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Die Stimme · 1931-12-17 · Heft 206 (17.12.1931) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 206 (17.12.1931)
Date
1931-12-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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fff. 206 — 17. Dezember 1031 Jlt SUMME Seife 8 Die Hintergründe Konferenz (Nebst einigen Schlnüfolgerungen) Kaum zwei Jahre sind seit den blutigen Unruhen ln Palästina verstrichen, Jahre bedrohlichster Unsicherheit für die Unsern drüben und nervenzerrüttender Bangigkeit für uns hier; noch sind die Wunden flicht gehellt, die jener unglückselige August 1929 dem Jischuw geschlagen hat, und schon bereitet sich etwas Neues vor. Die Moslem-Konferenz in Jerusalem wurde vom Mufti angeblich zu dem Zweck arrangiert, um die «brennenden* Kulturprobleme des Islam zu erörtern, als da sind: Schutz der heiligen Stätten des Islam in Palästina ,und Gründung einer mohammedanischen Universität ln Jerusalem als Kampfmittel gegen die Atheisierung und Europäisierung der moslemischen' Jugend. In Wirklichkeit sollte die Konferenz — so verlautete es hinter den Kulissen — viel welttragendere, vor allem politische Fragen behandeln. Hadsch Amin El-Husseini, früher der bestgehaßte ,Mann Palästinas, Ist dank unserer unverzeihlichen Torheit, ihm in der Klagemauerfrage auf den Leim gegangen zu sein, mit einem Schlage der diktatorische Führer der palästinensischen Araber geworden und so wollte er sich nun anschicken der Sachwalter und Vorkämpfer des Gesamt-Islam zu werden, um dessen politischen Kampf gegen die nichtislamische Welt zu führen. Dazu sollte vor allem die Erneuerung des Kalifats dienen. Doch die strikt ablehnende Stellungnahme des Wahabitenkönigs Ibn Saud, Aegyptens und der Türkei zwangen den Mufti und seine Genossen die Kalifatsfrage fallen zu lassen. Ebenso haben Italien und Frankreich sich bei England dagegen verwahrt, daß gewisse heikle Angelegenheiten, wie die Italienisch- Afrikas bezw. Syriens, auf dem Kongreß zur Debatte kommen. Was Übrig bleibt, ist derjenige Punkt, der beim Mufti wohl das hauptsächliche Motiv für das Arrangement der ganzen Sache gewesen sein mag und der von der arabischen Presse kurz aber klar folgendermaßen formuliert wird: es gelte «dem Zionismus den Todesstoß zu versetzen und den Weltislam gegen das Weltjudentum zu organisieren.» Soweit wäre die Sache nicht verwunderlich, denn dieser Kampf wird gegen uns von dieser Seite mit den niedrigsten Mitteln, mit Lüge und Verleumdung, mit Brand und Mord bereits seit zehneinhalb Jahren (seit Pessach 1920) geführt. Was an der Sache neu und wert1Ist beleuchtet zu werden, Ist die merkwürdige Polle, die'dabei seit etwa zwei Jahren einer der Hauptführer der indischen Moslems spielt. Schaukat Ali, bis vor kurzem selbst den Arabern Palästinas kaum bekannt, ist mit einem Mal neben dem Mufti zur zentralen Figur in der palästinensischen Streitfrage geworden. Seit zwei Jahren etwa erscheint sein Name ständig in den Spalten der die Fragen Palästinas behandelnden arabischen, hebräischen und — englischen Presse: «Schaukat Ali fährt nach Jerusalem». «Schaukat Ali fährt nach London und wird in der Albert Hall einem antizionistischen Meeting präsidieren*. Schaukat Ali beteuert (anläßlich des zu Ehren der mohammedanisch-indischen Delegierten in London veranstalteten Abschieds-Diners) theatralisch •eine Judenfreundllchkeit und kündigt ln einem dem Zionismus den Kampf bis zum äußersten an. Und zum Schluß: Schaukat Ali sagte dem Gewährsmann einer ägyptischen Zeitung: «Die jüdische Einwanderung nach Palästina muß gestoppt werden, damit keine Arbeitslosigkeit herrscht; sonst werden