Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 203 (26.11.1931)
- Date
- 1931-11-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 203 — 26, November 1931 DIB STIMME Seite 7 Avifdot Mameiti NacBdruck auch in Auszügen verboten. Der große WaJnitsiim Autorisierte Uebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf 14 Der Oberleutnant wurde wieder ein bißchen verwirrt: «Ach, das . . . das Ist nichts ... gar nichts hat das zu bedeuten!» Und an mich sich wendend: «Morgen wirst du mir melden, daß du zum Korporal avanciert bist, verstanden?» Und am nächsten Morgen kam wieder ein Befehl und ich wurde zum Korporal ernannt. Und meine Freunde staunten und beneideten mich: tägliches Avancement?! Nach dem Mittagessen wurde mir befohlen, abends wieder zum Oberleutnant zu kommen, um schließlich und endlich auch dem Herrn Hauptmann das Gedicht vorzulesen. Der Herr Hauptmann war sehr zufrieden. «Hör' mal, du TIntenklekser» — sagte er tiebenswürdig in seiner ihm eigener Art sie wiederzugeben schwer ist — «ich kann nicht verstehen, daß du dir bisher noch keine drei Sterne verdient hast? Bist du ein Napoleon, daß du dich mit der Charge eines Korporals begnügst? Wenn du noch einmal vor mir erscheinst und nur zwei Sterne auf deinem Kragen sind, schicke ich dich zum Teufel!» Und der Herr Oberleutnant: «Ach, das Ist nichts. Das hat nichts zu bedeuten. Im morgigen Befehl wird er zum Zugsführer ernannt werden.» Und etwas unsicher setzte er fort: «Und was glaubt der Herr Hauptmann? Wäre es nicht besser, wenn . . . wenn dieser Gefreite im Gedicht. . . kein Jude wäre? Das heißt . . . meiner Meinung nach . . .» «Was?». — der Hauptmann staunte. «Im Gegenteil, im Gegenteil mein Lieber!. Das ist ja sehr gutl Und neu! Das ist ja ausgezeichnet!» Und zu mir sagte er: «Also, verschwinde und nähe dir noch heute Abend den dritten Stern an. Hast du verstanden?» Er reichte mir gnädig die Hand und ich verschwand. Und als ich mir den dritten Stern annähte, traute keiner meiner Kameraden seinen Augen: Drei Avancements im Laufe von drei Tagen? Bei Nacht konnte ich nicht schlafen. Noch heute weiß ich nicht warum: War es die Freude oder die verschiedenen Gedanken, die im Zusammenhang damit standen, daß ich auf Befehl ein großes Gedicht geschrieben habe? Diesen Befehl bekam ich weder von Georg Brandes, noch von Ignotus, noch von David Frischmann. Ich bekam ihn vom Oberleutnant Frint. Es wäre interessant, einmal persönlich der Muse zu begegnen und festzustellen, ob ihr die Soldatenuniform passe. Nach einer Woche erhielt ich einen Brief von meinem Freunde, dem Dichter und Redakteur Josef JPatai: «... Es ist vielleicht dein bestes Gedicht. Schade Um die Idee.» U, Kapitel Der große Preis Zu unserem Kabarettabend war die ganze Aristokratie des Städtchens und der Umgebung erschienen. Als Ich aber oben auf der Bühne stand, um mein Gedicht vorzutragen, sah ich nur Knöpfe und Sterne. Das Publikum erschien mir als ein großes und fürchterliches Kriegsgericht, dem dort in seiner Loge unser Kommandant präsidiere, der Herr Major mit seinem langen und herabhängenden Schnurrbart, ich bemerkte ihn sofort, nachdem ich auf die Bühne kam und ich bekam Angst. Zum Glück sah ich im selben Augenblick auch die schöne Hauptmannsgattin mit ihrem Mann. Sie saßen in der Nebenloge. Und als ich mich dem