Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 202 (19.11.1931)
- Date
- 1931-11-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nf. |02 — 19. November 1931 .S t -MMl- Seite 5 Olani ttnd Elend der Jüdischen Bankbeamten Zum Problems Jüdin und Cmdit-Afiitalt Von Hellenberg. Das Problem ejuden und Credit-Anstalt» Ist viel zu u mf a n g r e i c h», uni in einem Zeitungsaufsatz dargelegt zu werden. Es umfaßt alle Formen der 11 ä d t e b a u e n d e n, tcMpferischen Betätigung des modernen Finanzkipltals, in der die Judon in hervorragendem Maße beteiligt waren. Während die Staaten **• besonders die des europäischen Festlandes — zumeist künstliche Gebilde iflcgerilCherUntcrncHmungen darstellen, deren Grenzen nvr mit Waffengewalt festgehalten werden, Sind die Städte rein organische Produkte wirtschaftlichen Wachstums, an dessen Befruchtung jüdisches Kapital in führender Stellung mitgewirkt hat. In Wien sind ganze Straßenzüge des lebhaftesten Geschäftsverkehr* wirtschaftsgeschichtiich ohne die Banken und Bankiers undankbar, die die Entstehung all dieser Geschäfte ermöglicht, ihren Warenumsatz finanziert und ihren dauernden Bestand gesichert haben. Und neben den führenden Bankiers waren cs die jüdiseben Bankbeamten, zehntausende jüdischer Intellektuellen und Halbintellektuellen, die im Bankwesen sich betätigt, die modernen Organisationsformen gewaltigster Bankunternehmungen geschaffen und für die kompliziertesten Finanzoperationen und Kooperationen die elastischesten und raschesten Durchführungsmodalitflfen ins Leben gerufen haben. Auch hier ist eine Gegenüberstellung von Staats- und Bankenorganisation äußerst interessant: Während im Staatsdienst, zu dem die Juden fast keinen Zutritt hatten, mit dem Wachstum der Bureaukratie eine Verschwerfälligung der gesamten Organisation vor sich gegangen ist, so daß jedes Ueschäfts- Itück, jeder Akt Wochen uni Monate, oft auch Jahre b>s zu einer Erledigung von Amt zu Amt wandern mußte, war die von den Bankbeamten geschaffene Organisation, so kompliziert und reichgegiiedcrt ihr Mechanismus auch ist, jederzeit in der Lage, jedes Geschäft sofort zur Durchführung zu bringen, jede Transaktion, ob internationaler oder binnenwiftachaftiicher Natur, a u f d e r Stelle zu erledigen. Diese unerhörte und organisatorische Mobilität war es zum großen Teil, die den Siegeslauf des modernen Großbankwesens mitbegründet, die jederzeit aktionsbereite, schlagfertige Kooperation der räumlich entferntesten Finanzunternehmungen der Erde ermöglicht und dem modernen Finanzkapital seine verblüffende Schlagkraft und seinen überragenden Einfluß verliehen haben. Die Bankbeamten gehörten in Wien aber auch zu den bistblzahlten Arbeitnehmern, sic erfreuten sich unkündbafir Stellungen, eines großen Ansehens und waren in der Lage, dem gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt ihr eigenes Gepräge aufzudrücken. Bankbeamte waren die zahlreichen Besucher der Theater und Konzerte, die Pioniere des modernen Weekend- und Sportlebens, die beste Kundschaft des Wiener Mode- und Geschmacksgewerbes und die gesuchtesten Partien als Heiratskandidaten. Bis die unabhängig von der wirtschaftlichen Tätigkeit des Bankbeamten vor sich gegangene Entwicklung in eine noch nie dagewesene Weltwirtschaftskrise gemündet ist, die schließlich auch die Banken in ihren Strudel hinabzog, gewaltige Bankriesen in den Abgrund stürzte, die Lebensarbeit alter, im Dienste ergrauter Funktionäre