Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 204 (3.12.1931)
- Date
- 1931-12-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DtE STIMME Nr. 204 — 3. Dezember 193f » Die beiden Jubiläen Von M. M. UssischUin Zwei Jubiläen fallen in diesem Jahre zusammen: die 50jährige Jubiläum des Beginnes der Renaissincebewegung im jüdischen Volke und der Bestrebungen zur Rückkehr und zum Aufbau seines historischen Lande» » das Jubiläum der Chibbath-Zion- Bewegung *— und die 30jährige Wiederkehr des Tages» an dem auf dem 5. Zionisfenkongreß das Instrument der Erlösung und Nationalisierung des Heimatbodens — der Keren Kijemeth LeisraeJ — geschaffen wurde. Gerade Im gegenwärtigen Moment, wo sich schwere Wolken über uns und unserer Bewegung Zusammenhalten und schon seit zwei Jahren mächtige Wogen unser Werk bedrohen, um aUes, was wir in fünfzigjähriger Arbeit geschaffen, zu vernichten, wo Sich die geistige und materielle Lage der Judenheit in fast allen Ländern von Tag zu Tag verschlechtert — gerade in diesem Moment ist es angezeigt, auf die ersten Anfänge unserer Arbeit zurückzublicken, um aus ihnen neue Kraft zur Ueberwindung der uns um* § ebenden Schwierigkeiten zu schöpfen und die Areit mit demselben Vertrauen und derselben Energie fortzusetzen, die die ersten Pioniere auszeichnete. Die alten Chowewe Zion und die Mitarbeiter des KKL weisen zahlreiche, beiden gemeinsame Cbarakterziige auf. Hierzu gehört die Einstellung der ersten Chowewe Zion und der Anhänger der Chibbath- Zion-Bewegung zum Palästinaaufbau und zur jüdischen Renaissancebewegung. Diese Einstellung war nicht etwa das Produkt einer neuen Ideologie oder theoretischer Erörterungen. Sie entsprang der Sehnsucht nach Erez Israel, die durch die Bibel, die Gebete in den Synagogen, die Feste und Fasttage im jüdischen Hause, die Erzählungen aus dem Talmud und die Seufzer und das Weinen des Großvaters zum cTikun Chazoth» genährt wu.de. Diese Sehnsucht entstammte der tausendjährigen Geschichte des jüdischen Volkes. Pinsker und seine Freunde kleideten dieses Gefühl in eine moderne Form. Die Hauptsache war jedoch für die Chowewe Zion de. Glaube und die Tradition, in denen sie aufgewachsen waren, lebten und starben. Nur so erklärt es sich, daß auch die größten Erschütterungen, Schwierigkeiten und Verfolgungen von außen und Gleichgültigkeit und Widerstand von innen die Chowewe Zion nicht einzuschüchtern oder zur Verzweiflung 2U bringen vermochten. Ihr Glaube und ihr Opfermut blieb unerschütterlich. Es ist daher auch kein bloßer Zufall, llaß, als die um sich greifende Verzweiflung das Ugandaprojekt aufgriff und später zur territorialistischen Bewegung führte, die alten Chowewe Zion von Ihrem palästinensischen Standpunkt nicht abzubringen waren und alles daran setzten, um diese zur Jüdischen Geschichte in Widerspruch stehenden Strömungen nicht durchdringen zu lassen. Theorien, Anschauungen und Ideologien kommen und gehen. Was gestern populär war, ist morgen bedeutungslos. Das ursprüngliche nationale Gefühl hat aber Ewigkeitswert und wirkt daher für alle Zeiten, Die gleiche Ursprünglichkeit des Gefühls findet man auch bei den KKL-Mitarbeltern. Dem KKL liegt ein starkes, einfaches und einem jeden Juden verständliches Ideal zugrunde: Erlösung des väterlichen Bodens und dessen Ueberführung in den Gemeinbesitz des Jüdischen Volkes. Dieses natürliche Gefühl bedarf keiner Theorien und Erklärungen. Deshalb findet man in den Reihen der KKL-Mitarbeiter sowohl den alten frommen