Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1931-11-19 · Heft 202 (19.11.1931) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 202 (19.11.1931)
Date
1931-11-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3053752-3053911-3053956--2652-3058100
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

V. b. b. BEZUGS¬ BEDINGUNGEN Oesterreich mooet lieb S 1VJ* *l«r**l flhrl S 4-20. (ans jihrL 6 16*— Deutschld viertel [ihrl RM V- Tscheeho Slowakei viertel} K« 24 — luituslswiet «nertel iihrl Din 40' - Pulse viertehlhr lieh Zlot» 6‘5C' Ungarn vierteljühr lieb Pangd 4’20 flutnlnie» viertel iihrl Lei 120 - Uehrlge* Ausland viertelj&hrl Schw Franken 4*50 Jüdisdke Zeitung Preis 35 g Ersdeint jeden Donnerstag Redaktion and Administrator Wien I. Kammer «traß* 28 Tal R-27 4-8« Postsparkasse kontis Oester» D 113. Polen 191 Tschechoslowakei 50C lugoslawien 40.8/> © -u o •H pQ 40 40 * CO V * *1 4. Jahrgang Wien, Donnerstag, 19. November 1931 (9. Kislew 5692) ummer 202 Antisemitische Unruhen in Polen Oie österreichische Hochschulschande „Schlagt die luden und Ihre Knechte, wo ihr sie trefft!" In der Budgetdebatte teilte der Unterrichtsminister mit, daß die Regierung dem Nationalrat den Entwurf eines Studentenrechts vorlegen werde. Diese Vorlage wurde seinerzeit schon vom Rektor Gleispach nach der Veröffentlichung des Urteils des Verfassungsgerichtshofes angekündigt, womit die berüchtigte «Studentenordnung» für verfassungswidrig erklärt wurde. Eine ähnliche Ankündigung erfolgte kürzlich durch Seipel in Graz. Wir haben also allen Anlaß anzunehmen, daß die Antisemiten aller Schattierungen nichts unterlassen, um die Regierung im Sinne ihrer Wünsche bei der Ausarbeitung der Vorlage zu beeinflussen. Um dieser unterirdischen Minierarbeit mehr Nachdruck zu verleihen, inszenieren die Hakenkreuzler an der Universität wieder Unruhen. Wieder heißt es «Juden hinaus!», jüdische Studenten und Studentinnen werden aus der Aula hinausgeprügelt; ein Redner der Hakenkreuzler erklärte, das erwartete Studentenrecht müsse auf der Grundlage des ^olksbürgertums. aufgebaut sein und schloß mit den Worten: «Schlagt die Juden und ihre Knechte, wo ihr sie trefft!» V; Und was tut der neue ReTctor Maresch? Er spricht derselben randalierenden nationalsozialistischen. Studentenschaft seinen Dank daf ür aus, dfa;ß «d i e S t u?d e n t e n s c ha ft s p liui sterh a f t Ruhe auf (!) d e r Ü n i v e r s i t ä.t gehalten h ä 11 e». Das sagt derselbe Rektor, der noch vor . wenigen Wochen der Wiener jüdischen Kultusgemeinde versichert hatte damals, wurde in einem Anschlagkasten das Eisembahnattentat bei Bia Torbagy als jüdisches Attentat bezeichnet —: «Es bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung, daß ich Anschläge, die unberechtigte Angriffe —• gleichgültig, von welcher Seite und gegen wen immer — enthalten, unter keinen Umständen dulden werde.» Man sieht also, daß Seine Magnifizenz inzwischen anderer Meinung wurde, denn sonst wäre es nicht möglich, daß die im «Waffenring» vereinigten antisemitischen Studentenorganisationen mit seiner Zustimmung den Ordnungsdienst an der Universität übernehmen. Die «Hochschulkorrespondenz» bemerkt hiezu trocken: «Da es an der Universität selbst zu keinerlei Zwischenfällen gekommen ist, hat das Rektorat keinerlei Maßnahmen verfügt.» Wir halten also schon so weit, daß der Hinauswurf und die tätliche Insultierung jüdischer Studenten, ihre Beschimpfung mit den Worten «Juda verrecke» usw. «keinerlei Zwischenfälle» sind, die das Rektorat zu .einem Einschreiten veranlassen könnten. Offenbar war diese Enunziation des Rektors der nationalsozialistischen Studentenschaft noch zu wenig deutlich. Deshalb fand am 16. November dieses Jahres in der Aula der Universität eine