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Die Stimme · 1931-11-19 · Heft 202 (19.11.1931) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 202 (19.11.1931)
Date
1931-11-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 202 — 19. November 1931 DIE STIMME Seite 3 Aenderung der Losung der Londoner Zionislengeper L o n d o n, 8. November. (J. T. A.) Die für den 2. November» den Jahrestag der Balfour-Deklaration, von den britischen Zionistengegnern nach der Albert Hall einberufene Kundgebung gegen die Nationalheimpolitik der englischen Regierung wurde bekanntlich auf den 13. November verschoben. Wie heute mitgeteilt wird» wird die Demonstration nicht die Losung «Gegen die Balfour-Deklaration», sondern die Losung «Großbritannien streckt der moslemitischen Welt die Freundschaftshand entgegen» haben. Die moslemitische Delegation auf der Indienkonferenz, mehrere indische Fürsten und Mitglieder des britischen Ober- und Unterhauses, werden der Kundgebung beiwohnen. Reden werden halten: Aga Khan, Sir Muhamnied Iqbal, Maulaana Schaukaat Ali, der Nawab von Chittari, der Begum Schah Nawaz und englische Führer der Bewegung gegen die Errichtung des jüdischen Nationalheims in Palästina. i Jüdische KUnstlerspiele,Theater Reklame Wien, II., Praterstraße 34, Telephon R 40-0-94 Tägliches Gastspiel Gisa Heiden S. Pvisameni und M. Zetnikev Simehele ab Freitag, den 20« November! täglich Komödie in 3 Akten — Sonntag, 3.30 Nachmittagsvorstellung, Einheitspreis S 1*10, Kinder S —‘50, für die Kinder große Ueberraschungen Die Diktatur des In der letzten Zeit wurden sowohl in Oesterreich als besonders im Auslande Gerüchte über einen bevorstehenden neuen Putsch in Oesterreich verbreitet, der das Ziel verfolgen soll, in der Republik die Diktatur aufzurichten. Die österreichische Regierung ist jedoch trotz aller Krisen und trotz ihrer unleugbaren inneren Schwäche noch immer stark genug, die Autorität des Staates zu wahren, wenn sie nur will. Aber einem Faktor gegenüber gilt diese Macht und diese Entschlossenheit nicht: den Hitler-Buben, die seit Jahr und Tag . an den österreichischen Hochschulen ihr Unwesen treiben. Da gibt es keine Staatsautorität, keine Wahrung des Ansehens nach innen und außen, keine Rücksicht auf das so notwendige Vertrauen des Auslandes; diese Herrschaften läßt man gewähren, und nur wenn es zu arg wird, wenn die Vorgänge bereits im Auslände Aufsehen und Kopfschütteln erregen, da wird eingegriffen, mit Glacehandschuhen natürlich, da reden die akademischen Behörden den Radauhelden ins Gewissen und bewegen sie mit guten und lieben Worten, doch ein wenig Ruhe zu geben, nachdem sie sich hinreichend ausgetobt haben. So beschämend dieser Zustand auch sein mag, er erweist sich als ein Kinderspiel gegenüber dem, was sich jetzt an den Hochschulen vorbereitet. Diesmal sind Regierung und akademische Behörden gerade dabei, sich förmlich dem Diktat der Braunhemden zu unterwerfen; bei einem Teile der akademischen Behörden dürfte es sich allerdings um eine sehr gerne gesehene Zwangslage handeln — zwinge mich, ich folge gerne 1 Sollte dies aber auch bei gewissen Regierungsfaktoren der Fall sein? Man kann sich diesbezüglich einer gewissen Befürchtung nicht ganz entziehen. Man bedenke: die Bauern revoltieren gegen die Steuerexekütionen, die Beamten lehnen sich gegen die Gehaltskürzungen und die Abbaugefahren auf — aber immer wieder versteht es die Regierung, sich einigermaßen durchzusetzen und ihre Autorität zu wahren. Vor dem Diktat der Hakenkreuzler knickt aber alles zusammen. Was geht da vor? Hat Hitler schon von der Macht im Staate Besitz ergriffen? Gibt es kein anderes Mittel