Juden, als auch den jungen Freidenker, die Frau, das Kind und die Schuljugend, Sie alle fühlen, wofür sie arbeiten: für die Erlösung des Heimatbodens, Mögen sich auch die Formen unserer Siedlungstätigkeit ändern, mögen verschiedene Fonds entstehen und untergehen — eines bleibt fest und unverändert: der KKL, der den nationalen Bodenbesitz Dunam um Punam, Hektar um Hektar vergrößern wird» bi» der letzte käufliche Dunam der Heimat in ihren hiitorisehen Grenzen in den Besitz des jüdischen Volkes gelangt ist, Charakteristisch war ferner die Einstellung der alten Chowewe Zion zur Natur und zur Landarbeit. Wir haben bei ihnen nicht allein mit dem Streben zur Rückkehr in die Heimat zu tun, sondern mit der Sehnsucht zur Rückkehr in den Schoß der Natur, wie in den Jugendtagen de» jüdischen Volkes, Der Chowew Zipn wußte, daß Binjan Haarez glejchbedeu-* tend ist mit Boden, Bodenbearbeitung und Leben im Dorfe. Natürlich wandte man auch dem Häuserbau in den Städten, der Industrie und dem Handel Aufmerk«' samkeit zu, Sprach man doch noch auf der Konferenz der Chowewe Zion in Kattowitz über die Notwendig* keit der Gründung einer Gesellschaft zur Entwicklung der Industrie in Erez Israel. Aber in der Tiefe seiner Seele strebte der CHowew Zion nach dem Boden und nach landwirtschaftlicher Ansiedlung, Er fühlte in« stlnkdv, daß der Aufbau Erez Israel? von der Errichtung jüdischer Siedlungen und der Erwerbung von Boden für Siedler abhange, Da» gleiche Merkmal finden wir auch beim KKL« itarpeiter. Der KKL beruht im wesentlichen auf den) reben SUr Rückkehr des Volkes zur Landarbeit, ndwirtichaft und Natur- Dia Aufgabe de» KKL besteht in der Vorbereitung des Bodens für landwirtschaftliche Siedlungen. Der KKL bemüht sieh tiatürlieh während seiner 30jährigen Tätigkeit, auch Boden in und bei den Städten für städtische Viertel und öffentliche Gebäude zu erwerben. Dfe Seele de» KKL-Mitarbeiters bleibt jedoch mit eien landwirtschaftlichen Siedlungen im Emek und Scharon verbunden, wo die Bestrebungen der Rückkehr zur Natur in einem gewissen Maße ihre Löeung gefunden haben. Ein weiterer charakteristischer Zug der Chowewe Zion (st das Bestreben, die palästinensische Frage nicht nur für das Volk, sondern in erster Linie für sich selbst zu lösen. Jeder Chovvew Zion hatte das Streben, sich In Erez Israel niederzulassen. Diesen Bestrebungen haben wir die Entstehung zahlreicher Siedlungen ln Erez Israel zu verdanken: Petach Tikwa, Rischon Lezion, Sichron Jakob, Rosch Pina, Cedera und Chedera sind die ersten Stationen jenes Chowewe Zion, die nach Erez Israel gekommen waren, um das Ideal des jüdischen Volkes für sich persönlich zu verwirklichen. Und wenn auch ein großer Teil der Chowewe Zion seine Bestrebungen nicht verwirklichen konnte, so blieb doch in der Seele dieser Menschen das Gefühl wach, daß der einzig richtige Weg die Selbstbefreiung sei, die Hand fn Hand mit der Befreiung des ganzen Volkes gehen müsse. Das gleiche gilt auch füi die KKL-Mitarbeiter. Der überwiegende TeiPunserer Mitarbeiter, namentlich jene aus den Kreisen der Jugend, denken bei ihrer Arbeit nicht lediglich an die Erlösung des Bodens für andere. Jede Jugendgruppe rechnet mit der Erwerbung von Boden für ihre Mitglieder, die sich in Erez Israel niederlassen wollen. Jeder hottt, selbst durch den Boden erlöst zu werden. In dienern gesunden Gefühl der Verbundenhe;t des einzelnen mit der Allgemeinheit, de» Erlösers mit dem Erlöstem, liegt die beste Gewähr für den Erfolg der