Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 202 (19.11.1931)
- Date
- 1931-11-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 202 — 19. November 1931 Der Palästina-Landentwicklungsplan soll doch verwirklicht werden? Ein juristischer Berater ffir Freaeh ernannt Jerusalem, 11. November (J. T. A.). Richter A* H. Webb, Präsident des Distriktsgerichtes In Nablus, wurde, wie offiziell mitgeteilt wird, zum Juristischen Berater der Palestine Development Commission (Kommission zur Verwirklichung des Landentwicklungsplans in Palästina) ernannt. Die Punktion eines solchen Juristischen Beraters ist in dem seinerzeitigen Telegramm Passfields an den High Commissioner umschrieben, in welchem es heißt: Die Aufgabe de» Landentwicklungsdirektors Frencli sei u. a. die Anlage eines Registers solcher Araber, die infolge des Uebergangs von Boden in Jüdische Hände von ihrem Boden entfernt wurden, ohne Ersatzboden oder eine andere entsprechende Existenzgrundlage zu orhnlten. Zur Bearbeitung der Register, heißt es in dem Telegramm weiter, sei dem Direktor Frencli oin Juristischer Berater zur Verfügung zu stellen, dessen Aufgabe es sein soll, Ansprüche zu prüfen und den Direktor French hinsichtlich der Zulängllchkeit des Materials, auf das sich die Ansprüche stützen, zu beraten. ruhen zu Schaden gekommene Juden mit Namen registriert. Man schätzt die Zahl der in Wilna geschädigten Juden auf 250. Eine juristische Kommission befaßt sich mit der Frage des Schadenersatzes durch den Staat. Die Rettungsgesellschaft hat in den letzten Tagen 85 verletzten Juden schnelle Hilfe geleistet. In Posen haben, wie die offizielle polnische Telegraphenagentur mitteilt, am Freitag abends antisemitische Ausschreitungen stattgefunden. Gruppen junger Leute marschierten über den Freiheitsplatz und den Alten Markt zu dem Stadtviertel, in welchem sich eine Anzahl jüdischer Geschäfte befindet Die Polizei drängte die Demonstranten 2um Freiheitsplatz zurück und zerstreute sie dort Auch in anderen Städten Westpolens fanden antisemitische Unruhen statt. In Sosnovice wurden viele jüdische Einwohner schwer mißhandelt, einer von ihnen wurde erheblich verletzt. PoÜ2ei trieb die Demonstranten auseinander. Neun Schüler wurden verhaftet. — Im Städtchen Pog o n bei Sosnovice veranstalteten einige hundert Schüler eine antisemitische Demonstration, schlugen in Läden und Wohnungen sowie in der Synagoge die Fensterscheiben ein. Einige Demonstranten drangen in das Haus des jüdischen Einwohners Federmann und verletzten ihn schwer. Die Polizei verjagte die Demonstranten. Am Abend wiederholte sich die Demonstration. — In Lomza haben Studierende der Geometriehochschule und der Forsthochschule jüdische Passanten in der Gelszinska-Gasse überfallen und mißhandelt. Es kam zu einer schweren Schlägerei. Die Polizei stellte die Ordnung her und verhaftete 10 Personen aus beiden Lagern. — In Minsk-Masowieck veranstaltete die polnische Schuljugend eine Demonstration. Mehrere jüdische Einwohner wurden mißhandelt. Die Demonstranten drangen in den Klub der Poale Zion ein und begannen die Bibliothek zu vernichten. Vereinsmitglieder drängten die Demonstranten hinaus. Die Polizei stellte die Ruhe her. Zwei Juden wurden erheblich verletzt. Lemberg Lemberg, 13. November. Die neuen Unruhen in Lemberg begannen am Donnerstag, den 12. November. zunächst am Polytechnikum, wo nationaldemokratische Studenten ihren jüdischen. Kommilitonen den Weg zu den Vorlesungssälen versperrten. Es kam dabei zu Schlägereien, bei denen . einige Juden nicht unerheblich verletzt wurden. Ein Teil ( der Professörenschaft und mehrere fortschrittliche nichtjüdische Studenten stellten sich schützend vor die mißhandelten jüdischen Studenten und verhinderten weitere Unruhen. Der Rektor traf die Anordnung, daß alle Studierenden anderer Hochschulen das Gebäude verlassen. Bald darauf wurden die wenigen jüdischen Studierenden der Tierärztlichen Hochschule von Nationaldemoltraten überfallen und mörderisch geschlagen. Inzwischen hatten sich vor dem neuen Gebäude der Hauptunfversität große Gruppen antisemitischer Studenten angesammelt, die über die jüdischen Studenten, die die Vorlesungen besuchen wollten, herfielen und sie mißhandelten. In den Vorlesungssälen