mehr, die Hitler-Buben an den Hochschulen zur Vernunft zu bringen, als daß man ihre ultimativen Forderungen annimmt und sich ihrem Diktat unterwirft? Um die Tragweite der gegenwärtigen Vorgänge voll würdigen zu können, muß man sich die Situation Oesterreichs vor Augen halten: Die Republik befindet sich am Rande des Abgrundes. Eine Katastrophe von noch nie dagewesenen Dimensionen droht. Die Wirtschaftskrise nimmt täglich schärfere Formen an und die maßgebenden Faktoren stehen der Gefahr fast ratlos gegenüber. Die Radikalisierung der breiten Volksschichten nimmt täglich zu; selbst die sonst so lammfrommen Bauern sind am Ende ihrer Geduld und drohen mit gewaltsamem Widerstand, zum Teile beginnen sie bereits diese Drohungen zu verwirklichen. Die Regierungsmehrheit droht jeden Tag auseinanderzufallen und die bürgerliche -Koalition lebt nur noch auf Prolongation. Die stärkste bürgerliche Partei intrigiert gegen die Regierung, deren Mehrheit ihren Reihen entstammt; die Groß-deutschen kündigen ultimativ ihr Ausspringen aus der Mehrheit und dem Kabinett an. Nationalsozialisten und Heimwehren nähern sich und suchen eine gemeinsame Plattform, um das gegenwärtige Regierungssystem aus den Angeln zu heben; sie erklären dem Parlamentarismus offen den Krieg und liebäugeln unverblümt mit dem Gedanken einer Hakenkreuzes Diktatur. Die Währung ist trotz aller Maßnahmen bedroht, die Arbeitslosigkeit steigt, die Bankrotte häufen sich — mit einem Worte: das Gebäude der Republik kracht in allen Fugen, und jeder Tag kann den großen Kladderadatsch bringen, den völligen Zusammenbruch. Oesterreich befindet sich heute in einer ähnlichen Situation wie im Herbst 1918, unmittelbar vor dem Zu- BÜCHERSTUBE M. RATH Wien, II., Taborslr. 20a, Tel. R-43-1-58 Chanukkah- Sonderang Judaica und Hebraica zu außerordentlich tief herabgesetzten Preisen (bis zu 50% des Ladenpreises) Schöne Literatur, Zionistica, Wissenschaft, Biblische und talmudische Literatur, moderne hebräische und jiddische Literatur Nur solange der Vorrat reicht. Beachten Sie unsere Schaulenster und Preise! Besuchen Sie uns unverbindlich! sammenbruch des Habsburgerreiches, und nur noch ein Wunder kann das völlige Chaos hintanhalten. Ausgerechnet in dieser ernsten Stunde, angesichts aller dieser drohenden politischen und wirtschaftlichen Gefahren, soll sich das Parlament mit einem Gesetzentwurf über die Einführung des «Studentenrechtes» an den österreichischen Hochschulen befassen, mit einer Vorlage, die noch dazu innerhalb weniger Tage erledigt werden müßte ... So fordern die Hakenkreuzler, die Braunhemden — und die Regierung soll sich gezwungen sehen, sich diesem Diktat zu beugen, zu diesem Verlangen Ja und Amen zu sagen, da sonst die Anhänger Hitlers keine Ruhe geben werden.... Man greift sich angesichts eines solchen Wahnwitzes an den Kopf — aber es ist niemand da, der den Mut aufbrächte, diesem hirnverbrannten Verlangen ein Paroli zu bieten. Im Gegenteil, die akademischen Behörden stellen sich ostentativ auf die Seite der hakenkreuzlerischen Radauhelden, Rektor und Prorektor erklären im Namen des akademischen Senats ihre Zustimmung zu diesen Forderungen, und selbst der Unterrichtsminister beeilte sich, die Vorlage eines Gesetzentwurfes betreffend die Einführung des «Studentenrechtes» anzukündigen. Inzwischen sind die akademischen Behörden bereits einen Schritt weiter gegangen; via facti wurde das berüchtigte Gleispachsche «Studentenrecht», das vom Verfassungsgerichtshof als verfassungswidrig gebrandmarkt worden ist, in Kraft gesetzt. Die gesetzlich nichtexistierendcn «Studentennationen» sind mit einem Male schon da: die Hakenkreuzler und die