KKL-ldee. Es gibt noch ein der Chibbath-Zion-Beweguiljg und der KKL-Arbcit gemeinsames Charakteristikum. Von den großen Ideen, die durch die zionistische Organisation verkündet und veroreitet wurden, sj»d viele schon in den Plänen der Chowewe Zion zu finden. Wie viele der alten Chowewe Zion haben dier Bewegung große Opfer gebracht, ohne daß die Geschichte des jüdischen Jischuw in Erez Israel und <Jie Zionistische Bewegung ihrer Erwähnung tun. Die Chowewe Zion waren bescheidene Mitarbeiter, denpn die Arbeit für das Ideal genügende Befriedigung bpt. Das gleiche finden wir auch bei den KKL-MRarbeltem in allen Ländern: stille, bescheidene Arbeit und Befriedigung im Bewußtsein, daß sie ihre Pflicht gegenüber dem Volke, und der Heimat erfüllen. Der KKL, der die Grundlagen für den Palästfnaaufbau schafft, ist — besonders nach dem Kriege — in den Schaffen gerückt worden und die breite jüdische Oeffentlichkeit hat ihm nicht genügend Anerkennung gezollt. Die bescheidene Arbeit des KKL und seiner Mitarbeiter erinnert daher ebenfalls an die ersten Tage der Tätigkeit der Chibbath-Zion-Bewegung. Ich habe versucht, in allgemeinen Zügen die charakteristischen Momente zu schildern, die beide Jubiläen zu einem Fest machen. Möge das jüdische Volk und. mögen die Zionisten der ganzen Welt wissen, daß wir zur Ueberwindung der Schwierige keiten, die man uns von allen Seiten in den Weg legt, benötigen: Glauben, Ausdauer, gewaltige Opfer, und vor allem — Boden unter den Füßen. Wenn wfr den Boden besitzen, dann gehört das Land uns. Möge das jüdische Volk Erez Israel erlösen, damit Erea Israel das jüdische Volk erlöse. Lunatscharsky über jüdische Probleme in der Sowjetunion Aus einem Gespräch mit dem gew. Volkskommissär für Unterricht (w.) Uber den gewesenen russischen Volkskommissar für Unterricht und schöne Künste, Anatoli W. Lunatscharsky,' haben wir immer verhältnismäßig Schönes gehört, £r gehört zu den wenigen Machthabern im bolschewistischen Reiche, die es nicht auf vollständige Ausrottung des Judentums, insbesondere des national gesinnten und hebräisch sprechenden, abgesehen haben. Vorige Woche weilte Lunatscharsky in Wien. Im Rahmen zweier öffentlichen Abende sprach er über die kulturellen Probleme der Sowjetunion und über die Erziehungsfragen im bolschewistischen Reiche. Jüdische Fragen hat er nicht berührt. Doch jüdische Fragen waren es, die eine Pressekonferenz in der Sowjetgesandtschaft beherrscht haben, in der Lunatscharsky die Fragen einzelner Journalisten eingehend beantwortete. Diese zwei mit Lunatscharsky verbrachten Stunden waren — Interessant. Der gewesene Volkskommissar erzählte In schlichten und dafür einprägsamen Worten über die kulturellen Errungenschaften de? bolschewistischen Rußland. Er sprach darüber, daß das Analphabetentum stark zurückgegangen ist und daß die Auflagen der Bücher jetzt bedeutend größer sind, als in der Zarenzeit. Von Juden und jüdischen Problemen, jüdischer Kultur In der Sowjetunion und dem Unterdrücken dieser Kultur war vorderhand keine Rede, Erst auf einem Umweg über Samojeden, Ostjaken und, Gott weiß, welche kleine Nationen noch, kam es zu der für den Gast nicht besonders angenehmen Frage; «Und wie verhält e» »ich, Herr VoIkekommliBär, mit der Unterdrückung der hebräischen Sprache in Sowjetrußland?» Da wurde der würdige, ältere Herr verwirrt, Er versuchte die Tatsache, daß man in Rußland das Lernen der hebräiiehen Sprache all eine konterrevolutionäre Tat behandle, zu bestreiten. «Die überwiegende