Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 203 (26.11.1931)
- Date
- 1931-11-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nf. 203 — 26. November 1931 nip stimme Seite 5 Ueber die Möglichkeit von Han* delsbezieh ungen zwischen Jugoslawien und Palästina Von Prof. Milorad Nedeljkovic, Generaldirektor der Postsparkassa in Beograd Der Verfasser dieses Artikels bekleidet als Universitätsprofessor und Generaldirektor der Postsparkasse in Jugoslavien eine hohe und einflußreiche Stellung. Er ist ein großer Freund unserer Bewegung und war bereits zweimal in Palästina, um unser Siedlungswerk zu studieren. Seine Ausführungen werden daher gewiß großes Interesse in unserem Leserkreis finden, um so mehr, als das, was er über Jugoslavien sagt, auch für jedes andere Land, somit auch für Oesterreich, seine Richtigkeit hat. Die Red. Einleitend möchte ich hervorheben, daß ich dieses Thema mit besonderer Liebe für das junge Erez Israel erforsche, das vor unseren Augen so schnell und so real entsteht. Es werden dann sowohl der Ausgangspunkt wie auch die Schlüsse dieser Betrachtungen besser verstanden werden. Vor allem muß man sich darüber klar sein, daß Erez Israel kein Traum und keine Hoffnung einer fernen Zukunft ist, sondern lebendige Sachlichkeit, ln Palästina hat sich das jüdische Volk aufs neue festen Fußes auf seinen heimatlichen Boden gestellt und in einem Anlaufe, der in der Weltgeschichte seinesgleichen nicht kennt, die Grundpositionen erobert, auf weichen sich heute Erez Israel in ökonomischer, sozialer und kultureller Richtung blühend weiterentwickelt. Alles, was bis heute dort geschaffen wurde, ist nach einem guten — ich möchte sagen strategischen — Plane durchgeführt. Jüdische landwirtschaftliche Kolonien haben alle fruchtbaren Ebenen und Täler eingenommen, im Schcfel, Scharon, Emek, Jordantal, und so schön aneinandergereiht, eine neben der anderen, in einer ununterbrochenen Kette, ähneln sie einer gut verteilten Armee, die siegreich ihrem Ziele entgegengeht. Neben den Agrarkolonien erheben sich die jüdischen städtischen Kolonien, in erster Linie Jerusalem und Tel-Aviv, die in geistiger und ökonomischer Beziehung als Grundpfeiler und Führung für die weitere Entwicklung der Erneuerung dienen. Die landwirtschaftlichen Kolonien sind größtenteils jung, nach dem Kriege entstanden und hatten lange mit technischen umf Agrarschwierigkeiten zu kämpfen: Trockenlegung und Bewässerung, Amelioration sandigen und steinigen Bodens, Auswahl der Pflanzenkulturen und Viehrassen, Organisation der Arbeit und Produktion, Anschaffung von Inventar usw. Heute sind diese Schwierigkeiten bravourös Überwunden, dank der Entschlossenheit und Selbstaufopferung der Pioniere. Aber sowohl diese neuen, wie auch jene älteren jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien, die vor dem Kriege in Palästina bestanden, stehen jetzt vor neuen Problemen der Unrentabilität des Landanbaues, die durch die Weltkrisis in den Preisen des größten Teiles der Agrarprodukte hervorgerufen wurde. Als diese Kolonien mit den ersten technischen Problemen kämpften, wurden sie durch die Unterstützung des ganzen jüdischen Volkes Im Galuth geschaffen und erhalten. Es entsteht aber die Frage, ob diese Kolonien auch jetzt und später, ja möglicherweise ewig, nur auf Basis der Unterstützung bestehen werden können, oder ob sie sich einst selbst erhalten werden können. Die Antwort auf diese Frage hängt von den Möglichkeiten der zionistischen Kolonien ab, für ihre Produkte Konsumenten und gute Preise zu finden und zu erzielen. Wird es die Galuth zulassen, daß sein junges Erez Israel allein auf den Weltmärkten herumzieht, um sich unter einem indifferenten Publikum Konsumenten zu suchen, den niedersten Preisen der internationalen Produktion zu konkurrieren? Wird es nicht jeder Zionist als seine Pflicht fühlen, durch