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Die Stimme · 1931-12-10 · Heft 205 (10.12.1931) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 205 (10.12.1931)
Date
1931-12-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 205 — 10. Dezember 1931 .„GROSSE MAKKABÄERFEIER ln samtiiGnsti Raumen des Hotel |||j| AKOdGIHiG Ulld T3I1Z F0Slp0d0: Dr* °*kar QrUnbaum» Präsident des Zion. landesKomltees. Musiki jezz-Hapeile Max Geiger, Beginn FRflUEHGRUPPE DER ZIORISTISCHENSEKIlOn •NEUBAU mancnnernot. 8. mariamiferstr. 81 _ präzise naiD 9 unr abends e uoruerkauissteiien: Zion. LandesKomltee 1. «arntnerstr. 28. KunstuierRstatte 6. marlanmerstp. 101 u. 1. staiiburgg. 4. Kaffee Rosenüerg 7. Haiserstr. 37. Parfümerie Sauoy 8. fnariahillerstr. 51. lYlODsinaus DrelRurs 7. uiestoannstr. 7. Restaurant StocHünopf 6. Esterhazyg. jwjMwwsi.wi-JEiMua zuerst das Deutschlandlied. Der Direktor versucht zu vermitteln. Der Lehrkörper wird unruhig. Denn auch dort gibt es mehr Politiker als Pädagogen. Man sieht, es geht so nicht weiter und versucht allerhand Mittel der Abwehr. Eine Konferenz kam auf einen guten Gedanken. Es hatte sich gezeigt, daß der Lärm größer wurde, als man einmal zwei Buben derselben «Farbe» herausgriff, daß aber der Lärm sich legte, als man einen Buben von «Links» und einen von «Rechts» erwischt hatte. Und so kam man auf den Gedanken, die politischen Helden von Links und Rechts und von der Mitte in dieselbe Klasse einzusperren und ihnen dieselbe Strafarbeit zu diktieren. Das wirkte. Wer aber garantiert, daß die Wirkung von Dauer sein .wird? Solange die Möglichkeit besteht, daß von außen her Unfrieden in die Schule getragen wird, so lange wird alle Pädagogik zu schwach sein, um Ruhe zu schaffen. Soll der Friede in die Schule wieder einkehren, so muß man die Ursachen des Unfriedens mit der Wurzel ausreißen. Schafft die Schulgemeinden ab, verbietet wieder jede Beteiligung der Schüler an politischen Vereinen und Veranstaltungen, verbietet das Tragen von Uniformen und Abzeichen, und die Buben werden wieder das werden, was sie früher waren: Schüler! Juden langsam aufhängen! In der «Arbeiter-Zeitung» lesen wir: Die Hakenkreuzler sind zwar entschlossen, wenn sie zur Macht kommen, die Juden Deutschlands außer Recht und Gesetz zu stellen, anderseits aber befürchten sie, sich durch die Entrechtung der Juden die Gunst des Weltkapitals zu verscherzen. Wie also einerseits den rassischen, anderseits den wirtschaftlichen Belangen Genüge tun? Mit dieser komplizierten Frage hat sich mit deutscher Gründlichkeit Herr Ernst v. Heydebrand in der Monatsschrift des «Bundes nationalsozialistischer Juristen» beschäftigt und ist zu folgendem bemerkenswerten Vorschlag gekommen: Es ist daher zu empfehlen, nicht sogleich allzu grausige Folgen an die ersten Maßregeln zu knüpfen, vielmehr mit Rücksicht auf das Mißtrauen des Auslandes, das Gerechtigkeitsgefühl der Gerichte und das zarte Gewissen etwaiger Koalitionsgenossen sich damit zu begnügen, ein Judenverzeichnis aufzustellen, ihm die Staatsangehörigkeit abzuspoechen (§ 17 des Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes), sie nicht mehr wählen und Beamte werden zu lassen ..., im übrigen aber zunächst alles auf sich beruhen zu lassen und allerseits beruhigende Erklärungen abzugeben, bis sich die neue Rechtslage einigermaßen gefestigt hat. Wenn das Ausland den «allerseits beruhigenden Erklärungen» auf gesessen ist, und das Dritte Reich «einigermaßen gefestigt» ist, dann könnte man einen Schritt weitergehen: Man würde