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Die Stimme · 1931-11-19 · Heft 202 (19.11.1931) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 202 (19.11.1931)
Date
1931-11-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 202 — 19. November 1931 Zur Ziehung der I. Klasse der 26. Klassenlotterie bestellen Sie Ihr Olliekeloe bei der Geschäftsstelle der Oeaterrelchlschen Klassentotterle J. M. Neufeld Wien, II., Krummbaumgasse 16, Tel, A 45*9-65, Höchstmöglicher Gewinn eventuell S 800.000.—. Lospreise: 1/1 S 48.—, */a S 24.—, «I« S 12.—, *1* S 6.—. Die Hälfte aller Lose gewinnt Die Ziehung der I. Klasse beginnt schon am 17. November 1931. rav now spät wird man die Wahrnehmung machen, welcher Wahnwitz es war, diese Entwicklung der Dinge toleriert und gefördert zu haben. Aber dann wird es kein «Zurück» mehr geben — dann wird Oesterreich immer tiefer dem Abgrund zu hinunterkollern. Und die Judenl Sind sie wirklich so machtlos, daß sie sich all dies gefallen lassen müssen? Sie brauchen sich wahrlich nicht den Kopf um das Schicksal der Republik zu zerbrechen; sie haben es nicht notwendig, päpstlicher als der Papst zu sein — aber wenn es zu arg werden wird, dann werden sie es wohl verstehen, sich ihrer Haut zu wehren. Wir sind keine Ghettojuden mehr, die sich vor jedem Haman feige verkriechen — wir werden zu kämpfen und unser Leben teuer zu verkaufen wissen!... * Hakenkreuzler und polnische Nationalisten . sind einander spinnefeind! Am liebsten möchten sie sich gegenseitig abschlachten. Aber wenn es gegen die Juden geht, dann nimmt man in Wien freudig das Stichwort auf, das von Warschau ausgegeben wird. Das, was sich in den letzten Tagen in Lemberg und Krakau, in Warschau und Wilna abspielt, ist so erbärmlich und so empörend, daß jedes Wort der Brandmarkung zu schwach wirkt. Seit dem Pilsudski- Regime sind die polnischen Nationalisten an die Wand gedrückt und von jedem Einfluß auf die Geschicke des Staates ausgeschaltet. Ein halbdiktatorisches Regime legt ihnen harte Schranken auf, und wagen sie und ihre Freunde es, aufzumuksen, dann folgt Brest- Litowsk. ... Um sich aber ein wenig Luft zu machen, gehen sie gegen die Juden los, wohl in der Annahme, gegen diesen Sündenbock sei schließlich alles erlaubt. ... Allerdings zeigten die akademischen und die staatlichen Faktoren in Polen mehr Energie in der Wahrung des Gesetzes. Während in Wien Rektor und akademischer Senat den Radaubrüdern den «Dank» für ihr Verhalten aussprechen und sie mit der «Aufrechterhaltung der Ordnung» betrauen, während der österreichische Unterrichtsminister selbst angesichts der gegenwärtigen Krise nichts besseres zu tun hat, als die Vorlage eines Gesetzentwurfes über das «Studentenrecht» anzukündigen, haben in Polen Rektoren und Professoren energisch eingegriffen, die Hochschulen wurden geschlossen und gegen die Schuldigen eine strenge Untersuchung eingeleitet, fand der polnische Innenminister scharfe Worte der Verurteilung gegen dieses Treiben, werden die behördlichen Organe, die sich bei der Bekämpfung der Exzesse Nachlässigkeiten zuschulden kommen ließen, zur Verantwortung gezogen. All das geschah wohl nicht den Juden zuliebe; die Energie gilt wohl ln erster Reihe gegen die Feinde des gegenwärtigen Regimes.... Immerhin muß es für Oesterreich beschämend wirken, daß, während die Wiener Hakenkreuzler das Beispiel ihrer «Kollegen» in Warschau und Wilna nachzuahmen empfehlen, die akademischen und staatlichen