Hakenkreuzlerversammlung statt, bei welcher der Prorektor Doktor Uebersberger der akademischen Jugend den Gruß des akademischen Senats überbrachte und erklärte, daß der Senat im Kampfe der «Deutschen Studentenschaft» das Ziel und die Mittel billige. Auf gut deutsch heißt es, daß der akademische Senat sich mit den Hakenkreuzlern solidarisch erklärt, mit der Entrechtung der jüdischen Studentenschaft einverstanden ist und die Kampfesmittel der Nationalsozialisten, Attacken auf jüdische Studenten und Studentinnen, billigt. Das muß hiemit vor aller Oeffentlichkeit festgestellt und gebrandmarkt werden. Angesichts dieser Zustände muß man sich fragen, was die Antisemiten vom neuen Studentenrecht noch weiter erwarten. Sie haben an den Wiener Hochschulen die Maoht in Händen und die akademischen Senate zeigen sich al§ ihre willfährigen Werkzeuge. Die Anschlagekasten strotzen vor antisemitischen Beleidigungen, trotz der Versicherungen, die der Rektor der Kultusgemeinde gab. Die «Deutsche Warschau, 16. November. Die nationalidemokratischen Studenten und Gassenjungen bilden kleinere Huliganbanden, die blitzschnell auf die Straßen ausschwärmen und ihnen entgegenkommende jüdische Passanten barbarisch niederschlagen. Auch Zentren des jüdischen Handels werden überfallen. Die jüdischen Händler schließen ihre Läden, so oft die Huligans sich dem Platze nähern. Die^olizei schreitet, wo sie rechtzeitig verständigt wird, überall energisch ein. s In den Straßen Cieplä und Grzibowska wurden mehrere jüdische Passanten überfallen und eine Anzahl von ihnen verletzt. Jüdische Lastträger vertrieb e n d i e H u 1 i g a.n s. Am Abend blockierten die Huligans die Eingänge zur Kunstgewerbeschuld, - zum Konservatorium, zur Philharmonie und zu anderen Sälen, in denen Veranstaltungen stattfanden und' attakkierten die die Säle verlassenden jüdischen Besucher. Jüdische Schüler werden in; "die Kunstgewerbeschule nicht hereingelassen, der Rektor der Schule, der Nationaldemokrat Snitski, kommt dem Ersuchen,' Ordnung ’ zu schaffen, nicht’nach. . In der-Umgebung der Utfiversität Warenetwa 4000 natlorialdemok'rätische Sfudfenten versammelt,, die einen Zug durch die,Straßen planten. Als aber bekänntgegeben wurde, daß Demonstranten-zum Militärdienst eingezogen werden und ihrer Studentenrechte ■’ verlustig gehen, wurde die Demonstration abgebrochen. •' Der Verband der jüdischen Studentenvereine Polens veröffentlicht einen Aufruf, im welchem mitgeteilt wird, daß bis zum Sonnabend weit mehr als 100 jüdische Studenten, unter ihnen 12 sehr schwer, bei den Ueberfällen verletzt worden sind. Alle jüdischen Studierenden werden aufgefordert, ihr Recht auf metischliohe und bürgerliche Freiheit mit Würde zu vertreten. In Lemberg fand am Freitag ein Trauergottesdienst zum Andenken an Wazlawski statt, an dem 2000 Stu- Studentenschaft» hat im Universitäfsgebäude ihre Bureaus, der Turn- und Fechtsaal befindet sich in ihren Händen. Die jüdischen Studenten besitzen kein Farbenrecht und finden gegen die Angriffe der Hakenkreuzler. keinen Schutz bei den akademischen Behörden. Das genügt offenbar den Hakenkreuzlern noch nicht. Sie wollen ihre faktische Macht legalisieren lassen,, sie wollen nicht den Numerus clausus, sie wollen den Numerus nullus. Sie sagen es Ja offen: Nicht Staatsbürgerrecht, sondern Volksbürgerrecht. Der Jude ist nicht Volksbürger, ermuß daherrecht losbleiben. Noch liegt der Regierungsentwurf nicht vor. Will er den jüdischen Staatsbürgern an der Universität ihr Recht sichern, dann muß die ungesetzliche Exterritorialität des akademischen Bodens aufgehoben werden, damit dort nicht mehr straffrei die Verbrechen der Einschränkung der persönlichen Freiheit, der gefährlichen Drohung und andere Delikte gegen die Sicherheit der