den fremdstämmigen Deutschen eine Bezeichnung geben, die einerseits den Abstand vom Deutschen, anderseits doch eine gewisse Unterstellung unter das Reich andeutet (zum Beispiel «Schutzfremde», «Reichsfremde»), würde ihnen weiterhin diplomatischen und konsularischen Schutz sowie den einheimischen Rechtsschutz gewähren (mit welchem Eifer, fragt sich), und im übrigen nach dem Spruche handeln: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Das ist einmal ein offenes, freimütiges Kulturprogramm: die Juden werden ja gehenkt, eben weil sie Juden sind, aber mit Rücksicht auf die Wirtschaft, ohne Ueberstüirzung. Der Landentwiclilungsplan vor dem Unterhaus London, 3. Dezember. (J. T. A.) Im englischen Unterhaus richtete der jüdische Abgeordnete für Whitechapel Bamet Jänner, Ehrensekretär des soeben neugebildeten parlamentarischen Palästina-Komitees, an den Kolonienminister Sir Philip Cunllffe-Lister die Frage, ob die Regierung an ihrer Absicht festhalte, die Garantie einer Anleihe an die Palästina-Regierung zum Zwecke der Entwicklung der palästinensischen Landwirtschaft gemäß dem Landentwicklungsplan zu übernehmen. In seiner Antwort verwies der Kolonienminister auf die von der früheren Regierung am 23. September im Unterhaus abgegebene Erklärung. Der damalige Kolonienminister J. H. Thomas, jetzt Staatssekretär für die Dominions, hat auf eine Anfrage des Vorsitzenden der Unabhängigen Arbeiterpartei, Fenner Brockway, ob die Regierung ihre Absicht aufrecht erhält, eine Anleihe von 2*4 Millionen Pfund für die Landwirtschaftsentwicklung in Palästina zu garantieren, erwidert: Die Anleihe wird geplant, sie bezwecfkt die Entwicklung der Landwirtschaft. Die Einzelheiten werden noch geprüft. Die Frage, ob die Regierung die Garantie für die Anleihe übernehmen soll, stehe im Augenblick noch nicht zur Erwägung, sie werde rechtzeitig im Lichte der allgemeinen finanziellen Situation Sroßfleischhauerei SIEGM. KORNMEHL Zentrale IX, Berggasse IV, fei. A 17-3-99 u. A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für H£D-Fleisch r1*111 —«wrh unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Autozustellung Kostenlos IX, Beregasse 1S XVIl! Währineerstraße 97 erwogen werden. Die Angelegenheit liegt in den Händen des Landentwicklungsdirektors Louis French. Zur Anleihe und ihrer Garantie ist die parlamentarische Sanktion erforderlich. Die Frage Jänners, ob die Prüfung dieses ganzen Fragenkomplexes der Inhalt des Briefes MacDonalds an Dr. Weizmann betreffend das Passfield-Weißbuch mit in Rücksicht gezogen werden wird, beantwortete der Kolonienminister mit «ja». Professor Einsteins neue Amerikareise Professor Albent Einstein ist in Begleitung seiner Gattin auf dem Hapagdampfer «Portland» nach Amerika abgefahren, wo er am 27. Dezember in Los Angeles eintreffen wird. Professor Einstein beabsichtigt, sich etwa zehn Wochen in Amerika aufzuhalten. Dr. Rüben Bierer gestorben Mit Dr. Bierer ist ein Patriarch der zionistischen Bewegung dahingegangen. Noch lange vor Herzl gründete er in Wien gemeinsam mit Rabbiner Doktor Spitzer die erste Kolonisationsgesellschaft Palästinas «Admath Jischurun». Er gehörte auch zum engsten Arbeitskreise Perez Smolenskins, dem er bei der Gründung der ersten zionistischen akademischen Verbindung «Kadimah» zur Seite stand. Unabhängig davon entfaltete er eine intensive Tätigkeit auf dem Gebiete der zionistischen Propaganda und war auch jahrzehntelang als Mitarbeiter des «Israelit», der «Auto-Emanzipation», der «Zeitschrift der Wissenschaft des Judentums» und