wir eine Moslem- Einwanderung organisieren; wir werden sehen, wer gewinnen wird!... Ich habe njehts gegen eine Verständigung mit d^n bereits in Palästina lebenden Zionisten — aber sie müssen ihre Forderung nach Sonderrechten und Privilegien aufgeben.» Ja, was geht hier eigentlich vor? Wer hat Schaukat AH ermächtigt, diese Sprache zu führen? Seit wann ist es üblich, daß ein Ausländer sich in die Internen Angelegenheiten irgend eines fremden Gebietes einmengt und dabei solche Töne anschlägt? Hätte es Schaukat AH oder sonst ein Moslem gewagt, sich in die Fragen, sagen wir der Rlfkabylen oder libyschen Moslems in einer ähnlich arroganten, ja unverschämten Weise zu äußern? Wenn nicht, was gibt diesem Schaukat Ali das Recht, dies in unserem Fall zu tun? Die Antwort Hegt auf der Hand: Hinter dem ganzen Spektakel steht in respektabler Entfernung, doch offenbar mit freundlichem Wohlwollen, kein anderer als — England selbst England hätte es verhindern müssen, daß der Kongreß ln Jerusalem stattfindet da ja die Gefahr besteht, daß neue Unruhe in das kaum pazifizlerte Land hineingetragen wird. (Schon lesen wir z. B,p daß der Mufti ln provokatorischer Absicht falsche Abbildungen aus der Zeit der Unruhen im Jahre 1929 unter die Konferenzteilnehmer verteilen läßt, um in ihnen den wütendsten Judenhaß zu entzündenti) Zumindest hätte England verhindern können, daß nicht der Kampf gegen *) Wir bringen unseren Lesern die folgenden Ausfuhren unseres Sch. H. Mitarbjäters. ohne une mit seinen ,U*?Ühnir.gen zu identifizieren. Die Red. der Moslem* | den Zionismus zum Hauptpunkt der Tagung erhoben werde — ebenso wie es erwirkt hat, daß gewisse, Frankreich, Italien und der Türkei nicht genehme Fragen von der Tagesordnung abgesetzt wurden. Ja, derselbe Schaukat Ali, der sich jetzt als oberste Instanz ln Fragen der palästinensischen Moslem gebärdet und sich zum Patron der El-Aksa Moschee ausruft, wäre bestimmt der ganzen Sache ferngeblieben, falls es England gewünscht hätte. Schaukat Ali ist zwar noch Infolge Scheiterns der Indienkonferenz nach wie vor Liebkind bei England, das ja ohne die moslemische Minderheit, die es zu «beschützen» hat, Uber kurz oder lang aus Indien weichen müßte; aber ebenso brauchen die Moslems ihre englischen Beschützer, ohne die sie wegen Behinderung, ja Verrats der national-indischen Bewegung argen Massakkers ausgesetzt wären. Es ist also wie im Sprichwort: eine Hand wäscht die andere. Und darum dürfen wir mit Bestimmtheit annehmen, daß sich Schaukat AH zurückgezogen hätte und die ganze Sache wahrscheinlich abgeblasen worden wäre, wenn — ja, wenn England es gewünscht hätte. Aber England hat es nicht gewünscht. Nun wollen wir ja nicht näher darauf eingehen, was England zu dieser immerhin etwas merkwürdigen Haltung veranlaßt hat. Aber mit aller Schärfe müssen wir dagegen protestieren, daß mit unseren heiligsten Gütern Kuhhandel getrieben wird und daß auf dem blutgetränkten Boden Palästinas irgendwelche dunkle Machenschaften getrieben werden unter stillschweigen- .der Duldung derjenigen Macht, welche die feierliche Pnemgucr ln Wien wohnhaft, werden auf liesem Wege eingeladen, sich zwecks Gründung eines Przemyslcr Vereines am Samntag. den 26. d. M., 8 Uhr abends, im «Wiener Ring*Caf£», I., Stubenring 18, im eigenen Interesse tretfen zu wollen. Das Komitee. Pflicht übernommen hat, für die r u h i g e Entwicklung des Landes Sorge zu trägen f Und so fragt es sich: was will England? Wem Shaw, Simpson und Weißbuch noch irgendwelche Illusionen gelassen haben, dem werden wohl jetzt endgültig die Schuppen von den Augen fallen und er wird mit aller Klarheit erkennen: England wünscht die Juden in Palästina