Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 203 (26.11.1931)
- Date
- 1931-11-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 203 — 26. November 1931 «ire etntUV me i»* iitiitic Seite 3 Die Stimme der jüdischen Frau Beilage der „Stimme“ November 1931 ^^^^^^^^^==assssSBSSSSSSSSSSSSSSSSSmSSSSSSBBSSSSSSBSBSSSSSSSSSSSBSSSSBSSSSSSSSSSSSSSSSSSStSOSSSSStBB^ Warum wir Hebräisch lernen sollen Von Dr. Amalie Kantor Gerade jetzt, wo sich der jüdischen Einwanderung nach Palästina immer größere Schwierigkeiten in den Weg stellen, erscheint es besonders wichtig, den Kontakt zwischen dem Judentum in der Diaspora und den Volksgenossen in der neuen Heimat so innig und rege wie möglich zu gestalten. Es ist klar, daß bei den außerordentlichen Verschiedenheiten der politischen und sozialen Anschauungen, wie sie uns auf der ganzen Welt entgegentreten, dieser Kontakt in erster Linie sich auf das kulturelle Gebiet erstrecken muß. In Erkenntnis dieser Tatsache hat sich im Sommer dieses Jahres zu Berlin die Weltunion der Hebräer gebildet, die sich vor allem in den Dienst der hebräischen Renaissance gestellt hat. Ein gewaltiger Ansporn für die Wiederbelebung der hebräischen Sprache bedeutete speziell innerhalb der jüdischen Frauen das Auftreten der hebräischen Dichterin Elischewa in Wien. Die Tatsache, daß eine Frau nichtjüdischer Abkunft hier als Vorkämpferin für hebräische Kultur und Sprache aufgetreten ist, mußte der ganzen jüdischen Frauenwelt als leuchtendes Beispiel dienen. Unter Hintansetzung aller politischen und wirtschaftlichen Fragen sieht Elischewa ohne hebräische Kultur keinerlei Möglichkeit für eine ersprießliche Arbeit zum Wohle des Volksganzen. Das gesteckte Ziel, die Gründung eines jüdischen Nationalheimes, kann aber nur dann seine Verwirklichung finden, wenn das einigende Band einer gemeinsamen Sprache vorhanden ist. Nur die hebräische Sprache ermöglicht es, den Geist und das Wesen altjüdischer Kultur voll zu erfassen, führt zum richtigen Verstehen der Geschichte und Entwicklung des jüdischen Volkes und erweckt die Sehnsucht nach der historischen Heimat. Einzig und allein die hebräische Sprache ist heute das Bindemittel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, ist die Brücke, die uns mit Palästina verbindet. Ueber sie führt auch der Weg der jüdischen Jugend als Trägerin der Zukunft des jüdischen Volkes. Nur das Festhalten an dem wertvollen Gut der gemeinsamen Sprache bietet Schutz und Gewähr dafür, daß das heutige Judentum in der Diaspora nicht einer raschen und unaufhaltsamen Assimilation verfällt und ermöglicht es, daß es seiner vornehmsten Aufgabe, der Pflege der altüberlieferten hebräischen Kulturgüter, gerecht werden kann. Sicherlich hat die hebräische Sprache bis zu einem gewissen Grade auch bisher die Funktion eines Bindemittels für das gesamte Judentum erfüllt. Aber seit sie nach dem Verlust der politischen Unabhängigkeit des Judenstaates aufgehört hat, Umgangssprache zu sein, G ethe und die Jüdinnen Von Dr. Berthold Frucht Von einigen Entgleisungen abgesehen, die bei Goethe auch in anderen Fragen als in der Judenfrage Vorkommen — wie ich in einem Essay: «Widersprüche bei Goethe» nachweise — war der Dichter ein Freund der Juden. Er bewunderte und achtete das «bibelschöpferische» Volk, dessen geistige Schöpfungen ihn so wohltätig befruchtet, das der Welt das Buch der Bücher, die