anderen tätig. Ende der achtziger Jahre kehrte er nach Lemberg zurück und scharte im Vereine Mikra-Kodesch eine ganze Reihe junger Menschen um sich, unter denen sich Adolf Stand, David Malz, Dr. Ehrenpreis, Braude, Dr. Thon, Benjamin Segel und viele andere befanden. Einige Jahre darnach übersiedelte er nach Belgrad, wo er am königlichen Hofe als Lei.bafkt fungierte. In Bulgarien gründete er die erste ziönrstrSdTe Organisation, trat bald darnach mit Theodor Herzl in Verbindung, dem er auf seinen wiederholten Reisen nach Palästina wertvolle Dienste leistetete. Die letzten 25 Jahre seines Lebens (er starb im 97. Lebensjahr) verbrachte er in Lemberg und nahm bis in seine letzten Tage an allen Aktionen der zionistischen Organisation Polens tätigen Anteil. Die ehrwürdige Gestalt des populären zionistischen Führers ragte wie ein uralter unerschütterlicher Fels in unsere Zeit hinein. Sein Sohn, Dr. Bierer, gehört zu den Führern der zionistischen Organisation in Rumänien, ebenso sind seine Enkel aktive Zionisten und Chaluzim geworden. über den Grundfesten der Bibel, klingt es aus diesem Jeremias heraus. Hier hat die tiefste Not der Zeit ihren Ausdruck gefunden, den Befreiungsschrei eines gemarterten Menschenherzens. Jeremias ist der alttestamentarische Prophet und Stefan Zweig zugleich, der Krieg gegen Nebukadnezar ist zugleich auch der europäische Krieg, die Juden sind nicht nur Juden, sie sind das Sinnbild der gequälten Völker unserer Zeit. Alle Motive der Schreckenszeit des Krieges sind in diesem dramatischen Gedicht gestaltet: die Verblendung der Führer, die Leichtfertigkeit der falschen Propheten, der Wankelmut der Menge. Ueber ihnen allen erhebt sich die warnende Stimme des Sehers, der den Untergang vorausahnt, der nur künden, aber nicht abwenden kann, der aber auch, wenn die anderen verzweifeln, aufblickt zu Gott und sie Ergebung in das Verhängnis und damit dessen Ueberwindung lehrt. Dieser Jeremias spricht mit feurigen Zungen, mit einer dunklen Pracht der bilderreichen Sprache, mit einer Kraft der Verzweiflung und er richtet schließlich, da das reale Jerusalem gefallen ist, das ewige Jerusalem des Geistes wieder auf, stählt das zerschmetterte Volk mit unliberwindbarer Zuversicht und macht dadurch seinen Besieger machtlos. Mit einem Schlage war Stefan Zweig in den Augen aller derer, die in jenen Schickiaisjahren über den Alltag hinaussahen, zum geistigen Führer geworden. Ein glückliches Geschick kommt ihm wieder entgehn. Er wird vom Militärdienst befreit und geht nach der Schweiz als Korrespondent großer Zeitungen. Die versöhnenden Geister jener Epoche knüpfen dort die Bande, um die zerstörten Fäden menschlicher Beziehungen wieder aufzunehmen. Romain Rolland wird ihm zum Freunde und Mitarbeiter, Leonhard Frank, Fritz von Unruh, Alfred H. Fried, Frank Wedekind, Rene Schickele, Henri Barbusse, Georg Duhamel und andere, zwei Dutzend Menschen in der Schweiz, ganz wenige unter den hundert Millionen, ein Staubkorn Im Wellensturm, sie legen das Samenkorn künftiger Verbrüderung. In diesem Kreis wird zum ersten Mal ) das Wort vom Völkerbund ausgesprochen, hier flammen die unsichtbaren Lichtsignale des künftigen Friedenswerkes auf, von hier aus richtet Zweig Appell über Appell in die Welt, daß es genug und übergenug sei an Fürchterlichem. Juli 1918 wagt er es auszusprechen: «Wir wollen keinen Sieg und keine Niederlage, Europa soll von seiner Qual erlöst werden, um keinen Preis wollen wir mehr noch opfern, um ein paar Grenzsteine zu verschieben». Und der Krieg