Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 202 (19.11.1931)
- Date
- 1931-11-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 202 — 19. November 1931 DIE J> liAl/Viü Seite 7 Jtvigdor Jtameiri Nachdruck auch fa Auszügen verboten« Der große Wahnsinn Autorisierte Uebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf 18 «Bitte, erlauben Sie mir, Herr Oberleutnant, Im Kaffeehaus zu sitzen und dort zu schreiben.» Er überlegte eine Weile und sagte dann ironisch und doch ein wenig gutmütig: «Ein Kaffeehausvogel 1 Die Sitzkassierin ist eure Muse. Wissen wir. Also gut, ich will’s ausnahmsweise erlauben.» Das war eine ganz außergewöhnliche Gnade. Nur Offizieren ist es sonst gestattet, im Kaffeehaus zu sitzen. Den Einjährig-Freiwilligen und den Offizierskandidaten nur einmal in der Woche, und zwar am Sonntag nachmittags. Ich saß also im Cafe und beschloß, mich zu rächen. Der Zufall kam mir zu Hilfe. Unter meinen Kameraden befand sich ein jüdischer Junge, ein Lehrer, der Irgendwie — wie das geschah ist unverständlich — für tauglich erklärt worden war. Es war ein übermagerer Junge, fast bucklig, mit eingesunkener Brust und ohne Hals. Er pflegte über seine eigenen Füße zu stolpern. Und dieser erbärmliche Junge war über alle Maßen glücklich, daß er Soldat werden konnte und insbesondere, daß er Offizierskandidat ist. Und wenn er in Reih und Glied stand und der Oberleutnant sich ihm näherte und mit einer unverkennbaren Ironie, die mit Mitleid gemischt war, ihn auf die Schulter klopfte, dann fielen aus den Augen des jüdischen Soldaten große Tränen herab. Es waren warme Tränen der Freude. Ich konnte den Gedanken an diesen sonderbaren Menschen nicht los werden. Ich wollte ihn einmal zum Thema für eine Novelle machen und ich erzählte davon einigen meiner Freunde. Und jetzt, als ich im Caf6 saß und schwitzte, um ein richtiges Thema für das bestellte und befohlene Gedicht zu finden, da ging plötzlich dieser Junge auf der Straße vor dem Fenster vorüber, als ob er sich selbst antragen wollte. Und so fand ich ein Thema für ein romantisches, patriotisches, sentimentales und durch und durch militärisches Gedicht. Aber einen Haken hatte die Sache — nicht für mich, sondern für den hohen Herrn: das Thema ist jüdisch! Oh weh, was wird da geschehen! Soll geschehen, was da wolle. Für mich besteht sowieso keine Aussicht, ein Offizier zu werden. Schon den zweiten Monat bin ich hier und noch immer ohne Avancement. Soll geschehen, was da wolle. Gut. Nach einer Weile erschien mein Freund, der, mit dem schönen arischen Offiziersgesicht. Ich erzählte Ihm von meinem Plan. Er war außer sich vor Freude und Lob. Um sechs Uhr war das Gedicht fertig. Titel: «Ein Brief an den Herrn Oberst». Inhalt: Ein magerer und jüdischer Gefreiter liegt verwundet im Spital und schreibt einen Brief an den Herrn Oberst. In diesem Briefe erzählt er ihm, daß er im Ghetto als Sohn Das Leichenbegängnis des gewesenen Abgeordneten Reizes Das Begräbnis Heinrich Reizes gestaltete sich zu einer Imposanten Trauerfeier für den beliebten gaüzischen Führe«. Es erschien eine große Schar von politischen Freunden sowie Abordnungen verschiedener Vereine und Institutionen, deren Förderer der Verstorbene gewesen ist. Nach der Trauerandacht des Rabbiner Dr. Bach sprach der Präsident der Jüdischen Kultusgemeinde Dr. Pick, ein Mitglied des xion. Landeskomitees, im Namen der Zionistischen Organisation und Oberbaurat Dr. Quidemus für den nächsten Freundeskreis. Eine Protestversammlung der zionistischen Mittelschüler