Heimwehrstudenten wurden mit Nachsicht der gesetzlichen Grundlage zu «Ordnern» an den Wiener Hochschulen ernannt, mit der geradezu grotesk klingenden Begründung, die Zahl der den akademischen Behörden zur Verfügung stehenden Pedelle reiche angesichts der unter der Studentenschaft herrschenden Erregung nicht aus, um die Ordnung aufrechterhalten zu können ■— und so müssen eben die Studenten selbst zur Wahrung dieser Ordnung herangezogen werden — dieselben Studenten, von denen der Wirbel eigentlich ausgeht. Die Radaubrüder sollen sich selbst zähmen, der Bock den Gärtner abgeben.... Um den Schein zu wahren, werden auch die katholischen Verbindungen abwechselnd zum Ordnerdienst herangezogen — die anderen Studentengruppen, die Juden, die Sozialdemokraten, die Kommunisten usw. — diese sind ja Juden und Judenknechte, und die neuen Hüter der Ordnung verkünden urbi et orbi: Schlaget die Juden und ihre Knechte, wo ihr sie trefft! Jüdische Hochschüler und Hochschülerinnen werden blutig geschlagen und am Betreten der Hochschulräume gehindert, und dies von denjenigen Elementen, denen Rektor und akademischer Senat die Obsorge für die Aufrechterhaltung der Ordnung anvertraut haben. Die Polizei, die gesetzliche Ordnungsbehörde, . darf den «heiligen Boden» der Universität nicht betreten, auch wenn dort üreueltaten verübt werden. Dieser durch die «Tradition» geheiligte Brauch ist stärker als jedes Gesetz. Aber wenn es plötzlich einem Gleispach, einem Uebersberger und einem Maresch einfällt, ohne jede gesetzliche Grundlage ein «Studentenrecht» in Kraft zu setzen, das mit dem bisherigen Herkommen im krassesten Widerspruch steht, das vom höchsten österreichischen Tribunal als gesetzwidrig erklärt worden ist — da gibt es keinen Machtfaktor, der dagegen auftritt und diesem Unfug ein verdientes Ende bereitet. So wird von oben her die Anarchie, die Gesetzeslosigkeit toleriert, gezüchtet und ermutigt. Denn es handelt sich nur um die — Juden ... da ist wohl alles erlaubt. . . . Und das alles gerade in den Tagen, da Oesterreich von der großen Welt Hilfe erbittet und erwartet, da darauf hingewiesen wird, daß Oesterreich geholfen werden müsse, da ein Zusammenbruch der Republik auch für ganz Mitteleuropa, ja für ganz Europa von den furchtbarsten Folgen begleitet sein müßte. Gerade angesichts dieser Sachlage wird eben dieser Zusammenbruch mutwillig oder zumindest leichtsinnig-stillschweigend gefördert. Darf man sich darüber aufhalten, wenn die Bauern mit Gewalttätigkeit drohen, wenn die Heimwehren neue Putsche ankündigen, wenn die Postler mit dem Streik drohen und die von der Abbaugefahr bedrohten Beamten die schärfsten Abwehrmaßnahmen ankündigen? Wenn die Anarchie, die Gesetzlosigkeit geduldet wird, wenn es für die Braunhemden keine Gesetzesschranken gibt, ' wenn die Macht des Staates an der Rampe der Universität aufhört — dann hat dieser Staat eben abdiziert und da darf eben jeder das tun, was ihm beliebt.... Es geht wohl bloß gegen die Juden! Nein; das ist ein Irrtum, der sich später furchtbar rächen wird! Wenn einmal der Stein der Gesetzlosigkeit ins Rollen kommt, dann gibt es kein Aufhalten mehr. Heute geht es gegen die Juden — morgen wird es allen staatlichen Machtfaktoren an den Kragen gehen! Wenn die Hitler-Buben nach Belieben schalten und walten dürfen, wer soll sie davon abhalten, vollständig die «Macht im Staate» an sich zu reißen? Dann werden die Emissäre Hitlers «Staatsführer» werden und der armen Republik den Gnadenstoß versetzen! Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber! Zu Tretet dem Verbände Afilcrexneiner Zionisten bei! .

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