wird beendet nicht im Sinne Stefan Zweigs und seiner kleinen Gruppe Schweizer Freunde, jener Urzelle der internationalen Gemeinschaft. Es kommt nicht zum Verständigungsfrieden. Zweig schöpft die ganze Tragik der Katastrophe von 1918 ideell aus. Der äußere Erfolg ist für ihn kein Wertmaß für die Seele. Er bekämpft den Frieden als eine Schmach, er setzt sich mit maßgebenden Politikern in Verbindung, er war es nicht zuletzt, der einen Walter Rathenau veranlaßte, an verantwortlicher Stelle öffentlich in Erscheinung zu treten. Nicht resigniert, aber erfüllt von dem Bewußtsein, eine neue Aufgabe vor sich zu haben, zieht er sich zu neuem Werke zurück. Betäubt im «Jeremias» noch die Leidenschaft, das keuchende Hinstürzen der hemmungslos brausenden Rede, so sucht er jetzt bewußt in seinen Nachkriegsnovellen einen Rythmus, der eigener, innerer Bewegtheit, aber auch der Energie des Tages entspricht, der erhebt, aber nicht ermüdet. Und nun setzt jener, sich steigernde Erfolg ein, der ihm bis dahin treu geblieben ist. Es hätte keinen Zweck, dieses umfassende Werk auch nur anzudeuten. Stefan Zweig wird zum Mittelpunkt einer ganzen modernen Dichterschule, er schildert die doppelten Schwierigkeiten des täglichen Lebens in allen seinen Phasen, er geht an niemandem vorbei, an keiner Klasse, an keiner Kaste. Im «Untergang eines Herzens» schildert er den geheimen Kommissionsrat Salomonsohn, einen jüdischen König Lear und sein tragisches Schicksal, Einstellung eines ganzen Lebenslaufes auf ein Ziel, das sich blutmäßig bedingt, schließlich als sinnlos erweist. Er zeigt darin, wie der Jude nicht ausschließlich Sohn der sichtbar uns umgebenden Welt ist, sondern wie er beeinflußt wird durch tausendjährige Geschichte, durch vieltausendjährige Erlebnisse. Er kämpft gegen alle Vorurteile der Welt, er leuchtet in die Geheimnisse des Unterbewußten, und er erreicht eine Höhe, wie sie jn der deutschen Prosa der Gegenwart neben ihm nur Thomas Mann, Jakob Schaffner, Arthur Schnitzler und Jakob Wassermann erklommen haben. Sein Wirken wird weit und groß. Von seinem Sitze in Salzburg verstreut er sein Werk in Zeitschriften, in Vorworten, in Uebersetzungen, in Empfehlungen, immer in unermüdlichem Dienste an der letzten Wahrheit, immer selbst im alltäglichen hinweisend über das Diesseits empor zu Gott. Viele jüdische Gestalten tauchen in seinen Novellen auf, die junge flandrische Jüdin Esther, der jüdische Dozent, die Stammutter Rahel, aber indem er1 sie erhebt ins allgemein Menschliche, werden sie unauffällig und desto wirksamer zu Vorboten jener Menschenverbrüderung, die er anstrebt. Einem neuen Idealismus bei den besten aller Völker in der schmerzlich geprüften jungen Generation Europas möchte er zur Durchschlagskraft verhelfen. In ihm hat jüdische und deutsche Kultur sich vereint, um uns eine Repräsentation des geistigen Europa zu schenken. Sein Schaffen, verwurzelt in den Sicherheiten der Vorkriegszeit, umgeformt durch die Kämpfe des Krieges, gilt der Freiheit als der höchsten Leistung der Menschen. Sein eigenes Wort mag ihm charakteristische Würdigung geben: «Mit allem, was wir schreiben, leisten wir nur Zeugenschaft in dem ewig umwertenden Prozeß, den wir Geschichte nennen, indem wir Aussage abgeben über uns und unsere Welt. Inwieweit diese Aussage mit entscheidend 6ein wird, dies auen nur zu mutmaßen, steht uns selber, den Zeugen, nicht zu. Erst wenn wir unsere Rede geendet, fällt der Richter, der unsichtbare, den Spruch.» ’ 3719

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