Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 204 (3.12.1931)
- Date
- 1931-12-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 304 — 3. Dezember 1931 DIE STIMME Sc:*-:- 7 Uteralw/ Kunst / Theater Wally Picon als „Mamala" Wiener Bürger-Theater Sie ist klein, zierlich, kindlich und — groß. Unsentimental in ihrem Spiel, jedoch zu echten Tränen rührend. Vielseitig, aber schließlich, in erster Reihe, immer wieder: jüdisch. Soubrette, Diseuse, Tänzerin, Sängerin, Schauspielerin, ein weiblicher Chaplin und Coogan, modern bis in die Finger- und Zehenspitzen und das große Leiden eines uralten Volkes im Herzen tragend. Ein kleines jüdisches Mädchen — eine große Künstlerin. * «. . .’s ist gewesen gut far mein Maine, ist es gut far mir.» Zum Schluß des zweiten Aktes von «Mamale» singt sie dieses Lied. Es geht ins Herz. Das Herz des Zuschauers weint mit der Künstlerin. Naivität, echtes Menschentum, jüdische Wehmut rühren. Und vorher und nachher singt sie andere Lieder. Witzig, humorvoll, ausgelassen, grotesk. Das Herz lacht mit der Künstlerin. Das Herz, immer wieder das Herz. Denn die Kunst der Mally Picon wirkt nicht bloß auf die Oberfläche, sie greift tiefer. Sie findet den direkten Weg zum Herzen. ♦ Wie sie «hatschen» kann, diese ausgezeichnete Stepptänzerin, wie sie mit Hilfe einer einfachen Kretonschürze zwei Akte lang kokett spielt 1 Wie wandelbar und vielseitig sie istl Wie sprühend und wie traurig, wie komisch und wie rührend, wie lustig und wie tragisch 1 Und wie mutig: Eine hübsche, junge Frau scheut nicht davor zurück, grotesk-drollig-lächerlich zu erscheinen. * Sie spielte in «Mamale», einem Singspiel von Schwarz-Mayer, Musik von Rumschinsky und Ellstein. Es ist eine wirklich gute Operette mit viel Sinn, wenig Kitsch, humorvollem Dialog und einer melodiösen, ins Ohr gehenden Musik. Doch: spielte sie nur? Nein: sie belebte das ganze Stück. Die Darstellung hatte auch sonst Niveau. Kalich zeichnete sich gleichermaßen als Schauspieler und Regisseur aus; die bildhübsche Jenny Smilovici verstand es gut, ein mondänes Mädchen zu geben;. Frau Glücksmann schuf einen blendenden Suffragettentyp.’ Erwähnungswert Efrim Podlubny; ein hoffnungsvoller Soubrettennachwuchs die kleine Tanja Sczekacz. Herr Fleischmann fiel etwas aus dem Rahmen: auf den Brettern eines guten jüdischen Theaters darf man nicht auf eine unangenehme, wienerischkabarettmäßige Art outrieren. Der Komponist und Dirigent Abe Ellstein war lebhaft akklamiert und verdiente es in vollstem Maße. All das war aber nur ein Rahmen für die kleine-große, einzigartige, durch und durch jüdische und dadurch wahrhaft menschliche Künstlerin: Mally Picon. ♦ Der Erfolg war sehr groß. Ueberwältigend. Der Vorhang mußte unzähligemale in die Höhe. Die Wiederholungen nahmen kein Ende. Aber der Genuß der Zuschauer und Zuhörer war noch größer. «Unsere Picon» — schreiben die großen amerikanischen Blätter. Es sei gestattet, die Picon für uns in Anspruch zu nehmen: sie ist auch unser. Dr. Sem Wolf. Klavierabend Shula Doniach-Dagobert Buchholz Samstag, den 12. Dezember, 8 Uhr abends, gibt das junge, ausgezeichnete Pianistenpaar Shula Doniach —Dagobert Buchholz im Festsaal der Schwarzwaldschule, Wien, 1., Regierungsgasse 1, ihren ersten Wiener Klavierabend. Die jungen, begabten Künstler werden Werke von Vivalcli, Brahms, Debussy und Mozart- Busoni bringen. Karten an der Abendkassa. JÄljidfeer stfkau „Lichtwärts“ — hebräisch Werner Zimmermanns Buch «Lichtwärts» ist wohl das bekannteste und typischeste Buch der deutschen Jugendbewegung. Sein Erscheinen in hebräischer Uebersetzung unter dem Titel «Chinuch schel Geulah» ist wahrhaft eine Bereicherung der hebräischen Literatur. Ein Hauch innerer Wahrhaftigkeit strömt von diesem Buch aus. Es ist nichts darin, das nicht selbst erlebt wäre. Ein jugendlicher Geist, der alles mit frischer Lebendigkeit