seine Liebe und Arbeit die ersten Schritte seines jungen Vaterlandes in der Welt zu schützen? Wollen die Juden Ihre erneute Heimat nicht nur mit Almosen erhalten, so müssen sie ihr Märkte schaffen. Das ist besser, sowohl vom moralischen wie vom ökonomischen Standpunkte. Konsumentenmärkte für die Produkte Erez Israels können die meisten europäischen Staaten bilden, also auch Jugoslawien, d. h. alle Jene Staaten, die eine andere Vegetation haben als Palästina. Palästina produziert zur Ausfuhr hauptsächlich Orangen, ferner Feigen, Mandeln, Bananen, ausgezeichnetes Olivenöl und kostbare Weine. Anderseits muß es noch lange Zeit Fleisch, Holz, Kohle, Papier importieren. Es gibt noch viele andere Produkte, die erfolgreich ausgetauscht werden können. Und sollte bei uns eine ökonomische Pro-Palästina-Gesellschatt gegründet werden, in Anlehnung an eine Pro-Jugoslavia- Oesellschaft unserer Freunde ln Tel-Aviv und Jerusalem, so werden wir eine ganze Reihe von Produkten auf beiden Seiten finden, die uns gegenseitig fehlen und die wir jetzt aus verschiedenen Ländern einführen. U n s J u g os 1 a w e n w i r d es ohneZweifel viel angenehmer sein, solche Produkte aus Erez Israel zu beschaffen, das alle Sympathien, angefangen von den höchsten Staatsmännern bis zu den bescheidensten Bürgern besitzt,als aus verschiedenen anderen, uns sehr oft auch feindlich gesinnten Ländern. Unsere jugoslawischen Juden müssen diese psychologischen Dispositionen ausnützen, an den Austausch der Güter schreiten und hiemit möglichst als erste beginnen, den Weltmarkt für das Heilige Land zu gewinnen. Konsumenten palästinensischer Produkte, sowohl bei uns in Jugoslawien wie auch in der ganzen Welt, können alle Menschen ohne Unterschied sein. Aber alle Judenderganzen Welt, alle 16bislTMIIllonen, müßten ihrer nationalen und religiösen Pflicht nach regelmäßige Konsumenten der Produkte Ihres Landes werden. Man könnte eine Propaganda entwickeln, daß bei allen ritualen Handlungen nur Produkte des Heiligen Landes benützt werden: z. B. Wein zur Einsegnung des Sabbateinganges, Wachs für Kerzen usw. Zu den Feiertagen müßte jeder Jude seine Gäste mit Wein und Obst aus Palästina bewirten, mit Süßigkeiten und Speisen, die mit palästinensischem Üel zubereitet sind, mit Mandeln, Feigen, getrockneten Trauben usw.# Es muß eingeführt werden, daß die Kinder und Verwandten zu den Feiertagen Geschenke bekommen, die in Palästina gearbeitet wurden (Handarbeiten, Gewerbe-, Fabriks- und Kunstprodukte Erez Iraels usw.). Es muß eine Propaganda entwickelt werden, daß jeder zionistische Kaufmann in seinem Laden nach Möglichkeit wenigstens einen palästinensischen Artikel hält und ihn immer und vor allem seinen Gesinnungsgenossen empfiehlt. Und es müssen Handelsexkursionen nach Palästina organisiert werden, so daß jedes Jahr wenigstens an zehn unserer Juden Erez Israel durchwandern, zwecks Einführung palästinensischer Artikel auf unserem Markte wie auch umgekehrt. Wenn man ausdauernd und mit Liebe arbeiten wird, werden 16 Millionen Juden in der Galuth ohne irgendwelche besondere Anstrengung am Weltmarkt die Produkte jener 120 Pionierdörfer und einiger hundert Gewerbe- und Fabriksunternehmen des erneuten Vaterlandes konsumieren oder placieren können. Wir müssen das junge Erez Israel wie einen Augapfel hüten, auf daß es die Galuth geistig schütze. Und mit dieser Tätigkeit wird man die Aufgaben des Keren Hajessod bedeutend erleichtern. Die Levante-Messe 1932, Tel-Aviv Von S. Hoofien, Präsident der Handelskammer in Jaffa. Im April 1932 wird tn Tel-Aviv die „Lqvant-Fatr“ (Levante-Messe und Ausstellung) veranstaltet. Allem Anschein nach wird es wohl die größte Voran staltung dieser Art werden, die bisher im nahen Orient, stattgefunden hat. Sie wird eine Entwicklung zum Ausdruck bringen, die schon seit Jahren vor sich geht. Die Bedeutung