Bibel, geschenkt hat, in der er, wie er freimütig gesteht, den Seelenfrieden suchte und fand und der er fast allein seine sittliche Bildung schuldig ist. Er bewunderte und achtete das Volk, dem Spinoza entstammte, dessen «leidenschaftlicher Schüler und entschiedenster Verehrer» Goethe war und der auf den Dichter wie keiner so nachhaltig gewirkt und auf dessen Denkweise so großen Einfluß hatte. Goethe bewunderte und achtete das jüdische Volk, aus dessen Schoße der königliche Dichter hervorging, der das Hohelied gesungen, «die herrlichste Sammlung von Liebes-Liedern, die Gott geschaffen hat, das Zarteste und Unnachahmlichste, was uns vom Ausdruck leidenschaftlicher und anmutiger Liebe zugekommen ist». Goethe achtete und liebte endlich die Juden, die für die Verkündigung und Verbreitung seines Dichterruhms so unermüdlich tätig waren. Namentlich aber verehrte und liebte Goethe die Jüdinnen. Schon als Jüngling machte er den schönen Frankfurter Judenmädchen den Hof. So der hübschen, glutäugigen Jutta Schaper. Ihr zuliebe suchte er den |i'denkorso am Fischerfelde auf — die anderen Pro- <ucftjue<*i cicr Staat blieben den Juden verschlossen. — Jutta heiratete später den Geldwechsler Mayer Anselm Rothschild, den Begründer des berühmten Bankhauses und wurde so die Ahnfrau dieser weltberühmten Finanzdynastie. Jüdinnen spielen in Goethes Leben und Wirken eine große Rolle. Sie waren die ersten, die «seine Größe so rechterst entdeckten und beschränkte sie sich zunächst nur auf das religiöstheologische Gebiet. Wenn eine Zeit hindurch noch in den jüdischen Familien der Brauch geherrscht hatte, miteinander hebräisch zu korrespondieren, so geriet diese Gepflogenheit mit dem Fallen der Ghettomauern und mit immer Intensiveren Aufgaben des sprachlichen Einlebens der Juden in die entsprechenden Landessprachen sehr bald außer Uebung. Mit wenigen Ausnahmen trug alles, was wir bis zum Ende des 18. Jahrhunderts an hebräisch geschriebener Literatur vorfinden, so gut wie ausschließlich streng religiösen, theologischen Charakter. Kein Wunder, wenn also die Kenntnis der hebräischen Sprache ja selbst der hebräischen Schriftzeichen, in der Masse des Judentums eine immer geringere wurde. Wenn das Hebräische trotzdem nicht das Schicksal der anderen Sprachen des Altertums fand und nicht gleichfalls zur «toten» Sprache geworden ist, so ist dies wohl vor allem darauf zurückzuführen, daß es als Sprache der Bibel, der Religionsgesetze und Gebete ununterbrochen im Judentum fortlebte. Waren nun Ansätze für eine Renaissance der hebräischen Sprache geschaffen, so vollzieht sich der eigentliche Aufschwung dieser Entwicklung erst seit unseren Tagen. Mit der Schaffung des jüdischen Nationalheimes auf Grund der Balfour-Deklaration begann die alle Welt in Erstaunen setzende Kolonisationstätigkeit des Judentums in Palästina und das hervor- Verband dev aHaemelnen Zionisten und Bezirkssektion II..PraterstraBe13 Donnerstag, den 26. November 1931, 8 Uhr abends, VORTRAG des Herrn Dr.Destder Frledmann Uber „Zionistische Probleme" Montag, den 30. November 1931, 8 Uhr abends, Chales - Gedenkfeier Es sprechen: Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang Dr. David Rothblum Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsident der Israel. Kultusgemeinde Dr. Oskar Grünbaum Es wirkt mit: Oberkantor Gerson Margulies. Donnerstag, den 3. Dezember 1931, präzise Uhr