Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 205 (10.12.1931)
- Date
- 1931-12-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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nt. 205 — 10. Dezemtfer 1931 DJF: SUMME Seite 5 Der Pionier Dem Andenken Adolf Stands Er war einer der ersten, der das zündende Wort Von der Wiedergeburt und der Zionshoffnung in die Massen trug; einer der ersten Diener am Licht der Jüdischen Renaissance. Sein ganzes Leben und Wirken hat er in den Dienst der Uber alles geliebten Idee gestellt. Unermüdlich war er an der Verbreitung des Zionismus in Galizien tätig. In jedes kleinste Nest drang dank ihm die Botschaft von der Erneuerung. Es ist ihm nicht vergönnt gewesen, die Früchte seiner Arbeit zu sehen. Aber die Saat hat e r ausgestreut. Das mächtige Anwachsen der zionistischen Bewegung in Galizien nach dem Kriege wäre ohne Adolf Stands Wirken unmöglich gewesen. Seine großen Jünger Zipper, Korkis. und Reich hatten es leichter. Diese drei Großen, deren aller Todestag in den Monat November fällt, hatten einen vom Pionier bereits vorbereiteten Boden vorgefunden. Dieser Pionier war Adolf Stand. # Sonntag, den 6. d. M. fand, wie alljährlich, der Adotf Stand-Grabgang statt. Eine Reihe treuer Gesinnungsgenossen hatte sich am Zentralfriedhof eingefunden, um das Andenken des'vor 12 Jahren dahingeschiedenen Führers zu ehren. Anwesend waren u. a. Gg., Mitglieder des Zionistischen Landeskomitees Doktor Josef Löwenherz, D. Z. F. Finkeistein und Gerson Wittlin. Unter den Anwesenden sah man auch den ehemaligen Reichsratsabgeordneten Emil Breiter. Rabbiner Mehrer sagte Kaddisch, Oberkantor Gerson Margulies sang das «El mole rachmim». Dem Andenken Anselm Lazarus! Anselm Lazarus ist vor wenigen Tagen gestorben. Wir betrauern einen wertvollen Anhänger unserer Idee, der er mit glühender Begeisterung ergeben war, eine Persönlichkeit von hervorragenden Fähigkeiten und Iffistallklarem, starkem Charakter. Trotz all dieser ‘Eigenschaften ist Lazarus stets im Hintergrund gestanden und gerade darum ist er wert, von der Mit- und Nachwelt im Gedächtnis behalten zu werden. Im ostgalizischen Städtchen Mikulince bei Tarno- ■pol 1874 geboren, verlor Lazarus früh seinen Vater. Der Fünfzehnjährige mußte das elterliche Geschäft bereits selbständig führen. Er hatte bis dahin nur die traditionelle chassidische Bildung genossen. Von gewaltigem Drang nach allgemeinem Wissen erfaßt, .studierte er nun nächtelang in jiddischen und hebräischen weltlichen Büchern, hinter dem Rücken der frommen Mutter. Erst dem Zwanzigjährigen wurde es möglich, eine öffentliche Lehranstalt zu besuchen. Es war die Handelsschule in Czernowitz, jetzt erst erlernte er die deutsche Sprache. Es folgte eine mehrjährige Tätigkeit in einem Lemberger Geschäftshaus, die Lazarus 1902 in den Dienst der galizischen Naphta A. G. «Galizia» trat, die ihn 190ß in ihre Wiener Zentrale berief. 'Der damalige Präsident der «Galizia», Wilhelm Ritter von Üfenheim, erkannte die ungewöhnlichen Fähigkeiten des jungen Beamten und übertrug ihm die Führung seiner Schuhwachs-Fabriken in Böhmen. Diese Stellung bekleidete Lazarus auch während des Krieges. Die Art, wie er damals in den Verbänden der chemischen Industrie an der Rohstoff-Verteilung mitwiricte, wie er nach den Grundsätzen strenger Gerechtigkeit vorging, jeder Gelegenheit zur persönlichen Bereicherung in selbstverständlicher Charakterstärke auswich, bleibt den Fachkreisen in unvergeßlicher Erinnerung. Seine glänzenden Leistungen