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Die Stimme · 1931-12-10 · Heft 205 (10.12.1931) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 205 (10.12.1931)
Date
1931-12-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nf. 205 — 10. Dezember 1931 um stimme Seite 7 Jtviädor Mameiii Nachdruck auch in Auszügen verboten. Der große Wahnsinn Autorisierte Uebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf 16 Und diese natürliche Begabung machte ihn für den militärischen Stil geeignet. Sie äußerte sich zwar nicht in Worten, doch dafür in Taten. Dieser Junge war jedes Schamgefühls bar, machte immer das, was der Unteroffizier verlangte, und das in einer Art und Weise, als ob er eine getreue Illustration zu dessen Worten geben wollte. Es vergingen wenige Tage und Jakob Margulies war im ganzen Regiment beliebt und sogar in der ganzen Division hatte er sich schon einen Namen gemacht. Er gab sich Mühe, den bewußten Stil bis zum Absurd zu bringen. Das heißt: Wollt ihr gemeine Brutalität, da habt ihr siel Unzählige Male störte er zur Zeit des Exerzierens die Disziplin: ein Vergehen, das eine schwere Strafe nach sich zieht. Die Rekruten zur Zeit des Exerzierens zum Lachen zu bringen — es gibt kein schwereres Delikt als dieses. «Warf nur, warf nur» — sagte ihm einmal wütend und doch dabei lachend der Unteroffizier — «warf nur, bald wird uns der Herr Divisionsgeneral visitieren, dann sollst du versuchen deine Dummheiten zu machen. Die Zähne wird er dir aushauen, Mamser.» (Er sagte nicht Bankert, er sagte Mamser.) «Warum denn Mamser?» fragte Margulies. «Alle Jeschiwa-Schüler sind Mamserim, alle sind sie . . . lecker.» «Warum ... lecker?» «Frag* nicht, du Dreckkerl, das sagt dir ja der Herr Unteroffizier.» Nach vier Tagen kam der Herr Divisionsgeneral, um unser Regiment zu visitieren. Wir marschierten auf die Exerzierwiese, machten dort unsere Uebungen, arbeiteten im Schweiße des Angesichtes und in der Angst vor Strafen. Der hohe Herr erschien, stand abseits und schaute zu. In der Ruhepause kam er auf uns zu, schaute den Margulies lange an und fragte ihn dann: «Was bist du in Zivil?» Margulies, der die Pflicht der Kürze kannte, antwortete: «Melde gehorsamst, Mamser.» «Was ist das: Mamser», fragte der hohe Herr. «Melde gehorsamst . . . lecker.» «Was?» Der hohe Herr wurde wütend. — «Weißt du denn, was du sprichst?» «Melde gehorsamst, ich weiß es nicht. Einem Dreckkerl wie mir ist es verboten, zu fragen, sagte mir der Herr Unteroffizier.» Aengstlich schaute ich meinen Unteroffizier an. Dieser gab mir den Blick wütend zurück und schaute dann in das Gesicht des hohen Herrn, der seine Augen in ihn bohrte. Der hohe Herr dachte eine Weile nach, schien dann zu verstehen und gab den Befehl: «Fortsetzen I» Wir setzten die Uebung fort. Als ich meiner Abteilung den Befehl «Habt acht!» erteilte und der Leutnant, mein Vorgesetzter, bei mir stand, ertönte plötzlich die laute Stimme des Jakob Margulies: «Herr Unteroffizier, ich muß hinaus!» Er sagte es anders, kürzer, wie es der militärische Stil befahl. Wozu Zeit verlieren? Hat man etwas notwendiges zu verrichten, ist die Kürze am Platz. Ein Wort genügt. Und dieses Wort war unzweideutig. Der Unteroffizier schaute eine Weile ins Gesicht des Margulies und sagte dann besiegt. «Geh!» Margulies