftliche Krise, die in Polen herrscht, ist auch an dem Rabbiner nicht spurlos vorübergegangen. Zu einer schmerzhaften Magenkrankheit gesellte sich ein tückisches Herzleiden. Als er vor paar Monaten in Wien weilte (dem Schreiber dieser Zeilen war es damals vergönnt, mit dem Großrabbiner eine längere Unterhaltung zu führen), sah man ihm seinen seelischen und physischen Schmerz deutlich an. Der «Ottynyjer» entstammt einer großen Rabbinerfamilie. Sein Vater war der berühmte Wischnitzer Rabbiner Reb Burechl. Einige seiner Brüder sind die Rabbiner von: Horodenka, MarmarQsch-Szigeth, Storozynec, Wischnitz und Zaleszczyki. Nicht nur die Judenschaft Polens, die Chassidim der ganzen Welt trauern an der Bahre des großen Mannes. Sein allumfassendes Wissen und sein lauterer Charakter, welche ihm schon bei Lebzeiten nur Freunde schafften, werden ihm auch nach seinem nunmehrigen Dahinscheiden, in Nah und Fern ein ehrendes Angedenken in aller Ewigkeit sichern. Du—Nek. Vier ausländische Juden Mitglieder des Consistoite Juif Die soeben in Paris stattgefundene Jahresversammlung des Consistoire Juif (Konsistorium der jüdischen Gemeinden Frankreichs) verlief sehr stürmisch. Zum erstenmal in. der Geschichte des Konsistoriums standen ausländische Juden zur Wahl als Mitglieder dieser Körperschaft. Eine Anzahl Redner wandte sich gegen die Wahl von Ausländem in die oberste jüdische Behörde Frankreichs, die, ihrer Meinung nach, einer «Fremdeninvasion» gfeichkäme. Ein Mitglied des Konsistoriums unterstrich seinen Protest sogar durch Bekanntgabe seines Rücktritts. Diese Gruppe blieb aber ln der Minderheit. Der Präsident des Konsistoriums erklärte, die Frage der Nationalität stehe nicht zur Debatte, bei der Wahl käme es einzig und allein auf die Religionszugehörigkeit an. Schließlich wurden vier ausländische Juden, unter ihnen Baron Alfred Ginsbourg und der Zionistenführer Jizchak NakUtsch, zu Mitgliedern des Konsistoriums gewählt. Jtua (fatüsiina Verfiattnngeti 2m Zusammenhang mit dem überfall bei Ramallah Unter dem Verdacht, -an dem Raubüberfall bei Ramallah, bei dem eine, englische Reisegesellschaft am 24. November ausgeraubt wurde, teilgenommen zu haben, wurden zwei Araber verhaftet. Verurteilungen wegen Propaganda gegen die Volkszählung Das Disiriktsgericht in Jaffa hat neun junge Leute, Angehörige der revisionistischen Partei, zu je 5 Pfund Geldstrafe, im Nichteinbringungsfalle zu je einem Monat Gefängnis, wegen Propaganda gegen die Volkszählung verurteilt. Jn aller Kürze Die Zionistische Exekutive teilt mit, daß sie im Hinblick aut die bevorstehende Amerikareise des Präsidenten Nah um ßokolcrw Herrn Emanuel Neuman ersucht hat, bis zur Ankunft der Sokolow-Delegatlon in Amerika zu verbleiben. Am 17. Dezember beginnt vor der Strafkammer unter dem Vorsitz des Landesgerichtsdirektors Obnesorge dl« Berufungsverhandlung gegen die Verurteilten in den ersten beiden Kurfürstendammprozessen. * Wie die Buk&rester Zeitungen berichten* hat König Carol IL dam jüdischen Arbeiter Molscho Marmor in Petrosani, Vater von 13 Kindern, dem wegen Steüerrttckständen der Hausrat hätte versteigert werden sollen, einen Betrag von 10.000 Lei aus seiner Prlvatsctuatulle überwiesen. ln den letzten Novembertagen wurden, wie die „C. V.