Behörden in Wien nicht der gleichen Ansicht huldigen.... Trotzdem muß festgestellt werden, daß das, was in Warschau und Wilna, in Lemberg und in Krakau geschieht, für Polen ebenso beschämend ist, wie die Heldentaten der Wiener Hitler-Buben für Wien und Oesterreich. Hakenkreuz und «Großpolnisches Lager» reichen sich die Hände —- sie sind einander würdig!... So schauen die Träger der «nationalen Kultur» aus! Das sind die Helden, die ihre Konnationalen «erlösen» wollen.... Sie beklagen sich über «nationale Bedrückung», fordern Recht und Gerechtigkeit — und beschmutzen feige ihre eigenen Fahnen, indem sie ihre zahlenmäßige Uebermacht gegen Wehrlose sich austoben lassen! Das ist die Blüte der «national gesinnten Jugend», und im Zeichen solcher «Heldentaten» wollen sie kämpfen und siegen! . . . Wehe der Welt, wenn diese Kreaturen siegreich bleiben sollten! Dr. J. Hirschsohn. Verband radikaler Zloniiten Montag, den 23. November, 20 Uhr Im Saal des Hotel Post, Wien, 1., Fleischmarkt Protestversammlung Gegen die Entrechtung der jüdischen Jugend an Hoch- und Mittelschulen Der Stand unserer Palästinaarbeit In seinem ln der Eröffnungssitzung des Defegiertentages gehaltenen Referate führte Adolf Böhm aus (Wir sind infolge des Raummangels gezwungen, das ausgezeichnete und ausführliche Referat nur sehr gekürzt wiederzugeben): «Infolge des Regimewechsels in London und Jerusalem hat sich unsere politische Lage in den letzten Wochen geändert. Es wäre aber müßig, über Politik zu sprechen, die Hypertrophie der Politik betrachte ich als nutzlos. Jedenfalls ist es kaum anzunehmen, daß die bisherige durch zehn Jahre gewahrte Linie der englischen Politik geändert werden wird. Viele kleine Dinge beweisen, daß der Kurs in London unverändert geblieben ist. Wir müssen uns also darnach einrichten. Ein Beispiel: Mit Strickland waren wir voll zufrieden. Seine Kommission war die einzige in der Flut von Enqueten und Kommissionen, die unsere Leistungen in Palästina, insbesondere auf dem Gebiete des Genossenschaftswesens, voll anerkannte. Und doch war er einer derjenigen, der ein Bodensperre-Gesetz verlangte, das so lange ln Geltung bleiben sollte, als die Araber auf niedrigerer Kulturstufe leben und mit uns nicht konkurrieren können. In der letzten Zeit ist eine bedeutende Schwenkung der arabischen Politik bemerkbar. Bisher war sie hauptsächlich gegen Juden gerichtet. Jetzt wendet sich Ihre Spitze nach dem Indischen Beispiel gegen England selbst (non Cooperation). Zur Frage des Landentwicklungsplanes: Ganz zum Schluß des für uns so ungünstigen Simpson- Berichtets ist davon die Rede, daß 20.000 jüdische Familien noch angesiedelt werden können. Unsere Theoretiker, wie Granowsky und Kaplansky, sind der Meinung, daß bedeutend mehr. Aber ich glaube, daß uns auch die von Simpson angegebene Zahl für einige Zeit genügen würde. — Das Wesen des Landentwicklungsplanes ist: Es soll eine Die zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt, Praterstraße 13, gratuliert herzlichst ihrem Vorstandsmitglied Herrn Ignaz Malier anläßlich seiner Verlobung mit Fraulein Berta Steckei Anleihe von zweieinhalb Millionen Pfund aufgenommen und von England garantiert werden. Es wurde ein Landentwicklungsdirektor ernannt, der zunächst die Aufgabe hat, die Registrierung der sogenannten landlosen Araber durchzuführen. Die Araber sprechen sich gegen den Land- Das Schicksal des Dr. Viktor Kellner führte in seinem Referate aus: Ausgehend