anpackt, entrollt lins hier ein Weltbild, das in seiner Einheitlichkeit und Geschlossenheit sympathisch berührt. Werner Ziiumermann begnügt sich nicht mit Halbheiten und faulen Kompromissen. Alles hat er radikal bis zu Ende durchgedacht. Aus der Unmenge wechselnder Lebenserscheinungen, aus der Fülle der Eindrücke, die auf den jungen Menschen ein-Ülrmen, ist es noch nicht gelungen, in volkstümlicher Art eine klare Linie herauszuschälen; damit auch der junge erwachende Mensch sich in diesem Labyrinth zurechtfinde. Noch tastet der jugendliche erwachende Mensch im Halbdunkel. Noch kann er den Weg zu einem beglückenden Schaffen nicht finden. Es fehlt ihm der Schlüssel, um das Tor des Lebens öffnen zu können. So irrt er in dieser Welt herum, horcht bald hierher, bald dorthin, folgt allem Verlockenden, nur niemals sich selber. Werner Zimmermann führt ihn nun auf die richtige Fährte, indem er ihn zu sich selber zuriiekftihrt. Eine Wahrheit kann nie außerhalb des Menschen liegen, denn sonst wäre es nicht die fiir ihn bestimmte Wahrheit. Nur was wir im Innern als wahr erkennen, entspricht unserem Wesen und nur das kann fiir uns Gültigkeit haben. Dieser stark individualistisch gefärbte Ton geht wie ein roter Faden durch Zimmermanns Buch. Werner Zimmermann versucht nun sein als wahr erkanntes, also nur für ihn gültiges Leben an Hand eines Längsschnittes durch die Erziehung darzuste'len, angefangen von der vorgeburtlichen Erziehung über die Jugendzeit, wo das sexuelle Trieblebcn den Mittelpunkt bildet, bis zum reifen Manne, der ganz zu sich gefunden hat und in religiöser, sozialer und individueller Erziehung eine harmonische Einheit bildet. Dieses Leben, das er uns als seine eigene Lebensart darstellt, gilt aber auch als Grundlage für alle anderen Menschen. Dieses Leben ist nicht ein erdachtes, nach schönen Idealen zurechtgebautes System, sondern ein gottgewolltes, ein den Naturgesetzen abgelauschtes. Von diesem Standpunkte werden alle Probleme gelöst: Fragen des individuellen und sozialen Lebens: der Ernährung, Erziehung und Volkswirtschaft, Lebensform, Psychoanalyse, Freiwirtschaft, das sind die Losungen, die er uns gibt. Vor allem verdient hier die Freiwirtschaft besonders hervorgehoben zu werden, denn es ist ein Verdienst Werner Zimmermanns, diese Lehren eines einsamen Denkers, Silvio Oesells, einer breiteren Oeffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben. Ganz genial und naturgewollt ist hier beispie!swe:se die Frauenfrage gelöst. Einfach und doch alles Bisherige umwälzend. Die hebräische Uebersetzung von N. Z. Vierziger ist gelungen, der Stil gediegen und der Ausdruck klar. Diese Uebersetzung gehört zur besten hebräischen Lektüre, die wir haben. Vierziger hält sich sehr stark an das klassische Hebräisch der Mischna, das besonders geeignet erscheint, eine solche persönliche und gedankenreiche Sprache wiederzugeben. So verbindet sich hier Sprache und Inhalt zu einem harmonischen Ganzen. J. Margosches. Sonntag, den 20. Dezember 1931, 8 Uhr abends, Im Konzertsaal des Hotel „Post“, I., Fleischmarkt 24, „Das Jüdische Lied und Volkslied“ (hebräisch u. jiddisch), ausgeführt vom Konzertsänger J. Segai-Rosenbach (Tenor) Mitwirkend: Professor Josef Zimbler (Violine). Populäre Preise. Kartenverkauf: Bücherstube Rath, II., Taborstr. 20 a. Reinertrag zugunsten eines . wohltätigen Zweckes. Jlotizcn Der Verein zur Förderung jüdischer Musik veranstaltet seinen nächsten Kammermusikabend Sonntag, den 6. Dezember, um halb G Uhr abends, im Saale der B’nai Brith, IX., Universitätsstraße 4, mit Werken von S. Alman, J. Wolfsolin, M. Stillmann (Uraufführungen) und von Gnessin, Rosowsky und Engel. Die Mitwirkenden sind: Hanna Schwarz (Gesang), Hans Levitus (Klarinette), Isr. Brandmann und Elsy Stein (Violine), Marcel Dick (Bratsche), Joachim Stutschewsky (Cello) und Robert Spitz (Klavier). Neue Jüdische Bühne, II., Taborstraßo 12. Wiederauftreten der berühmten Soubrette Sevilla Pastor mit der gesamten Bukarcster „Sieg]-Truppe". Repertoire der kommenden Woche: Freitag, 4., Samsatg, 5., Sonntag, 6. Dezember: „Das Ncgermädel", 3 Akte von Lilien, Musik von Max. Sonntag, 6. Dezember, 3 Uhr nachm.: „Vergossene Kinder“, Karten zum Einheitspreis von S 1.