Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 204 (3.12.1931)
- Date
- 1931-12-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Mt* DTE STIMME Mf. 204 — S. Oetembef 1921 Jtviüdor JtameM Nachdruck auch ta Auslügen verboten. Der große Wahnsinn Autorisierte Uebertragung aus dem Hebrfiischen von Sem Wolf 16 Zu meinem großen Erstaunen sah ich, daß der hohe Herr den Oberleutnant wegschickte, um unter vier Augen mit mir zu sprechen. Das ist gegen das Dienstreglement. Beim Rapport bleibt gewöhnlich der Offizier mit seinem beschuldigten Soldaten bis zum Urteilsspruch. Und jetzt wird mein Offizier weggeschickt! Als wir zu zweit blieben, spazierte der hohe Herr einige Minuten lang durch das Zimmer, dann plötzlich, als ob ihn eine Schlange gebissen hätte, wandte er sich an mich und sagte: «Du bist ein Jude.» «Melde gehorsamst, jawohl, Exzellenz.» Er schaute mich einen Augenblick an. «Warum bist du denn darauf so stolz?» «Melde gehorsamst, ich bin nicht stolz darauf, Exzellenz, aber wenn andere sich dessen schämen, bin Ich darauf stolz.» «Hm, hm!» Und plötzlich: «Man behauptet, daß du ein guter Offizierskandidat bist.» «Melde gehorsamst, jawohl, Exzellenz.» «Wenn dem so ist, warum protzest du mit deinem Judentum?» Dann fügte er leicht lächelnd hinzu: «Willst du kein General sein? General Kovacs war auch ein Jude, ließ sich taufen und wurde General.» Dabei schaute er mich durchdringend an. Ich faßte Mut und sagte: «Melde gehorsamst, ich will kein General sein.» «S o treu bist du deinem Glauben?» «Melde gehorsamst, ich bin nicht sehr religiös und deshalb glaube ich auch nicht an andere Religionen.» «Hm,» ließ es sich wieder vom herabhängenden Schnurrbart hören. Doch ich hatte schon Lust zum Reden bekommen und sprach weiter, ohne gefragt zu werden: «Eben darum, weil ich nicht religiös bin, kann ich meine Religion nicht wechseln. Man kann doch nicht etwas wechseln, was man nicht besitzt.» Exzellenz wurde wütend: «Ich hab* dich nicht gefragt.» brüllte er mich an. -nr Ich wurde zu einer unbeweglichen Säule. Und der . Jiohe Herr setzte fort: «Du warst ja auch an der Front. -/Hast dort gelitten. Eigentlich sollst du noch lange Zeit beim Kader in der Stadt bleiben, sollst Offizier werden und dann erst wieder an die Front gehen. Hast du verstanden?» «Jawohl, Exzellenz.» «Also?» Jetzt veränderte sich sein Gesicht. Es wurde noch wütender: «Zum Teufel mit deinem Judentum, belästige uns damit nicht in diesen schweren Zeiten, verstanden?» Ich weiß nicht, wie es geschah, aber Ich straffte mich und sagte: «Melde gehorsamst, nein, Exzellenz.» «Was?» Seine Wut schien alle Grenzen zu übersteigen. Ohne meine Antwort abzuwarten, schrie er mir Ins Gesicht: «Vorwärts! Marsch! An die Front mit dir, du Hund!» «Melde gehorsamst, jawohl, Exzellenz. Das ist aber kci.:e Strafe, sondern ein großer Preis. Ich will ja für den obersten Kriegsherrn, Seine Majestät Kaiser Franz Josef I., sterben.» Machte kehrt und ging. Nächsten Tag schickte er mich zum Kader, ohne Offizierscharge. Als wir zur Eisenbahnstation marschierten, ging Ich als Unteroffizier an der Spitze einer Abteilung. Bei solchen Anlässen war immer die ganze Stadt auf der Straße. Alle Einwohner der Stadt kannten doch die Schüler der Offiziersschule und alle wollten sehen, wer Offizier geworden ist und wer nicht. Wir näherten