Dl« wachsende Not der jüdischen Jugend, das Ansehwellen des Radauantlsemitlsmus zwingt den Verband zionistischer Mittelschüler, seine Kräfte zu sammeln und zu stärken. Der Verband zionistischer Mittelschüler veranstaltete daher vergangenen Samstag eine große Protest- und Werbe Versammlung gegen den Hochschulterror und gegen die Ausschreitungen an den Mittelsohulen. Diese Versammlung gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung für den Gedanken der Zusammenfassung aller Studierenden zum Kampfe für die nationale Wiedergeburt und gegen den Hakenkreuzterror. Herr Sandor Weiß, der Vertreter der zionistischen HoohschUler, übermittelte die Grüße der Hochsohülerschaft, die den Willen zu gemeinsamem Vorgehen kundgogeben hat. Dann führte der erBte Redner, Herr Dr. Leopold P läse likes unter stürmischem Beifall aus, daß man unbedingt die Abwehr unterstützen müsse, daß aber auch auf die Vervollkommnung' in kultureller Beziehung größtes Gewicht gelegt werden müsse. In Oesterreloli, dessen Zustände in jeder Weise denen eines Rechtsstaates Hohn sprechen, hätte die zionistische Mlttolschülerschaft die Aufgabe, unbeirrt durch alle Verlockungen von links und rechts, ihren nationalen Weg zu gehen. Der nächste Redner, Vizepräsident der Kultusgemeinde Herr Dr. Löwenherz, sprach zuerst über die Gefahr der Demagogie des Hakenkreuztunis und führte aus, daß über die wirtschaftliche und kulturelle Notlage der jüdischen Jugend bloß die Idee des Zionismus hinweghelfen könne. Er schloß unter stürmischen Zustimmungskundgebungen mit der Vorsicherung, daß die Kultusgemeinde, die zionistischen Mandatare sowie das zionistische Landeskomitee 41« jüdische Mittelsohülersohaft unterstützen werde. kränklicher Eltern geboren worden Ist. In seiner Jugend verspotteten ihn immer die Kinder wegen seines unglücklichen und lächerlichen Körpers, und als der Krieg ausgebrochen war, riefen sie Ihm nach: «Der König Franz Joseph wartet auf dich.» Doch der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs erbarmte sich seiner und machte ein Wunder: der Arzt kam und erkannte, daß er tauglich sei. Und nun begann der Aufstieg, sein Gesicht glänzte vor Freude. Er gab sich Mühe, lernte, war bei den Untergebenen sehr fleißig und fand Anerkennung beim Feldwebel. Doch den Gipfelpunkt des Glückes bildete der Moment, als der Herr Oberst selbst anläßlich der Visltierung der Abteilung an ihn herantrat, Ihm auf die Schulter klopfte und sagte: «Bist ein tapferer Kerl!» Damals hatte er in seinem Herzen einen heiligen Eid geschworen, daß er für den Herrn Oberst sterben würde. Und die gute Vorsehung ermöglichte ihm auch dieses: als er an die Front kam, direkt in eine wilde Schlacht, sah erplötzlich, wie in der Ferne ein russischer Soldat auf den Herrn Obersten zielte. Da sprang er auf, der kränkliche Gefreite, der treue Soldat, stellte sich als lebenden Schild zwischen dem Herrn Oberst und dem Zielenden und empfing mit dem eigenen Körper die Todeskugel. Und jetzt, da er in den letzten Zügen liegt, hat er nur noch eine einzige kleine Bitte: der Herr Oberst möge zu Ihm kommen und ihm nochmals sagen, daß er tapfer sei. Das ist ein romantisches, patriotisches, sentimentales und durch und durch militärisches Gedicht. Ich bin mit mir zufrieden. Und als ich vor dem Oberleutnant erschien und ihm meldete, daß ich den Befehl erfüllte, war er sehr freundlich, sprach per Du, und ich mußte nicht Habtacht stehen. Ja, noch mehr: er reichte mir eine Zigarette und bat mich, Platz zu nehmen. Ich las ihm das Gedicht vor. Der