zur Fruchtlosigkeit Verurteilt und tausende früher so existenzsicherer, wohlbestallter Bankbeamten nach jahrelanger Arbeit sich vor dem Nichts gestellt sahen. Die Geschichte des Zusammenbruches der europäischen wie der amerikanischen Kreditunternehmungen und der überhandnehmenden Vertrauenskrise in derganzen Weltist noch nicht «geschrieben. Aber fest iteht heute schon, daß die mitteleuropäischen Banken, vor allem die deutschen und österreichischen, in erster Linie an den «eingefrorenen Krediten», also an der Verelendung d e t Industrie, die sie mit Krediten zu versorgen hatten, jusammengebrochen sind und daß die Schwierigkeiten ihrer Wiederaufrichtung in der Unmöglichkeit der Wiederherstellung des Vertrauens liegen, die nach den enttäuschenden Erlebnissen mit der Kriegsanleihe, der Inflation und den Zusammenbrüchen größter Wirtschaftsunternehmungen wohl begreiflich Irsehelnt. Das aber sind Ereignisse, für welche die heute um Ihre Existenz bangende jüdische Bankbeamtenschaft am allerwenigsten verantwortlich gemacht werden karin. Und doch wird sie der erste Leidtragende dieser Ereignisse sein. Was in der Credit-Anstalt vor Sich geht, wird vorläufig mit einem Schleier des Geheimnisses umgeben, aber daß eine Zurückletz u n g und möglichste Verdrängung der jüdischen Bankbeamten mit Aussicht auf Erfolg unternommen wird, das ist heute schon offenbar. Nicht gegen die führenden Voritandsdirektoren, die immerhin für das Schicksal der Bank Anläßlich der Verlobung des Herrn Ignat PIQIler mit Fri. Berta Steckei gratuliert herzlich das Personal der Fa. M. Müller & Comp. Wien, Im November 1931 %efcfnperi>enfreies MHer fix UJ ► j i erreichbar bureft eine Slabipffierinfur, bte eine tßcrbüm nunfl beö SlutcS bemirft, gegen föerfalfung ber ©litt» gefäfje »oröeugt uttb btefen baburd) tue notmenb ge ©la* Ifiptöl irhält. fßqbipiflerin ift feit fahren a(3 ßinberungfr» unb töOTbeußung^mitt'el first! cp erprobt unb frei oerfäuf* (ich. 5Jfabiumgejjalt amtlich überprüft. $epot unb Mfmtft Slpolljefte 'Baqer, ÜQicit, I., tttoUstUe 13 Ißrofpeft gratis unb frnnfo. die Verantwortung tragen, wurdq der erste Stoß geführt. Diese wird, im Gegenteil, so lange zu halten versucht, als es bq| der erregten Stimmung der Ueffentllchkeit eben noch geht. Aber die anderen, die Wehrlosen, die müssen daran glauben. Da ist ein jüdischer Personaldirektor, der mit der eigentlichen Bankführung nichts zu tun hat,dessen Posten jcdocli eine Schlüsselstellung tur die künftige Personalpolitik der Credit-Anstalt ist. Der muß weg, und an seine Stelle wird ein anderer gesetzt, der in seinem Leben nie in einer Großbank gearbeitet hat und sich in der Materie und in den üroßbankverhältnissen kaum auskennt, dafür aber ein echter Innsbrucker ist. Da ist ein Vizedirektor und dort ein Abteilungschef, hier ein Börsendisponent und da ein wichtiger Prokurist. Alle diese Stellungen müssen geräumt werden und mit Vertrauensmännern jener Oruppe besetzt werden, die dem jüdischen Bankbeamten mit unverhohlener Antipathie gegenüberstehen. Was nach dieser ersten Umgruppierung das Schicksal der jüdischen Angestellten der Credit-Anstalt sein wird, kann man sich denken. Die Tragödie desjüdischen Bankbeamten wird aber noch dadurch verschärft, daß ihm seit jeher jede andere Beamtenlaufbahn, wie etwa im. Dienste des' Verband der allgemeinen Zionisten Wien, II., PraterstraOe 13 Donnerstag, den 26. November 1931, 8 Uhr abends, Vortrag des Herrn Dr. pesider