führten ihn 1920 in die Leitung der «Galizia». Von den vielen schwierigen Problemen, die die Nachkriegszeit brachte, hatte er die allerkomplizlertesten zu bearbeiten. Obwohl seine Gefundheit seit Jahren zu wünschen übrig ließ, fand man Ihn von früh bis spät abends am Schreibtisch oder ini Beratungszimmer, in Wien ebenso wie in Lemberg, Warschau, ürohobyez. Dem Zionismus wurde Lazarus um die Wende des Jahrhunderts ln Lemberg gewonnen. Er maente die Bekanntschaft des hebräischen Schriftstellers E. M. Lipschütz, der nun seit Jahren am Lehrerseminar in Jerusalem wirkt. Lipschütz führte den jungen Freund, der von Haus aus über ein tüchtiges hebräisches Wissen verfügte, in die verjüngte, moderne Sprache ein und gewann seine ganze Seele für unsere Bewegung, in der er seitdem in aller Stille, aber mit um so größerer Opferfreudigkeit wirkte. Als 1919 unser Gesinnungsgenosse Dr. Wilhelm Brünn, Berlin-Chederah, einen Plan zur landwirtschaftlichen Ansiedlung bürgerlicher Menschen mit kleinem Kapital in Erez Israel veröffentlichte, gehörte Lazarus zu den Teilnehmern. Die Inflation vernichtete diese Entwürfe. Und die Absicht, wenigstens auf einer Reise das Land der Verheißung zu sehen, vereitelte seine Krankheit. Denn vor acht Jahren befiel den blühenden Mann, der seine kärgliche Erholung stets nur in der freien Natur gesucht hatte, ein schweres Leiden. Seine Berufspflichten erfüllte er trotzdem in gewohnter, auf- Mlbinder Weise. Im Mai d. J. aber warf es ihn aufs «OHhMKhg« landMkOHiMttc fttr P«lan»kh, Wien, I. KSmliwflf.18 Vorstenima Montag, den 14. Dezember 1931, halb 9 Uhr abends in den Jüdischen Künstlerspie en (Theater Rek'am), Wien, li. Praterstraße 34 Von Schalom Asch MENSCH Mitwirkend: Gisa Heiden, S. Prisament, M. Zelniker und das ganze Ensemble Karten sind Im Zionistischen Büro, I, Kärntnerstraße 28 (Tel. R 27-4-86) erhältlich Krankenlager, von dem er sich nicht mehr erheben sollte. Gattin und Sohn leisteten Bewunderungswürdiges in seiner Pflege. Am Mittwoch, den 2. d. M. entschlief er in ihren Armen. In seinem letzten Willen hat er auch unserer Fonds gedacht, sich aber vor allem verbeten, daß an seinem Grabe gesprochen werde. Das zeigt den Mann, wie er war, in seiner Seelengröße. So schlicht, wie er gelebt hat, ist er von uns gegangen, unersetzlich für die Bewegung und insbesondere für alle, die das Glück hatten, diesen herrlichen Menschen zu kennen und zu lieben. E. J. Jacob Kahan 50 Jahre Jacob Kahan, der bedeutende hebräische Lyriker, feierte dieser Tage seinen 50. Geburtstag. Kahan nimmt innerhalb der hebräischen Literatur eine besondere Stellung ein. Schon seine 1902 erschienene erste Gedichtssammlung «Sefer hasefoirim» (Buch der Lieder) erregte Aufsehen. Von programmatischer Bedeutung war sein Aufsatz in dem von ihm redigierten Sammelbuch «Ha’iwri hechadasch» (1912), das Hohelied des «neuen», nicht mehr einseitig geistig gebundenen, sondern in voller Natürlichkeit entwickelten jüdischen Menschen. In Weiterführung des Erbes der Haskalah (Aufklärung) und des Kreises der «Jungen» um Berdyczewski tritt Hilfskomitee des Chates* Realgymnasiums Samstag, den 19. Dezember 1931, y28 Uhr abends im Kursalon der Stadt Wien Gesellschaft*- abend mit anschließendem Tanz. Mitwirkend: Prof. Julius Wolfsohn, Margarete Bach, Maria Winkler-Fialko, Prof. Max Klein, Prof. Joachum Stutschewsky. Karten zu S 3.— im Chajes-Realgymnasium, IL, Castellezg. 