lief zirka hundert Schritte — und ließ seinen Gefühlen freien Lauf. Auf dem strengen Gesicht des hohen Herrn erschien der Schatten eines Lächelns. Wir setzten unsere Uebungen fort. Einige Zeit verging und Margulies rührte sich noch immer nicht. Nur sein Stöhnen war von drüben hörbar. Da hatte der hohe Herr genug. Er winkte den Zugsführer heran und befahl ihm, den Soldaten zurückzurufen. «Margulies», schrie der Zugsführer, «komm her». Margulies wußte, was Disziplin ist: er unterbrach plötzlich und lief aus allen Kräften zu uns und stellte sich in die Reihe. Mit der einen Hand hielt er seine herabfallende Hose und mit der anderen eine leere Melonenschale, die er benützte. Dieses Bild schaute sich der hohe Herr mit Todesernst an. Dann richtete er sich seinen Photoapparat und photographierte Margulies in seiner herrlichen Stellung. Worauf er den Uebungsplatz verließ. Nach einigen Tagen erschien das Bild in einem militärischen Journal: ein Beispiel für die Disziplin eines einfachen Soldaten. Und Margulies avancierte zum Gefreiten. Er bekam den ersten Stern. Dieser militärische Stil war im Gebrauche der Einwohner der ganzen Stadt, in der unser Kader war, sogar Frauen gebrauchten ihn. Insbesondere lernten ihn aber die Kinder und da half keine Strafe, weder in der Schule, noch im Elternhaus. Bald hatten sich alle daran gewöhnt. Die Städte, in denen die Kader waren, waren nun mal so. Wenn ein Fremder in eine solche Stadt kam, schien ihm, als ob er plötzlich in eine ihm fremde Epoche versetzt wurde. Eines schönen Tages entdeckte ich, daß auch ich ein ausgezeichneter Soldat und alter Unteroffizier geworden bin. Lange habe ich mir nach Kräften Mühe gegeben, mein «Zivilwesen» zu behalten und lange Zeit fühlte ich keine Aenderung. An die militärischen Leiden habe ich mich gewöhnt: Aus einem Gefäß mit vielen anderen Schmutzfinken zu trinken; einen fortgeworfenen Zigarettenstummel weiter zu rauchen und davon meinen Kameraden noch etwas zurückzulassen; mit Appetit ein Stück Brot essen, das in den Staub gefallen ist, ohne es zu reinigen — all das ist uns schon zur zweiten Natur geworden, darüber wurde nicht nachgedacht. Und so haben wir uns auch mit dem Gedanken an den Tod befreundet. Es war eine einfache Sache. Wir dachten nicht mehr an die schöne Stadt und unsere süßen Geliebten dort in der Ferne. Doch plötzlich ereignete sich etwas, das einen Umsturz in unserer Seele herbeiführte und ein Gefühl des Grauens in uns erweckte. Der Feldwebel verteilte unter uns eine Art von kleinen zusammenlegbaren Brieftaschen, die zu verschließen waren. Drin war ein Papierzettel mit dem Namen, dem militärischen Rang, dem Geburtsjahr und dem Jahre des Einrückens. Das war die sogenannte Todeskapsel, die jeder Soldat sich um den Hals hängt, da er an die Front geht. Der Zweck ist folgender: Wenn eine Leiche gefunden wird, kann man ihre Identität durch den Inhalt der Kapsel feststellen, es wird dem Kommando über den Todesfall berichtet und das Kommando verständigt die Angehörigen des Toten. Diese Todeskapsel brachte unser Herz für einige Minuten zum Stillestehen. Der Feldwebel verteilte die Todeskapsel unter uns und erklärte uns deren Bestimmung. Wir nahmen sie in die Hand, lasen durch, wai drinstand, dann hängten wir sie uns um den Hals unterm