nicht stärker werden zu lassen als sie sind! Zu dem Zweck läßt es seine Lukes so lange regieren, bis das Unglück da ist; zu dem Zweck läßt es sich von Shaw und Simpson Berichte fabrizieren, läßt Schaukat Ali gegen jüdische Einwanderung donnern und — läßt einen Weltkongreß in Jerusalem zusammentreten, dessen Hauptzweck die Bekämpfung des Zionismus ist. Die in Palästina lebenden Zionisten, ja, die sollen nur Im Lande bleiben, — wo wird England sonst nach 10, nach 20 Jahren einen Vorwand hernehmen, um in Palästina bleiben zu können, wenn es nicht eine Minderheit geben wird, die man wird «beschützen* müssen? . . . Aber neue Juden sollen nicht ins Land kommen, sonst «werden wir eine moslemische Einwanderung organisieren», sagt Schaukat AH, der Agent Englands und Dolmetscher seiner Gefühle! Oder ist jemand unter uns so naiv, aus den angeführten Worten Schaukat Alis etwas anderes heraushören zu wollen, als die uns wohlvertrauten Wendungen und Finten des Passfleldschen Weißbuches? Man vertröstet uns: Das Weißbuch widerspiegelt nicht die gesamte öffentliche Meinung Großbritanniens und man verweist uns auf die Briefe von Hallsham- Simon ln den «Times» sowie auf die Debatte im Unterhaus im November vorigen Jahres. Wir glauben, daß dies falsche Vertröstungen sind. Aber gerade wer die Debatte im Unterhaus verfolgt hat, wird erkannt haben, daß die meisten Redner, auch diejenigen, die «prozionistisch» gesprochen haben, mehr die plumpe Form des unseligen Passfleldschen Machwerks bedauert haben als dessen Inhalt. Man hörte förmlich den leisen Vorwurf heraus: Wie kann ein britischer Staatsmann nur so einfältig sein, zu sagen, was er wirklich will! — Aber wollen tun sie alle dasselbe (einige wenige, wie etwa Lloyd George oder Wedgwood ausgenommen): das uns gegebene Wort brechen, den feierlich geschlossenen Pakt zu einem Fetzen Papier machen! Wir. wollen uns nicht den Kopf zerbrechen, warum und wieso es so weit gekommen ist, Wir wollen einfach wissen; was haben wir zu tun? Wir meinen nicht unsere Leitung: die muß recht oder übel auch weiterhin verhandeln, handeln, feilschen um jedes Zertifikat u, a. m. Freilich bleibt es noch immer fraglich, ob Arlosoroff in seiner großen Programimede bei Amts* Antritt so idyllische Töne über die britische Beamten- | schaft Palästinas hätte gebrauchen müssen, wo doch in Palästina jeder weiß und spürt, daß diese Beamtenschaft ung gleichgültig, oft auch feindselig gegenübersteht. Aber uns geht es — wie gesagt — nicht um die hohe Politik. Es geht uns vielmehr um die Politik des kleinen zionistischen Mannes, um die von dir und mir, um die seelische Einstellung 2u den Problemen, sowie um gewisse Schlußfolgerungen für die praktische Arbeit und zionistische Propaganda. Nun, uns bleibt nichts anderes übrig, als: die Dinge klar zu erkennen, die bittere Pille dieser Erkenntnis mit stoischer Ruhe zu schlucken und sich der Situation entsprechend seelisch umzustellen. Vor allem werden wir, das historische Volk par excellence, wieder einmal in den Annalen der Geschichte blättern, der eigenen wie der fremden. Man glaubt gar nicht, wie so etwas Trost, Kraft und Zuversicht spendet. Da liest man z. Beisp., unter welchen Bedingungen das zweite Kelch unter Serubabel und Nehemia geschaffen wurde und erkennt, daß die Schwierigkeiten zu jener Zelt gar nicht geringer waren als jetzt, und kann sogar eine erstaunliche Aehnlichkeit gewisser Begleiterscheinungen feststellen. Aus der Geschichte erfährt man zum Beispiel, wie oft die Hoffnung Polens auf seine Wiederaufrichtung von seinen «Freunden» getäuscht wurde und wie doch am Ende auf den Trümmern dreier gewaltiger Kaiserreiche ein geeintes Polen