Palästinas als Handelszentrum und Treffpunkt des Westens und Ostens wird klar zutage treten. Die Gründe dieser Entwicklung wurzeln tief in der besonderen Lage Palästinas. Waren es vor dem Kriege nur die Zionisten, die aus begreiflichem Interesse am Lande ihrer Sehnsucht seine zu künftige Bedeutung erkannten, so wurden die Konsequenzen, die sich aus der günstigen geographischen Lage ergeben, nach der britischen Okkupation einem jeden Ein sichtigen klar. Als das Land unter eine moderne Verwal tung kam, wurde die Bedeutung von Palästina als Brücke vom Okzident zum Orient ersichtlich. Der Luftverkehr mit Irak, Persien und Indien kann — ein Blick auf die Karte lehrt es — nur über die Oatküst* des Mittcimeeres geleitet werden. Der Wüstenverkehr mit Irak und Persien, der bis vor zehn Jahren in den jahrtausendalten Formen des Karawanenverkehres stecken geblieben war, ist durch das Automobil vollkommen reformiert worden. Täglich durchkreuzen heute die Automobilkolonnen die syrische Wüste und was früher eine abenteuerliche, lebensgefährliche und wochenlang« Reise war, die kaum jemals ein Europäer unternahm, ist jetzt ein Ausflug von zwei Tugen, den jährlich zehntausende Menschen in bequemen Pullmannautomobilen zurücklegen. In einer Hinsicht wird Palästina schon in den allernächsten Jahren dem ganzen syrischen Küstenland bedeu tend überlegen sein: in der Hafenfrage. Nicht daß Haifa einen um ein Vielfaches größeren Hafen bekommt als Beyrouth heute hat, ist hiebei das Ausschlaggebende. Aber man sehe sich bloß die Karten an. Während unmittelbar hinter der Stadt Beyrouth der Libanon bis über 2000 Meter aii^telgt, mit Paßhöhen bis zu 100 Meter, während der Zug, der sich auf einer Zahnradbahn mühsam und unter schwerem Kohlenverbrauch hinaufgearbeitet hat, dann wieder ln die Ebene der Beka hinunter muß, um schließlich wieder auf den Antlilbanon zu klettern und in Damaskus den Wüstensaum zu erreichen, hat die Natur hinter Haifa ein ganzes System von einander anschließenden Ebenen eingerichtet, durch die die Bahn wie durch einen bequemen Korridor ohne Schwierigkeiten tief ins Innere des Landes eindringt. Die Eisenbahn Hatfa—Bagdad ist im Bau und Ihr Zustandekommen eine Frage von einer jetzt schon recht absehbaren Spanne von Jahren. Haifa wird also mit der Zelt der natürliche Hafen von Arabien, Irak und Persien werden. Dabei soll die Frage der Pipe Line noch gar nicht ln Betracht gezogen werden. Auch ohne daß das Mossulö) durch Haifa züm Mittelmeer fließt, ist Haifas Position ge- GroRNeischnauerei SIEGM. KORNMEHL Zentral® »X, Berggasse I*». Io A l/--tü u. A 16-9-34 Lieferant Ur iieilanstaltei Abteilungen Iflr lE*>Flelsch <Mr- •- '-»■** unter Aufsicht des Ehrwürdlgeirtaobmat* der Israelitischen Ku'tustiemeinde Wien 4Hloi|U«t»itune io««enta» IX, Bar*fr#sse \ KVU> WährinFerstraß« 97 Wiener BUvgevtheaiev Ab Samstag, den 28. November 1931 8 Llhr abends Kurzes Gastspiel Maity Piean 3aUob Kalich in »Mamale<*9mu alkalische Komödie in drei Akten von Mayer-Schwarz Musik von Rumschinsky und L. Stein Dirigent Ahe Eistein (New York) Kartenverkauf: Tage skassa Bürgertheater und Rotenturm-Basar sichert; um wieviel mehr dann, wenn auch die Pipe Lin® in Haifa gänzlich oder zu einem großen Teil münden wird. Auch schon ln seiner heutigen Gestalt ist Palästina ela Land, das nicht ganz ohne ökonomische Bedeutung ist. Dieses kleine Land mit seinen 800.000 Einwohnern importierte immerhin im Jahre 1930 Waren für einen Wert von 14 Millionen Reichsmark. Für die Entwicklung des Landes Im allgemeinen und die der Industrie und des Transportwesens im besonderen ist folgende Tabelle lehrreich: Import von Petroleumprodukten: Benzin Petroleum Rohöl Liter Liter Tonnen 1922 2,400.000 15,100.000 500 1926 8,400.000 27,800.000 3.900 1928 11,300.000 35,500.000 6.100 1930 16,300.000 37,700.000 16.500 Während vor dem Kriege die