abends, VORTRAG des Schriftstellers Isak Marqosches. Tel-Aviv (in deutscher Sprache) über „Zionismus Im SowfefruBlaitd" Bei diesem Vortrag Regiebeitrag. dem Dichter, «dem Zauberer des Wortes, aber noch mehr dem Lehrer, dem Freund und höheren Führer und Begleiter in den Tiefen und Breiten des Einzelwie Gesamtlebens» — wie Rahel Varnhagen sagt — «die Anerkennung verschafften, die ihm nicht selten von sehr gewichtiger Seite, so von den dichtenden König Friedrich dem Großen, ja selbst vom Herzog von Weimar und sogar von seiner Muse, der Frau von Stein, vorenthalten wurde. Denn die Jüdinnen erfaßten des Dichters Bedeutung, wie Riemer — übrigens kein Judenfreund — sagt, «mit rascherem und penetranterem Verständnis als die Echt- und Nur-Deutschen. Nicht weil natürliche Sympathie sie zu dem Dichter zog, sondern weil der jüdische Scharfsinn, unterstützt durch weibliche, nervöse, sensitive Ahnung unter den gangbaren literarischen Münzen den Wert seiner Dichtungen am frühesten erkannten.» Unter diesen Freundinnen und Verehrerinnen seines Ruhmes ist vor allem Rahel Lewin, die spätere Gattin Varnhagens, zu nennen. Schon als junges Mädchen vergötterte sie den Dichter, dessen Worte ihr wie eine göttliche Offenbarung erschienen. In ihrem Goethe-Enthusiasmus rief sie begeistert aus: «Wenn ich an den Dichter denke, so treten mir Tränen ins Auge. Alle anderen Menschen lieb’ ich nur mit meinen Kräften. Er lehrt mich, ihn mit seinen lieben.» Rahel, die «Pythia der deutschen Literatur», wie man die überschwengliche und unermüdliche Lobrednerin Goethes nannte, besuchte den Dichter in Weimar und wurde von ihm überaus gastfreundlich aufgenommen und mit Ehrungen überhäuft. Mit Henriette Herz, der Gattin des bekannten Berliner Arztes Markus Herz, und Dorothea Veit, der j Tochter Moses Mendelsohns, begründete Rahel den ' «Berliner Salon». Dieser Salon wurde als Sammelpunkt der geistigen Elite, der Diplomatie und des hohen Adels zum Zentrum der Berliner Goethe-Gemeinde. Von hier aus verbreitete sich 4er Goethe-Kult über g*nz Deutsch- Jüdische Künsflersittefe Theater Rekfam, II., Prateretraße 34, Tel. K 40-0-94. Freitag, Samstag und Sonntag, 27. bis 29. November. Aufführung des in Warschau über ein Jahr ununterbrochen gespielten Stückes „Auf dem Wen naeh Buenos Aires (Mt rote dass«) (Aktuelles Zeitprobtem) unter Mitwirkung der Warschauer Soubrette Gisa Heiden, S. Prisament, M. Zelniker und des gesamten Wiener Ensembles. Volkstümliche Preise: S 3.60 bis S 1.10. ragendste Merkmal, das Unerwartete, Mystischeste, ja Revolutionärste dieser Entwicklung war jener Akt, der in der nächsten Zukunft zweifelsohne dazu bestimmt ist, die Mentalität der Juden im neuen Palästina umzubilden und das Weltjudentum auf das nachhaltigste zu beeinflussen. Es ist dies das Wiederaufleben der hebräischen Sprache. 2 palästinensische Gäste der W. I. Z. O# Vortrag Chajuta Bussei und Esther Smoira Montag, den 9. November a. c. fand ein Vortragsabend der W. 1. Z. O. statt, an welchem zwei prominente palästinensische Frauen sprachen. Als erste Rednerin berichtet Frau Chajuta Bussei, eine der ältesten und verdientesten Pionierinnen Palästinas, über das mühsame Werk der arbeitenden Frauen im Lande Israel und hob insbesondere das Verdienst von Chana Maisel-Schochat hervor, die in unablässiger Mühe die ursprünglich ungelernte Frau, die ohne Vorbildung nach großen Zielen strebte, durch