Person begangen werden können. Mit anderen Worten: Wir brauchen kein Studentenrecht, wir brauchen die Durchsetzung der bestehenden Rechtsordnung an ' den Hochschulen. Wir verlangen, daß Verfügungen getroffen werden, hi HÄ/5ER5TR. 123 K ALSERSTR. C S15-S20-S28denten teilnahmen. Nach dem Gottesdienst fanden in verschiedenen Stadtteilen Ueberfälle auf Juden statt. Die Polizei stellte bald die Ruhe wieder her. In Lemberg wurden alle Hochschulen, bis auf weiteres geschlossen. Der Stadtrat von Lemberg wandte sich mit einem Appell an die studierende Jugend, im Interesse des Ansehens der Stadt Lemberg un.d ihrer speziellen Aufgabe als polnischer Kulturvorposten die Ruhe zu bewahren. Eine Abordnung nationaldemokratischer Studenten forderte vom Rektor, daß den jüdischen Studenten verwehrt werde, Plätze in den ersten Bänken der Vorlesungssäle einzunehmen. Der Rektor erwiderte, das Recht, die ersten Plätze einzunehmen, haben die Studenten ohne Unterschied der Nationalität, die ihren Studien mit bestem Erfolg obliegen. Die Krakauer Universität, die wieder geöffnet worden war,: müßte infolge andauernder antisemitischer Uni» rülien abermals auf unbestimmte Zeit geschlossen.werden. Studierende der Be-rgbauhochschule demonstrierten in einigen von Juden bewohnten Straßen und hinderten 'Käufer, -jüdische Geschäfte zu betreten, .Jüdische Studierende und Kaufleute wurdenüberfallen und verletzt. Tn einigen Geschäften und Kaffeehäusern wurden' die Scheiben eingeschlagen. Eine Gruppe jüdischer Akademiker vertrieb die Hiiligans aus dem jüdischen Viertel. Am Abend wiederholten sich die Exzesse. In Automobilen patroullierende Polizei stellte überall die Ordrtung her. Etwa 30 Personen wurden verhaftet. In Wilna wurden nach der Trauerfeier fair Wazlawski in vielen jüdischen Läden und Wohnungen in der Midkiewicz-Gasse die Scheiben eingeschlagen. Passanten wurden mißhandelt. Polizei drängte die Demonstranten zurück, wobei auch Feuerwehr mit Wasserspritzen in Aktion trat. Demonstranten machten den Versuch, in die jüdische Frug-Schule einzudringen, wurden aber von der Polizei daran gehindert. Das Büro der jüdischen Gemeinde hat bereits 150 durch die Unum der jüdischen Nation an den Hochschulen die gleichen Rechte zu verbürgen, welche die deutsche Studentenschaft besitzt und dazu gehören: Lern- und Lehrfreiheit, Farbenrecht, Benützung aller Institutionen und Anteilnahme an allen Fürsorgeaktionen. Neu zu schaffen wäre die Anteilnahme studentischer Vertreter aller Nationen an allen Disziplinarangelegenheiten. Das sollte nach unserer Meinung der hauptsächlichste Inhalt einer Studentenordnung sein. Die Hakenkreuzler erklären demgegenüber, daß das neue Studentenrecht den Grundsatz des Volksbürgerrechtes vertreten muß, wie er im «Dritten Reich» verankert werden soll. Die nächsten Tage werden lehren, ob es die Regierung wagen wird, im Sinne der hakenkreuzlerischen Wünsche den Gesetzentwurf über das Studentenrecht zu formulieren. Die Annahme eines derartigen Gesetzes wäre eine Verfassungsänderung, durch die der Grundsatz der Gleichberechtigung aller Staatsbürger außer Kraft gesetzt werden würde. Wir dürfen daher nicht tatenlos zusehen. Eine Aktion aller jüdischen Körper schäften, insbesondere der Wiener Kultusgemeinde* .ist in Vorbereitung. Wir werden vom Unterrichtsministerium Aufklärung über den Inhalt des Entwurfes verlangen. Wir werden nicht tatenlos zusehen, daß wir kraft Gesetzes entrechtet werden. Wir werden an das Parlament appellieren und, wenn es sein muß, alt nationale Minderheit an den Völkerbund. Es darfkeine Studentenordnung geben, die gegen die Verfassung8mäßige Gleichberechtigungderjiidi- 8Chen Studenten stö.ßt. Dr Oskar G r ii n b a u mTv

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.