Friedmann über „Zionistische Probleme“ Staates, der Länder und Gemeinden verschlossen waren und das Bankwesen sein ureigenstes Arbeitsfeld war. Nun wird er von seinem Arbeitsplatz vertrieben und durch andere ersetzt, ohne daß er hoffen könnte, in der Arbeitsdomäne der arideren eine Stellung zu finden. Werden die wenigen, auch heute noch im Bankwesen einflußreichen jüdischen Persönlichkeiten der Gefahr ihrer Stammesgenossen eingedenk sein und den gewerkschaftlichen Vorstellungen gegen den forcierten Abbau der jüdischen Bankbeamten Gehör schenken? Das ist die Frage. Leopold Greenberg, Chefredakteur des „Jewish Chronicle“, gestorben Am Sonntag, den 15. November, verstarb ln London Im Alter von, 71 Jahren der bekannte jüdische Publizist und zionistische Politiker Leopold Greenberg, Chefredakteur des «Jewish Chronicle». Er wurde 1860 in London geboren, schloß sich beim Auftreten Theodor Herzls der zionistischen Bewegung an und zählte zu den aktivsten politischen Beratern und Mitarbeitern Herzls. In dessen Aufträge führte Greenberg 1902 und 1903 Unterhandlungen mit der englischen Regierung über die Ansiedlung von Juden in Va-di El Arisch sowie Uganda. Durch Greenbergs Bemühungen kam auf .dem XVI. Zionistenkongreß der Beschluß zustande, eine Expedition nach Uganda zu schicken. In den letzten Jahren vor dem Weltkriege zog sich Greenberg von zionistischer Aktivität zurück und widmete sich nur noch der Redaktion des der zionistischen Bewegung dienenden «Jewish Chronicle», nahm aber während des Krieges an den Verhandlungen führender englischer Juden mit der englischen Regierung, die zur Verkündung der Balfour-Deklaration führten, teil. 1905 bis 1907 war Greenberg Mitglied der Zionistischen Exekutive, 1896 begründete er das «Jewish Year Book». Er veröffentlichte eine Reihe Abhandlungen Uber jüdische Probleme. Der neue High Commissioner nach Palästina abgereist London, 14. November. (J. T. A.) Der neue High Commissioner für Palästina, General Sir Arthur Grenfell Wauchope, hat sich am Donnerstag, den 12. November, abends, auf die Reise nach Palästina begeben, um sein Amt anzutreten. War, Jude? Ich hin ein Bischof! |n seiner Auseinandersetzung mit Leroy-Beaulieu über den Antisemitismus erinnert Theodor Herzl an eine vom ungarischen Dichter Agai jn einem Feuilleton erzählte hübsche Geschichte. Agai war einmal in Ostende mit einem ungarischen Bischof beisammen. Der Kirchenfürst hatte unter seinem langen Rock Stiefel an. Langer Rock und Stiefel sind at?qr die Merkmale, woran die Ostender Gassenjugend die polni« sehen Juden erkennt. So liefen denn die Buoen hinter dem Bischof drein, hänselten ihn und bewarfen ihn mit Steinen, wie sie es den nach Ostende verirrten polnischen Juden zu tun pflegen. Der geistliche Herr geriet völlig außer sich und trachtete nur, einen Wachmann zu finden, der ihn vor dem unerklärlichen Mutwillen der Buben schützen sollte. Den Wachmann fragte er, was denn die Jungen hätten. Der lächelte gutmütig: «So machen sie es nun einmal mit den Juden.» —- «Was, Jude? Ich bin ein Bischof!» Und er schlug den Rpck zurück, daß der verblüffte Polizist das große goldene Kreuz erblickte. Als aber der Bischof noch ganz erregt von dem Abenteuer mit seinem Landsmann Agai zusammentraf und es ihm erzählte, sagte dieser: «Sehen Sie nun, bischöfliche Gnaden, wie daß schmeckt: ein Jude zu sein. Sie haben es nur eine Viertelstundo gekostet — wir machen das seit achtzehnhundert Jahren