Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 205 (10.12.1931)
- Date
- 1931-12-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nf. 205 — 10. Dezember 1931 DIE STIMME Seite 3 Miiielschut-PoliiiU *) Von ReehHanvoati Do» Simon Fisch«! Saalschlacht bei einer Mittelschülerversammlung. Politischer Wirbel vor den Schulgebäuden. Das sind neue Sturmzeichen in unserer bewegten Zeit. So hoch gehen die Wogen der politischen Unruhe so hört man klagen, — daß sogar die Gemüter der Unreifen, der Unmündigen, ergriffen .werden. Statt der Schneeballenschlachten zwischen der Albertschute und der Kandlschule gibt es politische Keilereien zwischen sozialistischen Buben und Hitlerbuben. Die Zeitungen von Links und von Rechts ergehen sich in gefärbten Berichten, sie beschuldigen die Lehrerschaft parteiischen Eingreifens, die Schulleitungen klagen über empfindliche Störungen des Unterrichtes und — der Stadtschulrat von Wien leitet eine energische Untersuchung ein. Hat es so weit kommen müssen? War diese Fäulniserschcinung nicht zu vermeiden? Gehen wir den Ursachen dieser Erscheinung einmal nach. (Es sei mir gestattet, aus meiner vieljährigen Erfahrung als Mitglied verschiedener «Elternräte» zu sprechen.) Zur Zeit, als wir noch zur Schule gingen, war die Politik für uns verbotenes Land. Wohl kam es vor, daß. es Buben gab, denen es nicht genügte, heimlich Liebesgedichte zu schreiben oder irgend einem Gänschen Fensterpromenaden zu machen, sondern sie heimlicherweise eine politische Runde gründeten und sich in verschiedenen Vorstadtgasthäusern trafen, um bei verbotenem Bier und verbotenen Zigaretten politische Phrasen zu dreschen. Aber das geschah, wie gesagt, heimlicherweise und wehe, wenn man dabei ertappt wurde. Man wurde unfehlbar «ausgeschlossen». Anders ist es heute. Als die Väter der Republik die Türen des Kerkers öffneten, der die alte Schule war, so begnügten sie sich leider nicht damit, durch moderne Erziehungs- und Unterrichtsmethoden (etwa durch die freudebetonte Arbeit, durch unmittelbaren Anschauungsunterricht, durch Lehrausflüge und praktische Uebungen) den früheren geistlosen Drill des Körpers und der Seele zu ersetzen; sie glaubten das Reformwerk der Jugenderziehung dadurch zu krönen, daß sie die Jugend auf die Politik losließen (leider haben sie damit nur die Politik auf die Jugend losgelassen). Im Jahre 1921 hat der Wiener Stadtschulrat — und nach ihm taten es andere Landesschulbehörden — im Einvernehmen mit dem Unterrichtsministerium die Gründung von politischen Mittelschulvereinen gestattet und die sogenannten Schulgemeinden ins Leben gerufen. Sie haben damit die Saat gestreut, die heute aufgegangen ist. Der Grundgedanke war ja recht schön. Schon der heranreifende Mensch sollte politisch denken lernen, — er sollte in die Politik — man schuf einen neuen Lehrgegenstand: Bürgerkunde), — eingeführt werden. Nach den damals noch sehr beliebten Begriffen von Arbeiterräten, Soldatenräten, schuf man Eltemräte und Schülerräte. Die Schulgemeinde sollte die heranwachsende Jugend zur Selbstverwaltung, zur Selbstbestimmung anleiten. *) Dieser Aufsatz beleuchtet die Vorgänge an den Wiener Mittelschulen, auf die die jüdische Oeffentlichkeit aufmerksam gemacht wird. Minister Czermak hat zwar in einer Rede die Befriedung der bubenhaften «Politiker» versprochen, aber für uns gibt es nur einen Ausweg: Juden sollen ihre Kinder in das jüdische Chajes-Gymnasium schicken 1 (Anm. d. Red.) Stefan Zweig Zu seinem fünfzigsten Geburtstag Von Julian Lehmann Einer der bekanntesten Namen der deutschen, ja fast der internationalen Literatur, ist Stefan Zweig, der Dichter unserer Zeit, ohne ein Zeitdichter zu sein. Künstler, Rufer der Verständigung, wahrer Neucuropäer, dessen