—, Kinder 50 g. Montag, 7. Dezember: „Bajazzenllebo“; Dienstag, 8. Dezember: „Jeikl“; Mittwoch, 9. Dezember: „Kreutzersonate“ in 4 Akten von Gordon; Donnerstag, 10. Dezember: „Ester Fröhlich“. Konzert J. Scgal-Rosenbach ist auf den 14. d. M. verschoben. Spende Prof. Oppenheimers für die Universitätsbibliothek in Jerusalem. Prof. Dr. Franz Oppenheimer, Frankfurt a. M./Berlin, sandte der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek etwa 850 Biiclicr und mehr als tausend Broschüren, die vorwiegend volkswirtschaftliche Probleme behandeln. „Kirjath Sepher.“ Soeben erschien das dritte Heft des 8. Jahrganges von „Kirjath Sepher“, der von der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek herausgegebenen bibliographischen Viorteljahres3chrift. Das Heft enthält außer den Nachrichten der Bibliothek und dem bibliographischen Toll der Palästinadrucko und judaistlschen Veröffentlichungen die folgenden Aufsätze: M. Stekells: Bibliographie der prähistorischen Forschungen in Palästina. — G. Scliolem: Fragmente des Buches von R. Schein Tov ihn Gaon über die Grundlagen der S’firoth-Tlieorie. Die Rezensionen sind von I. Sonne, A. Tauber, F. Goitein, B. Schochetmann, W. F. Albright, F. Baer, J. Klausner, G. Scholem, A. Bonne, B. Maisler und M. Z. Segal verfaßt. Franz Werfel spricht in der Breslauer jüdischen Volkshochschule. Am Sonntag, den 1. November, vormittags fand im großen Saalo der Lcssinglogo die feierliche Eröffnung des 25. Halbsemesters der Freien Jüdischen Volkshochschule mit einem Vortrag von Franz Werfel statt. Literarische Nachrichten aus Palästina. Der palästinensische Dichter I. Z. Rimon feierte das 2!)jährige Jubiläum seiner literarischen Tätigkeit. — Der Veteran unter den Bibelforschern Ephraim Jcrusclialmi hat eine originelle Theorie der Rcllgionsgeschichte in früh-israelitischen Tagen unter dem Namen „Priester und Propheten“ in der Periode vor dem Exil veröffentlicht. ■— Die Herren Har und Scliarira haben eine „Einführung in die alte hebräische Literatur“ für den Gebrauch von Gymnasiasten und Studenten horausgehracht. Sie behandelt dio Periode von den ersten handschriftlichen Dokumenten bis zu Philo und Josephus. — „Omanuth“ hat soeben den zweiten Teil des Lehrbuches von Sutta und Sphvak „Die Geschichte unseres J Volkes“ herausgegebe*' Es umfaßt die Periode von der Zelt unmittelbar nach Bar Kochbas Aufstand bis zu den Kreuzzügen. — Abraham Kahana, der eine Serie moderner Kommentare zu den Büchern des Alten Testaments redigiert hat, beginnt mit der Veröffentlichung der Apokryphen und Pseud-Epigraphen in hebräischer Sprache mit Einleitungen und Kommentaren. Der erste Band der neuen Serie „Maccabäer Buch I" enthält eine Einleitung und einen Kommentar vom Herausgeber selbst (veröffentlicht von „Mckoroth“). — Das 3. Faszikel des VI. Bandes von „Kirjath Sepher“, der bibliographischen Viertel Jahresschrift, welche die hebräische National- und Universitätsbibliothek herausgibt, ist soeben erschienen. Es enthält außer literarischen Neuigkeiten und den bibliographischen Abschni.b n über die palästinensischen Presse- und Buchcrsclu-lnungon auf dem Gebiete der Judaica Aufsätze von M. Stekells „Bibliographie der prähistorischen Forschung in Palästina“ und G. Scholem „Fragmente des Buches von R. Schein Tov ihn Gaon über die Grundlagen der Sefiroth-Theorie“. Lupe Velez und der Maharadscha. Lupe Vclez, dla „amerikanische Filmkönigin" des vorigen Jahres, wird in Amerika auch die „Frau mit den 1001 Affären" genannt, well