Hemd und hatten dabei traurige Gedanken und blasse Gesichter. Plötzlich erinnerten wir uns an unser junges Leben mit all seinen Freuden. ln diesem Augenblick war uns zumute, als ob wir tot wären. Der Offizier merkte es. «Das ist euer Diplom, Kameraden» — sagte er höhnend — «alles, was ihr in eurem ganzen Leben bisher gelernt und getan habt, war nur zu diesem Zwecke. Gebt daher acht, Kameraden, behütet die Kapsel gut, verursachet euren Angehörigen nach de* Tode kein Leid. Warum sollt ihr zugrundegehen, ohne eine Spur zu hinterlassen?» Wir waren nachdenklich. Und er setzte mit Strenge fort: «Wenn man euch plötzlich visitieren und die Kapsel nicht finden wird, werdet ihr drei Tage Einzelarrest ohne Brot und Wasser bekommen. Verstanden?» Nein, wir haben es nicht verstanden. Ist es denn dem Kommando so wichtig, daß wir, Gott behüte, kein Leid unseren Angehörigen verursachen? Und da der Offizier ging, kam Margulies auf mich zu: «Ich werde es wegwerfen. Wozu brauche ich das?» «Warum?» «Ich habe keine Verwandten.» «Keinen Verwandten in der ganzen Welt?» «Nein.» «Dann ... Uebrigens, was interessiert es mich, ob du auf das Zeugnis acht gibst oder nicht.» Margulies dachte eine Weile nach und sagte dann, wie zu sich selbst: «Es ist schlimmer, wenn man jemand verständigen will und es gibt niemanden, den man verständigen könnte. Man verständigt ,die Luft — wozu ist das gut? Ich habe niemanden, der ein Kaddisch nach mir sagen könnte.» «Ich werde nach dir Kaddisch sagen» — ließ sich die Stimme eines älteren Soldaten hören, der in den letzten Tagen meiner Abteilung zugeteilt wurde. Wir nannten ihn Onkel Oesterreicher. Er war ein Jude in den Fünfzigern, der schon in Friedenszeiten Soldat war und der jetzt als Reservist einrücken mußte. Und die beiden Soldaten, der junge Margulies und der alte Oesterreicher schlossen einen Vertrag: Stirbt einer von beiden, wird der andere Kaddisch nach ihm sagen. «Und deine Söhne?» — frug ich Onkel Oesterreicher. < «Ich habe keine. Ich hatte zwei, aber beide fielen vorige Woche. Fast am selben Tage. Nur Töchter habe ich noch. Und ein kleines Enkelkind.» Wozu habe ich ihn gefragt? (Fortsetzung folgt.) Jüdisdher fport lufiboll Wacker—-Hakoah 3:2 (2:0). Hohe Warte. 5000 Zuschauer. Schiedsrichter Frankenstein. Die Hakoah-Mannschaft konnte in diesem Freundschaftsspiele trotz der Niederlage ganz gut gefallen und hätte mit etwas Glück zumindest ein Unentschieden erreichen können. Entscheidend für den Ausgang des Spieles war in erster Linie das Uebergewicht der Meidlinger auf dem Centrehalf-Posten. ln allen Positionen waren die Hakoahner ihren Gegnern ziemlich ebenbürtig. Löwy im Tore arbeitete zeitweise in großem Stil. Das dritte Tor wäre eventuell zu verhindern gewesen. Fektonann war durch den stellenweise grundlosen, nassen Booen oesonders gehandikapt, erreichte aber gemeinsam mit Amster eine anständige Durchschnittsleistung. Amster mußte übrigens vor Halbzeit wegen einer Verletzung ausscheiden und wurde durch Stroß ersetzt, dessen Posten Placzek einnahm, während Drucker als Mittelläufer einsprang. Placzek versagte diesmal als Centrehalf, während Heß als rechter Läufer in der zweiten Halbzeit zu großer Form auflief. Allerdings beging er den Fehler, daß er den starken gegnerischen Flügel zeitweise ganz ungedeckt