Seele sich über den engen Bereich der Nationen erheben kann. Solch eir, Neuformer ist Stefan Zweig. Wenige haben so intensiv gewirkt wie er. Nicht nur in englisch und französisch liegen seine Novellen vor, ebensogut kann sie der Finne, der Georgier in seiner Sprache lesen, sein Jeremias wurde in Holland auf holländisch, in Jerusalem auf hebräisch gespielt, in Tokio auf japanisch, in Bukarest auf jiddisch und in Moskau auf russisch. Er mag als Vorläufer einer Generation gelten, die da kommen muß, wenn unsere Welt jemals aus ihrer allgemeinen Verwirrung zu retten ist, einer geistigen Generation, welche die Welt umfaßt. Stefan Zweig ist ein jüdischer Mensch, nicht enge geblieben im jüdischen Kreis, aber sich bewußt dessen, daß «nur Blut und Sippe, Kinder und Ahnen einen Kreis schließen um unser Leben», der bewußt die Wurzeln seiner Kraft aus edelstem jüdischen Geiste zieht, als Kämpfer ihn verteidigt, aber darüber hinaus Ihn vereinigt mit dem größten Kulturgut, das zur Verfügung der Menschheit steht. Sein Leben ist das Leben unserer Zeit. Es ist geteilt in zwei Abschnitte, die kaum mehr eine Verbindung miteinander haben. Die große Cäsur des Krieges geht durch dieses Leben. Sohn eines wohlgepflegten jüdischen Hauses in Wien, sieht er in seiner Jugend erwachenden Liberalismus, finanziellen Aufschwung, wohlhabendes jüdisches Großbürgertum. Er stammt aus einer weltumfassenden Familie, die ihre Auspfählungen aus der österreichischen Heimat nach Sehen wir zu, welche Entwicklung dieser Beginn genommen hat. Alljährlich wählen die Buben der Oberklasse, also die 14- bis 18jährigen, die Mandatare ihrer Schulgemeinde. Wo es eine Wahl gibt, dort muß es natürlich eine Agitation geben. Kann man ihnen die Agitation verbieten, wenn sie wählen sollen? Wie machen das nun die Herren Buben? Sie reden in den Unterrichtspausen wochenlang, viel mehr als dem Unterricht dienlich ist, von der bevorstehenden Wahl. Wen wählen sie? Den Besten, den Bravsten, den Tüchtigsten? Nein! Sie machen es, wie sie es bei den Großen sehen. Wählen wir den Besten, den Klügsten, den Tüchtigsten? Nein. Wir wählen die Liste; je nach unserer Weltanschauung, rot oder gelb oder schwarz oder violett... Und wie die Alten sungen, so wählen die Jungen: kommunistisch, sozialistisch, völkisch usw. Sie wählen den Franzi, weü er Sozialist ist; sie wählen den Robert nicht, weil er ein Jude ist usw. Kurz: Sie fangen mit 15 bis 16 Jahren an, sich in politische Gruppen zu teilen und — das Malheur ist fertig. In diesem Augenblick kommt ein zweiter noch gefährlicherer Faktor hinzu. Die Beteiligung der Mittelschüler an politischen Vereinen ist gestattet. Selbstverständlich gibt es soviel Vereine als es Parteien gibt. Man braucht die Zugehörigkeit zu einem solchen Verein nicht mehr wie früher zu verbergen. Inr Gegenteil, man kann sich damit brüston. Man kommt bei feierlichen Angelegenheiten in der blauen Bluse der Falken oder im feschen Heimwehrhut in die Schule. Man trägt stolz den Sowjetstern oder das Hakenkreuz im Knopfloch und, last not least, man marschiert am Sonntag in blauer oder brauner Bluse bei politischen Aufzügen mit den Erwachsenen, oder man geht gar an der Spitze des Zuges. Das ist doch großartig! Wenn man schon in der Schule nichts gilt, weil man nichts kann oder nichts lernen will, dort gilt der Mann. Bei rheumatischen Leiden. Schmerzen in ben ©elenfen unb ©liebem, foroie hei Äopfmel) mirfen iogaLTahlettcn tafdj unb jidjer. Sthjolut unjd)äblid). ©in ißetfudj übetjeugt! Jn allen fHpotljeten. 6. 2.40. Her mit dem Hutl und der Heimwehrmann oder der S. A.- Mann ist fertig. Als solcher hat er natürlich seine Stützen bei den erwachsenen Heimwehr- oder S. A.