Mehrheit der israelitischen Bevölkerung Rußlands (Lunatscharsky sagte wörtlich« Israelitischen) sprach sich für da» Jiddisch als die Muttersprache au». Dafür können w I r doch nicht» ...» «Und deckt »ich Ihr« persönliche Meinung, Herr Volkskommissar, mit der Meinung der überwiegenden Mehrheit dieser Israelitliehen Bevölkerung?» -■» fragte der Mitarbeiter unsere» Blattes. Lunatscharsky wurde noch mehr verlegen, Und dann sagte er, nicht wörtlich, aber so, daß man den Sinn richtig verstehen mußte: «Meine Herren, wa9 wollt Ihr eigentlich von mir? Schuld an der Unterdrückung de» Hebräischen ist die Jewsekija, beiie* hungsweise diejenigen, die deren Ideologie geerbt haben, Ich persönlich gehörte doch zu denen, die die «Habima», trotzdem sie ein hebräisches Theater war, unterstützt und groß gemacht haben, und ich hege noch heute, da die «Habima» lange nicht mehr bei uns wirkt, große Sympathien für dieses hochkünstlesrische Theater und stehe mit ihm in Verbindung. Mfr liegt nichts ferner, als die Verfolgung der hebräischen 'Sprache.»'/,""/.',, / Lunatscharsky sagte es nicht wörtlich, doch die«* war ungefähr der Inhalt dessen, was er sprach. Und wir brauchten nicht mehr. Wir bekamen nochmals, von einem eingeweihten Menschen die Bestätigung, daß die j U d i s c h e n K o m m u n i s t e n in Sowjetrußland es sind, die einen wütenden Kampf gegen den Zionismus und die hebräische Sprache führen. Als dann die Frage fiel: «Kann man also Ihrer Meinung nach zu gleicher Zeit Zionist und guter Staatsbürger von Sowjetrußland sein?» — antwortete Lunatscharsky: «jawohl,, es sei denn, daß der Zionismus kein Deckmantel für konterrevolutionäre Umtriebe ist.» Sapienti sat. Da? war schon ganz unzweideutig. Denn wir wissen allzu gut: In Sowjetrußland is>t Zionismus mit Konterrevolution — wenigstens in den Augen der Machthaber — identisch, Zum Schluß dieser Pressekonferenz, die, wie gesagt, nach einer kurzen allgemeinen Einleitung vorwiegend jüdischen Fragen gewidmet war, fühlte sich Herr Lunatscharsky bemüßigt, »einer Bewunderung über die jüdischen Kolonien . in der Krim und In» Biro-Bidschan Ausdruck zu geben, «Die Juden sin/4 eine bewunderungswerte, äußerst tüchtige und begabte Nation. Das wußten wir immer. Daß sie abetir Hervorragendes auch in der Landwirtschaft leisten können, hätten wir nie geglaubt. Es muß allerdings zugegeben werden, daß die Juden nicht allzu guten Boden bekommen, dafür ist.ab^r ihre landwirtschaftliche Leistung desto höher einzuschätzen. Die Kolonien werden bestimmt Aufblühen. Man muß den Kolonisten nur helfen ...» Die Komplimente unter der Adresse der jüdischen Kolonisten kommen etwas verspätet. Wir wissen, daß Juden ausgezeichnete Ackerbauer sein können, uns müßte es Herr Lunatscharsky nicht erzählen. Da» Beispiel Palästina spricht mehr als Krim oder Blro-Bldscban. Interessant war dagegen die Mitteilung Lunatscharskys, daß die Sowjetunion, die doch zweifellos über Riesengebiete ausgezeichneten Bodens verfügt, ausgerechnet den jüdischen Kolonisten schlechten Boden zur Verfügung gestellt hat. Herr Lunatscbal’jy hatte ea nicht leicht. Er mußte eine Politik verteidigen, die vielleicht nicht, ganz die seine Ist, Die Polltk de» Sowletregimes, die e» auf vollständige Ausrottung des nationalen Judentums ln Rußland abgesehen hat. Bel Herzleiden uud Adernverkalhung, Neigtm zu Qerhlrnblutungen und Schlaganfällen sichert dr natürliche «Prana-Jossto-Bltterwasser leichten Stu/ gang ohne Anstrengung, In allen Apotheken er'