von einem Brief Achad Haams an Dubnow', in welchem die Problematik der neuen jüdischen Geschichte aufgezeigt und hervorgehoben wird, daß das jüdische Volk um das Linsengericht der Emanzipation seine nationale Wesenheit verkauft hat, bespricht der Vortragende die Grundauffassungen des Judentums, die konfessionelle und die nationale. Für den konfessionellen Juden ist das Judentum etwas Peripheres. Nur ein kleiner Bezirk seines Lebens ist jüdisch. Dieser Jude hat kein wirkliches Verhältnis zur jüdischen Vergangenheit. Er glaubt vielfach an eine Mission des Judentums und ist überzeugt, daß das Judentum verschwinden wird, wenn seine Mission erfüllt ist. «Patriotismus» schließt ihn von der Judenheit der anderen Länder ab. Er anerkennt nicht die Einheit des Judentums und leugnet die gemeinsamen Aufgaben des jüdischen Volkes. Für den nationalen Juden ist das Judentum ein Volkstum. Es ist für ihn etwas Zentrales, das das ganze Leben ergreift und gestaltet. Der nationale Jude erlebt den Zusammenhang der Geschlechter und fühlt sich und seine Generation als Glied in einer gewaltigen Kette. Er strebt durch tieferes Erleben der Vergangenheit die geistige Kontinuität wierderherzustellen und die Gegenwart aus der Vergangenheit heraus zu verstehen. Für ihn ist die Emanzipation nur eine Episode in der jüdischen Geschichte. Die Kultusgemeinde betrachtet er als Volksgemeinde, als organisatorische Form einer Minorität mit allen Attributen nationaler Besonderheit. Er strebt danach, daß das Judentum wieder schöpferisch werde. Es ist für ihn eine nationale Einheit mit gemeinsamem Schicksal und gemeinsamen Aufgaben. Von solchen Aufgaben werden genannt: der Kampf für die Minderheitsrechte und vor allem die große zentrale Aufgabe: der Aufbau Palästinas. Zwischen diesen beiden Typen gibt es zahllose Uebergänge. Der konfessionelle Jude beginnt durch die Macht der Tatsachen und durch den Einfluß des Zionismus veranlaßt, anzuerkennen, daß es Jüdisches auch außerhalb der Religion gibt und daß das Judentum eine Schicksalsgemeinschaft ist; andererseits gibt es nationale Juden, die unjüdisch sind und leben und sich so dem Typus des konfessionellen Juden bedenklich nähern. Wie erscheint dem nationalen Juden das Problem des jüdischen Geistes? Redner bespricht zuerst die entwlcklungsplan aus, weil sie kein Interesse haben an der Schaffung eines Raumes für neue jüdische Ansiedlung. Deshalb haben sie ihrerseits keinen Berater für den Landentwicklungsdirektor ernannt. Auch die zionistische Exekutive hat keinen jüdischen Berater entsendet. Die von der Regierung angeordnete Anmeldung der landlosen Araber war anfangs sehr spärlich. Jetzt ist sie infolge der Agitation der arabischen Presse größer. Was aber das wichtigste Ist, erscheint jetzt die Aufnahme einer Anleihe unter englischer Garantie, wenigstens in der nächsten Zelt, ausgeschlossen. Wir werden also wieder nach wie vor auf eigene Kräfte angewiesen sein. Und diese Kräfte wurden durch die Krise sehr geschwächt. Das Budget ist heuer bedeutend kleiner. Dje, Schwierigkeiten, mit denen das Schulwerk zu kämpfen hat, ist eine der Folgen. Der Innerpolitische Kampf Im Zionis* mus hat dagegen ln der letzten Zeit nachgelassen. In Palästina gibt es jedoch Reibungen. So Ist jetzt wieder ein Konflikt zwischen Arbeitern und Kolonisten entbrannt. Ferner spricht sich eine revisionistische Jugendgruppe gegen die Teilnahme an der jüdischen Volkszählung aus, weil angeblich der