systematische Ausbildung zu dem machte, was sie heute ist: ein unentbehrliches Glied des sozialen und ökonomischen Aufbaues von Palästina. Sie führte aus, daß als Ergänzung einer Musteranstalt, wie es die landwirtschaftliche Mädchenschule der Wizo in Nahalal ist, die Mädchenfarmen (Mischke Poaloth) eine außerordentliche Rolle spielen, da sie viel geringere Mittel zur praktischen Ausbildung und für den Lebensunterhalt der Arbeiterinnen erfordere. Es gelang Frau Bussei in überzeugender Weise darzustellen, wie sich Wizo und Moazath Hapoaloth (Arbeiterinnenrat) in Palästina gegenseitig ergänzen und wie sehr es der Wizo gedankt werden müsse, daß diese es auf sich nahm, in den Mädchenfarmen bessere Lebensbedingungen zu schaffen, da die Jewish Agency gerade für diesen Zweck niemals die Mittel erübrigt hätte. Daher hätten bis vor kurzem — nämlich bis zur Errichtung von Wohnhäusern durch die Wizo — durch das ungesunde Leben in Baracken und Zelten verschiedene Krankheiten, wie namentlich Rheumatismus, in den Farmen geherrscht, deren Bekämpfung jetzt erst gesichert sei. Mit Worten des Dankes an die Wizo schlossen die Ausführungen der Frau Bussei. In formvollendeter Rede berichtete sodann Frau Esther Smoira, Vorstandsmitglied des H. N. J., über das Wirken der palästinensischen Frauenorganisation Histadruth Naschim Iwrioth, die die schwere Aufgabe auf sich genommen hatte, die verschiedenartigsten Kreise von weiblichen Einwanderinnen Palästinas durch gleichmäßige Bildung in hebräischer land. Hier wurden selbst erbitterte Gegner Goethes, wie Laube und Heine, zu Bewunderern und Verehrern des «Altmeisters» bekehrt. Ein zweites Zentrum des Goethekultes bildete sich in Berlin um die Schwestern Marianne und Sarah Meyer, die Töchter eines Berliner Bankiers, die der Dichter im Jahre 1795 in Karlsbad kennen gelernt hatte. Marianne, eine aufsehenerregende klassische Schönheit von junonischer Gestalt und hervorragenden Geistesgaben, und ihre etwas überspannte Schwester Sarah, die später den preußischen Offizier Baron von Grothus heiratete, wären eifrig bemüht, gegen die als Folge des «Xenier»-Kampfes in den Berliner literarischen Kreisen herrschende goethefeindliche Stimmung anzukämpfen und für des Dichters Würdigung und Anerkennung zu wirken. Marianne nannte Goethe «den ersten Dichter unserer Zeit, — für mich erster aller Zeiten —». Und Sarah verherrlichte ihn als «ihren göttlichen Goethe, den großen, allumfassenden Geist», und schrieb ihm — sie stand wie ihre Schwester mit Goethe in regem Briefwechsel —: «Dieses tiefe, lebende Gefühl für Wahrheit und Recht, das Ihren Schriften den Stempel des Göttlichen im Menschen gibt, das fühlt keiner besser als Ihre Freundin, die Sie darum mit einer Art von Anbetung liebt.» Namentlich wurde die geistig hochstehendere Marianne die Vertraute des Dichters, förderte nach Goethes eigenem Geständnis durch ihren regen Anteil den Fortgang des werdenden Romans «Die Wahlverwandtschaften», den er ihr als erste Leserin in Handschrift zur Lektüre und Begutachtung einsandte. Marianne wurde später — in heimlicher Ehe — die Gemahlin des Fürsten Heinrich XIV. von Reuß, des österreichischen Gesandten am preußischen Hofe. Nach dem Tode ihres Gatten — 1812 — nahm Marianne den Titel einer Freifrau von Eybenberg an und lebte in Wien, wo sie, gleich der Rahel und den anderen Jüdinnen in Berlin, in den hoijen Kreiseh* iü