uns der Wohnung des hohen Herrn und ich sah ihn schon von ferne. Er stand auf dem Gehsteig und wartete auf den Zug. Jeder Unteroffizier hatte die Verpflichtung, seiner Abteilung den Befehl «Habt acht, rechts schaut!» zu geben, um dem Kommandanten die Ehre zu bezeigen. Hundert Schritte hinter der Wohnung des hohen Herrn sah ich die schöne Frau. Sie stand mit ihrem kleinen Sohn und schaute sich den Zug der Marschierenden an. Ich sah auch, wie sie das Taschentuch an den Mund drückte, als ob sie das Weinen unterdrücken wollte. Dabei streichelte sie den Kopf ihres Sohnes. Die Gestalt des hoheh Herrn erweckte in mir plötzlich ein Gefühl des Zornes und des grenzenlosen Ekels. Und Ich beschloß, mit ihm auf einmal abzurechnen, für mich und für das ganze Judentum, vom Auszug aus Aegypten bis zum letzten giftigen Befehl des Kommandanten, mit dem er mich, nur, weil ich Jude bin, vorzeitig an die Front geschickt hat. Ich beschloß, ihn ein wenig zu ärgern. Warum nicht? Was habe ich zu verlieren? Und es geschah folgendes: Da ch an ihm vorbeiging, gab ich meiner Abteilung keinen Befehl, ihm die Ehre zu bezeigen. Meine Leute wurden etwas verwirrt, aber sie marschierten an dem Offizier ohne Habtachtstellung vorbei. Sie verstanden nicht, was vorging, aber da Ich nichts befohlen hatte, rührte sich niemand. Ich habe ja nichts zu verlieren I Es war peinlich. Der hohe Herr bohrte in mich und ln meine Abteilung seine grünen Augen, dann zupfte er an seinem Schnurrbart, schaute sich um und erhob seine Hand mir entgegen, als ob er mich aufmerksam machen wollte, daß ich einen Fehler gemacht habe. Doch ich tat, als ob ich ihn nicht sähe. Ich habe ja nichts zu verlierenI Als wir aber an der schönen Frau vorbeigingen, da gab ich zum Erstaunen des ganzen Zuges mit lauter Stimme den Befehl: «Habtacht! Rechts schaut!» Die Abteilung folgte dem Befehl und bezeigte der schönen Frau die Ehre. Ein schallender Applaus ertönte längs der ganzen dichtbesetzten Straße. Die Straße applaudierte. Die schöne Frau winkte mit dem Taschentuch, lachend und weinend zugleich. Auf der Eisenbahnstation kam Oberleutnant Frint auf mich zu, schaute mich lange zornig und mitleidsvoll an: «Unglücklicher, was hast du getan? Jetzt wird dich auch der jüdische Hauptmann nicht mehr schützen können,» sagte er fast flüsternd. «Nun ist alle Hoffnung verloren. Nun mußt du sofort an die Front.» Auch er vergaß anscheinend die Worte, die der hohe Herr am Vortragsabend an uns richtete. Ich erinnerte ihn: «Melde gehorsamst, die Front ist der große Preis und nicht die Strafe.» Wir saßen im Zug und fuhren. Unterwegs wurde mir erzählt, daß der Hauptmann, der Gatte der schönen Frau und der Vater des entzückenden Kindes, ein Jude sei . . . XII. Kapitel. Das Todeszeugnis Unser Kader lag in der Stadt Szatmar. An meinem ersten Vormittag in der Stadt besuchte ich den Rabbiner der Reformgemeinde, Rabbi Schmuei Jarden. Rabbi Jarden war ein alter Zionist - eine Seltenheit unter den ungarischen Rabbinern. Beim Rabbiner zu Hause empfingen mich Tränen und Weinen. Krieg . . . Front ... Es weinte auch die jüngere Tochter des Rabbiners, Channah, ein vierzehnjähriges Mädchen. Sie war braun, niedlich und ihre Augen konnten zugleich Wunden schlagen und heilen. Sie lernte bei ihrem Vater Tannach und verstand gut hebräisch. In den Augen dieses