35, Telephon A 46-2-67, bei den Komiteemitgliedern und an der Abendkasse. ■■■■■■■■■ er dafür ein, daß auch die hebräische Dichtung sich nicht auf jüdische Gegenstände beschränken dürfe, sondern das ganze Menschentum repräsentieren, revolutionär und modern sein müsse. Er findet scharfe Worte gegen die jüdische «Schwäche», die Wurzel allen Uebels. Der Zionismus ist ihm die Bewegung der jüdischen Kmaft, die mit allem Faulen und Welken in der jüdischen Gasse auf räumt. Gegenwärtig ist Kahän in Warschau Dozent für neuhebräische Literatur an der Lehranstalt für die Wissenschaften des Judentums. Politisch ist er in den letzten Jahren als führendes Mitglied der Union der Zionisten-Revisionisten hervorgetreten. In Warschau fand zu Ehren Kahans eine große Feier statt. Ansprachen hielten Prof. Dr. Schor, Z. S. Weinberg, J. Heftmann, H. Farbstein, Dr. Khunel u. v. a. Im Mittelpunkt standen die Reden von Ch. N. Bialik und dem Jubilar selbst, die beide eine tiefe Klage über die Einsamkeit des Dicl.ters in der heutigen Zeit waren, aber auch in die Tröstung «usklangen, daß in Palästina eine Sphäre für schöpferisches jüdisches Schrifttum geschaffen wird. Bialik sprach in seiner Rede zunächst sehr witzig über die Unannehmlichkeiten des Gefeiertwerdens, das auch ihm wieder bevorstehe (Bialik wird im nächsten Jahr 60). Sodann erinnerte er an. die Anfangszeiten des Dichters Kahan, der als junger Mensch mit seinen ersten Gedichten zu Bialik gekommen ist. Bis zum heutigen Tage sei für ihn Kahan der zarte und stille Jüngling von damals geblieben, trotz aller Veränderungen, die seitdem mit ihm vorgekommen sind. Bialik vergleicht Kahans damaliges Aussehen mit Jnem Efhrog, und seine Poesie war wie der Duft dieser zarten feinen Frucht. Poesie dieser Art kann man nicht analysieren, man muß sie mit dem Gefühl unmittelbar aufnehmen. Jacob Kahan, so fährt Bialäk fort, ist kein Fortsetzer, sondern ein Neuerer. Er hat Töne von so feiner Musikalität angeschlagen, wie sie vor ihm in der hebräischen Dichtung unbekannt waren. Seine Sprache, sein Satzbau, seine Technik sind eine Neuschöpfung. Er hat verstanden, den alten jüdischen SagenrpntiD Fanny Handel Löbl Neufeld Wien, II. Wien, II. empfehlen eich als Verlobte Kltlew 9692 stoffen ein modernes nationales Gewand zu geben. Er erfüllte die Mission des Dichters, die Verbindung der heutigen Generation mit der Urzeit herzustellen, zu der die Fäden seiner Seele führen. Ebenso bedeutend ist Kahans Leistung für die hebräische Folklore. Die bekannten Motive der Bibel bekommen in seinen Erzählungen einen neuen Inhalt und eine psychologische Beleuchtung. Er hat wenig aus den Quellen der Mischnah und des Midrasch geschöpft, sondern fast nur aus der Bibel und der modernen hebräischen Literatur; das beweist, daß auch dieser Boden reich genug ist, um einen großen Dichter zu speisen; unsere Mühe ist nicht umsonst gewesen. Bialik schließt mit einem Gleichnis der Agadah: Die Agadah erzählt von vier Königen: David, Salomo, Josa'at und still, meine Politik stürmisch. Aber ich gestehe, daß seit und Hiskia. David hat Kriege geführt und Lieder gesungen, Salomo hat Lieder gesungen und keine Kriege geführt, Josafat hat Kriege geführt und keine Lieder gesungen, Hiskia hat weder das eine noch das andere getan. Darum ist zu ihm der Prophet Jesaja gekommen und hat ihm gesagt: Du bist tot für die Gegenwart und für die Zukunft. Denn Kriegführen ist das Leben der Gegenwart, Dichtung ist das Leben der Zukunft. Jacob Kahan ist ein Kämpfer und Dichter in einer Person. Ich begrüße Kahan als den Dichter von Versen, die mir stets die Vision der Morgendämmerung, des