selbst drängten die polnischen Studenten die Juden hinaus, im Kopernikus-Saal, wo Prof. Ehrlich eine Vorlesung hielt, kam es zu einem besonders schweren Zusammenstoß, bei welchem es auf beiden Seiten Verletzte gab. Krakau Krakau, 13. November. An der medizinischen Fakultät der Universität Krakau kam es am Donnerstag abermals zu einem Ueberfall nationaldemokratischer Studenten auf jüdische Studenten, wobei einige Juden verletzt wurden. Der Rektor der Universität erklärte, er. werde die Immatrikulationen für dieses Semester annullieren, falls die Unruhen andauern sollten. Exzedierende Studenten werden zum Heeresdienst eingezogen Warschau,13. November. Hier verlautet, daß die polnische Regierung entschlossen sei, gegen die exzedierenden Studenten mit aller Strenge vorzugeben. 130 Warschauer Studenten, die bei den letzten Ausschreitungen verhaftet worden waren, haben ihre Einberufung zum Heeresdienst erhalten. Ihre Zurückstellung von der allgemeinen Dienstpflicht während der Studienzeit wurde aufgehoben. Die Warschauer Polizei soll den Befehl erhalten haben, bei einer Wiederholung der Exzesse auch mit der Schußwaffe vorzugehen. Unruhen In änderen polnischen Städten Warschau, 13. November, ln der Stadt Pruszkow, in der Nähe von Warschau, hetzten nationaldemokratische Studenten die Bevölkerung gegen die Juden auf. Die Studenten drangen in das Lokal des J. L. Pcrez- Vereines ein, demolierten die Inneneinrichtung und vernichteten die gesamte Bibliothek. Im Geschäftsviertel der Stadt wurden die Fensterscheiben in den Wohnungen und Läden eingeschlagen, aus den Schaufenstern wurde die ausgestellte Ware geraubt. Da mit einer Wiederholung der Exzesse gerechnet wird, ist die Stimmung in der Stadt eine sehr gedrückte. Eine Abordnung der Gemeinde begab sich nach Warschau, um den Jüdischen Parlamentsklub um Intervention bei der Regierung zu ersuchen, Abg. Grünbaum hat in der Angelegenheit bei den zuständigen Stellen vorgesprochen. In Lublin veranstaltete die Hörerschaft des katholischen Seminars eine antisemitische Demonstration. Ein Versuch, durch die Straßen zu ziehen, wurde von der Polizei vereitelt, eine Anzahl Demonstranten wurde festgenommen. Die antisemitische Gesellschaft «Rozwoj» in Warschau veröffentlicht einen Aufruf zum Judenboykott. Wilna Wilna, 12. November, y. T. A.) In der ganzen Stadt waren nach den ungeheuerlichen Ereignissen am Dienstag auch noch am -:---. Der Zion. Klub „REIM"' wünscht seinem Chawer Ignaz Müller anläßlich seiner Verlobung mit Piäulein Berta Steckei einen recht hetzlichen ym Mittwoch die jüdischen Geschäfte geschlossen. Einige von Juden bewohnte Straßen bieten das Bild schwerer Verwüstung. Viele jüdische Kaufleute mußten die Nacht in den Läden zubringen, um den Rest ihrer Ware zu bewachen, nachdem Türen und Fenster ausgebrochen worden waren. Die nationaldemokratischen Studenten hielten eine Versammlung ab, in der beschlossen wurde, solange keinen jüdischen Studenten in die Universität einzulassen, als nicht der Mörder des Studenten Wazlawski von den Juden ausgeliefert würde. Die Version, daß Wazlawski nicht von Juden, sondern durch einen den Juden zugedachten Steinwurf aus der Mitte der Nationaldemokraten getötet worden ist, wird nföht nur von den Juden, sondern auch von den amtlichen Stellen vertreten. Der lebensgefährlich verletzte jüdische Student Aba Szimanowicz ist gestorben. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Wilnas hielt eine außerordentliche Sitzung ab, in der zu den traurigen Ereignissen Stellung genommen wurde, ln einer Resolution wird festgestellt, daß die Behörden über die geplanten Ausschreitungen schon vorher informiert gewesen waren, daß aber trotzdem die Huligans am Dienstag ihr Zerstörungswerk verüben konnten. Auf die Frage der jüdischen Gemeinde, ob die Regierung den geschädigten Kaufleuten Schadenersatz gewähren wird, erklärte der Wojwode, er sei der Meinung, daß die Geschäftsleute nicht allein den Schaden tragen sollten. Die Zahl der ganz oder zum Teil zerstörten Geschäfte beträgt 60, die der schwer verwundeten und leicht verwundeten Juden etwa 50. Es wurden rund 100 Huligans verhaftet, von denen, wie der Polizeistarosta erklärt haben soll, 60 vor ein Standgericht gestellt werden sollen. Die Redaktionen der jüdischen und demokratischen Zeitungen werden polizeilich bewacht, nachdem die Redaktionslokalitäten des demokratischen «Kurjer Wilenski» von den Nationaldemokraten demoliert worden waren. Bei Gallen- und Leberleiden, Gallensteinen und Gelbsucht regelt das natürliche «Franz-Josef»-Bitterwasser die Verdauung in geradezu vollkommener Weise. —- In Apotheken und Drogerien erhältlich. Erleichterung der Mitte!