ihre Erlebnisse ebenso bunt und zahlreich sind, wie die Märchen aus 1001 Nacht. Eine der letzten Sensationen war ihre Heirat mit einem indischen Nabob, einem der wenigen. Fürsten Indiens, die in ihrem Lande fast unumschränkt herrschen können. Genau einen Monat genoß Lupe Vclez das Glück, indische Fürstin zu sein, dann entfloh sie mit dem Chauffeur des Fürsten und kehrte nach Hollywood zurück. Einige Attentate der „indischen Rache" schlugen fehl, doch darf die Künstlerin noch heute ohne Begleitung von drei Detektiven sich nicht auf der Straße zeiren. Nächste Woche erscheint in Wien der erste deutschsprachige Tonfilm mit Lupe Velez, der den Titel „Wo die Wolga fließt...“ führt. 1 3n aller Mütze I Der bekannte jüdische Dichter und Romanschriftsteller David Bergelson, der in den letzten zehn Jahren in Berlin gelebt hat, traf vor kurzem in Moskau ein mit der Absicht, seinen ständigen Wohnsitz in der Sowjetunion zu nehmen. Bergelson war Gegenstand vielfacher Ehrungen seitens der jiddischen Kulturkreise. Am 12. Dezember feiert Louis Lamm, Berlin, Inhaber der bekannten, seit 30 Jahren bestehenden Buchhandlung gleichen Namens, seinen 60. Geburtstag. Louis Lamm ist eine bekannte Figur im deutschen Buchhandel. * In ihrem Heim zu Cromcr verstarb im 89. Lebensjahr Lady Battersea, eine Tochter des einstigen Oberhauptes des Londoner Rothschild-Hauses Sir Anthony de Rothschild, Begründers und ersten Präsidenten der United Synagogue. Die Versammlung der Arbeitsgemeinschaft für sozialistischen Zionismus, in der über das Thema „Moskau und Jerusalem“ gesprochen und diskutiert werden sollte, ist auf polizeiliche Anordnung wegen des Totensonntags im letzten Augenblick verboten worden. Dr. Carl Melchior, Mitglied des Bankhauses M. M. Warhurg in Hamburg, ist zum deutschen Mitglied dc3 Diratenden Sonderausschusses der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel ernannt worden. * Der vor einigen Monaten in Schanghai verstorbene jüdische Multimillionär Silas Aron Hardoon hintcrließ seiner Frau Lisa Hardoon, einer Chinesin, ein Vermögen im Werte von 150 Millionen Dollar. Ein gewisser Esra Abdullah Hardoon, der behauptet, mit dem Erblasser verwandt zu sein, hat das Testament angefochten. m Nach einer Verlautbarung des Kascliruth-Komitees in New York werden in New York jährlich koschere Lebensmittel im Werte von 200 Millionen Dollar konsumiert. * Die Zionistische Organisation Amerikas hat beschlossen, zu Ehren des Oberstrichters Louis D. Brandeis, der vor kurzem 76 Jahre alt geworden ist, einen Brandcis-Band des Goldenen Buches des Jüdischen Nationalfonds anzulegen. ■ * In dem vom Jüdischen Nationalfonds ausgeschriebenen Wettbewerb für den besten Entwurf zum Umschlag für den fünften Band des Goldenen Buches wurde der erst® Preis in Höhe von 35 Pfund Ismar David aus Berlin, der zweite Preis (25 Pfund) Z. Rahan aus Jerusalem, der dritte Preis (15 Pfund) Gur Ariyeh aus Jerusalem zuerkannt. * In der Stadt Woroschilow im Donezgebiet wurde auf Verlangen der jüdischen Kommunisten das einzige dort vorhandene jüdische Bethaus beschlagnahmt und in eine Schule umgewandelt. In Lausanne fand am Sonntag, den 22. November, eine weihevolle Gedenkfeier aus Anlaß der Setzung des Grabsteins für den vor Jahresfrist verstorbenen Professor Waldemar M. Haffkine, den Entdecker der wirksamen Cholera- und Pestimpfungen statt. * Die Zeitung „Near East and India“ erfährt aus Kreisen der Regierung in Kairo, daß die ägyptische Regierung nicht daran denkt, sich auf der Moslemkonferenz in Jerusalem vertreten zu lassen. ' * Die Regierung der Sowjetunion ernannte Moisot Gurewitsch zum Leiter ihrer Handelsvertretung in Frankreich und Michael Lewin zum Leiter ihrer Handelsvertretung ln England. mit Beziehungen zu gut bürgerlichen jüdischen Kreisen gesucht Zuschriften an die Adm nistration der „Stimme11 unter „Eheliches G ück“