kleinen Mädchens schaute ich zum erstenmal das Entsetzen des nahenden Todes. Ich werde gehen, werde in einer Kalkgrube begraben werden, und sie wird hierbleiberi und wachsen, wird aufblühen, wird schön werden — ohne mich, denn ich werde tot sein. Erst jetzt fühle ich den Krieg in seinem ganzen Grauen. Ich vergaß vollständig, daß ich bereite in Todesgefahr war und verwundet wurde. Das war nur wie eine Episode in meinen Augen. Aber jetzt, jetzt beginnt es ernst zu werden. Jetzt beginnt der Krieg. Die kleine Channah ... Beim Kader selbst begann für mich ein neues Leben. Fast alle meine Freunde waren schon Offiziere, doch Ich, der einzige Schlemihl, der unglückselige Pechvogel, hatte kein Glück. Das Kommando wies mir einige Rekruten zu, ich sollte sie im Marschieren, im Handhaben des Gewehrs und in Ehrenbezeigungen unterrichten. Einfache Leute waren es, Bauern, Handwerker, auch einige Städter, doch alle sahen in mir ein höheres Wesen, vor dem sie Angst hatten. Sie lernten schlecht und recht und hatten mich gern. Mein neuer Vorgesetzter, ein Oberleutnant, sah das gute Verhältnis zwischen mir und meinen Soldaten ungern. Ich war seiner Meinung nach zu weich meinen Schülern gegenüber. Eines Tages sagte er zu mir: «Bist du denn mit denen zusammen auf einer Schulbank gesessen? Spuck ihnen ins Gesicht, aber sofort!» Ich soll diesen Leuten ins Gesicht spucken? Nein, das geht nicht! Der Kommandant ließ nicht locker: «Spucke ihnen ins Gesicht, hörst du? Hast du mich nicht verstanden?» Ich schaute meine Leute an. Es waren einfache Leute. Sie hatten naive, runde Gesichter. Sie lernten das Exerzieren, sie bereiteten sich für den Krieg vor, sie bereiteten sich für den Tod. Wie sollte ich denen plötzlich ins Gesicht spucken. Ich habe ihnen nicht ins Gesicht gespuckt. Ich habe nichts zu verlieren! Dafür bekam ich vierundzwanzig Stunden Einzelarrest. In einem engen und finstern Loch mußte ich sitzen, bei Wasser und Brot, und auf dem Boden schlafen, ohne Decken und Polster. In dieser Zelle hatte ich Muße, Uber den Begriff «Patriotismus» nachzudenken. Die Kriegsbegeisterung wurzelt in der Vaterlandsliebe. Schwungvolle Reden werden gehalten. Frauen schicken ihre Männer, Ihre Geliebten an die Front, sie sollen dort für das Vaterland sterben. Dichter schreiben Gedichte und Journalisten berichten Uber das Heldentum derjenigen, die das Vaterland lieben. Und hier befiehlt man mir, \v die Gesichter der Vaterlandsliebenden, der Kandidaten für den Heldentod, zu spucken. Und wenn ich es getan hätte und Frau und Kinder dessen, den ich angespuckt hätte, dabei gewesen wären? . . . Nachdem ich aus der Zelle herauskam, kam vor meinem Dienstantritt einer der Rekruten auf mich zu. Es war ein junger, sehr hübscher Bursche. «Herr Zugsführer, wir alle bitten sie sehr um folgendes: sollten Sie nochmals einen Befehl erhalten, uns zu beleidigen, tun sie es bitte. Beleidigen Sie uns, Befehl ist Befehl. Das macht nichts, es steht nicht dafür, unsertwegen zu leiden. Der Tod ist schlimmer als die Beleidigung.» «Scher’ dich zum Teufel, du Trottel.» Abends kam der hübsche Junge wieder zu mir. Es war ein junger, achtzehnjähriger Ungar, der sich aus einfacher und echter Vaterlandsliebe freiwillig gemeldet hat. Er sagte: «Erlauben Sie mir bitte, Ihr Diener zu sein.» «Danke schön, aber ich bin keir