Zweck der Volkszählung die Gründung eines Parlaments nach der Proportion ist. Schließlich agitiert die Aguda bei den Chaluka-Juden, daß diese bei der Volkszählung Jiddisch und nicht Hebräisch als ihre Muttersprache angeben. Erfreulich ist, daß die auf der ganzen Welt lastende Wirtschaftskrise den Jtschuw weniger erschüttert hat, als alle anderen Länder. Das Gesamtbild der palästinensischen Wirtschaft ist im allgemeinen viel freundlicher als das in Europa oder in Amerika. Der Grund hierfür ist, daß wir in Palästina keine Verpflichtungen haben, kurzfristige Kredite zurückzuzahlen. Das Kapital, das nach Palästina kommt, ist Investitionskapitai. Was in normalen Zeiten ein Fehler war (Mangel an Kredit) ist in jetzigen Zeiten ein Vorteil für uns. Es ist sehr wichtig, daß die Privatinitiative und Einwanderung der mittleren Kapitalisten organisiert und stark gefördert werden. Heute gibt Palästina den Juden, die dorthin einwandern, auch wirtschaftliche Möglichkeiten. Und die Juden, die immer die ersten sind, welche unter der Wirtschaftskrise leiden, können sich durch eine Uebersiedlung nach Palästina eine neue, gutfundierte Existenz schaffen. In diesem Zusammenhänge taucht der alte Gedanke der Herzl’schen Liquidationsbank wieder auf!» jüdischen Geistes furchtbare jüdische Not, die die innere Wirtschaft des jüdischen Volkes bedroht. Von zwei Seiten her hat ein Sturm gegen das Judentum begonnen: von außen her ist es die Verworrenheit der wirtschaftlichen Verhältnisse; es entsteht die bange Frage, wie sich das Judentum als Gesamtheit der neuen Entwicklung anpassen wird. Von innen her ist es die Assimilation, die immer weiter um sich greift. (Redner, weist auf den erschütternden Mahnruf Bialiks in Warschau hin.) Es hat eine völlige Gleichgültigkeit gegen das Judentum eingesetzt. Für die meisten Juden ist das Judentum unter dem Einfluß fremder Ideologien kein Wert mehr. Zum erstenmal in der jüdischen Geschichte gibt es neben einer Assimilation der Oberschicht auch eine «rote» Assimilation, die weite Kreise erfaßt. Früher haben einzelne die jüdische Gemeinschaft verlassen; jetzt sind es ganze Gruppen. Ein Gradmesser für die jüdische Assimilation ist die jüdische Jugend, die vielfach keinen Ernst und keine Arbeit kennt. Auch das zionistische Kind ist oft charakterisiert durch mangelnde jüdische Erziehung. Die jüdische Schule wird von den Zionisten sträflicherweise vernachlässigt. Es fehlt das Gefühl der Verantwortlichkeit. Nur aus dem Gefühl der Verantwortlichkeit können wir Herzen wecken und Menschen zum Judentum erziehen. Nur auf jüdisch-kultureller Grundlage kann ein wirklicher jüdischer Zionismus erstehen. Zionismus und Judentum dürfen keine Gegensätze sein. Es gilt das geistige Erbe von Jahrtausenden zu erhalten. Soli aber das Geistige nicht abstrakt und blutleer, vom Leben losgelöst sein, soll es wiederum schöpferisch werden, dann muß ein neues jüdisches Volk ln Palästina erstehen. Die jüdische Diaspora wird jüdisch bleiben, soweit sie an diesem neuen schöpferischen Leben mitfühlenden, mitgestaltenden Anteil nimmt. GroBNeischhauerai SIEGM. KORNMEHL Zentrale >X, Berggasse IV. l'e>. A u. A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für iw-vFIeisch mimmw*,./**»•><—■ «.«WuüiAiuW’ unter Aufsicht des Ehrwürdigen rfabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Autogensten uno *o»ien«o» IX, Berirgasse 1 XVM Währlnperstrafie 97

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