-Männern. Sie kleiden ihn nicht nur ein, sie instruieren ihn auch: «Schlagt die Juden und ihre Knechte, wo ihr sie trefft.» Und der Kontakt zwischen der Jugend und der Politik ist hergestellt. Je dümmer der Bursch, ein desto willfährigeres Werkzeug ist er für die Propaganda in Schule und Haus. Das übrige tun die anderen Auswüchse unserer politischen Freiheit. Ein Zettelverteiler steht vor der Schule. Er verteilt Aufrufe: «Lang genug ist die deutsche (sozialistische, jüdische) Jugend unterdrückt worden. Wollt Ihr das noch länger dulden? Tausendmal nein! Darum kommt morgen in unsere Versammlung.» Um den Zettelverteiler schart sich die liebe Jugend. Vergeblich bemüht sich ein einsichtsvoller Lehrer, den Zettel Verteiler wegzuweisen. Dieser wird frech, weil er weiß, was freie Kolportage heißt. Vorübergehende (auch solche Deutschland, nach Italien, nach der Schweiz, nach Amerika hinausschickt. Der Geist dieses Hauses war nie aufs rein Finanzielle gerichtet, wirtschaftliche Sorgen blieben ihm fern, man interessierte sich für Kunst und Literatur, für Sammeln, für verfeinerten Lebensgenuß. Im Blute dämmert das Erinnern an alte Bibelsprüche, Forschergeist wird erweckt, ungehemmt von Aeußerlichkeiten stürzt man sich ins Geheimnis der Welt, das zum Greifen nah und doch so fern liegt. In diesem Wien der Vorkriegszeit, wo Gustav Mahler erlesenste Musik gestaltete, wo Hoffmannsthal seine berückenden Gedichte schrieb, wo Arthur Schnitzler die lachende Grazie erblühen ließ, wo Peter Altenberg Tiefstes ausplaudcrte, wo Hermann Bahr die Fahne der Moderne schwang, wo die Stimme eines Joseph Kainz der Jugend voranleuchtete, in diesem Wien erhielt die junge Seele ihren großen schwärmerischen Rythmus, den sie niemals verlieren sollte. Stefan Zweigs erste Werke sind formvollendete Gedichte, Allegorien der Nacht, des Todes, der Sehnsucht, der Melancholie, noch ein wenig gekünstelt in ihrer Weltanschauung, noch ein Spiel mit der Dichtung, unberührt vom Leben. Er wandert hinaus als Hochschüler in deutsche Universitätsstädte, in philosophische Seminare, erwirbt den philosophischen Doktorgrad, wird von Theodor Herzl, damals Feuilleton-Redakteur der Wiener «Neuen Freien Presse» entdeckt, der seine Erzählung «Die Wanderung» abdruckt, als erster über ihn schreibt und ihm seine besondere Neigung nicht zuletzt dadurch beweist, daß er ihn für seine Ideen gewinnen will. Aber Zweig steht die Welt noch zu weit offen, keine Tagespflicht bindet ihn, er möchte Zusammenhänge des Lebens erspüren, wo cs am stärksten pocht, in Paris, in London, in Berlin, in Florenz, in Rom, in Spanien, in Schottland, in Indien, in China, in Afrika, in Nordamerika, in Kanada, in Kuba lebt er kameradschaftlich mit gleichaltriger Jugend, aber ohne das Notizbuch des schreibenden Weltenbummlers, Kein einziges Buch Zionistische Bezirkssektion VIII/IX Einladung zur 11 I I m mm a Makkabaerfeier Samstag, den 12. Dezember 1931, Beginn 8 Uhr abends im Vereinsheim, VIII., Bennoplatz 1 a Programm: 1. Gesangsvorträge: Herr Oberkantor Gerson M a r g o 1 i e s, 2. Festrede: Herr Direktor Dr. Viktor Kellner vom Chajes-Gymnasium, 3. Violoncellovortrag: Herr Prof. Joachim Stutschewsky, 4. Ernstes und Heiteres in Hebräisch, Jiddisch und Deutsch: Frau Hilda D u 1 i t z k a j a. Regiebeitrag Gäste willkommen! Für das Präsidium: Apotheker J. Groß. die nicht zufällig vorübergehen) greifen ein und der Auflauf ist fertig. Das weitere findet sich von selbst. Ein Wachmann, mehrere Wachmänner, die Verkehrsstörung, der Wirbel. Am nächsten Tage aber bringen die Zeitungen von Links und Rechts gefärbte Berichte, die Schulleitung klagt über Betriebsstörung und der Stadtschulrat leitet eine Untersuchung ein. Das aber gibt der tatenlustigen Jugend erst recht eine neue Hetz und neuen Gesprächsstoff. Sie «fühlt» sich. Der Geltungstrieb ist erwacht und kann sich ausleben. Man ist wer. Vergessen ist Homer und Shakespeare, Grammatik und Botanik. Man hat jetzt anderen Gesprächsstoff. Es finden Verhöre statt, man sucht Schuldige. Professoren gehen zornig umher, stehen im Verdachte, gestern das Nichtgenügend oder heute die Strafarbeit dem Franzi gegeben zu haben, weil er kein Sozi ist oder dem Robert, weil er ein Jude ist. Viel kommt bei den Verhören nicht heraus. Fragt man so einen Buben: «Warum hast Du dreingehaut?» so kriegt man meistens zur Antwort: «Weils eine Hetz ist.» «Warum bist Du hingegangen?» «Weil ich gehört habe, heute gibt es einen S. A.-Wirbel.» «Was hast Du dort wollen?» «Nichts.» Eltern werden vorgeladen. «Warum geben Sie auf Ihren Buben nicht besser acht?» Antwort: «Ich werde mit ihm nicht fertig, er ist gerade in der Schule der fertige Kommunist (Sozialist, Hitlerianer) geworden. Ich rede zu Hause nie von Politik, ich gehöre einer ganz anderen politischen Richtung an. Bitte, Herr Professor, können Sie nicht auf den Buben einwirken, daß er die Politik liegen läßt, er steht schlecht in der Darstellenden, und fällt auch in Englisch durch?» Nein, der Herr Professor kann nichts dagegen tun, auch wenn er wollte. Er bemüht sich oft vergeblich, die Buben beim Unterricht zu halten. So manchesmal, wenn er morgens in die Schule kommt, sind die Buben bereits mit Flugzetteln neuesten politischen Inhalts versorgt; ein Unbekannter hat sie hineingeschmuggelt, im Gang verstreut oder in die Klasse geworfen. An den Wänden der Anstalt kleben Aufrufe. Mit Bangen sieht die Schulleitung der nächsten Republikfeier entgegen. Eine Klasse hat erklärt, sie werde bei der Bundeshymne husten. Die andere verlangt haben diese Reisen gezeitigt, kaum eine Handvoll Gedichte, kaum einige farbenfrohe Aufsätze, aber sie gaben dem Dichter unendlich viel, den Blick auf das Ganze, den Hintergrund des Lebens. Denn nun zurückgekehrt, beginnt er seine Novellen zu schreiben. Jetzt zeigt sich, was dieser Geist aufgenommen hat; die letzten phantastischen Reste dieser Welt spielen in den bunten Erzählungen, welche die Menschen zur Ausdrucksform des Lebens gestalten. Stärkste Freundschaft verbindet ihn mit dem belgischen Dichter Verhaeren. Er spinnt sich in Belgien ein in alte Kultur, wird zum Manne in der Vertiefung in jene großen alten Meister, die in Löwen und Mecheln, in Brügge, in Antwerpen und Brüssel ihm einen Blick in die Geheimnisse des Lebens gestatten. Dann kommt die große Cäsur seines Lebens, def Krieg. Mit dem letzten Zuge flicht er aus Belgien. Es ist ihm unfaßbar, daß es ein Gesetz geben soll, das im Mord endet. Protest wird in ihm wach gegen den Wahnsinn der Zeit, alles Spielerische fällt von ihn ab, das tiefste und wertvollste seines Wesens wandelt sich aus wechselnden Erscheinungen zur Erkenntnis zeitloser Erscheinungen zur Erkenntnis zeitloser Gesetze. Den zarten und schwachen Menschen verschont der Frontdienst, aber furchtbare Qualen bereitet ihm die Monotonie endloser, in Etappenbüros verbrachter Jahre. Er erlöst sich daraus durch sein erstes große! dramatisches Gedicht, das die hohe ethische Einstellung zeigt, den Jeremias, den er selbst als den ersten tragischen Protest gegen das Unvermcindliche bezeichnet. Hier greift Zweig zum ersten A4ale ganz in seine eigene Wirklichkeit ein. In diesem jüdischen Drama formt er symbolisch alle lebendigen Qualen der durchlittenen Kriegsjahre, äußert sich in seinen Worten zugleich zum ersten Male der Gott seiner Väter. I« militärischen Freistunden wurde der Jeremias geschaffen und eine außerordentliche Frau, die ihm weiter Gefährtin des Lebens wurde, ist des Werkes geistig* Patin. Mit symphonischer Sprachgewalt, kühn gewölbt