- Zeitung“ mittellt, in Lüneburg von bisher unbekannt gebliebenen Tätern 15 Glasscheiben der Synagoge durch Steinwürfe zertrümmert. * Das Komitee der in Frankreich elngewamdorten Juden erläßt eine Warnung gegen eine weitere Einwanderung von Juden nach Frankreich und weist darauf. Kita* daß infolge der zunehmenden Arbeitslosigkeit im Zusammenhang mit der verschärften Industriekrise neue Einwanderer keine Arbeitsstätte finden worden. Ein Ferienheim für die jüdische Jugend Nur weoigen dürfte die Tatsache bekannt sein, daß sich in Engelberg ln der Schweiz ein Ferlenjieäm für die jüdische Jugend befindet, ui welchem den Teilnehmern geboten wird, zw billigsten Preisen (Frcs. 4.— für Schlafen und vier Mahlzeiten) die Ferien zu verbringen. Die Leitung des Heimes ist bestrebt, den Teilnehmern den Aufenthalt so anregend und schön wie nur möglich zu gestalte^, die Kost ist reichhaltig und gut, die Küche wirdstreng rituell geführt Eine Teilnehmerin sendet uns nachstehenden Bericht. «Wer hewer im Sommer in dem zirka 11QÜ m Höhe gelegenen Kurorte Engelberg,auf, eine);v4er„„^rtijen Bergstraßen spazieren ging,-dem bot sich etn speziell1 für Oesterreicher ungewohnter Anblick An einer Wegkreuzung flatterte Judas Wahrzeichen, die blau-weiße Fahne, stolz im Winde. Hel! glänzte in der Sonne das goldene «Mogen- Dowkl.» Wenn man diesem einladenden Gruße foJjgt, steht man nach einigen Minuten vor einem Haus, vor welchem geschäftiges Treiben herrscht und wo man frohe Lieder, meist hebräischen Inhaltes, erschallen hört. Dies ist das Schweizer jüdische Ferienheim, in dem junge Leute ihrejn Urlaub verbringen. Der Gedanke nach einem jüdischen Ferienheim, in Zürich ausgegangen, hat nicht nur in allen Kantonen der Schweiz begeisterten Anklang gefunden, das' Heim beherbergte auch Gäste aus Deutschland, Dänemark und aus Wien. Es war dies der erste Versuch, erwachsener jüdischer Jugend Gelegenheit zu geben, unter günstigsten Bedingungen, bei Spiel und Sport die Ferien zu verbringen. Ein Versuch, der glänzend gelungen ist, Ferien, die allen Teilnehmern in unvergeßlicher Erinnerung bleiben werden.» Helmeröfftmng des Jüdischen Pf^d- Hnderbondes Oesterreichs (TP i) Am Samstag, den 12. d. M., fand die Eröffnungsfeier des neuen Heimes in der Oberen Donaustraße 45 a statt. Es herrschte eine CJberaus freudige Stimmung unter den Junget* und Mädels; dqnn es war'ja wieder einmal eine Stätte, weihen, die der Jüdischen Jugend die Möglichkeit geben s>< sich unter Gletdbgesinnten und Gleichgearteten heirajscn zu fühlen. Als zum Beginn die Tikwah gesungen wurde, da fühlte und wußte die schon recht ansehnliche ,Scha?, daß auch sie ihren Anteil an der Erhaltung uod Verbreitung jüdischer Kultur und Gesinnung haben wird. Darauf ergriff der Bundesführer das Wort. «In knapp drei Monaten ist ein Heim von uns gebaut worden. Seine Farbenfreudigkek und Gemütlichkeit mögen unsere Jungen und Mädels veranlassen, es recht oft und gern zu ihrem Aufenthaltsort zu wählen. Nur so kann wirklich jüdisches Leben entstehen. Es möge eine Vorstufe für diejenigen sein, denen es später vergönnt sein wird, nach Erez Israel zu gehen, und für diejenigen ein Halt, die gewillt oder genötigt sind, in der Diaspora mit allqn Kräften dem jüdischen Volke zu dienen. Den Weg für unsere Stellung im Leben weisen unsere zehn Pfadfindergesetze, deren Motto «Hajeh muchan» (Sei bereit!) stete Hilfsbereitschaft und steten Dienst für das jüdische Volk und die Menschheit bedeutet.» Vorführungen der einzelnen Gruppen sowohl ernster al« auch humoristischer Art folgten. Den Abschluß bildete der gemeinsame Gesang unseres Bundesliedes: «Wir heben di« Händ' gegen Misrach und schwören . . Zu vermieten bed Angestelltem der israel. Kultusgemeinde eilt großes, schön möbliertes Gassenzimmer mit separ. Eiu/'atug an zwei junge Leute, event. mit ritueller Pension. Zuschriften: II., Pillersdorfgasse Nr. 8, II. Stiege, 1/3!.