Eindruck war überwältigend. Der hohe Herr war ganz ergriffen. Er vergaß, daß das Thema jüdisch ist. Das hat mich ein bißchen geärgert, doch ich hoffte, daß er schon daraufkommen werde. Und als ich zu Ende war, bot er mir wieder eine Zigarette an. Ich wollte ihm Feuer reichen, aber er wehrte ab und reichte mir selbst ein brennendes Zündholz. Dann sagte er: «Der Herr Hauptmann muß das Gedicht hören. Er muß. Der Herr Hauptmann muß es hören. Du wirst so lieb sein und wirst es morgen dem Herrn Hauptmann vorlesen. Hier bei mir zu Hause.» Als ich am folgenden Abend bei ihm zu Hause erschien, war der Hauptmann nicht da. Dagegen war Jüdische Künstlerspiele: „Auf der Schwell fyn Glück“ Ein anspruchsloses Stück, wie wir es oft auf dem jüdischen Theater sehen: Ein wenig zum Weinen, etwas zum Lachen — Stimulans für billige Gefühle. Und doch bereut man den im Reklame-Theater verbrachten Abend dank der ausgezeichneten Darstellung nicht. Salo Prisament und Oisa Heiden spielen — und das allein würde genügen. Denn es sind;*vei Schauspieler von Format und Intelligenz, von echtem Künstlertum beseelt, beide vielseitig, beide sofort den Kontakt mit dem Publikum schaffend. Zu ihnen gesellt sich der in diesem Stücke ganz hervorragende Max Z e 1 n iker, ein Schauspieler, der, wenn er an sich Weiterarbeiten wird, zu schönsten Hoffnungen berechtigt. Zum Schlüsse dieser komprimierten Theaterkritik noch einige kurze Worte über das Publikum. Jüdisches Publikum im jüdischen Theater — das ist ein trauriges und beschämendes Kapitel. Muß man undiszipliniert sein? Muß man mit Vorliebe fremde Plätze besetzen? Muß man während des Spieles «Mitgebrachtes» laut verzehren? Es wäre wirklich schon an der Zeit, daß man einsähe: Jüdisches Theater verpflichtet, und auch äußere Kultur ist von größter Bedeutung. w. Mall Picon spielt In Wien Seit einigen Tagen weilt die weltberühmte jüdischamerikanische Diseuse und Schauspielerin Mali P i c o n mit ihrem Gatten, dem bekannten jüdischen Regisseur und Schauspieler Jakob K a 1 i c h in Wien. Mali Picon, die dem Wiener jüdischen Theaterpublikum von ihrem letzten, vor einigen Jahren stattgefundenen Gastspiel noch gut erinnerlich sein dürfte, wird hier in einer jüdischen Operette «D i e kleine Mama» («M a m e I e») auftreten. Die Premiere findet am 28. November im Bürgertheater statt. Die Operette wird in jiddischer Sprache gespielt werden. Die Regie führt Jakob Kalich. Als Partner der Mali Picon tritt in der männlichen Hauptrolle Willi H i 1 s e n, ein bekannter polnischer Opernsänger mit ausgezeichneter Stimme, auf. In weitern Rollen wirken der bekannte deutsche Schauspieler Flei#chmann, Frau Po dl ub na, Podlubny, Frau dort dessen Frau. Eine einfache, ungarische Frau, eine Bauerntochter, in die sich der Herr Hauptmann einst verliebte und die er vor Jahren heiratete. Die Frau war bei uns allen sehr beliebt: sie war hübsch, gesund und außerordentlich gutherzig. Ich las Ihr mein Gedicht vor und sie weinte. — Die Tränen rannen ihr nur so herunter und sie wiederholte immer wieder: «Der arme Teufel! Der unglückliche jüdische Gefreite!» Jetzt traf endlich ein, was ich zugleich erhofft und befürchtet habe: Der Oberleutnant erinnerte sich plötzlich an etwas, wurde ein wenig verwirrt und sagte: «Ach ja, das ist ja sozusagen ein großer Fehler, — Jude. — Der Held konnte doch gerade so gut ein Niclitjude sein. — Das Ist ein wenig ... so ... wie soll man das sagen? Es scheint . . . wie ist übrigens die Meinung des Herrn Hauptmanns?» «Der Herr Hauptmann wird