Offizier, erst wenn ich ein Offizier sein werde, mein Lieber.» «Das macht ja nichts» — der junge Rekrut ließ nicht locker — «es ist üblich, daß auch Offizierskandidaten einen Diener haben. So, nicht offiziell. Ich werde Sie bedienen, ich werde es gerne tun. Bitte, bitte!» Und er begann sofort Ordnung bei mir zu machen. Ich schaute ihn an: hübsch war er wie ein Mädchen, hatte große blaue, tiefe Augen und lange, schwarze Wimpern, die den Glanz der Augen beschatteten. Die Augen leuchteten hinter den Wimpern wie aus einem Waldesdickicht. Ich habe ihn Hebgewonnen. Es war angenehm, in seiner Gesellschaft zu sein. Seit damals hat er mich nicht verlassen. Er hat für mich gearbeitet, hat sich Mühe gegeben und machte alles mit einer außergewöhnlichen Liebe. Was ich liebte, liebte auch er, was Ich haßte, haßte auch er. Nach außenhin war er zart, zuvorkommend, doch ich fühlte in ihm eine innere Kraft. Er war wie ein Rassehund, treu und schön, doch »ein Herz war das Herz eines Löwen. Den Oberleutnant nannte er gewöhnlich: «Das Schwein mit den Sternen». Mit diesem Spottnamen bestrafte er ihn für seine ungewöhnliche Brutalität. Ueberhaupt wurde mir hier beim Kader schon am zweiten Tag klar, daß'Brutalität fast das Wichtigste beim Militär sei. Brutalität, Schamlosigkeit und drastische Einfachheit. Das Wichtigste ist, zu schimpfen, wie es eine besoffene Dirne nicht besser kann. Ordinär« Flüche, auf alles, was dem Menschen lieb und heilig ist, angefangen von der Mutter bis zum Heiligenbild, und bei den Juden bis zum Gebetsriemen, sind in der Atmosphäre des Krieges eine Art Rauschmittel, Alkohol. Alan schimpft und es wird einem etwas leichter. Man schimpft und man kann leichter die Leiden und die ohnmächtige Wut überwinden. Man ist voll Bitternis: durch das Fluchen und Schimpfen hilft man sich, wie man kann. Dafür haben die Vorgesetzten gutes Verständnis und deshalb loben und zeichnen sie immer diejenigen aus, die den berüchtigtesten Soldatenstil gut beherrschen. Der Herr Leutnant behauptet zwar, daß der Sinn dieses Stils ein anderer sei, angeblich bediene man sich seiner nur der Kürze wegen. Wozu nach Worten und Ausdrücken für gewisse Handlungen suchen, Über die man ln guter Gesellschaft nicht spricht. Man benützt ein einfaches Wort, das man nicht lange zu suchen braucht und das ganz unzweideutig ist. Diese Art «Erziehung» hatte sich öfters gerächt. Es kam vor, daß ein Offizier, Angehöriger einer hohen Gesellschaftsklasse, der auf Urlaub nach Hause fuhr, dort in guter Gesellschaft plötzlich in dieser bewußten Sprache herausplatzte und bei allen, die dabei waren, großes Befremden erregte. Er mußte fliehen und zum Kader zurückkehren. Einen gab es unter uns, dem es besonders schwer fiel, sich diesen Stil anzugewöhnen: Es war dies ein Jesclmva-Schüler, Jakob Margulies. Ein magerer, zarter Jude, klein, geblickt, der aber ein klassisch reines Ungarisch sprach. Er litt sehr darunter, daß er nicht die Fähigkeit besaß, sich den anbefohlencn Schweincstil anzueignen. Dabei hatte dieser schmächtige Junge Mutterwitz, Und diese Fähigkeit paralysierte ein wenig seine Leiden. Nie sah ihn jemand lächeln. Sein Gesicht war Immer toternst. Doch seine Art, seine Gebärden, seine Stimme, seine Worte brachten sogar die schlimmsten Bestien unter den Offizieren zum Lachen. (Fortsetzung folgt.)