durch . . .» Die «Reichspost» vom 23. Oktober 1931 berichtet: Der Anwalt Schiageters von Nationa.soziaiisten niedergeschlagen. Ein für die Verhältnisse im Deutschen- Reiche, wie sie durch die sinnlosen Hetzereien des Rechtsradikalis-» mus geschaffen wurden, höchst bezeichnendes Vorkommnis berichtet das soeben erschienene Heft der «Academia», der bekannten Monatsschrift der katholischen deutschen Studentenverbindungen: «Am 12. September kam es nach Einbruch der Dämmerung am Kurfürstendamm in Berlin zu wüsten Ausschreitungen, die aus Anlaß des jüdischen Neujahrsfeiertages planmäßig organisiert worden waren. Unter dem Rufe «Juda verrecke, Deutschland erwache f» käm es zu schweren Mißhandlungen wehrloser Straßenpassanten mit Fäusten und Messern. Die Mehrzahl der tätlich Angegriffenen waren keine Juden. Unter den Schwerverletzten' bö* fand sieh ein Hauptmann a. P., ein Berliner Rechtsanwalt, der tagelang in Lebensgefahr schwebte und der weit über den C. V. hinaus als der unentwegte Schützer und Pfleger des Andenkens unseres lieben Kartellbruders Schlageter bekannte Kartellbruder Dr, Peter Derichsweiler, der sich zur Ablegung seines Assessorexamens in Berlin aufhielt und sich an dem Abend auf dem Heimweg befand. Er wurde ohne jeden Anlaß von Nationalsozialisten niedergeschlagen, so daß er blutüberströmt ins nächste Krankenhaus gebracht werden mußte. Die Verletzungen sind derart, daß er noch jetzt völlig arbeitsunfähig ist und sich unter ständiger ärztlicher Aufsicht befindet. Die Beteiligten wurden, soweit sie gefaßt werden konnten, wegen Landfriedensbruches zu hohen Strafen verurteilt. Wenn auch die nationalsozialistische Partei jetzt natürlich die Verantwortung für diese Dinge ablehnt, so ist doch nicht zu verkennen, daß es Geist von ihrem Geiste ist, der sich hier unter Beteiligung von Sturmführern ausgetobt hat. Armes «Drittes Reich»! Der schwerverletzte Dr. Peter Derichsweiler hat am 23. Mai d. Mai bei der Einweihung des Schlageter-Nationaldenkmals auf der Golzheimer Heide bei Düsseldorf eine von glühender Vaterlandsliebe beseelte, her» vorragende Rede für die deutsche Jugend gehalten. Und nunmehr diese Behandlung durch «teutsche Patrioten»! * «Er wurde ohne jeden Anlaß von Nationalsozialisten niedergeschlagen, so daß er blutüberströmt ins nächste Krankenhaus gebracht werden mußte.» Es wäre natürlich richtiger, wenn der Redakteur der katholischen «Akademia» geschrieben hätte, «alle Ueber» fallenen wurden ohne jeden Anlaß niedergeschlagen»! Oder meint der genannte Redakteur nur das Mißgeschick des Dr. Derichsweiler bedauern zu müssen?! Wir wollen ihm also erklären, worin doch der Anlaß zum Niederknüppeln des Freundes und Pflegers des Andenkens Schiageters durch die Nationalsozialisten, die doch selbst Schlageter für sich rekla» mieren, gelegen ist. Die Nase Dr. Peter Derichsweilers ist an allem Schuld! Diese Nase soll eine kleine Aehnlichkeit mit den Nasen Berliner Juden besitzen! Daran mußte eben Doktor Derichsweiler glauben, ähnlich wie der ungarische Bischof einst in Ostende. Nur ist seit jener Zeit viel Wasser ins Meer geflossen. Die Ostender Gassenjungen sind ehrbare Bürger geworden und haben ihr Vorurteil gegen die Stiefel der polnischen Juden abgelegt. In Berlin haben die ausgewachsenen Gassenbuben ihren Blick gehoben. Sie blicken nicht mehl1 auf die Stiefel, nur noch auf die Nasen . . . Tulo Nussenblatt. I-:-k Ignaz Müller Berta Steckei Wien. fl. Wien, II. <« Verlobte