dagegen nichts einzuwenden haben», sagte die schöne Frau. «Nun gut. Morgen wirst du das Gedicht den! Herrn Hauptmann vorlesen.» Und beim Weggehen hörte ich, wie die schöne Frau, sich an den Oberleutnant wendend, sagte: «Wie kommt es, daß er noch ein einfacher Soldat ist? Nicht einmal ein Gefreiter?» «Das ist... das ist. .. ach nichts, gnädige Frau, das hat nichts zu bedeuten,» entschuldigte sich der Oberleutnant, «das hat nichts zu bedeuten, das ist ein purer Zufall. Morgen wird er Gefreiter. Morgen.» Und sich an mich wendend: «Morgen wirst du zu mir kommen und meiden, daß du zum Gefreiten avanciert bist, verstanden? Also servas! Auf Wiedersehen!» Am nächsten Morgen erschien im Befehl mein Avancement zum Gefreiten. Meine Kollegen freuten sich. Am Abend desselben Tages erschien ich wieder beim Oberleutnant. Dort saß wieder die hübsche Frau mit ihrem kleinen, dreizehnjährigen Sohn. Ein lieber, netter Junge war das. Der Herr Hauptmann war wieder verhindert. Abermals las ich mein Gedicht vor. Die Augen des Knaben wurden feucht von Tränen und er begann auf seine Mutter einzureden, daß man Ihn doch endlich an die Front schicke. Das sei ja eine Schande, daß er noch immer zu Hause bei seiner Mutter sitze. Der Junge näherte sich mir in kindlicher Liebe und bat mich um eine Kopie. Dann wendete er sich plötzlich an den Oberleutnant und sagte: «Herr Oberleutnant, warum ist der Herr Dichter, der Herr Gefreite, nur ein Gefreiter? Warum ist er nicht wenigstens ein Korporal?» (Fortsetzung folgt.) Dreiblatt, wie auch eine Reihe von Schauspielern au* dem Ensemble des Wiener Bürgertheaters mit. Wir werden über die Premiere, die von dem gesamten jüdischen Theaterpublikum Wiens und auch von dem nichtjüdischen kunstverständigen Publikum unserer Stadt mit großer Spannung erwartet wird, ausführlich berichten. Das Wiener Mädel Dia nächste Novität der Jüdischen Bühne. Nach den erfolgreichen Aufführungen der Komödie „Zigeunerprinz“, wobei sich besonders die Damen Rosenfeld, Braclawska, Glattstein, Zucker und die Herren Novlkoff, Bell, Zucker, Reismann, Neuwirt h und Hausknecht auszeichneten, gelangt Freitag, den 20. d., ln der Jüdischen Bühne, II., Praterstraße 80, das Lebensbild „W lener Mädel“ zur Erstaufführung. Das Stück wird Samstag, den 21. d., Sonntag, den 22. d., und Dienstag, den 24.d., wiederholt, Sonntag, halb 4 Uhr Nachmittagsvorstellung. Zur Aufführung gelangt die Komödie „Zigeunerprinz". Kinderbeschenkung. Täglich Einheitsv preise von 1 und 2 Schilling. Jiotixen Außenminister Zaleski eröffnet die Jüdisohe Kunstausstellung. In Warschau wurde am 9. November im neuen, schönen Lokal der Gesellschaft für jüdische Kunst die Jüdische Kunstausstellung von Außenminister Zaleski, der mit dem Leiter des Kunstdepartements der Regierung Wojclechowski erschien, eröffnet. „Thesaurus tot.ius Hebraitatis.“ Von dem großen Gesamtwörterbuch der alt- und neuhebräischen Spraohe von Elieser Bon Jehuda erschien kürzlich im Verlag der Langenscheldtschen Verlagsbuchhandlung, Berlin-Schöneberg, der achte Rand. Jüdische Künstlerspiele, Theater Reklame, II., Fraterstraße 34, Tel. R 40-0-94. Ab Freitag, den 20. d. M., gelangt „Simchele“ mit Gisa Heiden, 8. Prisament und M. Zelniker in den Hauprollen zur Aufführung. Sonntag Nachmittagsvorstellung zum Einheitspreise von 8 1.10, Kinder 60 Groschen} für die Kinder große Ueberraschungen, Mitwirkende: A. Lehrer als Gast sowie die Damen Welntraub- Graf, Meiseis und Weißberg; die Herren: Sigal, Schaat»- mann, Welzmann u. a. - -v - Literatur/Kunst/Theater