Industrie des Landes ganz unbedeutend war, wird jetzt das ln der Industrie investierte Kapital auf etwa 80 Millionen Reichsmark geschätzt Es besteht eine bedeutende Zementfabrik, eine große und mehrere kleinere Oelfabriken, einige größere und viele kleine Mühlen, Zigarettenfabriken und Fabriken von Schokolade, Textilwaren, Strümpfen und Socken, Streichhölzern und noch vielen anderen Artikeln. Die Anzahl der in der Industrie beschäftigten Personen beträgt etwa 20.000. Dieser Industrie, die sich jetzt schon der Elektrizität bedient, welche in kalorischen Kraftwerken in Tel-Aviv, Haifa. Tiberias und Jerusalem erzeugt wird, wird in der allernächsten Zeit die billige Elektrizität zur Verfügung stehen, die von den Werken am Zusammenfluß des Jordans und des Yarmuk unterhalb des Sees von Tiberias: herstammen wird. Die Kapazität der dort aufgestellten' Turbinen beträgt vorläufig 24.000 Pferdekräfte. Das Werk kann aber bis zu einer Kapazität von 100.000 Pferdekräfton ausgebaut werden. Ein nicht unbedeutender Faktor im Aufblühen des Landes wird auch die Exploitation des Toten Meeres sein. Dieses Unternehmen hat erst vor knapp einem Jahre angefangen. Aber schon jetzt kann man sagen, daß das Experiment gelungen ist Bereits in wenigen Jahren wird die Kali Produktion des Toten Meeres ihre Quote auf dem Weltmarkt erobert haben, die von Jahr zu Jahr größer werden dürfte. Von entscheidender Bedeutung ist die Tatsache, daß Palästina im Zentrum von Ländern liegt, die einen jährlichen Importkonsum von 1.6 Milliarden Reichsmark aufweisen. Auch im Import der benachbarten Länder spielen jüdische Kaufleute eine ungemein wichtige Rolle. Wenn günstige Gelegenheiten bestehen, über Palästina Geschäfte zu machen und die palästinensischen Messen interessante Möglichkeiten bieten, so ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß diese Kaufleute, die im Orienthandel seit Jahrhunderten einen ersten Platz einnehmen, Palästina vor jedem anderen Lande bevorzugen werden. Dieses Land mit seiner außerordentlich günstigen geographischen Lage, mit einer geordneten und verhältnismäßig modernen Verwaltung, mit seiner strebsamen, sich jährlich ausdehnenden tüchtigen europäischen Bevölkerung, ist der gegebene Mittelpunkt für den europäischen Export nach ganz Vorderasien. Deshalb verdienen die Ausstellungen und Messen in Tel-Aviv, dem Handelszentrum des Landes, daß ihnen die größte Aufmerksamkeit zugewendet wird. * In Angelegenheit der Levante-Messe kann man sich an die ehrenamtliche Repräsentanz für Oesterreich: Bruno Rabinowitz, Wien, I., Rotenturmstraße 25, oder direkt an die Veranstalter der Messe „Mlsohar w/Taasia” Co. Ltd. P. O. B. 21, Tel-Aviv, Palästina, wenden. Der Oberrabbiner von Mailand beim Papst Der 82 Jahre alte Oberrabbiner von Mailand, Alessandro De Fano, der älteste Rabbiner Italiens, wurde aus Anlaß seiner Anwesenheit in Rom, wo er an der Beratung der Rabbiner und der Kommissäre der jüdischen Gemeinden teilgenommen hat, von Papst Pius XI. in einer Audienz empfangen, die mehr als eine halbe Stunde gedauert hat. Der Fapst empfing Oberrabbiner De Fano In seiner Privatbibliothek. Der Rabbiner sprach über den Papst den hebräischen Segen und dankte ihm dafür, daß der Vatikan ln der Frage der Kalenderreform, die das jüdische religiöse Interesse tief berührt, eine den Juden günstige Stellung eingenommen hat, daß kein die Haltung des jüdischen Sabbatfi erschwerender Plan angenommen wurde. Der greise Rabbiner dankte auch dem Papst für seinen Autruf gegen religiöse Verfolgung, der in der ganzen Welt einen so tiefen Eindruck gemacht hat. Der Papst verabschiedete sich herzllchst vom Oberrabbiner und gab seiner Freude Ausdruck, daß De Fan<* mit dem ihn seit Jahrzehnten freundschaftliche Beziehungen verbinden, trotz seines hohen Alters noch so rüstig ist, daß er eine Reise nach Rom hat unternehmen können.