Souffleurkasten näherte, fühlte ich plötzlich, wie zwei Arme meine Beine umfingen. Aus dem Kasten blitzten mir die Augen des entzückenden Jungen des Hauptmanns entgegen. Meine Angst war im Nu verflogen und mit Erfolg konnte ich mein Gedicht vortragen. Ich sah, wie die schöne Frau in ihrer Loge weinte. Gut. Das Publikum raunte und ich verstand nicht, was dieses Raunen zu bedeuten hatte. War es ein Lob oder ein Tadel? War es ein Zeichen des Beifalls oder der Ablehnung? Als ich zu Ende war, wurde lebhaft und stark applaudiert. Aber es schien, als ob irgend jemand einen Befehl zum plötzlichen Authören gegeben hätte. Nur zwei Paar Hände klatschten weiter. Das waren die Hände der schönen Frau und des Jungen, der zu meinen Füßen im Souffleurkasten saß. In diesem Augenblick erhob sich der Kommandant und bestieg die Bühne. Im Saale war es mäuschenstill. Mein Gedicht war die letzte Programmnummer, Der Kommandant näherte sieh mir, schaute mich einen Augenblick, der mir wie eine Ewigkeit schien, lang ah, und schloß dann in kurzen Worten den Abend. Die Worte waren mehr an mich, als an das Publikum gerichtet: «Ein schönes jüdisches Gedieht ist das» — sagte er mit farbloser Stimme: «Und den schönsten Preis, den du bekommen kannst, erhältst du dank der Gnade unseres obersten Kriegsherrn, seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. Er gibt dir die Möglichkeit, für Ihn den Heldentod zu sterben.» Dröhnender Beifall. Und der Kommandant sagte noch, sich an alle anderen Mitwirkenden wendend, die hinter mir auf der Bühne standen: «Dies gilt auch für euch alle!» Wieder dröhnender Beifall. Dann verließ der hohe Herr die Bühne. Nach einigen Minuten kam die Ordonnanz zu mir hinter die Kulissen: «Zum Rapport!» Zum Rapport? Weswegen? Rapport ist bei uns ein Synonym für Gericht. Doch ich beruhigte mich sofort. Ich wußte ja, daß es der militärische Stil mit den Worten nicht so genau nimmt, und daß es vorkommt, daß ein Offizier sich des Wortes Rapport nicht immer bedient, um Gericht zu halten, sondern manchmal auch, um jemanden ohne böse Absicht in irgendeiner Angelegenheit zu sich zu rufen. Doch der Herr Oberleutnant erklärte mir wütend, daß ich morgen zu einem wirklichen Rapport vor den Kommandanten befohlen bin. Als er mein Staunen bemerkte, wurde er gnädiger und, wie Mitleid mit mir fühlend, fügte er hinzu: «Man muß nicht immer ein Jude sein!» Der Vorschrift gemäß, ging er mit mir als mein Offizier zum hohen Herrn mit. Unterwegs sprachen wir kein Wort miteinander. Ich erinnerte mich an die Schlußworte des Kommandanten: ich soll für den Franz Josef sterben. Franz Josef wünscht es, daß ich für ihn sterbe. Wer? Der Kaiser und König Franz Josef. Sonderbar! Franz Josef lebte in mir immer und er lebt in mir noch heute als ein Symbol eines guten, liebenswürdigen alten Herrn, der unermeßlich Schweres in seinem Leben erlitten hat, der nur Leid, Familientragödien und schwere, fleißige Arbeit kennt, ln meiner Jugend glaubte ich, daß dieser alte und gute Herr ein «Freund» meines Großvaters sei, den er einmal in einer Audienz empfing, und mit dem er sich über Pferde uni über jüdische Gebete unterhielt. Wenn man irgendwo in Ungarn in irgend* einer Stadt eine Synagoge baute, hielt man immer einen besonderen Sitz an der Ostwand nächst der Thoralade für Fran2 Josef frei. Und der