wieder erstanden ist; oder wie das kleine Volk der Tschechen im langsamen Ringen seine staatliche Selbständigkeit wiedererlangt hat. Ja, es geschehen immer wieder Wunder auf Erden .... Und unsere Sache ist so gerecht, so schön und so notwendig, daß sie sich durchsetzen muß! Auch ohne Diplomat zu sein, kann man die Ereignisse yorausahnen: es wird einmal (und dieses «einmal» kann in 10 bis 20, wie in 3 bis 4 Jahren eintreten!) ein Zeitpunkt kommen, die die «schutzbedürftige» Minorität Palästinas von sehr großem Gewicht sein wird für die Araber sowohl als für die Engländerl Aber dies nur nebenbei ... Im Augenblick haben wir dafür zu sorgen, daß unsere Positionen in Palästina gefestigt und beharrlich erweitert werden, und darüber hinaus eine junge Generation für eine neue Aufgabe heranzuziehen. Es wird gewiß nicht leicht sein. Aber wir haben schon Schwierigeres überstanden und schließlich auch so leben wie jetzt, ist keine Leichtigkeit! Schließen wir unsere Reihen enger zusammen, schüren wir in den Herzen der Jugend unablässig die heilige Flamme der Begeisterung, nähren wir in unserer Mitte den Geist der Üpferbereitschaft — und es braucht uns um di*e Zukunft unserer Sache nicht bange zu sein. In der Befreiungsgeschichte des jüdischen Volkes — das nach unserem tiefsten Glauben ein ewiges Volk ist — wird auch all das, was wir an Enttäuschung und Schmerz jetzt erleben, doch nur eine Episode bleiben. Dr. Sch. H. Vor SO Jahren Brand des Wiener Ringtheaters — 200 jüdische Opfer Am 8. Dezember jährte sich der 50. Jahrestag des Brandes des Wiener Ringtheaters, bei dem 917 Menschenleben umkamen. Es war der ereignisvollste Abend, den je ein Theater zu durchleben hatte. Mit Wehmut erinnern sich die Juden an diesen Tag, denn die Zahl der umgekommenen jüdischen Opfer belief sich fast auf zweihundert. Nur ein geringer Teil, etwa neunzig, konnte agnosziert werden, während der andere in einem Massengrab bestattet wurde. Das Begräbnis der jüdischen Opfer fand am 11. Dezember statt. Die verkohlten und halb entstellten Leichen wurden nach allen Regeln des Ritus bestattet. Schon um 8 Uhr früh hatten sich die Leidtragenden und ein großer Teil der Wiener Juden am Zentralfriedhof eingefunden, um den unglücklich ums Leben Gekommenen die letzte Ehre zu erweisen. Die rituellen Funktionen übten die Rabbiner Schmidl und Jellinek aus. Für die reichen Opfer der Katastrophe wurden gesonderte Funktionen ausgeübt, an die sich dann die gemeinsame Funktion für die vielen mährischen-und böhmischen Juden anschloß, die ihr Leben bei dieser Katastrophe gelassen haben. Für jene Opfer, die durch ihre Verwandten, wie es im Partezettel der Stadt Wien heißt, nicht bestattet werden konnten, wurde ein Massenbegräbnis abgehalten. Die Trauergäste begannen ihre Auffahrt um 10 Uhr und eine unzählige Menschenmenge wohnte der vierfachen Bestattung der Opfer bei. Alle Konfessionen Wiens, alle waren erschienen, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen. Unter anderen sprach der erste Prediger der jüdischen Gemeinde Wien, Jellinek: «Und dieser gemeinsame Tod ist es, der diesen Brandopfern ein gemeinsames Grab bereitet Das Leben trennte sie voneinander — der Tod vereinigte sie und verbunden im Tode, soll die Erde zum ewigen Frieden sie aufnehmen. 0, möge nicht vergebens ein gemeinsamer Tod sie ereilt, ein gemeinsames Grab sie aufgenommen haben*, waren die beweglichen Schlußworte des hervorragenden Predigers. Hierauf wurden die Särge zu dreien in das Massengrab gesenkt, an dem sich herzzerreißende Szenen der Hinterbliebenen abspielten. Nur mit Müh« wurde die Ordnung aufrecht erhalten.

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