ließ. Stroß scheint zu seiner guten Form langsam zurückzufinden. Im Sturm boten Mausner und Grünwald ausgezeichnete Leistungen, während sich Budai in sehr mäßiger Verfassung befand. Fischer spielte diesmal keine glückliche Rolle. Eisenhofer erreichte, ohne desnalb zu versagen, nicht seine zuletzt gezeigte Form. Auf trockenem Boden hätte er sicherlich viel mehr geleistet. Schiedsrichter Brandweiner beging viele Fehler. Er unterließ es vor allem jn der ersten Halbzeit, als sich Eisenhofer bis zum gegnerischen 7ore durchgespielt hatte und durch Häuswirtn am Arme gehalten wurde, diesen klaren Verstoß durch einen Elfer zu bestrafen. Auch die Einleitung des dritten Treffers der Meidlinger wurde durch den off-side stehenden linken Wacker-Flügel besorgt Gleich zu Beginn vergibt Eisenhofer eine glänzende Chance. In der 5. Minute erzielt Samek nach Vorleger Ostermanns die Führung. Hakoah wird überlegen, doch vergeben Grünwald und Budai gute Gelegenheiten. Eisenhofer kommt bis vors Tor, wird regelwidrig behindert, bleibt aber am Ball und vergibt die große Chance, ln der 38. Minute sind die Meidlinger durch Walzhofer zum zweiten Male erfolgreich. Eisenhofer vergibt nach guter Vorarbeit Grünwalds. Dann scheidet Amster aus (40. Minute). Nach Halbzeit drängt zuerst Wacker, Hakoah befreit sich und Mausner holt in der 15. Minute nach kurzem Dribbling durch einen Bombenschuß aus großer Entfernung ein Tor auf. In der 25. Minute erhält Samek in off-side-Stellung den Ball, bringt Pranz in Front, dessen schwacher, aber aus ganz kurzer Distanz abgegebener Schuß Löwy über die Hand ins Netz springt. In der 29. Minute verringert Eisenhofer den Vorsprung der Gegner. Heß gellt einmal in blendendem Dribbling übers ganze Feld, sein Flankenball wird nicht verwertet. In der letzten Minute arbeitet sich Mausner mit großer Energie durch, seinen scharfen Schuß wehrt Cart mit viel Glück ab und auch der Nachschuß Grünwalds bleibt errolglos. Hakoah: Löwy; Amster, Feldmann; Heß, Plaözek, Stroß; Fischer, Grünwald, Eisenhofer, Budai, Mausner. Bi. WSSBBSBSSBBSSBSSSSBBSSSBBSSSOBSSBBSBBSBSBSSmSSSmmm In Angelegenheit der Levante-Messe kann man sich an die ehrenamtliche Repräsentanz für Oesterreich: Bruno Rablnowitz, Wien, I., Rotenturrastraße 28, oder direkt an die Veranstalter der Messe «Mischer w/Taasla» Co. Ltd. P. O. B. 21, TeLAvtv, Palästina, wenden. Sprechsaal der Stimme Für die Mitteilungen, die in dieser Rubrik erscheinend übernimmt die Redaktion keine Verantwortung. Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich ersuche Sie um Aufnahme folgender Zeilen in der «Stimme»; Im Artikel «Goethe und die Jüdinnen» von Dr. B, Frucht («Stimme» vom 26. November) war von Maria Szymanowska die Rede, die als russische Pianistin, getaufte Jüdin, und Polin bezeichnet wurde. Der Wahrheit zuliebe muß festgestellt werden, daß Maria Szymanowska eine christlich-slawische Polin gewesen ist, aus einer alten polnischen Familie. Ihre Tochter war die Gattin des berühmten polnischen Dichterfürsten Adam Mickiewicz. Hochachtungsvoll Dr. Salomo RappaporL Hochschiller erteilt vorzüglichen Nachhilfeunterricht für Mittel u. Hauptschüler. Zuschriften an D. Steinmetz, M/ien, 9. Bezirk, Pramergasse Nr. 30, 3- Stock, Tür 12

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