liebe, alte Herr ist bei der Einweihungsfeier in der Synagoge zumeist erschienen, saß auf seinem Platz, hörte die Gebete an und sagte Amen, richtete dann noch einige Worte an die Versammelten und verließ die Synagoge in Begleitung des Rabbiners. Das war Seine Majestät der Kaiser und König Franz Josef. Und noch mehr: Der alte König verbrachte alljährlich einige Zeit in Budapest, und zwar im Stadtteil Buda, jenseits der Donau. Dort wohnte er in seiner königlichen Burg, deren Tore für jeden offen standen; Wir, die Journalisten, pflegten, nachdem wir unsere Redaktionsarbeiten um 3 Uhr nachts beendet hatten, durch die Burg zu gehen und immer sahen wir dort durch das Fenster den alten König. Täglich pünktlich viertel fünf Uhr früh stand er auf, zog sich an, wusch sich, trank seinen Tee und setzte sich sofort an den Schreibtisch, um zu arbeiten, Morgen für Morgen. Das ist der Oberste Kriegsherr, Kaiser von Oesterreich, König von Ungarn, Franz Josef I. — Gott gebe ihm ein langes Leben! Er erschien uns immer von einer tragischen Glorie umgeben. Tragisch war der Tod seiner bildhübschen Frau, der Kaiserin Elisabeth, die die romantischen Lieder von Heine sehr liebte, dessen Bild sie immer an ihrem Busen trug; tragisch der bis h^ute nicht aufgeklärte Tod seines Sohnes Rudolf; tragisch schließlich der Tod seines Neffen, des Thronfolgers Franz Ferdinand, der von: einem, politisch fanat!Sierten. 'Serbem ermordet wurde, was der unmittelbare Anlaß zum Kriegsausbruch war. Und als der junge Erzherzog Karl vor dem Kaiser erschien, um zum neuen Thronfolger gesalbt zu werden, da hob der alte Herrscher seine Augen zum Himmel und sagte mit einer von Thränen durchbebten Stimme; «Allmächtiger, erweise mir doch diesmal nicht mehr die grauenvolle Gnade, meine Tage zu verlängern. Ich will nicht den Tod dieses Jünglings erleben.» Das ist Franz Josef I. Aber auch dann, da ich schon als radikaler Sozialist verpflichtet war, die Könige zu hassen, auch dann konnte ich gegen den alten Kaiser keinen Haß empfinden. Bestenfalls sah ich in ihm einen liebenswürdigen Operettenherrscher, dessen Krone aus Papier und dessen Säbel aus versilbertem Holz ist. Und jetzt sagt man mir plötzlich, der Kaiser Franz Josef wolle, daß ich für ihn sterbe. Sonderbares Gelüste. . Vielleicht ist er nicht mehr ganz normal — er ist doch schon so alt . . . Wenn meine Mansi das wüßte, sie würde sofort laufen und ihn fragen, ob das wahr ist. Inzwischen sind wir beim hohen Herrn angelangt. (Fortsetzung folgt.) An die. Oeftendiclikeit der ganzen Weit! Durch zehn Jahre ist die zionistische Bewegung aller Strömungen in Sowjetrußland den grausamsten Verfolgungen preisgegeben. Die Blüte des russischen Judentums ist seelischen und körperlichen Qualen mitleidslos ausgesetzt, tausende seufzen in Gefängnissen und Politisolatoren, schmachten in den entlegensten Winkeln grausamer Verbannung. Ihre einzige Schuld besteht in ihrer grenzenlosen Ergebenheit an den Zionismus und Erez-Israel, an die Vergangenheit und Zukunft des jüdischen Volkes. Unsere Gesinnungsgenossen stehen jetzt vor der Gefahr vollständigen Zusammenbruches. Jedes Jahr verschlingt neue Opfer; Hunger, Not und körperliche Schwäche wirken verheerend. Vor zwei Jahren wurde in Erez-Israel der Verband «Magön» gegründet, der sich das Ziel ge-pt-t hat de" grau.sam verlolgten