$tändler- Einwanderung nach Palästina Wie der Jüdischen Telegraphen-Agentur von zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, bereitet das britische Kolonialamt eine Verlautbarung vor, laut welcher die Einwanderung von Angehörigen des Mittelstandes in Palästina dadurch erleichtert werden soll, daB der bisher für die Einwanderung eines Mittelständlers erforderlich gewesene Vermögensnachweis von 1000 Pfund auf den Betrag von 500 Pfund reduziert wird. ftweiftidhier der 'Woftke Lord Allenby über den Wert des jüdischen Soldaten Lo n d o n, 9. November (J. T. A.). Am Sonntag, den 8. November, dem Waffenstillstandstag, wurde auf dem Paradeplatz der Royal Horse Guard zu London ffir die jüdischen Frontsoldaten ein Gottesdienst veranstaltet. Nachher marschierten über 5000 jfidische Offiziere und Soldaten, ihit ihren Kriegsauszeichnungen geschmückt, zum englischen Kriegerdenkmal. Zwei jfidische Inhaber des Victoria-Kreuzes, Leutnant Keysor und Jack White, legten einen die Form eines «Magen David» tragenden Kranz zum Andenken an die inr Kriege gefallenen englischen Juden vor dem Denkmal nieder. Chief Rabbi Dr. J. H. Hertz sprach das Waffenstillstandsgebet. Feldmarschall Lord Allenby hielt vor dem Denkwal die folgende Ansprache an die jüdischen Frontsoldaten: Viele von euch waren meine Kameraden in Palästina. Ich freue mich, daß ich Gelegenheit gehabt habe, jüdische Menschen im Kriege gut kennen zu lernen. In Palästina halfen mir meine jüdischen Kameraden ein beträchtliches Stück vorwärtszukommen. Wir befreiten die Heilige Stadt von der Herrschaft der Türken, die Stadt, die die Geburtsstätte der jüdischen, christlichen und mosletmtischen Welt ist. In der von mir befehligten Armee waren alle diese Glaubensbekenntnisse vertreten, Männer verschiedener Nationalität, Rasse und Religion, alle aber waren geeint in dem Gefühl der Pflicht gegenüber dem Lande, dem Reiche und dem König. Nicht ein Mann hat in diesem Feldzug versagt. Wir bezweifeln, daß Hindenburg oderVaugoin es Überhaupt wagen würden, bei einem Feste jüdischer Frontsoldaten zu erscheinen. Abgesehen davon, möchten wir von England nicht nur schöne Worte hören, sondern auch Taten sehen. Wie man in der Schweiz die Hitlerei abwehrt Eine Gruppe Hakentoreuzler, die sich den Namen «Schweizerische Arbeiterpartei» beilegt, hatte za einem Vortrag über «Judentum und Marxismus» ins Volkshaus in Zürich eingeladen. Als die Volkshausverwaltung erfuhr, mit wem sie es zu tun hatte, machte sie die Saalbewifligung rückgängig. Die Schweiz legt zum Unterschiede von anderen Ländern offenbar noch Wert darauf, ihren guten Ruf zu wahren. Die Agudas und die hebräische Sprache Vor kurzem haben wir mitgeteilt, daß «Kol Jisroel», das Organ der Agudas Jisroet in Palästina, die palästinensische Orthodoxie aufgefordert hat, bei der Volkszählung nicht Hebräisch, sondern Jiddisch a's ihre Umgangssprache anzugeben. Diese Nachricht hat begreiflicherweise das größte Befremden in der ganzen jüdischen Welt hervorgeru'cn. Es ist nun interessant, daß das Organ der Agudas Jisroel, «Der Israelit» in Frankfurt a. M., sich mit aller Entschiedenheit gegen den betreffenden Artikel von «Ko! Jisroel» ausspricht. Eine der größten Errungenschaften des jüdischen Volkes ist die Wiederbelebung der hebräischen Sprache in Palästina. Aber unserer Trennungsorthodoxie ist gewöhnlich alles recht, was gegen den Zionismus gerichtet ist. Die Ausführungen des «Israelit» müssen daher als rühmenswerte Ausnahme hervorgehoben werden. insbesondere hebt der «Israelit» hervor, daß der Artikel des «Ko! Jisroel» nur die persönliche Ansicht des Verfassers und nicht die Ansicht der Agudas-Jisroel-Weltorganisation und des Rabbinischen Rates wiedergibt. Wer Erez Israel will — muß auch Keren Kajemeth wollen. Helfet ihm als Selbstkontingentier!