zitternden Morgenlichtes geben. Ich begrüße ihn als den Schöpfer wunderbarer Sprachgebiete, Ede’steine der Sprache, die aus dem Laboratorium seiner Poesie hervorgegangen sind, ich begrüße ihn, den Dichterkämpfer. Die Worte Bialiks werden mit einer ungeheuren Begeisterung aufgenommen. Der ganze Saal erhebt sich und bringt dem Dichter eine Ovation dar, die gar kein Ende nehmen wilL Zum Schluß spricht Jacob Kahan, der allen Rednern und vor allem Bialik seinen Dank ausspricht. Der hebräische Dichter, so führt er aus, ist so einsam und verlassen, daß er der Trostworte bedarf. Die beste innere Stärkung waren für mich stets die Dichtungen Bialiks. Der Talmud erzählt, daß wegen der inneren Entzweiung der Tempel zerstört wurde. Dessen sollen wir eingedenk sein und zur Einigkeit streben. Mein größter Kummer ist unsere innere Zerrissenheit. Aber zum Glück haben wir noch ein großes Gemeinsames: die hebräische Literatur und die hebräische Sprache. Man spricht so viel über den Gegensatz zwischen meiner Poesie und meinem zionistischen Radikalismus. Meine Poesie ist zart und still ,meine Politik stürmisch. Aber ich gestehe, daß seit meiner frühen Kindheit die bittere Frage in mir brennt: Warum sind wir nicht wie die anderen Völker? Warum ist unser Los Schande und Spott? Warum leben wir ständig in Schrecken und Angst? Dies ist unser Galuth-Schicksal, das uns nicht zur Ruhe kommen lassen darf. Auch heute, noch in dem süßesten Wein, den man mir darreicht, finde ich den bitteren Tropfen. Und auch meine Poesie ist eine unbedingte Absage an das Galuth, ohne jedes Kompromiß. Meine politische Arbeit, von der man so viel redet, ist nur ein Tausendstel meiner literarischen Arbeit. Mein politischer Ein luß ist gering, hoffentlich wird der Einfluß meiner Dichtung größer sein und dazu beitragen, die Ghetto-Wand zwischen Judentum und Menschentum zu zerbrechen und das jüdische Leben auf den lichten Weg der Freiheit zu führen. 7n alter Jiiirze Zu Ehren Louis Marshalls wird an der Universität der Stadt Syrakus, der Geburtsstadt Marshalls, ein Institut errichtet, das seinen Namen tragen wird. * In dem soeben veröffentlichten Budget des rumänischen Kultusministeriums für das neue Finanzjahr ist eine Subvention für den jüdischen Kultus in der Höhe von 8,606.255 Lei vorgesehen. * In Kielce verstarb im Alter von 120 Jahren Leib Lefkowitz, der älteste polnische Jude. * Im Alter von 68 Jahren verstarb in London der hervorragende Anwalt und Politiker Henry Hyman Haldin, King’» Council und Anwalt am Obersten Gerichtshof in Buckinghamshire. Als Präsident des Komitees filr juristische und Presseangelegenheiten des Jevvish Board of Deputies kämpfte er für jüdische Rechte und Interessen in der ganzen Welt. » Im Keller des Posner jüdischen Krankenhauses brach ein Brand aus, der die darüberliegenden Krankensäle, in denen sich etwa 700 Patienten befinden, bedrohte. Es wuede sorgfältig vermieden, daß unter den Kranken eine Panik entsteht, die Evakuierung einiger Säle vollzog sich in Ruhe. * Zu Ehren des amerikanischen Mitglieds der Exekutive der Jewish Agency, Emanuel Neuman, der sich jetzt nach Palästina begibt, gab die amerikanische zionistische Organj* sation und Abschiedsdiner. Im Dorfe MIodowa in der Nähe von Lemberg drangen Banditen in das Haus des jüdischen Schankwirts Abraham Seifert ein, ermordeten in bestialischer Weise mit Aexten den 61jährigen Seifert, seine 60jährige Frau Chawa, deren 22jährige Tochter Dora und 17jährigen Sohn Jakob und raub« ten Bargeld und Wertgegenstände,