Pionieren unserer Idee, die die Ehre des Judentums, des Zionismus und der nationalen Werte in Sowjetrußland begeistert hochhalten, nach Kräften Hilfe zu gewähren. Während seines kurzen Bestandes hat der Verband Wesentliches, moralisch und materiell, den hart bedrängten Gesinnungsgenossen geleistet. Doch infolge der ungeschwächten Verfolgungswut der Sowjetregierung kann der Verband, dessen Organisation sich bisnun bloß auf Erez-Israel beschränkt hat, kaum die nötigen Hilfsmittel für die täglich wachsenden Bedürfnisse der Ver* ftafttten und Verbannten aufbringen. Es ist «He heilige Pflicht der jüdischen und zionistischen Üeftentlichkeit aller Schattierungen, an einer steten und durchgreifenden Hilfsaktion für die «Gefangenen Zions» in Sowjetrußland mitzuwirken und sic dem sicheren, moralischen und körperlichen, Untergang zu entreißen. Darum wendet sich nun der Verband «MagOn» in Erez- Israel mit der dringenden Bitte an die jüdische und zionistische Öffentlichkeit der ganzen Welt, in erster Reihe aber an die /. ionistischejugend aller Strömungen, sobald als möglich mit ihm in Verbindung zu treten und an dem Organisieren einer durchgreifenden «MagOn»-Aktion in der ganzen Welt mitzuwirken. ln der Hoffnung, daß dieser Appell an alle Freunde der mitleidlos verfolgten Zionisten in Sowjetrußland seine Wirkung nicht verfehlen kann, zeigen wir hiermit die Adresse des Verbandes «MagOn in Erez-Israel an: «Magen», P. 0, B. 405, Tel-Aviv, Palestine, Exekutivkomitee des Verbandes «M a g ö n». Jn aller Jiürxe König Victor Emanuel von Italien hat den Regicrungskommissär der Jüdischen Gemeinde von Pisa, Pardo Roques, empfangen. Ara 21. November 1931 wurde der Präsident des Ober* sten Rates der jüdischen Gemeinden der Tschechoslowakei Uhd der tschechoslowakischen Großloge Bnei Brith Doktor Josef Popper 60 Jahre alt - i: : Im jüdischen Tempel zu Rom wurde eine Gedenktafel für die jüdischen Kriegsgefallenen der Gemeinde Rom enthüllt. * Im Alter von 66 Jahren verstarb in Triest der'Rektor der Handelsuniversität und Begründer des Handelsmuseunis in Triest, Prof. Giulio Morpurgo, ein gesetzestreuer Jude, * Samuel Lubarski, Chefagronom , von Agro-Joint in Rußland, der vor mehr als einem Jahre von der G. P. U. aus politischen Gründen verhaftet und nach fünfmonatiger Haft für drei Jahre aus Moskau verbannt worden war, ist nun, nachdem das Urteil gegen ihn wegen Grundlosigkeit aller Beschuldigungen annulliert worden war, nach Moskau auf seinen Posten in Agro-Joint zurückgekehrt. * Am 26. und 27. November findet in Paris eine internationale Konferenz für die Abrüstung statt. Für die jüdische Religionsgemeinschaft wird der Präsident des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Kammergerichtsrat Leo Wolff, an der Veranstaltung teilnehmen. * Der junge Jude Mischa Botwinik, Mitglied der jungkommunistischen Partei, gewann beim Moskauer Schachturnier den ersten Preis und damit die Schachmeisterschaft für die Sowjetunion. * Vor kurzem verstarb in Kiel der langjährige Professor der Volkswirtschaft an der Universität Basel und hochverdiente Förderer der schweizerischen Staatswirtschaft Prd* iessor Dr. phil. Dr. rer. pol. h. c. Julius Landmann. * ln der Nacht zum 6. November d. J, wurden in der Synagoge in Freystadt (Ostpreußen) neun Fensterscheibe« eingeworfeiw - * . 3024